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Die ostdeutsche Frauenbewegung in der GrauZone

Filiz Gisa Çakır, M.A. hat Romanische Philologie und Europäische Kulturgeschichte in Bochum und Frankfurt/Oder studiert. Seit 2019 ist sie im Archiv der DDR-Opposition der Robert-Havemann-Gesellschaft e.V. beschäftigt. Aktuell arbeitet sie im Rahmen eines vom Digitalen Deutschen Frauenarchiv geförderten Projektes Teile des Archivs GrauZone archivfachlich auf.

Von Filiz Gisa Çakır

Wenn wir heute über die deutsche Frauenbewegung sprechen möchten, müssen auch all jene Frauengruppen miteinbezogen werden, die in der DDR existierten und für ihre Rechte kämpften. Das Wissen, welches im Archiv GrauZone liegt, kann hierbei helfen.

Bereits 1988 hatte eine kleine Gruppe engagierter Frauen begonnen, diesen Teil der deutschen Geschichte für nachfolgende Generationen aufzubewahren. Sie sammelten die inoffiziellen Schriften der DDR-Frauengruppen und begannen so eines der wenigen Archive zur nichtstaatlichen Frauenbewegung der DDR aufzubauen. 

Die Rolle des Staates, die Rolle der Kirche

Nichtstaatliche Frauenbewegung meint in diesem Zusammenhang eigenverantwortliche Initiativen außerhalb der staatlichen Kontrolle. 

Mit der verfassungsrechtlichen Gleichstellung von Mann und Frau in der DDR 1949, dem Recht auf Arbeit und der Vergesellschaftung der Kinderbetreuung waren die formalen sozial-ökonomischen Ursachen der Frauendiskriminierung vermeintlich beseitigt worden. Doch eine unzureichende gesellschaftliche Diskussion über soziale Werte und Rollenverteilungen ließ eine Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit wachsen. Diese Diskrepanz wurde zum privaten Problem erklärt, und auch oftmals so empfunden. Dort, wo Frauen in Gruppen zusammenkamen, wurde jedoch schnell deutlich, dass die Doppelbelastung der Frau keineswegs ein Problem der Einzelnen war. So entstanden ab den 1980er Jahren Hauskreise, Frauenkreise in der Kirche und Arbeitskreise für Homosexuelle. 

Im Rahmen des feministischen Diskurses fanden viele der Frauengruppen ihren Platz unter dem Dach der evangelischen Kirche. Gottesdienste, Andachten, Mahnwachen blieben von Staat und Partei weitestgehend unbehelligt und konnten als Raum für Protest oder zur Informationsvermittlung dienen.

Innerhalb der sich formierenden Frauengruppen lassen sich drei wesentliche Strömungen erkennen: 1. „Die Frauen für den Frieden“ als Frauengruppen der Bürgerrechtsbewegung sowie die nichtkirchlichen Frauengruppen in und außerhalb der Kirche, 2. die kirchlichen Frauengruppen und 3. die Lesbengruppen innerhalb und außerhalb der Arbeitskreise Homosexualität. 

Die Themen der Frauengruppen waren unterschiedlich. So setzten sich die „Frauen für den Frieden“ u.a. mit der Wehrpflicht, Erziehungsfragen und dem Bau von Atomkraftwerken auseinander. Den Lesbengruppen ging es meist um Anerkennung ihrer Lebensweise oder den Austausch untereinander. Das Themenspektrum der unter dem Dach der Kirche organisierten Frauengruppen reichte von traditionell bis feministisch, von alltäglichen bis theologischen Fragen. Die Methoden der Frauengruppen ähnelten sich jedoch. Sie trafen sich regelmäßig zu Gesprächskreisen, Themenabenden oder Wochenendseminaren. Sie fertigten Plakate, Handzettel, Rundbriefe, Einladungen und interne Zeitungen an. Weniges davon drang in die Öffentlichkeit, fast alles blieb innerhalb der Gruppen. 

Netzwerke

Da sich im Laufe der 1980er Jahre über 100 verschiedene Frauengruppen mit mehr oder weniger ähnlichen Motiven in der DDR gründeten, ein lockeres Netzwerk zur Kommunikation und Koordinierung von Aktivitäten bestand und DDR-weite Treffen stattfanden, mag es gerechtfertigt sein, von einer Bewegung zu sprechen. Das Verhältnis zum Staat war schwierig: Er war gefürchteter Gegner und zum Dialog aufgeforderter Gesprächspartner zugleich. 

Die vielen Vorschriften und Verbote im überwachten Alltag der DDR bedeuteten für die Praxis z.B. Einzeleingaben zu verfassen, statt Unterschriftensammlungen einzureichen oder die Kirche als Dachorganisation zu nutzen, statt eine eigene Vereinigung zu gründen. Zum Austausch untereinander wurden Veranstaltungen wie Feste, Gebete, Mahnwachen oder auch die Kirchentage genutzt. 

Neben regionalen Netzwerken entstanden DDR-weite. Als Ende 1989 der Wunsch nach einem bundesweiten, alle Frauen vertretenden Netzwerk lauter wurde, konkretisierte sich die Idee des Unabhängigen Frauenverbandes. Dieser wollte ein öffentliches Bewusstsein für frauenpolitische Themen schaffen und eine paritätische Beteiligung der Frauen an sämtlichen politischen und ökonomischen Entscheidungen etablieren und erfuhr in der Umbruchszeit starken Zulauf.

In seinem Schriftgutbestand lässt sich nicht nur sein eigener Transformationsprozess nachvollziehen, sondern auch derjenige der Frauenbewegung der DDR. 

Die Vernetzung der Frauen und Frauengruppen untereinander in der DDR zeigt sich auch in den Unterlagen zu den unterschiedlichen Frauentreffen im Archiv GrauZone. So sind zahlreiche Protokolle, Berichte, Einladungen, Programme und handschriftliche Aufzeichnungen zu den Frauengruppentreffen in Leipzig, Magdeburg, Karl-Marx-Stadt und Weimar überliefert. Des Weiteren existieren Materialien zu verschiedenen Frauenseminaren, zu Lesbenwerkstätten und zu weiteren Arbeitskreisen. 

Das Archiv

Das Archiv GrauZone blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück, welche es zu dem werden ließ, was es heute ist.

Die Sammlung wurde 1988 von der Gruppe Frauenzentrum Fennpfuhl begonnen. 1987 gegründet, löste sie sich im Kontext der politischen Ereignisse im Winter 1989/1990 schließlich 1990 auf. Der Wunsch, die Bewegung zu dokumentieren und die inoffiziellen Schriften der DDR-Frauenbewegung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, blieb. Eine Bewegung, die über Jahrzehnte nicht sichtbar war, sollte endlich sichtbar werden.

Neben dem Sammeln und Archivieren, um die wissenschaftliche und nichtwissenschaftliche Arbeit der Frauen der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, wollte das Projekt „Graue Literatur. Archiv der Frauenbewegung in der DDR“ auch eine Begegnungsstätte sein. Für Wissenschaftlerinnen, die sich Frauenthemen widmen und als Anlaufpunkt für Begegnungen von Frauen aus der ostdeutschen Frauenbewegung. 

Nach einem Jahr intensiver Arbeit an den Beständen der GrauZone entschlossen sich die drei Projektmitarbeiterinnen Samirah Kenawi, Barbara Pietsch und Helga Uhlenhut eine Namensänderung vorzunehmen. Barbara Pietsch, Diplom-Dokumentarin und seit 1992 in der GrauZone tätig, schrieb dazu: „Es gab verschiedene Möglichkeiten, die Dokumente formal und inhaltlich aufzubereiten. Wir entschieden uns für die dokumentarische Methode. [...] Nach eingehender Beschäftigung mit der Spezifik Frauenarchiv/-bibliothek erkannten wir, dass sich solche Einrichtungen eigene Ordnungsprinzipien aufgebaut haben. Für unseren spezifischen Bestand gab es keine vergleichbaren Ordnungsprinzipien, so dass wir uns gezwungen sahen, eigene Methoden zu entwickeln.“ (Pietsch, Barbara: Begründung für den Namenwechsel des Archivs „Graue Literatur“ [1994], unerschlossener Bestand Geschäftsunterlagen GrauZone im Archiv der DDR-Opposition).

Der Begriff „Graue Literatur“ sollte ebenfalls geändert werden, da die Bestände des Archivs wesentlich mehr umfassten. So wurde aus dem Archiv „Graue Literatur“ die „GrauZone – Dokumentationsstelle zur nichtstaatlichen Frauenbewegung“. Ab 2000 nannte sich die GrauZone schließlich „GrauZone – Archiv der ostdeutschen Frauenbewegung“. 

Und heute?

Nachdem das Archiv GrauZone die Räume der Robert-Havemann-Gesellschaft bereits seit 1997 genutzt hatte, übergab Samirah Kenawi das gesamte Archiv GrauZone 2003 der Robert-Havemann-Gesellschaft.

Die Sammlung des Archivs umfasst heute ca. 28 laufende Meter Schriftgut und enthält Informationen und Geschichten von Frauengruppen, die so in keinem anderen Archiv zu finden sind. Der Bestand des Archivs GrauZone teilt sich in Frauenbewegung der DDR, Unabhängiger Frauenverband (UFV), Samisdat (aus dem Russischen: Selbstverlag, oppositionelle Literatur u.a. in der DDR), wissenschaftliche Arbeiten und Zeitschriftensammlung. Des Weiteren liegen Foto-, Audio- und Videomaterial, Transparente, Plakate und einige Objekte bei. 

Unter den Punkt Frauenbewegung der DDR befinden sich die persönlichen Sammlungen sowie die Gruppenbestände. Wichtige Akteurinnen wie Karin Dauenheimer, Samirah Kenawi oder Marinka Körzendörfer sind in den persönlichen Archivbeständen durch ihre Korrespondenzen und Selbstzeugnisse abgebildet. Aber auch die Unterlagen der Gruppen, in der die jeweiligen Frauen aktiv waren, sind enthalten. So umfassen z.B. die Bestände von Christiane Dietrich und Petra Streit Materialien der Aktivitäten in der Teestube Weimar. Die Frauen der Teestube Weimar setzten sich verstärkt mit dem Thema Gewalt gegen Frauen auseinander. Sie hielten DDR-weit Vorträge, schrieben Essays und führten eine anonyme Umfrage unter Frauen zum Thema Gewalterfahrung von Frauen in der DDR durch. Teile der Fragebögen sowie die Auswertung dieser Umfrage befinden sich in ihren Beständen.

Neben den Personenbeständen existieren zu insgesamt 13 Frauengruppen Unterlagen. Es handelt sich dabei um den Arbeitskreis Homosexualität Leipzig, Autonome Brennnessel, frau anders, Frauen für den Frieden, Frauenzentrum Fennpfuhl, Berlin, Frauenzentrum Weimar, hex libris, Künstlerinnengruppe Erfurt, lila offensive und GrauZone. 

Die persönlichen Sammlungen enthalten Unterlagen von 90 Frauen und einem Mann, Rudi Pahnke. Hier sind verschiedene Materialien von Gruppen aus der Frauenbewegung in der DDR zu finden, u. a. der Frauen für den Frieden Eisenach, des Feministischen Arbeitskreises und der Gruppe Alleinstehender Frauen Dresden. Auch Materialien der verschiedenen Fraueninitiativen, die sich v. a. 1989/1990 bildeten, sind hier archiviert, wie z. B. der Fraueninitiative Magdeburg e.V., des Berliner Autonomen Frauenzentrums und der Frauen für Veränderung Erfurt. 

Neben den Unterlagen von Gruppen, Initiativen und zu verschiedenen Frauengruppentreffen befinden sich auch zahlreiche persönliche Unterlagen der Frauen wie Eingaben, Briefwechsel und handschriftliche Aufzeichnungen in diesen Sammlungen. Sie geben Aufschluss über das Alltagsleben in der DDR und zeigen auf, mit welchen Themen sich die Frauen beschäftigt haben. 

Der Samisdat und die Zeitschriftensammlungen enthalten u.a. „Das Netz“, „lila band“, „frau anders“ sowie „Die Andere Welt“ und "Die Monatliche. Frauen-Abhängige Zeitung für Thüringen“.

Der Bestand des Unabhängigen Frauenverbandes bildet den größten Teil der Überlieferung im Archiv GrauZone. Das Material des Unabhängigen Frauenverbandes dokumentiert dessen Arbeit von seiner Gründung im Dezember 1989 bis zu seiner Auflösung 1998. Es enthält neben den Akten aus dem Bundesbüro, Mitschriften von Zusammenkünften, Briefwechsel, Redemanuskripte und Themensammlungen. Zudem finden sich in dem Bestand Unterlagen zur frauenpolitischen Arbeit am Zentralen Runden Tisch und am Frauenpolitischen Runden Tisch der DDR, sowie zum Wahlbündnis des UFV mit der Grünen Partei anlässlich der Volkskammerwahl im März 1990. Der Teilbestand UFV des Archivs GrauZone wird aktuell im Rahmen eines durch das Digitale Deutsche Frauenarchiv geförderten Projektes überarbeitet. 

Somit wird das Schriftgut des Archivs GrauZone bis zum Jahresende nahezu komplett überarbeitet und zugänglich sein und uns Perspektiven, Positionen und Diskussionen, die die Frauenbewegung, aber auch die einzelne Frau der DDR und darüber hinaus beschäftigten, aufzeigen. 

Die Themen der Frauen von damals sind in vielen Punkten noch immer aktuell. Auf dem langen Weg zu einer wirklichen Gleichberechtigung aller Geschlechter benötigen wir ein vollständiges Bild der Vergangenheit. Dazu gehört es auch, die ostdeutsche Frauenbewegung wahr und ernst zu nehmen und aus ihrer Grauzone zu holen.

Literaturliste

Archiv GrauZone: Bestandsverzeichnis der Sammlung zur ostdeutschen Frauenbewegung, Berlin, 2001 

Garcia Hernandez, Rebecca: Archiv GrauZone – Archivfachliche Überarbeitung für die Öffentlichkeit, Hochschulschrift, Potsdam, 2017

Hampele-Ulrich, Anne: Der Unabhängige Frauenverband. Ein frauenpolitisches Experiment im deutschen Einigungsprozess, Promotion, Berlin 1996

Kenawi, Samirah: Beschreibung des Projektes „Grau Literatur – Archiv der Frauenbewegung der DDR, 21.1.1992, unerschlossener Bestand Geschäftsunterlagen GrauZone im Archiv der DDR-Opposition/ Robert-Havemann-Gesellschaft e.V.

Kenawi, Samirah: Frauengruppen in der DDR der 80er Jahre. Eine Dokumentation, Berlin, 1995

Adresse und Kontakt 

Robert-Havemann-Gesellschaft e.V.
Archiv der DDR-Opposition
Ruschestraße 103, Haus 17
10365 Berlin
Filiz Gisa Cakır
Tel.: +49 (0) 30 577 9980 15
Email: fc [at] havemann-gesellschaft [dot] de

Öffnungszeiten 

Montag, Donnerstag, Freitag 9 bis 16 Uhr;
Mittwoch 9 bis 20 Uhr 

Zur Nutzung des Archivs wird um eine Voranmeldung gebeten. 

 

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