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Wo und wie erinnert wird. Gedenkstätten als Stützen der Erinnerungskultur

Dr. Verena Haug ist Erziehungswissenschaftlerin und leitet seit August 2021 den Bereich Berliner Ausstellung im Anne Frank Zentrum.

Von Verena Haug

Bereits vor zwanzig Jahren bezeichnete Volkhard Knigge in der 100. Ausgabe des „Gedenkstättenrundbriefs“ Gedenkstätten als „kulturelle Grundausstattung“ der Bundesrepublik Deutschland. Der langjährige Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora bezog sich dabei auf die deutlich veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. 2001, zwei Jahre nach der Gedenkstättenkonzeption des Bundes, konnte auch in Bezug auf diejenigen Gedenkstätten, die in der alten Bundesrepublik gegen große Widerstände in Bevölkerung und Politik erstritten worden waren, nicht mehr grundsätzlich von marginalisierten Einrichtungen gesprochen werden. 2015 zeichnete Detlef Garbe, ebenfalls langjähriger Direktor der KZ-Gedenkstätte – Neuengamme – diese Entwicklung vom „Unort zum Lernort“ als „Erfolgsgeschichte“(wenn auch „im Gegenwind“) nach. Die Empirie hinter diesen Schlagworten fußte vor allem auf den staatlichen Maßnahmen nach 1990, die die bürgerschaftlich getragenen und allenfalls regional geförderten Orte zu Institutionen von nationalem Rang machte. 

Hohe Akzeptanz von Gedenkstätten

Ob sich die gestiegene offizielle Bedeutsamkeit und Akzeptanz von Gedenkstätten aber vor allem auf politischer Ebene abbildeten, oder ob diese auch von der breiten Bevölkerung getragen waren, war bislang kaum empirisch bestätigt. Der Multidimensionale Erinnerungsmotor (MEMO) untersucht seit 2018, „was, wie und wozu Bürgerinnen und Bürger in Deutschland historisch erinnern“. Die inzwischen viermal durchgeführten repräsentativen Befragungen zeigen, dass Gedenkstätten nicht nur staatlich geförderte Institutionen sind, die das Selbstbild eines Deutschland, das seine Vergangenheit aufarbeitet, nach außen tragen sollen. Gedenkstätten weisen in allen Befragungen solide Zustimmungswerte von etwa einem Drittel der Befragten auf, wenn es darum geht, wo die Bevölkerung in Deutschland mit dem Thema Nationalsozialismus konfrontiert ist und wie sie sich die Einzelnen damit auseinandersetzen. 

Gedenkstättenbesuche werden in der Reihenfolge der Orte, die am prägendsten für die eigene Meinung zur deutschen Geschichte eingeschätzt werden, gleichrangig mit Dokumentar-, Kino- und Fernsehfilmen genannt. Ein hoher Prozentsatz der Befragten gab dafür 2017/18 an, mindestens einmal in einer Gedenkstätte gewesen zu sein, viele waren dies sogar mehrmals. Auch wenn der hohe Anteil noch der Widerschein der DDR-Praxis sein dürfte, Gedenkstättenbesuche flächendeckend zu organisieren, sind die Zahlen beachtlich. Nur 13,5% aller Befragten gaben an, noch nie eine Gedenkstätte besucht zu haben – 90% von ihnen sind in Westdeutschland aufgewachsen.

Gedenkstätten und historisches Wissen

47% der Befragten nannten auf die Frage, welche Gedenkstätten besucht wurden, konkrete KZ-Gedenkstätten. Unter dem bis heute nicht klar definierten Begriff „Gedenkstätte“ wurden aber auch Denk- und Mahnmale genannt, die sich nicht an historischen Orten befinden und nur zum Teil institutionalisiert sind, also zumindest über eine Ausstellung und ein Minimum an Personal verfügen. Die emotionale Qualität des Gedenkstättenbesuches wird durchweg als höher eingeschätzt als der Wert der Wissenserweiterung. Gleichwohl spielt für viele auch der Zuwachs von Faktenwissen eine Rolle. Insbesondere dann, wenn die Gedenkstättenbesuche freiwillig stattfanden, wird außerdem eine höhere Motivation bestätigt, sich weitergehend mit dem Nationalsozialismus zu beschäftigen. Da die Teilnahme an Bildungsangeboten der Gedenkstätten von der Befragung nicht erfasst wurden, lässt sich nicht beantworten, ob und wie sich der Wissenserwerb bei unbegleiteten Besuchen (ggf. mit Audioguides), bei Führungen oder interaktiven und vertiefenden Formen der Beschäftigung mit der Geschichte des jeweiligen Orts unterscheidet. Offen bleibt auch, Offen bleibt auch, was eigentlich konkret die emotionale Berührung auslöst und was motivierend für eine weitergehende Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus/Holocaust ist.

Brüche in der offiziellen Erinnerungskultur

Alles in allem verweisen die Studien auf eine hohe Akzeptanz von Gedenkstätten in der Bevölkerung. Der Ausbau der Erinnerungsorte zu professionell geführten Einrichtungen, zu deren Aufgaben nicht nur aber ganz wesentlich die Aufklärung über den Nationalsozialismus und die NS-Verbrechen gehört, scheint insofern geglückt, als die Institutionen einen grundsätzlichen Rückhalt in der Bevölkerung haben. Schulterklopfen ist allerdings nicht angesagt. Weder auf gesamtstaatlicher Ebene noch auf der Ebene der Gedenkstätten selbst. Die Wahlerfolge der AfD, die massiven antisemitischen und rassistischen Angriffe der letzten Jahre, der Zuspruch, den Verschwörungsideologien im Zuge der Corona-Pandemie erfuhren, machen mehr als deutlich, dass Lücken klaffen zwischen historischem Wissen und Geschichtsbewusstsein, zwischen offizieller Erinnerungskultur und Relativierungsnarrativen. 

Nach wie vor wird in deutschen Familien kaum über Täterschaft und Mitläufertum gesprochen, aber viel darüber, wer in der Familie Opfer oder Helfer*in war. Auf die Frage: „wie hätte ich mich verhalten?“ wird auch weiterhin die naive Überzeugung formuliert, man wäre ganz sicher auf der Seite der Guten gewesen. Das zeigt, dass es bisher nur ansatzweise gelungen ist, die Soziologie des Nationalsozialismus verständlich zu machen und dass die Kontextgebundenheit des eigenen Handelns deutlich unterschätzt wird. Und auch die Tendenz der Entkonkretisierung im Willen, „aller Opfer“ gedenken zu wollen, verweist immer noch auf den frühen Gedenk(an)spruch der Bundesrepublik: „Den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft“ – in dem dann Verfolgte mit Verfolgern, Beraubte mit Profiteuren, Ermordete mit Henkern im Tode vereint werden sollten und wurden. Die zivilgesellschaftliche Empörung über solcherlei unzulässige Vereinheitlichung im Gedenken scheint heute kaum noch vorhanden zu sein. Hinzu kommt, dass Juden*jüdinnen als Opfergruppe zwar von vielen, aber nicht von allen genannt werden und nur knapp die Hälfte Sinti*zze und Rom*nja nennt. Dass dies nicht mit dem formulierten Anspruch, „aller Opfer zu gedenken“, in Einklang gebracht werden kann, ist offensichtlich und unterstreicht die Annahme, dass „alle Opfer“ tatsächlich eine Chiffre für die Abwehr darstellt, sich auf ein differenziertes Gedenken einzulassen, das zwischen Täter*innen und Opfern klar unterscheidet. Zwar bescheinigt der MEMO der deutschen Bevölkerung ein großes Interesse an der Geschichte, insbesondere des Nationalsozialismus. Es zeigen sich aber auch bleibende Lücken, deren Schließung offenbar von einem Selbstbild blockiert wird, das ambivalent hinsichtlich der eindeutigen Täterschaft Nazideutschlands ist. Auch wenn eindeutig geschichtsrevisionistischen Aussagen mehrheitlich nicht zugestimmt wird und im Gegenteil von einem Großteil der Befragten die Sorge geäußert wird, die Erinnerungskultur könne rechtspopulistisch vereinnahmt werden, zeigen die Autor*innen der Studie auf, wie anschlussfähig bestimmte Erzählungen über die NS-Vergangenheit und die Wahrnehmung von aktuellen gesellschaftlichen Fragen an extrem rechte und revisionistische Geschichtsnarrative sind. 

Zukunft der Erinnerung

Seit Jahren wird gefragt, wie die Zukunft der Erinnerung aussehen kann. Sie hat längst begonnen und ähnelt in Vielem dem Erinnern der Vergangenheit. Der einschneidende Unterschied ist für die Gegenwart und Zukunft weniger, dass kaum noch persönliche Begegnungen und sogenannte Zeitzeugengespräche stattfinden können als vielmehr, dass die politischen Stimmen der Überlebenden fehlen werden. Dass das Korrektiv zur deutschen Fantasie vom Schlussstrich und die Tendenzen der Beschwichtigung und Relativierung, das noch immer irrlichtert, aus der Gesellschaft „von innen“ aufrechterhalten werden muss. 

Von den Gedenkstätten wird gern als „steinernen Zeugen“ gesprochen, und damit ist auch gemeint, dass sie das, was als kommunikatives Gedächtnis verschwindet, als kulturelles Gedächtnis bewahren sollen. Ihnen kommt deswegen nicht nur eine große Verantwortung zu, sondern ihnen werden auch viele Aufgaben wie das Bezeugen, das Dokumentieren, Archivieren und Vermitteln unter sich ändernden gesellschaftlichen Verhältnissen auferlegt. Ob sie das leisten können, muss sich zeigen. Allerdings haben Gedenkstätten, das zeigen die MEMO-Befragungen, durch ihre breite Anerkennung in der Bevölkerung einen Autoritätsvorsprung und mit einem grundsätzlichen Vertrauensvorschuss gute Bedingungen, von ihren Besucher*innen ernst genommen zu werden und nicht nur emotional-touristisch interessant zu sein. Sie haben das Potenzial, sich weiterzuentwickeln und das Gedenken an die Opfer auch in Zukunft wachzuhalten und die Geschichte der NS-Verbrechen in einen grundlegenden Zusammenhang mit der Gegenwart zu bringen. Sie sollten deswegen endlich personell und finanziell so ausgestattet werden wie staatliche Museen mit vergleichbarer Besucher*innenzahl.

 

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