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"Sound in the Silence" – ein internationales Jugendprojekt in Zusammenarbeit mit Motte e.V. in Hamburg und dem Rapper Dan Wolf

Joanna Orłoś ist Anglistin und Literaturübersetzerin. Sie leitet die Projektabteilung des Europäischen Netzwerkes Erinnerung und Solidarität und ist im Warschauer Sekretariat des ENRS verantwortlich für die internationalen Bildungsprojekte. Dr. Annemarie Franke ist Historikerin und arbeitet als wissenschaftliche Projektmitarbeiterin des Bundesinstitutes für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (BKGE) am Warschauer Sekretariat des ENRS.

Von Joanna Orłoś und Annemarie Franke

Zu Beginn des neuen Jahrtausends reiste der amerikanische Schauspieler, Rapper und Autor Dan Wolf nach Hamburg auf der Suche nach Spuren seiner Familie. Damit beginnt die Geschichte des späteren internationalen Jugendprojektes Sound in the Silence. History through Art, das seit 2015 durch das Europäische Netzwerk Erinnerung und Solidarität (ENRS) gemeinsam mit dem Verein MOTTE Stadtteil&Kulturzentrum aus Hamburg und Dan Wolf als künstlerischem Leiter koordiniert wird.

„2006 saß ich vor dem Krematorium in Ravensbrück und schaute auf eine Gruppe von Teenagern. Kaum hatten sie dieses schreckliche Gebäude verlassen, stellten sie sofort ihre Handys an und hörten Popmusik. Sie kämpfen mit den Dämonen des Todes, indem sie Lieder von Rihanna und Justin Timberlake hören. Und sofort erinnerte ich mich an meine Kindheit, das schweigende Haus meiner Großeltern, wo sie nach dem Holocaust versuchten, ein neues Leben zu finden und aufzubauen. Dort gab es keine Musik, keine Freude, kein Lachen, keine Geschichten, nur die Last der Geschichte. Ich überlegte mir: „Warum ist dieses Haus so still? In der Stille muss irgendein Klang sein! Ich weiß, es gibt einen Klang in all dieser Stille!” – erinnert sich Dan Wolf (Jg. 1975) in einem Filminterview. Die Geschichte seiner Familie lernte er erst als Erwachsener kennen. Dan ist der Urenkel von Ludwig Wolf, Autor des berühmten Liedtextes „Een echt Hamborger Jung” von 1911, auch bekannt als „An de Eck steiht’n Jung mit’n Tüdelband”. Sein Urgroßvater hatte 1895 mit seinen Brüdern Leopold und James Isaac in Hamburg das „Wolf-Trio” gegründet, das mit seinem Kabarett-Programm international Berühmtheit erhielt. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten setzte dieser Erfolgsgeschichte ein Ende, bis der Filmemacher Jens Huckeriede die Geschichte Ende der 1990er Jahre wiederentdeckte und durch seine Recherchen Dan Wolf kennenlernte. Huckeriede drehte den Film „return of the Tüdelband. Gebrüder Wolf Story”[1] und aus seiner Begegnung mit Dan Wolf entstand das Jugendprojekt Sound in the Silence.

Dan Wolf verbindet in seiner künstlerischen Arbeit unterschiedliche Ausdrucksformen und überschreitet Grenzen der kulturellen Genres – konventionelles Theater verknüpft er in einer für junge Menschen verständlichen Form mit Themen, Sprache, Musikstilen, Geschichte und Ästhetik. Seine Themen sind die deutsche Vergangenheit und die Geschichte der Juden, der Holocaust, Probleme des Rassismus und die afroamerikanischen Erfahrung in den USA.

Das internationale und interdisziplinäre Projekt „Sound in the Silence” richtet sich an Schüler*innen im Alter von 15-19, die sich über eine offene Ausschreibung unter Schulen in ganz Europa qualifizieren. Jedes Jahr findet das Projekt an einem anderen Ort statt, dessen Geschichte jeweils im Mittelpunkt der einwöchigen Workshops steht. In den Jahren 2015- 2019 wurde das Projekt an folgenden Orten ausgerichtet: Danzig, Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau und Żylin in der Slowakei, Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Warschau, Denkort Bunker Valentin bei Bremen. Im Jahr 2020 war ein Workshop in den KZ Gedenkstätten Mauthausen und Gusen in Österreich geplant, der wegen der Covid-19-Pandemie auf 2021 verschoben wurde. 

Die Schüler*innen entdecken nach einer Kennenlernphase in der internationalen Gruppe zunächst die Geschichte dieser Orte über Vorträge, Begehungen und Workshops. Die gemeinsame Erarbeitung und Aufführung einer künstlerischen Performance am Ende des Aufenthaltes hilft der Gruppe ihre Erfahrungen vor Ort und während der Gespräche mit Zeitzeug*innen und Teilnehmer*innen aus anderen Ländern zu verarbeiten. Schon vor ihrer Anreise werden sie durch die betreuenden Lehrer*innen und mit Hilfe von Materialien, die das Projektteam zusammenstellt, auf den historischen Ort und Kontext vorbereitet. Das gesamte Programm läuft in englischer Sprache, so dass gute Sprachkenntnisse eines der Kriterien bei der Auswahl der Schule und Teilnehmer*innen sind. Pro Schule reisen sieben Schüler*innen in Begleitung ihres Lehrer*in an. Im weiteren Verlauf des Treffens nehmen die Jugendlichen an parallelen Workshops aus den Bereichen Kreatives Schreiben, Gesang/Stimme, Tanz und Theater teil, so dass sie einen Raum bekommen für die emotionale Auseinandersetzung mit dem historischen Ort und ihren Erlebnissen. Dabei kommt erschwerend hinzu, dass sich die Teilnehmer*innen nach Alter und Reife, Charakter und Empfindsamkeit für die historischen Themen sehr unterscheiden und trotz Vorbereitung als Gruppe erst zusammenwachsen müssen. Die Erarbeitung der künstlerischen Abschlußperformance stellt deshalb immer eine besondere Herausforderung dar und verlangt die enge Zusammenarbeit zwischen den Koordinator*innen, den Lehrer*innen und den Künstler*innen. Die Ergebnisse werden immer im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung vorgestellt und der Verlauf anschließend dokumentiert über eine Projektzeitung, gedruckt und online. Aus den Jahren 2016-2018 gibt es Filmproduktionen mit Eindrücken der Teilnehmer*innen und der Aufzeichnung der Abschlußpräsentation.

"Während der Begegnung in Danzig im Jahr 2015 besuchten die Teilnehmer*innen Erinnerungsorte des 20. Jahrhunderts, darunter die KZ-Gedenkstätte Stutthof, das Europäische Zentrum der Solidarność (ECS), oder das Museum der Emigration in Gdynia. Im Jahr 2016, aufbauend auf den Erfahrungen und der Evaluation der früheren Projektdurchläufe, entschieden die Veranstalter, sich jeweils ein eingegrenztes Thema bezogen auf den historischen Ort zu stellen. Beim Besuch in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau sollte es um das Thema Widerstand im Lager gehen. Die Jugendlichen lernten zunächst den Kontext der Geschichte des nationalsozialistischen Konzentrationslagers Auschwitz kennen und fuhren dann weiter nach Žilina im Norden der Slowakei, wohin die Flucht zweier slowakischer Juden aus dem Lager im Jahr 1944 geführt hatte. Nach erfolgreicher Flucht konnten Rudolf Vrba und Alfred Wetzler dort Vertretern des slowakischen Judenrates über die Verhältnisse im Lager berichten. Darauf aufbauend entstand der später berühmte Vrba-Wetzler-Report. Im Jahr 2017 nahmen an dem Projekt in der Gedenkstätte des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück Jugendliche aus Deutschland, Polen, Rumänien und Ungarn teil. Das war sozusagen eine Rückkehr zu den Anfängen, denn hier hatte das Projekt 2006 seine Pilotphase erlebt. Der Schwerpunkt lag auf dem Thema Kunst im Lager. Der folgende Durchlauf 2018 in Warschau mit Teilnehmer*innen aus Finnland, Litauen, Deutschland und Polen behandelte das Thema Menschenwürde, Widerstand, und Identität im Kontext deutsche Besatzung, Getto-Aufstand 1943 und Warschauer Aufstand 1944. Im Jahr 2019 traf sich die Gruppe mit Schüler*innen aus Bremerhaven, Split und Warschau an der Gedenkstätte Denkort Bunker Valentin. Hier war das Leitthema die Erfahrung von Zwang und der Unmöglichkeit über sein eigenes Schicksal zu entscheiden. Der Bunker Valentin ist die Ruine einer U-Boot-Werft der deutschen Kriegsmarine aus dem Zweiten Weltkrieg, wo in den Jahren 1943-1945 Tausende Menschen aus ganz Europa Zwangsarbeit leisten mussten. Während der Workshops konzentrierten sich die Teilnehmer*innen auf die Erfahrungen und Perspektiven der Zwangsarbeiter*innen. Exemplarisch lernten sie die Biographien des italienischen Soldaten Elio Materassi, des jungen Polen Stanisław Masny und zweier Häftlinge aus Konzentrationslagern – Spyros Pasaloglou aus Griechenland und Maurice Cordonnier aus Frankreich – kennen. 

Durch die Verbindung der zwei Dimensionen – historisches Lernen und künstlerischer Ausdruck – versuchen wir die Jugendlichen für die Beschäftigung mit Geschichte und Erinnerung zu begeistern. Wir zeigen ihnen einen Weg, wie sie sich auf individuelle Art ihre Meinung und eigene Urteile bilden können und dabei kognitive Erkenntnisse, Emotionen, Sinneswahrnehmung und Phantasie einsetzen. 

Die Projektarbeit von Sound in the Silence. History Through Art unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht vom Geschichtsunterricht in der Schule. Insofern verstehen wir das Projekt auch als Anregung für die begleitenden Lehrer*innen, bestimmte Elemente dieser gemeinsamen Workshop-Erfahrung in den Geschichtsunterricht zu übernehmen. Darin sehen wir ein großes Potential, denn dank der Erfahrung in den Workshops jenseits etablierter schulischer Vermittlungsformen entsteht eine Verbindung zwischen Geschichte und Erinnerung einerseits und der Lebenswelt der Jugendlichen andererseits.

Zum Abschluß soll der künstlerische Leiter des Projektes Dan Wolf noch einmal zu Wort kommen:  „Heute benötigen wir solche Projekte wie Sound in the Silence noch mehr als früher. Die Zeitzeugen sterben, die Erinnerung an die Tragödie des Holocaust verblasst und wir vergessen über die Beschäftigung mit der Gegenwart die Vergangenheit. Eine neue Welle des Hasses und nationalistischer Stimmungen verbreitet sich wie ein Virus. Sound in the Silence bringt uns einander näher, ermöglicht uns die Unterschiede zwischen den Völkern kennen zu lernen und sie in einen historischen Kontext einzuordnen. Sound in the Silence zwingt die Teilnehmer*innen zu einer Antwort auf die Frage: Wie Zukunft gestalten, wenn wir die Vergangenheit nicht verstehen?”.  

Informationen zum Projekt auf den Internetseiten der Partner: 
MOTTE – Verein für stadtteilbezogene Kultur- und Sozialarbeit e.V.
https://www.diemotte.de/de/sound-in-the-silence

Europäisches Netzwerk Erinnerung und Solidarität:
https://enrs.eu/sound-in-the-silence

Zusammenarbeit „Ravensbrücker Generationenforum” meets Sound in the Silence 2018 und 2019: https://www.diemotte.de/sisusb/START-with-Browser.html

https://www.diemotte.de/de/sound-in-the-silence/ravensbruecker-generationenforum-meets-sound-in-the-silence-2019/

… und in Buchform und als pdf online: https://kupoge.de/produkt/neue-methoden-und-formate-der-soziokulturellen-projektarbeit/

Sound in the Silence. Ein interkulturelles und internationales Erinnerungsprojekt im Kapitel „Geschichts- und Erinnerungskultur”, S. 200-201, in: Ulrike Blumenreich, Franz Kröger, Lotte Pfeiffer, Norbert Sievers, Christine Wingert (2019): Neue Methoden und Formate soziokultureller Projektarbeit, Bonn: Kulturpolitische Gesellschaft.  


[1] Vgl. zur Geschichte der Gebrüder Wolf und dem Film von Jens Huckeriede die Internetseite des 2013 verstorbenen Autors: http://www.gebruederwolf.de/de/news.htm


 

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