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Biografien der Gewalt im 20. Jahrhundert

Dr. Wolfgang Schroeter promovierte 2017 an der Freien Universität Berlin über „Albert Speer. Aufstieg und Fall eines Mythos“ und organisierte als Lehrer Gedenkstättenfahrten. Er ist freier Mitarbeiter und Kurator der Wanderausstellung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, die ab März 2022 an Schulen und öffentlichen Gebäuden gezeigt wird. Sie zeigt anhand von Biografien, wie die Begriffe Heldentum, Täterschaft und Opfer jeweils drei Perioden des Umgangs mit Gewalt geprägt haben. Dabei wandelte sich deren Bedeutung bereits während des Geschehens und noch stärker in der Erinnerung.

Von Wolfgang Schroeter

Erster Weltkrieg – Helden oder Opfer? 

Früher waren Helden männlich und etwas Besonderes. Sie setzten ihr Leben für etwas scheinbar Größeres wie die Ziele der Gemeinschaft oder des Vaterlandes aufs Spiel. Dieses von den zehn Millionen Opfern des Ersten Weltkriegs entzauberte maskuline Heldenbild zeigt sich noch in der französischen Siegeskathedrale von Verdun, die wie ein Riesenphallus in den Himmel ragt.

Im Zeitalter des Nationalismus und der Industrialisierung wurde aus dem Kampf Mann gegen Mann unter dem Dauerfeuer der Maschinengewehre und Geschütze ein Kampf der Massen im Schützengraben. Der Erste Weltkrieg war geprägt vom anonymen Sterben in sinnlosen Materialschlachten: Die Soldaten fühlten sich unter dem tagelangen Artilleriefeuer wie Lämmer, die zur Schlachtbank geführt wurden. Nach Kriegsende kehrten die Überlebenden desillusioniert zurück in die Heimat. Oft hatten sie neben Armen und Beinen den Glauben an Gott, den Kaiser und das Gute im Menschen verloren.

Zur Mobilisierung und Motivation dieser unzähligen Opfer wurden vermeintlich letzte individuelle Helden wie U-Boot-Kapitäne, Stoßtrupp-Führer und besonders die „Ritter der Lüfte“ mit Orden wie dem „Pour Le Mérite“ ausgezeichnet und von Propaganda und Presse gefeiert. Der bekannteste Held des Ersten Weltkriegs ist der Flieger Manfred Freiherr von Richthofen. Nach unerreichten 80 Luftsiegen wurde Richthofen selbst abgeschossen. Sein Ruhm wurde in der Weimarer Republik und im „Dritten Reich“ instrumentalisiert. Bis heute ist der „Red Baron of Germany“ ein Star der internationalen Popkultur.

Doch als der wahre Held des Ersten Weltkrieges sollte sich der „namenlose Soldat“ herausstellen, dessen Denkmäler als leeres Grab zuerst 1919 in London und dann in Paris errichtet wurden. Ihr Vorbild war der französische Soldat Octave Monjoin, der Papiere und Gedächtnis verloren hatte und erst nach jahrzehntelangen Prozessen seine Identität wiederfand.

In Deutschland hatte jedes Dorf Gedenktafeln und Kreuze für „ihre“ Opfer erstellt. Der 1919 gegründete Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge erstellte unter seinem nationalkonservativen Chefarchitekten Robert Tischler (von 1926-1959) neben schlichten Kriegsgräberstätten auch monumentale wie in Langemarck. Im Nationalsozialismus fanden sie mit dem Konzept der „Totenburgen“ ihren Höhepunkt.

Rassistischer NS-Vernichtungskrieg - Täterschaft statt Heldentum! 

Basis der Ideologie des „Dritten Reiches“ war der sozialdarwinistische Überlebenskampf der „nordischen Rasse“ gegen das „internationale Judentum“ und die „slawischen Untermenschen“. Unter dem Deckmantel und Gewaltrahmen des Krieges führte dies zum millionenfachen Genozid im Osten, wo die Einsatzgruppen der SS und Polizei-Bataillone unter starker Unterstützung durch die Wehrmacht über zwei Millionen Jüdinnen*Juden und Zivilist*innen erschossen. Drei Millionen kriegsgefangene Russen starben, meistens an Hunger – ein Schicksal, das im Falle des „Endsiegs“ unter dem „Generalplan Ost“ 30 Millionen Sowjetbürger*innen zugedacht war. Weitere 4,7 Millionen Sowjetbürger*innen wurden zu Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt.

In Deutschland wurden bereits seit Kriegsbeginn systematisch Behinderte und „Geisteskranke“ als „lebensunwertes Leben“ mit Todesspritzen und in Gaswagen ermordet. Im Oktober 1941 begann die Deportation der deutschen und dann der europäischen Jüdinnen*Juden in die schon 1939 überfüllten Ghettos in Polen. Ab Dezember 1941 wurde der industrielle Holocaust in den Gaskammern der auf ehemals polnischem Gebiet errichteten Vernichtungslager wie Belzec, Sobibór, Treblinka und Auschwitz-Birkenau begonnen. In ihnen wurden über 4 Millionen Jüdinnen*Juden ermordet, davon etwa drei Millionen polnische und 165.000 deutsche.

Beispielhafte Täter sind der Jurist und Einsatzgruppenchef Otto Ohlendorf, der SS-Obersturmführer Artur Wilke und der Standartenführer Christian Wirth. Ohlendorf gab bei den Nürnberger Prozessen zu, für die Erschießung von 90.000 Jüdinnen*Juden und Sowjetbürger*innen verantwortlich gewesen zu sein. 1951 wurde er im Kriegsverbrechergefängnis Landsberg/Lech gehenkt. Artur Wilke war bei den Massenmorden direkt an der Grube beteiligt. Nach dem Krieg nahm er die Identität seines verstorbenen Bruders an und arbeitete als Lehrer, bis er 1961 enttarnt und zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde. Christian Wirth gehörte zur ersten NS-Generation der „alten Kämpfer“ und war maßgeblich am Mord von Behinderten beteiligt. Er wurde Inspekteur der Vernichtungslager Belzec, Treblinka und Sobibór und wurde 1944 in Triest getötet. Zu den Täterinnen gehörten auch viele der etwa 500.000 im „Osten“ eingesetzten Krankenschwestern, Sekretärinnen und Partnerinnen von SS-Oberen wie Erna Petri, die als Verwalterin eines polnisch-ukrainischen NS-Musterguts eigenhändig mindestens sechs jüdische Kinder erschoss.

Auch im Zweiten Weltkrieg gab es die von der NS-Propaganda gefeierten Helden wie den Stuka-Piloten Hans-Ulrich Rudel und Erwin Rommel. Rudel wurde für die Zerstörung von über 300 Panzern als einziger mit dem goldenen Eichenlaub zum Ritterkreuz ausgezeichnet. Nach dem Krieg floh er wie viele Nazis 1948 auf der „Rattenlinie“ nach Argentinien, arbeitete als Berater für mehrere südamerikanische Diktatoren und half mit dem „Kameradenwerk“ Kriegsverbrechern wie Adolf Eichmann und Josef Mengele. Er unterstützte rechtsradikale Organisationen wie die Sozialistische Reichspartei, kandidierte für den Bundestag und sorgte bis zu seinem Tod 1982 für politische Skandale.

Generalfeldmarschall Erwin Rommel, der bis heute populärste deutsche Heerführer des Zweiten Weltkriegs, wurde nach dem gescheiterten Hitler-Attentat zum Selbstmord gezwungen und anschließend prunkvoll als Held beerdigt. Bis heute ist umstritten, wie stark seine Beteiligung am Widerstand wirklich war. Er profitierte davon, dass er fast ausschließlich im Westen gegen spätere Verbündete der Bundesrepublik eingesetzt wurde – und nicht im Vernichtungskrieg im Osten. Geschichtswerkstätten verweisen auf von der Waffen-SS begangene Gräueltaten in Italien und an der Invasionsfront sowie auf das Elend der unzähligen dort eingesetzten Zwangsarbeiter*innen. Rommel war verantwortlicher Teil, aber auch Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, von der er lange als Held instrumentalisiert wurde.

Perspektivwechsel zu den wahren Opfern und neuen Held*innen 

Nach 1945 trauerten die Deutschen um den verlorenen Krieg und fühlten sich selbst als Opfer von Bombenkrieg, Flucht und Vertreibung. Vor allem im Westen begrenzten sie die Verantwortung für den Genozid zunächst auf einzelne sadistische „Exzesstäter“ wie Wirth. Erst später wurde sie auf „Schreibtischtäter“ wie Adolf Eichmann, ab den 1980er Jahren auch auf „ganz normale“ Mitglieder der Gesellschaft ausgedehnt. Die DDR definierte sich demgegenüber offiziell als antifaschistisch.

Der Jerusalemer Eichmann-Prozess und der Frankfurter Auschwitz-Prozess von 1963 führten zu ersten Veränderungen. Doch erst 1979 lenkte die TV-Serie Holocaust den Blick einer neuen Generation auf die Millionen wahren Opfer der NS-Diktatur wie die von ihrer Familie als einzige, mittellos überlebende Jüdin Marianne Stern, die sich im Kampf gegen deutsche Behörden und als Zeitzeugin in Schulen ihre Würde zurückgewann. Inzwischen nimmt die neu etablierte Erinnerungskultur die Perspektive der Opfer wahr und definierte den Begriff der Held*innen neu. Auch der Volksbund musste sich kritischen Fragen zu seiner Grabdarstellung von NS-Tätern wie Wirth in Costermano stellen.

Neue Held*innen sind Elfriede Maria Scholz, die „unbekannte“, 1943 wegen „Wehrkraftzersetzung“ und „Feindbegünstigung“ hingerichtete Schwester von Erich Maria Remarque, und Rachel Auerbach, Überlebende, Widerstandskämpferin und Dokumentarin des Warschauer Ghettos in Yad Vashem. Der Wehrmachtsoffizier Wilhelm Hosenfeld rettete 30 polnische und jüdische Bürger*innen vor dem Tode. Er wurde später als „Gerechter unter den Völkern“ ebenso geehrt wie Witold Pilecki, der sich 1940 freiwillig in Auschwitz einschmuggelte, um die Alliierten über die dortigen Praktiken zu informieren. Beide wurden Opfer des Stalinismus.

60 Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs reichten sich Bundeskanzler Helmut Kohl und der französische Präsident François Mitterrand 1984 die Hände über den Gräbern von Verdun. Beim Volksbund schuf eine neue Generation landschaftsbezogene, leicht zu pflegende Gräber auch für zivile Opfer und die von NS-Verbrechen. 1985 erklärte Bundespräsident Richard von Weizsäcker den 8. Mai 1945 zum „Tag der Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ und leitete damit eine neue Ära ein, die ihren Höhepunkt 2005 in der Errichtung des Holocaustmemorials im Berliner Regierungsviertel fand.

Zwei Weltkriege haben den klassischen Helden entzaubert. Die immer einflussreicheren Medien feiern stattdessen Fußballer*innen, Supermodels und Rockstars. Gleichzeitig entsteht die Sehnsucht nach neuen Held*innen des Alltags wie Feuerwehrleuten und Pflegekräften. Sind Aktivist*innen wie die schwedische Schülerin Greta Thunberg die neuen Held*innen des 21. Jahrhunderts?

 

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