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Der Einsatz von Virtual Reality-Brillen in Gedenkstätten. Das Beispiel der KZ-Gedenkstätte Neckarelz

Tilo Bödigheimer, stellv. Schulleiter an der Harbergschule Mosbach und Fachberater für Unterrichtsentwicklung am Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung Baden-Württemberg Thomas Altmeyer, wissenschaftlicher Leiter des Studienkreises Deutscher Widerstand 1933-1945, pädagogischer Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte Neckarelz und Lehrbeauftragter am Seminar für Didaktik der Geschichte an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Von Thomas Altmeyer und Tilo Bödigheimer 

„Authentizität“ – dieser Begriff steht wie kaum ein anderer für den besonderen Charakter der Gedenkstätten. Besonders hinsichtlich der Interessen und Perspektiven der Besucher*innen ist der Wunsch nach dem „Sehen, wie es wirklich war“ vielfach ein wichtiges Motiv für den Besuch einer Gedenkstätte. Dass Gedenkstätten vielfach auch gestaltete Orte sind, wird von Besucher*innen zunächst oft kaum wahrgenommen. Sie können oft nicht direkt erkennen, dass vielfältige Nachnutzungen zu erheblichen Zerstörungen und Überformungen geführt haben, mit dem Ergebnis einer „paradoxe[n] Form der gestörten Konservierung zumindest eines Kernbestandes der Lagergelände und bestimmter Gebäude“ (Habbo Knoch, 2010, S. 119).

Es scheint also auf den ersten Blick widersprüchlich zu sein, sich Gedanken darüber zu machen, Gedenkstättenarbeit zu virtualisieren. Auf den zweiten Blick sprechen aber einige Argumente für eine (vorsichtige) Erweiterung gedenkstättenpädagogischer Konzepte in den virtuellen Raum. Hier sind es insbesondere 360°-Rundgänge, die in Gedenkstätten angeboten werden. So bietet bspw. das Anne-Frank-Haus in Amsterdam auf seiner Homepage einen virtuellen Rundgang durch das Hinterhaus, in dem sich Anne Frank, ihre Familie und weitere Menschen versteckt hielten. Angesichts der Besucher*innenmassen, die das Anne Frank Haus besuchen möchten, ist dies eine wichtige Erweiterung, um den Ort wahrnehmen zu können. Die KZ-Gedenkstätte Neuengamme ermöglicht auf ihrer Homepage einen Rundgang durch den Wachturm des Lagers und das Klinkerwerk. Der Wachturm ist für Publikum ansonsten nicht zugänglich, das Klinkerwerk nur zu Teilen. Hier erweitert also die digitale 360°-Tour die Möglichkeiten, die KZ-Gedenkstätte Neuengamme zu erkunden.

Aber auch angesichts der bereits erwähnten Überformungen der historischen Orte bietet der Einsatz von augmented (erweiterter) und virtueller Realität durchaus Potentiale für Gedenkstätten. So hat die KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen im Rahmen einer Augmented-Reality-App virtuell die nicht mehr vorhandenen Gebäude in das Gelände der Gedenkstätte projiziert. Dabei wird grafisch deutlich gemacht, dass es sich um eine künstliche Projektion handelt. Im Rahmen eines Rundgangs mit Tablets erhalten Nutzer*innen auf diese Weise also auch einen erweiterten Zugang zur Topographie und Geschichte des Lagers.

Im Gegensatz zu den genannten großen Gedenkstätten sind die Besucher*innenzahlen in der KZ-Gedenkstätte Neckarelz deutlich niedriger. Dennoch steht die Gedenkstätte eines ehemaligen Außenlagers im KZ-Komplex Natzweiler vor ähnlichen Herausforderungen und Wünschen von Besucher*innen, wie sie auch an größere Gedenkstätten herangetragen werden.

Um die Untertageverlagerung der Flugzeugmotorenproduktion von Mercedes-Benz in einen nahegelegenen Gipsstollen zu verwirklichen, wurden ab Mitte März 1944 in der Volksschule Neckarelz KZ-Häftlinge untergebracht. Neben diesem Lager wurden fünf weitere KZ-Außenlager eingerichtet: ein weiteres in Neckarelz (am alten Bahnhof) sowie Lager in Neckargerach, Asbach, Neckarbischofsheim und Bad Rappenau. In den Nahbereich dieser Neckarlager wurde Ende November 1944 zudem auch die Kommandantur des Hauptlagers Natzweiler verlagert. Insgesamt waren bis zum Kriegsende über 5.000 KZ-Häftlinge in den Neckarlagern eingesperrt, ausgebeutet und den Demütigungen des Wachpersonals ausgesetzt.

Aufgrund der Geschichte der Neckarlager widmet sich die KZ-Gedenkstätte Neckarelz also einem polylokalen Ort. Sie ist ein Museum an einem der historischen Orte der Neckarlager. Die anderen fünf Lager liegen in einem Umkreis von knapp 20 Kilometer. Allein zwischen der Gedenkstätte und dem Arbeitsort der Häftlinge liegen knapp fünf Kilometer Fahrt mit dem Auto. Auch die Grundschule, auf deren Gelände sich die Gedenkstätte befindet, ist nicht für Gedenkstättenbesucher*innen zugänglich. Andere relevante Orte für die KZ-Geschichte sind bis zu 30 Fahrtminuten mit dem PKW entfernt. 

Immer wieder wurde von Seiten der Besucher*innen der Gedenkstätte der Wunsch geäußert, den Stollen zu besichtigen. Eine Einfahrt ist aber nur alle zwei Jahre mit einer begrenzten Teilnehmer*innenzahl aus bergbau- und sicherheitstechnischen Gründen möglich. Vor Ort gibt es aber den so genannten „Goldfisch-Pfad“, einem Rundweg von zweieinhalb Kilometer Länge, der diverse bauliche Spuren vor Ort sichtbar macht und mit Texttafeln erläutert. Dieser kann sowohl individuell als auch im Rahmen einer Führung begangen werden. Seit Juli 2020 kann der Goldfisch-Pfad auch mittels eines Geocaches basierend auf „Actionbound“ erschlossen werden. 

Ein Kooperationsprojekt zwischen Schulen und Gedenkstätten

Dennoch bleibt das Problem der Sichtbarkeit und Zugänglichkeit von diversen Orten. Ein Angebot der Hardbergschule Mosbach ermöglicht der KZ-Gedenkstätte nun, neue Wege zu gehen.

Die Hardbergschule ist ein Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum mit dem Förderschwerpunkt Lernen. Neben dem Fokus auf die berufliche Vorbereitung spielt die Medienbildung an der Hardbergschule eine bedeutende Rolle. In diesem Rahmen werden auch immer wieder neue Möglichkeiten gesucht, Themeninhalte mit Hilfe von digitalen Medien zu erschließen. Dabei sollen die Schüler*innen aber nicht nur neue, digitale Medien konsumieren. Vielmehr ist das Ziel, dass themenbezogene Inhalte mit Hilfe von digitalen Medien erarbeitet und erstellt werden. 

In diesem Rahmen wurde als Pilotprojekt die Virtual Reality Tour „KZ Gedenkstätte Neckarelz“ erstellt. Mit Hilfe von 360° Kameras, einer Drohne und VR-Brillen haben zwei Lehrkräfte der Hardbergschule sowie Schüler*innen der Klassenstufe 9 eine umfängliche Virtual Reality 360° Tour von bedeutenden Orten rund um die KZ-Gedenkstätte erstellt. Neben der virtuellen Begehung des Gipsstollen können so auch weiter entfernte bedeutsame Orte virtuell mit der VR-Brille „begangen“ werden. Aktuell sind vier Orte besuchbar: die Gipsgrube in Obrigheim als den Arbeitsort der Häftlinge, das Schulhaus als ein KZ-Standort, den Ort der Befreiung des Evakuierungszuges in Osterburken sowie den Friedhof in Binau, wo tote Häftlinge begraben wurden. Erläuterungen und Zeichnungen des ehemaligen KZ-Häftling Jacques Barrau sind Teil dieses virtuellen Rundganges. 

Als zweiter schulischer Kooperationspartner ergänzte das Auguste-Pattberg-Gymnasium in Neckarelz das Projekt. Die Schüler*innen sprachen Begleittexte und Zitate von ehemaligen Häftlingen ein, die man nun bei der virtuellen Tour hören kann. 

Die VR-Tour wurde von den Schüler*innen mit dem VR-Authoring-Tool present4D erstellt und auf zwei OculusGo VR-Brillen installiert. Mit Hilfe dieser Brillen können sich die Besucher*innen der Gedenkstätte virtuell auf einer Landkarte zu den bereitgestellten Orten bewegen. Innerhalb der Szenen können die Besucher*innen zurück zur Übersichtskarte oder zu angrenzenden Räumen/Szenen gelangen, indem sie durch „Blicksteuerung“ die entsprechenden Icons im Sichtfeld aktivieren. Die Nutzung eines Controllers ist innerhalb der Tour nicht mehr notwendig. 

Die Bildaufnahmen wurden mit der Panono 360° Kamera erstellt. Für die Videoaufnahmen wurde die Ricoh ThetaV 360° Kamera mit einer Saughalterung zur Montage auf dem Grubenfahrzeug verwendet. Die 360° Drohnenaufnahmen wurden mit der DJI Mavic Pro 2 erstellt. 

VR-Brillen im Gedenkstätteneinsatz

Das Angebot der VR-Brillen erweitert die vorhandene Dauerausstellung. Diese ist objektzentriert, die Ausstellungstexte befinden sich in einer zweiten Ebene in Schubladen. Es existiert lediglich eine Medienstation mit einer Recherchemöglichkeit in der Datenbank von Robert Stegmann mit den biografischen Daten von 52.000 Häftlingen des Konzentrationslagers Natzweiler. Die VR-Brillen bieten neben den Objekten und den Ausstellungstexten also einen dritten, audiovisuellen Zugangsweg in die Geschichte der Neckarlager. 

Die KZ-Gedenkstätte Neckarelz hat sich bewusst dafür entschieden, den Einsatz der VR-Brillen zunächst einmal auf Individualbesucher*innen zu beschränken. Das neuartige Medium führt zu einer besonderen Dynamik innerhalb jugendlicher Gruppen, die aktuell von den Inhalten ablenken. Dies hat ein Einsatz von fünf Brillen im Rahmen eines Seminars mit Studierenden der PH Heidelberg an der Gedenkstätte deutlich gezeigt. 

Eigentlich war vorgesehen, die VR-Brillen ab Ende März 2020 im Einsatz in der Gedenkstätte zu haben. Die Corona-Pandemie hat diese Planungen über den Haufen geworfen. Nun sollen diese am Tag des Museums am 13. September 2020 der Öffentlichkeit präsentiert werden. Sollten die Erfahrungen und Rückmeldungen der Besucher*innen positiv sein, wäre eine weitere Integration der anderen Lagerstandorte der Neckarlager in das System der VR-Brillen denkbar. Dennoch soll der Umgang mit und die Integration der VR-Brillen in die Gedenkstättenarbeit weiterhin vorsichtig erfolgen. So kann die Einfahrt in den Stollen, die man als 360°-Film erleben kann, bei einzelnen Besucher*innen Schwindelgefühle hervorrufen. Aber auch in der Perspektive soll der Einsatz von VR-Brillen beschränkt bleiben, gerade angesichts des immersiven Charakters dieses Mediums. Leitlinie muss der 1976 formulierte Beutelsbacher Konsens sein und das dort formulierte „Überwältigungsverbot“. Ein Einsatz als „Zeitmaschine“, wie dies in der Gedenkstätte an das ehemalige Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen erfolgt, ist für die KZ-Gedenkstätte Neckarelz undenkbar. In Berlin-Hohenschönhausen können Besucher*innen mit den VR-Brillen in einem 360°-Film in die Rolle eines Inhaftierten in ein Verhör bei der Stasi schlüpfen.

Welche zukünftige Rolle der Einsatz von VR-Brillen und digitalen Medien in der Gedenkstätte Neckarelz spielen kann, ist noch offen. Möglicherweise führt die Corona-Pandemie mit ihren Abstandsregelungen und Zutrittsbeschränkungen in den kleineren Räumen der KZ-Gedenkstätte zur Notwendigkeit sich stärker digitalen und individualisierten Vermittlungsformen zuzuwenden. Immer im Bewusstsein der Chancen, aber auch der Faszination und technischen Verführungskraft dieses Mediums. 

Literatur

Habbo Knoch: Die Rückkehr der Zeugen. Gedenkstätten als Gedächtnisorte der Bundesrepublik, in: Gerhard Paul, Bernhard Schoßig: Öffentliche Erinnerung und Medialisierung des Nationalsozialismus. Eine Bilanz der letzten dreißig Jahre, Göttingen 2010, S. 116-137.

Verena Lucia Nägel, Sanna Stegmaier: AR und VR in der historisch-politischen Bildung zum Nationalsozialismus und Holocaust - (Interaktives) Lernen oder emotionale Überwältigung?, in: https://www.bpb.de/lernen/digitale-bildung/werkstatt/298168/ar-und-vr-in-der-historisch-politischen-bildung-zum-nationalsozialismus-und-holocaust-interaktives-lernen-oder-emotionale-ueberwaeltigung [zuletzt: 7.7.2020]. 

 

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