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MEMOrabilien für die historisch-politische Bildung

Jan Krebs ist Historiker und leitet die Bildungsarbeit sowie den Lernort 7xjung von Gesicht Zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland e.V. in Berlin. 

Von Jan Krebs

Die Ergebnisse der MEMO-Studien zeigen, dass die historisch-politische Bildung nach wie vor große Aufgaben vor sich hat. Zugleich weisen sie auf Grenzen bisheriger Bildungsmaßnahmen hin. Wenn das „Nie wieder!“ bedeutet, dass tatsächliche Diskriminierungen und antisemitische Einstellungen nennenswert zurückgehen sollen, brauchen wir vielleicht weitere, neue Formate einer grundrechtsklaren, an den Menschenrechten orientierten Bildung.

Eine wesentliche Grundannahme geschichtsbezogener politischer Bildung ist, dass durch das Lernen über und an historischen Zusammenhängen auch gesellschaftlich und politisch relevante Handlungsorientierung für Gegenwart und Zukunft entsteht. Die MEMO-Studien haben zahlreiche Gedanken- und Einstellungsmuster zusammengetragen, die wir unter diesem Blickwinkel näher betrachten wollen.

Die in jährlichem Abstand durchgeführten Studien werden im Folgenden kurz mit I bis IV bezeichnet, beginnend mit I im Jahr 2018. In den einzelnen Studien sind unterschiedliche Personen befragt worden. Da jedoch alle Studien repräsentativ angelegt sind, werden ihre Ergebnisse in diese Überlegungen gleichberechtigt einbezogen. Identische oder ähnliche Fragestellungen in mehreren MEMO-„Jahrgängen“ betrachten wir nach Möglichkeit überjährig.

Schauen wir zunächst, wie die Studienteilnehmer*innen die aktuelle gesellschaftliche Situation in Deutschland einschätzen.

Diskriminierung und Ausgrenzung heute

Mehr als die Hälfte der Befragten finden „das Ausmaß der Diskriminierung und Ausgrenzung von Menschen oder Menschengruppen in Deutschland besorgniserregend“. Das ist in mehreren Jahren relativ einheitlich so. Zweimal fragt MEMO außerdem, ob es eine Zunahme von Diskriminierung und Ausgrenzung gegeben habe. Dies bejahen sogar noch mehr Personen, nämlich knapp zwei Drittel der Befragten. Das sind deutliche Voten, die eine Gesamtsituation in Deutschland klar kritisch reflektieren.

Auch wenn die allermeisten Bildungsformate Gruppen von Menschen adressieren – seien es zum Beispiel Schulklassen, Berufsgruppen oder temporäre Gruppen der Erwachsenenbildung –, so zielt die (historisch‑) politische Bildung letztlich primär auf die einzelne Person. Wenn in MEMO nun also breite Bevölkerungskreise zustimmen, dass wir als Gesellschaft in Deutschland ein massives Problem mit Ausgrenzung und Diskriminierung haben – welche Perspektiven haben die Befragten dann auf sich selbst als gesellschaftliche*n Akteur*in?

Überzeugende persönliche Verantwortung

Tatsächlich „fühlt“ sich weit über die Hälfte der Befragten „mitverantwortlich dafür, zu verhindern, dass Menschen oder Menschengruppen in Deutschland diskriminiert oder ausgegrenzt werden“. Nur ein knappes Viertel lehnt eine solche Mitverantwortung ab. Außerdem ist die Zahl der Unentschlossenen, die mit „teils/teils“ antworten, bei dieser Frage deutlich geringer als bei anderen Fragen im Themenbereich. Insgesamt spricht aus diesen Antworten also das klare Bekenntnis einer deutlichen Mehrheit: Ja, ich bin mitverantwortlich dafür, Diskriminierung und Ausgrenzung zu verhindern. Die Zahlen sind sehr ähnlich zu denen derjenigen, die das Ausmaß von Diskriminierung und Ausgrenzung besorgniserregend finden. Wir dürfen wohl vermuten, dass viele der Studienteilnehmer*innen beiden Aussagen zustimmen.

Aus der Sicht des Autors, der diese überwiegende Einschätzung teilt – ja, wir haben ein echtes Problem mit Diskriminierung und Ausgrenzung! – lässt sich das zunächst als positives Bild lesen: Eine absolute Mehrheit im Land anerkennt nicht nur die Problemlage unter diskriminierungskritischen Aspekten, sondern sieht sich auch persönlich mit in der Verantwortung. Welche Konsequenzen ergeben sich jedoch aus dieser persönlichen Verantwortung?

Praxislücke eigenes Engagement

Für diesen „Realitäts-Check“ enthalten die MEMO-Studien die Bitte, sich zu einigen Aussagen zu positionieren. „Ich weiß, was ich selbst dazu beitragen kann, die Diskriminierung und Ausgrenzung von Menschen oder Menschengruppen in Deutschland zu verhindern“, und „ich bin bereit, mich aktiv gegen die Diskriminierung und Ausgrenzung von Menschen oder Menschengruppen in Deutschland einzusetzen.“ 2019 und 2020 haben jeweils knapp zwei Drittel aller Befragten diese beiden Statements für sich bejaht. 2020 sind zwei Drittel der Befragten „bereit“, sich „aktiv gegen die Diskriminierung und Ausgrenzung von Menschen oder Menschengruppen in Deutschland zu einzusetzen.“ Das sind hohe Zustimmungswerte, die wir zunächst positiv lesen können.

2021 macht die Fragestellung der Studie allerdings den Schritt von der Bereitschaft zum tatsächlichen eigenen Tun: „Ich engagiere mich aktiv gegen die Diskriminierung und Ausgrenzung von Menschen oder Menschengruppen in Deutschland.“ Bei dieser Praxisfrage liegt die Zustimmung signifikant niedriger als zuvor, als „nur“ Theorie und Bereitschaft zur Debatte standen. 38,8% der Befragten geben an, dass sie sich engagieren. 

Wenn wir zur Vereinfachung unterstellen, dass es sich um die gleichen antwortenden Personen handeln würde – dann hätten nur gut die Hälfte derjenigen, die sich für „bereit“ erklärt hatten, sich auch tatsächlich engagiert. In diesem Abstand zwischen einer mitverantwortlich-kompetenten Selbsteinschätzung und einem tatsächlichen Engagement zeigt sich sehr viel „Luft nach oben“, die wir hier als „Praxislücke“ kennzeichnen. Denn wenn wir davon ausgehen, dass ein Engagement vieler Menschen an den unterschiedlichsten Stellen und in verschiedenen Funktionen in unserer Gesellschaft für ein Zusammenleben in gleichberechtigter Teilhabe und möglichst ohne Diskriminierungen elementar ist – dann ist eine starke Zivilgesellschaft von großer Bedeutung. Und die lebt ja gerade vom Engagement der Vielen. 

Selbstverortung im NS-Kontext

Im Blick auf die geschichtsbezogenen Aspekte von politischer Bildungsarbeit sind in diesem Zusammenhang die Antworten auf einen weiteren Fragenkomplex interessant. Hier bittet MEMO die Befragten, sich vorzustellen, sie hätten selbst in der NS-Zeit gelebt. In dieser Vorstellung sollen sie differenziert einschätzen, ob sie wohl Täter*in, Opfer, Helfer*in oder Widerständler*in gewesen wären. Im Ergebnis sehen sich um die 10% als Täter*in, etwa 40% als Opfer, etwa 65% meinen, dass sie potenziellen Opfern geholfen hätten, und gut 30% haben das Selbstbild, dass sie aktiv Widerstand geleistet hätten.

Es bedarf kaum der ausdrücklichen Erwähnung, dass diese Zahlen einer heutigen retrospektiven Selbsteinschätzung weit abweichen von allem, was die Forschung in Bezug auf die historische NS-Gesellschaft ermittelt hat. Selbst wenn man zahlreiche relevante Überlegungen außer Acht lässt: Die Zahl derjenigen, die historisch tatsächlich Verfolgten geholfen oder aktiv Widerstand geleistet haben, liegt um Größenordnungen unter diesem heutigen Selbstbild.

Vielleicht spiegelt sich hierin die breite Erkenntnis einer Mitverantwortung für Ausgrenzungen und Diskriminierungen in unserer heutigen Gesellschaft, die wir oben bereits festgestellt haben. Und wenn wir eben schon für die Gegenwart eine erhebliche Diskrepanz zwischen theoretischem Selbstbild und tatsächlich bekanntem Engagement feststellen mussten, so gilt das für diese Projektionen des eigenen Selbstbilds in die NS-Zeit sicher in mindestens ähnlichem Maße. Insofern sind Zweifel angebracht, wie viel Hilfe, wie viel Widerstand tatsächlich von uns zu erwarten wäre – auch wenn wir Heutigen in den 1930er/40er Jahren gelebt hätten.

Wirksamkeit historisch-politischer Bildung

Was bietet denn nun wirklich Schutz vor einer Wiederholung von so etwas wie dem Nationalsozialismus? MEMO IV fragt nach: „Was würden Sie sagen, wie sehr schützen die folgenden Aspekte uns als Gesellschaft davor, dass sich etwas wie der Nationalsozialismus in Deutschland heute wiederholen kann?“ Die Umfrage macht fünf recht verschiedene Antwort-Angebote: demokratische Institutionen, eine gesellschaftliche Sensibilität für Diskriminierungen, die europäische Gemeinschaft, die Auseinandersetzung mit dem NS, oder die gute wirtschaftliche Lage. 

Fast die Hälfte der Befragten spricht „unsere[n] demokratische[n] Institutionen“ die höchste Schutzfunktion zu – in genau dieser Abstraktheit, ohne dass die Frage oder die Antwort irgendwie konkreter würden. Nur ein gutes Drittel der Teilnehmenden verlässt sich dagegen auf die Schutzwirkung „unsere[r] bisherige[n] Auseinandersetzung mit der NS-Zeit“, das ist die niedrigste Zustimmungsrate bei den fünf Antworten. Selbst „unsere gute wirtschaftliche Lage“ wird von etwas mehr Personen als wichtige Garantin unserer Demokratie eingeschätzt.

Wenn wir „unsere bisherige Auseinandersetzung mit der NS-Zeit“ hier als Chiffre für historisch-politische Bildung mit NS-Bezug lesen, können wir etwas zugespitzt sagen: Ein Drittel der Befragten lehnt einen Zusammenhang zwischen historisch-politischer Bildung und einem effektiven „Nie wieder!“ ab, ein weiteres Drittel ist sich unsicher und – nur! – ein Drittel der Befragten hält historisch-politische Bildung für ein gutes Mittel zur Demokratiestärkung. Das ist ein auffallend ziemlich niedriger Wert, wenn wir ihn mit jenen zwei Dritteln der Befragten vergleichen, die unserer Gesellschaft echte Probleme in puncto Ausgrenzung und Diskriminierung attestieren.

MEMO IV bittet auch zu beurteilen, wie sehr die „eigene Auseinandersetzung mit der NS-Zeit bisher“ zu wichtigen Aspekten der eigenen Persönlichkeitsentwicklung beigetragen hat. Hier sind es wieder knapp zwei Drittel, die einen klaren Zusammenhang sowohl damit sehen, sich der „eigenen gesellschaftlichen Verantwortung bewusst geworden“ als auch „sensibler für Diskriminierung und Ausgrenzung geworden“ zu sein. Auch hier dürfen wir vermuten, dass viele Personen mit „ja“ antworten, die ihre eigene gesellschaftliche Mitverantwortung ebenfalls bejahen. Für die Entwicklung einer eigenen, persönlichen Haltung schätzen also sehr viele Menschen historisch-politische Bildung als wichtig ein. Inwieweit hier eher organisierte Bildungsformate eine Rolle spielen – also vom Schulunterricht über Gedenkstättenfahrten, Besuche an Gedenk- und Lernorten bis zu Aktivitäten von Bildungsstätten und so weiter – oder inwieweit hier eher eine individuelle Auseinandersetzung eine Rolle spielt, wäre eine nähere Untersuchung wert, für die MEMO IV weitere Fragen und Antworten liefert.

Große Aufgabe Antisemitismus

Zumindest am Rande müssen wir darauf hinweisen: MEMO bestätigt erneut, wie viele antisemitische Einstellungen es bei uns gibt. Die Zustimmungswerte reichen von einigen Prozent bei einem plakativ antisemitischen Statement bis hin zu sehr deutlich zweistelligen Zahlen. Insbesondere die Zustimmung zu Kernelementen von Verschwörungserzählungen ist erschreckend. Die Behauptung: „Es gibt geheime Organisationen, die großen Einfluss auf politische Entscheidungen haben“ wurde 2019 von 43,3% (!) und auch 2021 noch von 29,2% der Befragten geteilt. Dass „Politiker und andere Führungspersönlichkeiten … nur Marionetten der dahinterstehenden Mächte“ wären, unterstützten 2019 34,5% der Teilnehmenden und auch 2021 waren noch 22,2% dieser Meinung.

Ohne hier in Details gehen zu können, stellen wir lediglich fest: Die Werte sind sehr hoch. Und es ist offensichtlich, dass hier große Aufgaben für die Bildungsarbeit liegen.

Die Praxislücke bleibt

Insgesamt zeigen die Umfragen also Ergebnisse, die widersprüchlich scheinen. Einerseits teilen etwa zwei Drittel der Studienteilnehmer*innen die Einschätzung, dass Diskriminierungen und Ausgrenzungen aktuelle und akute Problemlagen sind. Ähnlich viele attestieren dem Kerninhalt historisch-politischer Bildung mit NS-Bezug einen wichtigen und prägenden Einfluss auf die eigene persönliche Entwicklung, die eigene Sensibilität für Diskriminierungen. Dass so viele Menschen – repräsentativ ausgewählt nach Bundesländern, Geschlecht, Altersstruktur und „Migrationshintergrund“ – diese Einschätzung teilen, ist bemerkenswert. Andererseits sind die Zustimmungswerte erheblich niedriger, wenn es um tatsächliches eigenes Engagement für eine diverse Gesellschaft geht oder wenn – in aller Allgemeinheit – die Frage ist, ob uns die historisch-kritische Auseinandersetzung davor schützen kann, dass sich „so etwas wie der Nationalsozialismus“ wiederholt.

Es bleibt also die oben benannte Praxislücke. Daraus ergibt sich die Frage: Was können wir ändern, damit politische Bildung noch größere Beiträge leistet (oder: dass die Menschen selbst mehr von diesen Beiträgen überzeugt sind), dass sich noch mehr Personen für eine Gesellschaft einsetzen, in der zum einen die Menschenrechte immer realer und zum anderen Ausgrenzung, Diskriminierungen und die vielen Phänomene gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit immer weniger werden. Und das so schnell wie möglich. 

Vielleicht geht es hier auch um eine Frage, die wir bei Gesicht Zeigen! im Rahmen unseres Spiels Wie wollen wir leben? immer wieder diskutieren: „Glaubst du, dass du ein wichtiges Mitglied der Gesellschaft bist?“ Oft hören wir zunächst ein „Nein“ als Antwort oder nur ein stark eingeschränktes „Ja“. Umso mehr sollten wir wohl fortfahren, neue Ideen und Formate für eine menschenrechtsklare politische Bildung zu entwickeln, die in Menschen die Überzeugung bestärkt: Ja, du bist wichtig und dein Beitrag zählt. Und Verschwörungen hast du nicht nötig.

Kontakt

www.gesichtzeigen.de
www.7xjung.de
Email: krebs [at] gesichtzeigen [dot] de

 

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