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Sinnstrukturen von (Post-) Kolonialrassismus, Antiziganismus und modernem Antisemitismus

Dr. Markus End ist Politik- und Erziehungswissenschaftler und Fellow am Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin. Er beschäftigt sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit Antiziganismus.

Von Markus End

Ressentiments lassen sich in vielerlei Hinsicht untersuchen. Im Folgenden wird es nicht um die konkrete Diskriminierungs- und Verfolgungsdimension gehen, sondern um die gesellschaftlichen Stereotype und Bilder, die die Basis für entsprechende Praktiken bieten. Ich wähle dabei den Begriff des Ressentiments als möglichen Überbegriff.

Über das Verhältnis antisemitischer und rassistischer Bilder, über Gemeinsamkeiten und Unterschiede wird aus verschiedenen Perspektiven und häufig kontrovers diskutiert. Ein Problem dabei ist, dass in der Diskussion oftmals unterschiedliche theoretische Ansätze und Begrifflichkeiten gewählt werden. Ein anderes Problem besteht darin, dass – je nach Interesse – mitunter sehr schnell große Gemeinsamkeiten oder große Unterschiede gesucht werden, ohne notwendige Übersetzungsleistungen vorzunehmen. Dies ist insbesondere deshalb relevant, weil Rassismusforschung einerseits und Antisemitismusforschung anderseits bedauerlicherweise häufig stark separiert vorgenommen werden und sich somit in unterschiedlichen Wissenschaftskontexten und vor unterschiedlichem Theoriehintergrund entwickelt haben. Demgegenüber wird hier argumentiert, dass eine reflexive vergleichende Perspektive geeignet ist, Gemeinsamkeiten und Unterschiede, aber auch Verwobenheiten, Verschiebungen, Überlappungen, Ergänzungen und andere Verhältnisbestimmungen von Ressentiments vorzunehmen. Ein frühes Beispiel hierfür bilden die Antisemitismus-Thesen in der Dialektik der Aufklärung, in denen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno an verschiedenen Stellen Verhältnisbestimmungen unterschiedlicher Ressentiments wie Rassismus, Antiziganismus und Sexismus zum Antisemitismus vornehmen (Horkheimer/Adorno, 1989).

Für die Forschung wie für die Bildungsarbeit wäre es insbesondere wichtig, bei der Kritik von Ressentiments von den konkret kommunizierten Stereotypen und Bildern auf ihre Logiken, auf ihre Sinnstruktur zu abstrahieren (Holz, 2001). Mit Sinnstruktur beschreibt Klaus Holz eine semantische Struktur von Antisemitismus, die diesen unabhängig vom jeweiligen geschichtlichen oder räumlichen Kontext ausmacht. Hier soll ein theoretischer Ansatz vorgestellt werden, der auf einer spezifischen Lesart der Dialektik der Aufklärung basiert und daran anschließend auf einem Vergleich der Sinnstruktur verschiedener Ressentiments beruht (End, 2016).

Die Hauptthese dieser Darstellung besteht darin, dass die Funktion der im (Post-) Kolonialrassismus, im Antiziganismus und im Antisemitismus vorherrschenden Sinngehalte darin besteht, Bedrohungen und unerwünschte Züge von Natur, von Vorzivilisation und von Überzivilisation aus der eigenen Person und aus der eigenen Gruppe herauszuprojizieren und sie im vermeintlich ‚Fremden‘ zu verorten. (Post-) Kolonialrassismus, Antiziganismus und Antisemitismus kommen somit eine jeweils unterscheidbare und sich gegenseitig ergänzende Funktion in der Konstitution und Aufrechterhaltung des ressentimentgeladenen Subjekts zu.

Ich möchte das an einem spezifischen Komplex verdeutlichen. Alle drei Ressentiments kennen eine Variante des ‚fremden Mannes‘, der eine vermeintliche Bedrohung für die ‚weiße deutsche Frau‘ darstelle. Dieser Projektion kommt eine Stabilisierungs- und Legitimationsfunktion für das heterosexuelle Geschlechterverhältnis und damit für sich selbst in der Dominanzkultur (Rommelspacher 1995) verortende Männer wie Frauen zu. Das dominanzkulturelle Ausagieren des gewaltvollen hierarchischen Geschlechterverhältnisses wird legitimiert, indem das vermeintlich illegitime Verhalten der ‚Anderen‘ delegitimiert wird. ‚Weiße Männer‘ können sich dabei als Beschützer der ‚eigenen Frauen‘ wahrnehmen und darstellen, ‚weiße Frauen‘ ihre Reinheit und Unschuld betonen. Gleichzeitig beinhalten diese Vorstellungen eine Drohung an die ‚weiße Frau‘, ihren Status zu verlieren, wenn sie sich freiwillig mit den vermeintlich ‚Fremden‘ einlassen. Die Art und Weise der imaginierten Bedrohung für die ‚weiße Frau‘ ist jedoch sehr unterschiedlich, dies möchte ich jeweils an einem Beispiel verdeutlichen:

‚Schwarzen‘ wird in kolonialrassistischen Vorstellungen eine rein körperliche Sexualität zugeschrieben. Es werden naturhafte, stark ausgeprägte und unkontrollierbare sexuelle Instinkte vorgestellt, körperliche Potenz wird durch die Vorstellung ausgeprägter Geschlechtsteile und muskulöser Körper imaginiert. Dies lässt sich an der rassistischen Kampagne gegen die als „Schwarze Schmach“ wahrgenommene Besetzung des Rheinlands in den 1920er Jahren durch die französische Armee, in der auch Kolonialsoldaten Dienst leisteten, verdeutlichen. Die schwarzen Soldaten wurden pauschal der Vergewaltigung weißer deutscher Frauen bezichtigt, in der Berichterstattung, in Geschichten und Zeichnungen wurden sie als riesig, muskulös oder affenartig beschrieben, ihr Verhalten wurde als gewalttätig, triebgesteuert und animalisch dargestellt (Wigger, 2007). Eine vermeintlich überbordende Potenz wurde unmittelbar mit einer besonderen Nähe zu Natur erklärt. 

Auch in antisemitischen Vorstellungen besteht eine Bedrohung der ‚weißen Frau‘ durch männliche ‚Juden‘, diese wird jedoch gänzlich anders imaginiert. So erklärt Hitler in „Mein Kampf“ die für die ‚eigenen Frauen‘ gefährliche Sexualität „des Juden” mit einer Neigung zu „Prostitution und mehr noch zum Mädchenhandel” (Hitler, 2016, 219). An anderer Stelle führt er aus, „die Verführung von Hunderttausenden von Mädchen durch krummbeinige, widerwärtige Judenbankerte” sei nicht möglich, „[w]ürde nicht die körperliche Schönheit heute vollkommen in den Hintergrund gedrängt durch unser laffiges Modewesen“ (Hitler, 2016, 1153). Hier wird männlichen ‚Juden‘ „körperliche Schönheit“ explizit abgesprochen, stattdessen wird – entsprechend der Sinnstruktur des Antisemitismus – auf moderne Elemente wie Mode, Geld und Handel Bezug genommen, um die vermeintlich gefährliche Sexualität ‚des Juden‘ zu begründen. 

Auch antiziganistische Darstellungen männlicher ‚Zigeuner‘ sehen eine Bedrohung, verorten diese jedoch zumeist weder in körperlichen Merkmalen noch in übermodernen Eigenschaften, sondern in der Zuschreibung archaischer und damit verführerischer Lebensweise: Tanz und Musik, Ungebundenheit und Freiheit werden als die anziehenden Eigenschaften beschrieben. So tauchen diese Stereotype in popkulturellen Darstellungen häufig in philoziganistischer Fassung als vermeintlich positive Bilder auf, die dennoch nur die Kehrseite der Medaille darstellen. Ein typisches Beispiel ist die von Johnny Depp gespielte Figur eines ‚Flusszigeuners‘ in dem Spielfilm „Chocolat“ (Hallström, 2000): Der gesamte Film thematisiert Disziplin und Ordnung als Gegensatz zu Hingabe, Geschmack und Leichtigkeit. Er behandelt damit genau jenen vermeintlichen Gegensatz, der immer wieder im Antiziganismus thematisiert wird. Und so taucht die Figur eines ‚Flußzigeuners‘ auf, Musik spielend, leidenschaftlich, verführerisch und am Ende doch haltlos und flüchtig. In ihn verliebt sich die Protagonistin, die sich selbst als außerhalb der Gesellschaft stehend verortet. Für die fiktiven Dorfbewohner*innen wie die realen Zuseher*innen soll Depps Figur das Verführerische des Vormodernen, Mimetischen und Undisziplinierten darstellen, Versuchung und Bedrohung in einem. 

Durch den Vergleich der drei ressentimentgeladenen männlichen Figuren, die jeweils als Bedrohung für die als keusch, unschuldig und diszipliniert vorgestellte ‚weiße Frau‘ imaginiert werden, konnte idealtypisch das Verhältnis der vorherrschenden Sinnstrukturen des (Post-)Kolonialrassismus, des Antiziganismus und des (modernen) Antisemitismus erläutert werden. Alle drei Ressentiments erfüllen die Funktion, den dominanzkulturellen Entwurf des – insbesondere männlichen – Subjekts zu stärken und abzustützen, indem sie die Projektion gesellschaftlich unerwünschter Eigenschaften ermöglichen. Die jeweils projizierten Sinngehalte unterscheiden sich jedoch grundlegend voneinander. Während im (Post-)Kolonialrassismus Vorstellungen von reiner Naturhaftigkeit vorherrschen und Projektionen des Antiziganismus geprägt sind von Imaginationen archaischer Gesellschaftsformen, finden sich in antisemitischen Projektionen vorwiegend Darstellungen von Überzivilisiertheit. Eine vergleichende Perspektive ermöglicht dabei sowohl ein besseres Verständnis der Funktionen von Ressentiments für die Konstitution des dominanzkulturellen Subjekts als auch für das Verhältnis unterschiedlicher Ressentiments zueinander. 

Literatur 

End, M. (2016) ‘Die Dialektik der Aufklärung als Antiziganismuskritik. Thesen zu einer Kritischen Theorie des Antiziganismus’, in Stender, W. (Hrsg.) Konstellationen des Antiziganismus: Theoretische Grundlagen, empirische Forschung und Vorschläge für die Praxis. Wiesbaden, S. 53–94.

Hallström, L. (2000) Chocolat.

Hitler, A. (2016) Mein Kampf: eine kritische Edition. Herausgegeben von Hartmann et al. München, Berlin.

Holz, K. (2001) Nationaler Antisemitismus. Wissenssoziologie einer Weltanschauung. Hamburg.

Horkheimer, M. und Adorno, T. W. (1989) Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt am Main.

Rommelspacher, B. (1995): Dominanzkultur. Texte zu Fremdheit und Macht. Berlin.

Wigger, I. (2007) Die ‘Schwarze Schmach am Rhein’: Rassistische Diskriminierung zwischen Geschlecht, Klasse, Nation und Rasse. Münster.

 

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