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Opferperspektive – Solidarisch gegen Rassismus, Diskriminierung und rechte Gewalt e.V.

Hannes Püschel arbeitet für das Beratungsteam Nord bei der Gewaltopferberatung des Vereins Opferperspektive.

Von Hannes Püschel 

Rechte Gewalt ist seit den 1990er Jahren, als eine Welle rechtsradikaler Gewalttaten die Bundesrepublik erschütterte, Thema politischer, wissenschaftlicher, juristischer und pädagogischer Diskussionen. Diese kreisen zum Teil bis in die Gegenwart vor allem um die Täter*innen, ihre Motive, soziale Herkunft und darum, wie sie wieder in die demokratische Gesellschaft integriert werden können. Lange vernachlässigt wurden darüber die Auswirkungen auf die Opfer. Um dem zu begegnen, entstanden Ende der 1990er Jahre Unterstützungsstrukturen für von rechter und rassistischer Gewalt betroffene Menschen. In diesem Rahmen wurde 1998 das Projekt Opferperspektive gegründet, das in Brandenburg die bundesweit erste Fachberatungsstelle für Betroffene von rechter und rassistischer Gewalt aufbaute. Beraten und unterstützt werden hier Menschen, die Opfer von Angriffen werden, die durch Ungleichwertigkeitsvorstellungen und Feindbilder aus der nationalsozialistischen oder kolonialen Vergangenheit Deutschlands oder aus aktuellen rechtsradikalen Diskursen motiviert sind, sich also auf Ausgrenzungsideologien wie Rassismus, Antisemitismus, Homosexuellen- und Transfeindlichkeit, Sozialdarwinismus und Neonazismus zurückführen lassen. Seither sind in fast allen Bundesländern ähnliche unabhängige Beratungsstellen entstanden, zusammengeschlossen im Dachverband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt (VBRG). Heute bemühen sie sich darum, sowohl die Betroffenen, der erneuten, seit 2014/15 anhaltenden Welle rechter Gewalt und der sich in letzter Zeit häufenden rechten Terrorakte zu unterstützen, wie auch einen Beitrag zur Herstellung gesellschaftlicher Verhältnisse zu leisten, die derartige Gewalttaten verhindern. Denn der spezifische Arbeitsansatz der Beratungsstellen hat zum Ziel, dem individuellem Gefühl von Angst und Ohnmacht gemeinsame Handlungsalternativen entgegenzusetzen. Ihr Beratungsangebot richtet sich zuallererst an Betroffene und Zeug*innen sowie an deren Umfeld und bietet ihnen umfassende Beratung und praktische Unterstützung. Durch parteiliche Hilfe sollen vor allem die Betroffenen dabei unterstützt werden, Problemlösungskompetenzen und Handlungsfähigkeit zu erlangen, statt in Passivität zu verharren und sich sozial zurückzuziehen. Neben der Unterstützung der Betroffenen thematisiert die Opferperspektive rechte Gewalt aus der Perspektive der Betroffenen und versucht deren Sichtweisen und Interessen in der Öffentlichkeit Geltung zu verschaffen. 

Die praktische Arbeit der Opferperspektive in Brandenburg oder ähnlicher Beratungsstellen in anderen Bundesländern lässt sich an einem Beispiel illustrieren. 

Die 16jährige Schülerin Catherine B., deren Eltern aus Nigeria stammen, wurde in einem Regionalzug in Brandenburg von zwei Männer bedrängt, angespuckt und angeschrien. Sie solle sich "nach Hause verpissen", man habe "keinen Bock, dass solche" wie sie hier leben und "von unserem Geld durchgefüttert" werden. Als sie widersprechen will, wird sie von einem der Männer ins Gesicht geschlagen. Dabei werden ihre Brille und ihr Mobiltelefon beschädigt. Dieses Erlebnis berichtet sie einer Deutschlehrerin, die daraufhin mit ihrem Einverständnis die Opferperspektive informiert. Einige Tage später treffen sich zwei Berater*innen mit Catherine in der Schule. Im Beratungsgespräch berichtet sie, vorher zwar noch nie angegriffen worden zu sein, aber in der Kleinstadt, in der sie lebt, generell eine Atmosphäre allgemeiner Feindlichkeit zu spüren. So werden ihr immer wieder auf dem Schulweg rassistische Sprüche hinterhergerufen, sie wird in den meisten Geschäften nicht gegrüßt. Mit einer Freundin hat sie versucht, Mitglied in einem Fitnessstudio zu werden. Das wurde vom Betreiber abgelehnt, mit den Worten „...unsere anderen Gäste möchten keine Ausländer hier im Club haben“. Bewerbungen um ein Schulpraktikum wurden mit der Erklärung „Wir nehmen nur deutsche Muttersprachlerinnen als Praktikantinnen“ abgelehnt. Sie weiß nicht mehr weiter, hat seit dem Angriff Alpträume und Angstzustände. Einerseits möchte sie die Täter bei der Polizei anzeigen, andererseits befürchtet sie, allein mit den Prozeduren eines Ermittlungs- und Gerichtsverfahrens konfrontiert zu sein. 

Betroffene rechter Gewalt wie Catherine haben oft mit psychischen Folgen zu kämpfen. Viele von ihnen haben Erfahrungen mit gesellschaftlicher Marginalisierung gemacht und fordern selten aktiv Hilfe ein. Aus diesem Grund bemüht sich die Opferperspektive darum, ihr Beratungsangebot nicht nur bei potentiell Betroffenen bekannt zu machen, sondern auch bei deren Umfeld, wie z.B. Lehrer*innen, Aktivist*innen, Sozialarbeiter*innen, Kirchengemeinden oder Lokalpolitiker*innen. Das soll die Chance einer Weitervermittlung an die Opferperspektive erhöhen, um professionelle Unterstützung anbieten zu können. Daneben wird auch nach Fällen rechter Gewalt z.B. in den Medien recherchiert, um Betroffenen von Angriffen aktiv Beratungsangebote zu unterbreiten. Dieser Ansatz der „aufsuchenden und proaktiven Beratung“ schließt ein, dass die Berater*innen zu den Betroffenen kommen und sich mit diesen an einem Ort ihrer Wahl treffen. In einem Flächenland wie Brandenburg können viele Betroffene, allein aus Gründen fehlender Mobilität, eine weit entfernte Beratung nicht in Anspruch nehmen. Das Angebot der Opferperspektive ist dabei kostenlos und vertraulich, bei Bedarf werden Sprachmittler*innen hinzugezogen. 

Die Betroffenen haben in dieser Situation vor allem Fragen zum weiteren Vorgehen, zum Umgang mit Polizei und Justiz, zur Behandlung physischer und psychischer Gesundheitsschäden und zur Erstattung materieller Schäden. Gemeinsam wird in einem dialogischen Prozess nach Perspektiven gesucht und Handlungsstrategien erarbeitet. Im Fall von Catherine beraten die Helfer*innen die Schülerin zum Verlauf eines Ermittlungsverfahrens, unterstützen sie, soweit gewünscht, bei der Anzeigenstellung und begleiten sie zur Zeugenvernehmung bei der Polizei sowie zum Gerichtsverfahren. Bei Bedarf stellen sie Kontakt zu kompetenten Anwält*innen her und suchen ggf. nach Finanzierungsmöglichkeiten für diese. Daneben beraten sie Catherine bei der Geltendmachung von Erstattungsansprüchen als Opfer einer Straftat oder versuchen, finanzielle Hilfen z.B. für den Kauf eines neuen Mobiltelefons und einer neuen Brille zu organisieren. Vor allem helfen sie ihr in Entlastungs- und Stabilisierungsgesprächen dabei, die psychischen Folgen der Tat zu verstehen und einen Umgang damit zu finden. Sollte sich dabei zeigen, dass hier z.B. Hilfe von Psycholog*innen oder Psychotherapeut*innen benötigt wird, würde eine entsprechende Weitervermittlung stattfinden. Über den gesamten Prozessverlauf bleiben die Berater*innen mit Catherine in Kontakt, um Unsicherheiten und Fragen zu klären und um sicherzustellen, dass bei allen Schritten ihre Interessen berücksichtigt werden. 

Betroffene rassistischer Gewalt berichten oft, dass der Angriff sie besonders verstört, weil er vorhergehende Erfahrungen von Ausgrenzungen, Beleidigungen und Diskriminierungen wachruft und verstärkt. Aufgrund der großen Bedeutung, die Diskriminierungserfahrungen für Betroffene rassistischer Gewalt haben, existiert seit 2009 unter dem Dach der Opferperspektive e.V. die Antidiskriminierungsberatung Brandenburg (ADB). Diese berät und unterstützt Menschen, die z.B. auf dem Arbeitsmarkt, bei der Wohnungssuche oder bei Ärzt*innen rassistisch diskriminiert werden, oder denen z.B. aus rassistischen Gründen der Zugang zu Einrichtungen und Veranstaltungen verwehrt werden. Schwerpunkt dieser Beratung ist, die Betroffenen dabei zu unterstützen, ihr Recht auf Gleichbehandlung durchzusetzen. Der Fall des verweigerten Zugangs von Catherine zum Fitnessstudio oder zum Schulpraktikum sind nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) untersagt, da sie eine rassistische Diskriminierung darstellen. In Absprache mit Catherine intervenieren die Berater*innen direkt bei den diskriminierenden Stellen und unterstützen sie gegebenenfalls bei rechtlichen Schritten. 

In beiden Arbeitsbereichen der Opferperspektive werden Erfahrungsberichte und Fallschilderungen der Betroffenen gesammelt und statistisch aufbereitet, um das Ausmaß alltäglicher Diskriminierungen und Gewalt sichtbar zu machen und in Politik und Gesellschaft Auseinandersetzungen damit anzustoßen. So könnten zum Beispiel, mit Einverständnis Catherines, Lokalpolitiker*innen und Medien über ihre Erfahrungen informiert werden. Dabei geht es immer darum, den Betroffenen zu helfen, durch das Schildern ihrer Erfahrungen und durch das Wahrnehmen ihrer Rechte zum Akteur zu werden und Gewalt und Diskriminierung nicht nur passiv erdulden zu müssen. 

Informationen zur Opferperspektive, darunter eine Handreichung für einen professionellen Umgang mit Betroffenen rechter Gewalt im Kontext Schule finden sich hier: www.opferperspektive.de/aktuelles/rechte-gewalt-eine-herausforderung-fuer-schulen

 

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