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Bildung gegen Antisemitismus – eine ehemalige Synagoge als „Schul“

Michael Volz hat mehr als 20 Jahre Katholische Religion und Französisch, Theater und Jonglieren am Gymnasium unterrichtet. Seit 2018 empfängt er als Leiter für Pädagogik & Kultur viele interessierte Gruppen im PKC und ist verantwortlich für das abwechslungsreiche Kulturprogramm in der ehemaligen Synagoge.

Von Michael Volz

Der Verein Pädagogisch-Kulturelles Centrum Ehemalige Synagoge Freudental (PKC) „bespielt“ die Gedenkstätte in der kleinen Gemeinde am Nordwestrand des Landkreises Ludwigsburg. Anfang der 1980er Jahre hat der Freudentaler Gemeinderat heiß diskutiert, denn das ziemlich marode Synagogengebäude sollte abgerissen werden. Daraufhin haben sich verschiedenste Menschen zusammengefunden, um die „Schul“ – so sagt man auf Jiddisch – nicht nur zu retten, sondern auch zu renovieren und wieder mit Leben zu erfüllen. Dabei stellte sich die Frage, was dieser kleine Verein gegen den Antisemitismus ausrichten kann?  

Drei Schritte gegen Antisemitismus 

Erstens können wir uns alle – unabhängig von der eigenen religiösen Prägung – vom Judentum das grundlegende Ideal der Bildung abschauen. Die Juden*Jüdinnen gehen in die Synagoge, um zu beten und um zu lernen. Alle mussten und müssen ja lesen können, um ihre Religion auszuüben. Wenn ein jüdisches Kind als Bar Mizwa oder Bat Mizwa (Sohn oder Tochter der Pflicht) religionsmündig und in die Gemeinde aufgenommen wird, muss er oder sie ein Stück aus der Tora vorlesen. Juden wuchsen also oft zweisprachig auf, denn zur religiösen Sprache Hebräisch kam noch die Sprache ihrer Region. 

Diese Bildungsgeschichte können wir an den Funden der Freudentaler Genisa aufzeigen. Im Dach der Synagoge wurden ehrfurchtsvoll die nicht mehr gebrauchten Texte und Stoffe abgelegt, die den heiligen Namen Gottes enthalten. Wir zeigen hier Bibelausgaben und Gebetbücher, aber auch Alltagskalender mit der christlichen Zeitrechnung in lateinischer Schrift und der jüdischen Zeitrechnung in hebräischer Schrift. 

Zweitens können wir in Freudental zwar „nur“ anhand von Steinen und deren Geschichten vom Judentum erzählen, legen aber den Schwerpunkt auf das blühende Gemeindeleben, welches das Dorf vor allem im 19. Jahrhundert selbstverständlich mitgeprägt hat. Erst anschließend sprechen wir vom Antisemitismus und seinen schrecklichen Auswirkungen. Bei unseren Führungen beginnen wir in der ehemaligen Synagoge mit ihrer beeindruckenden Raumwirkung, erläutern die Funde der Genisa, zeigen das Haus der ehemaligen Mikwe (Tauchbad), erzählen Geschichten über die letzten Wohnorte von Juden*Jüdinnen in Freudental und besuchen gemeinsam den jüdischen Friedhof. An vielen Stellen sind Gemeinsamkeiten zum Christentum bzw. Geschichten über völlig normales nachbarschaftliches Zusammenleben in einer kleinen Landgemeinde zu verorten. 

Unsere Besucher*innen lernen hier mehr über das Judentum und dessen Traditionen. So verstehen sie unsere heutige Gesellschaft und auch die stilbildenden Elemente, die wir aus dem Judentum übernommen haben. Dadurch, dass alle Juden*Jüdinnen schon immer lesen lernen mussten, war der Fortbestand der Religion auch auf die Schultern aller verteilt. Genauso liegt der Fortbestand unserer heutigen demokratischen Gesellschaft in der gemeinsamen Verantwortung von uns allen.

Drittens können wir mit unterschiedlichen Veranstaltungen Menschen aller Altersgruppen ansprechen und mit unseren bescheidenen Mitteln gegen den (leider sehr tief sitzenden) antisemitischen Mythos der jüdischen Weltverschwörung wirken. Wissen ist Medizin gegen sprachliche Verrohung und Aggression, denn wer etwas kennt und durch den Besuch in Freudental vielleicht sogar ein positives Bild davon bekommt, braucht keine Angst mehr davor zu haben.  

Drei Beispiele für unsere Arbeit mit jungen Leuten 

Anfang Dezember 2020 kamen die Dritt- und Viertklässler der Freudentaler Grundschule mit ihren Lehrerinnen während des Religionsunterrichts (natürlich mit Abstand und Masken) in die ehemalige Synagoge, um das jüdische Fest Chanukka kennen zu lernen. Es waren höchst interessierte Kinder, die „die Synagoge vor ihrer Haustür“ besuchten, von der Wiedereroberung des Jerusalemer Tempels und vom Ölwunder hörten und mit dem Treidel spielten. Sie lernten auch, dass unsere Tradition der Adventskranzlichter erst vor gut 170 Jahren von der Lichtersymbolik der Chanukkia (das ist der besondere achtarmige Leuchter) abgeleitet wurde. 

In einem großen Theaterprojekt mit dem Helene-Lange-Gymnasium Markgröningen wird die Uraufführung des Stücks „PikAss“ vorbereitet, welches der in Freudental 1888 geborene Julius Marx 1943 im Schweizer Exil verfasst hatte. Es thematisiert einen Tyrannenmord und die 50 Elftklässler*innen beziehen es völlig zu Recht auf die damalige politische Situation der Nazi-Zeit. Unsere Freiwillige im FSJ Kultur gestaltet die Kooperation mit ihrer früheren Schule tatkräftig mit, ist im Lehrerteam beteiligt und bringt ihr Wissen über das Judentum und die Freudentaler Geschichte aktiv mit ein. 

Bis zum Frühjahr soll ein „Actionbound“ (eine digitale Variante der Schnitzeljagd) und eine auf dem Landesbildungsserver abrufbare Unterrichtseinheit über Adolf Herrmann aus Freudental entstehen. Dieser junge Mann erlebte als Zehnjähriger die Machtergreifung der Nationalsozialisten; er musste die Diskriminierung der deutschen Juden*Jüdinnen und in den Novemberpogromen die Schändung der Freudentaler Synagoge miterleben. Mit der Hilfe seines jüdischen Lehrers Simon Meisner ist er Anfang 1939 nach Belgien geflohen, wurde aber im Herbst 1942 aus Südfrankreich ins KZ Auschwitz abtransportiert und dort ermordet.  

Drei weitere Beispiele für unsere Vermittlungsarbeit 

Das PKC bietet auf Anfrage Führungen für Gruppen allen Alters an, bei denen „die Steine zum Sprechen gebracht werden“. Sie dauern – je nach Interesse des Publikums – zwischen zwei und vier Stunden und führen von der ehemaligen Synagoge durch das Dorf zum Friedhof. Anhand der steinernen Zeugen zeigen wir sowohl das jüdische Alltagsleben als auch die religiösen Traditionen einer eher orthodoxen Gemeinde.  

Viele Besucher*innen haben eine noch intensivere Lernerfahrung, wenn sie unserem Theaterspaziergang „Sara und der Wunderrabbi“ folgen. Die beiden historischen Figuren nehmen die Gruppe mit ins 19. Jahrhundert und spielen Szenen aus dem Leben der Freudentalerin Sara Levi und ihres sehr viel älteren Ehemanns, Rabbiner Josef Schnaittacher. Auf ihrem Weg von der Synagoge durch das Dorf erklären Rabbiner Schnaittacher und seine Frau unter anderem die Hochzeitszeremonie, das Schabbatgebet, die Mikwe, die jüdische Mystik der Kabbala und die Beerdigungsriten. Tragischerweise fiel der Rabbiner 1834 bei der Prüfung vor der damals neu gegründeten Israelitischen Oberkirchenbehörde in Stuttgart „wegen durchaus unzureichender Kenntnisse“ durch und musste daher sein Amt offiziell aufgeben. Er war jedoch in Freudental so beliebt, dass er auf seinem Grabstein als „Sinai und Bergeversetzer“, als „Pracht und Zier seiner Gemeinde“ gepriesen wird.  

Traditioneller Weise finden im PKC an ein bis zwei Sonntagen im Monat Konzerte, Theateraufführungen sowie Vorträge oder Gedenkveranstaltungen statt. So haben wir vor zwei Jahren wunderbare Schwarzweiß-Fotografien von Erich Sonnemann aus Karlsruhe, der seine Verwandten in Freudental im Sommer 1938 fotografiert hatte, ausgestellt. Im Winter vor einem Jahr präsentierte Professor Andreas Lehnardt aus Mainz sein neues Buch über die Funde in der Freudentaler Genisa. Im Frühjahr 2020 haben wir an einem Gedenkwochenende mit Jugendlichen der letzten verstorbenen jüdischen Zeitzeugin Suse Underwood gedacht, die 1939 mit einem Kindertransport nach England geflohen und erst kurz vorher in London gestorben war. Zusammen mit ihren Nachfahren haben wir im Garten der Erinnerung einen Baum gepflanzt. 

Lernen in einer „Schul“ ist friedlicher Widerstand gegen Antisemitismus 

Bei Führungen und Lerntagen hatten wir schon mehrfach die Gelegenheit, antisemitische Stereotype – selbst wenn sie „nur“ unbedacht geäußert oder von anderen übernommen wurden – zu entkräften oder wenigstens zu erschüttern. Wenn wir die Minderheiten nicht bloß als Opfer und Verfolgte wahrnehmen wollen, dann müssen wir verstehen, dass mit antisemitischen Angriffen unsere Gesellschaft als Ganze angegriffen wird. Und da es um demokratisches, gleichberechtigtes Miteinander aller Menschen mit ihren unterschiedlichen Meinungen und Glaubensrichtungen geht, sollten wir uns mit Blick auf unsere Geschichte wehren. Für unseren Einsatz ist es jetzt allerhöchste Zeit. Der friedliche und nachhaltige Weg des Widerstands ist das Lehren und Lernen – zum Beispiel in einer „Schul“! 

Wir laden Sie herzlich ein, das PKC zu besuchen, gerne mit einer Gruppe: 

Pädagogisch-Kulturelles Centrum Ehemalige Synagoge Freudental
Michael Volz, Leiter für Pädagogik & Kultur 
Isolde Kufner, Leiterin der Geschäftsstelle
Strombergstraße 19
74392 Freudental
Telefon: 07143 – 24151 
E-Mail: mail [at] pkc-freudental [dot] de
Internet: www.pkc-freudental.de
Instagram: @pkcfreudental

 

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