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Forschungsprojekt „Frühe Texte der Holocaust- und Lagerliteratur“

Charlotte Kitzinger ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der JLU Gießen. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die frühen Texte der Holocaustliteratur von 1933 bis 1949, fiktionale Texte der Holocaustliteratur bis in die Gegenwart sowie die Beschäftigung mit der grundsätzlichen Bedeutung des Erzählens für den Menschen. Promotionsprojekt: „Fiktionen über den Holocaust. Zu der Notwendigkeit und den Grenzen von Geschichten über Geschichte“.

„Frühe Texte der Holocaust- und Lagerliteratur“ ist ein Forschungsprojekt der AHL in Zusammenarbeit mit der Universitätsbibliothek der Justus-Liebig-Universität Gießen. In der Online-Datenbank werden frühe deutschsprachige Texte der Holocaust- und Lagerliteratur von 1933 bis 1949 erfasst und Informationen zu Autor und Werk bereitgestellt. Zum Projekt gehört auch eine digitale Sammlung mit frei verfügbaren Werken der Holocaust- und Lagerliteratur. Charlotte Kitzinger geht in ihrem Beitrag auf das Projekt und auf die Bedeutung der frühen Literatur für den Erinnerungsdiskurs ein.

Von Charlotte Kitzinger

Ein zentrales Projekt an der Arbeitsstelle Holocaustliteratur stellt in Zusammenarbeit mit der Universitätsbibliothek (UB) der Justus-Liebig-Universität Gießen der Aufbau einer Online-Datenbank zu den frühen Texten der Holocaust- und Lagerliteratur von 1933 bis 1949 dar.[1] 

Die Bedeutung der frühen Texte für den Erinnerungsdiskurs

Bereits ab 1933 erschienen im Exil parallel zur nationalsozialistischen Verfolgung und späteren Vernichtung literarische Werke, die die vielfältigen und sehr unterschiedlichen Etappen und Ereignisse des Holocaust beschreiben und thematisieren. Vor allem aber in der Phase zwischen 1945 und 1949 wurden zahlreiche deutschsprachige Texte publiziert. Nicht nur Erinnerungsberichte und dokumentarische Werke, sondern auch Romane, Erzählungen, Gedichte und Dramen erzählen vom Geschehenen.

Diese frühen Texte der Holocaust- und Lagerliteratur stehen am Anfang der Ausbildung des Diskursfeldes der Holocaustliteratur. Diese ersten Autoren wussten nichts von Theodor W. Adornos Diktum[2], von der späteren Gattungsdiskussion oder von der Entwicklung, die die Vergangenheitsbewältigung und Gedenkkultur in Deutschland nehmen würde. Es gab noch keine bekannten oder etablierten Metaphern und Symbole des Holocaust, keine spezifischen Topoi und Textkonventionen und eine damit verbundene Einreihung in eine Tradition des Schreibens über den Holocaust. Mit den frühen Texten wurden diese erst ‚angelegt‘ und tradiert. Insofern waren diese Werke die allerersten Versuche, Möglichkeiten des Schreibens über den Holocaust auszuloten, eine Sprache für das vermeintlich Unsagbare und einen Sinn in der totalen Sinnlosigkeit zu finden. Gerade diesen Texten kommt daher ein besonderer Stellenwert zu. Sie legen ein doppeltes Zeugnis ab: Von den nationalsozialistischen Verbrechen selbst, zu denen sie in unmittelbarer zeitlicher und räumlicher Nähe stehen, aber auch von den spezifischen Entstehungskontexten. 

Nach wie vor besitzt das Erinnerungsgebot an den Holocaust hohe politische und öffentliche Relevanz. Schon bald wird es jedoch keine unmittelbaren Zeug*innen der NS-Verbrechen mehr geben. Übrig bleiben dann ‚nur‘ noch die Texte, die von der Katastrophe zeugen, diese dokumentieren oder erzählerisch gestalten. In weiten Teilen sind jedoch gerade diese frühen Darstellungen vergessen und aus dem kollektiven Gedächtnis gedrängt worden. Ein Großteil dieser historisch wichtigen Zeugnisse, die als erste die Verbrechen des Holocaust und der Konzentrationslager aufgreifen, kann heute nur mit großem Aufwand beschafft werden. 

Die UB Gießen und die AHL stellen daher in der Sammlung „Frühe Holocaustliteratur“ in dem Portal DIGISAM unter https://digisam.ub.uni-giessen.de/ubg-ihd-fhl die urheberrechtlich frei verfügbaren deutschsprachigen Werke der Holocaust- und Lagerliteratur von 1933 bis 1949 als elektronische Volltexte der Öffentlichkeit zur Verfügung. Ziel ist es, gerade mit Blick auf ihre wachsende Bedeutung nach dem ‚Zeitalter der Zeitzeugen‘, diese Zeugnisse der Opfer wieder auffindbar zu machen und sie einer breiteren – öffentlichen, wissenschaftlichen und didaktischen – Nutzung zuzuführen. Die Texte wurden in der UB digitalisiert und sind dort auch in Printform vorhanden. Diese Plattform wird kontinuierlich um digitalisierte vergriffene und sogenannte verwaiste deutschsprachige Volltexte erweitert.

Online-Datenbank „Frühe Texte der Holocaust- und Lagerliteratur“

Ergänzend dazu und verknüpft mit den Volltexten erfasst die Online-Datenbank „Frühe Texte der Holocaust- und Lagerliteratur“ unter http://www.fruehe-texte-holocaustliteratur.de die frühen Texte der deutschsprachigen Holocaust- und Lagerliteratur von 1933 bis 1949 erstmals bibliografisch. Die Inhalte der Datenbank lassen sich etwa nach Werktiteln, Autor*innennamen, Genre, Publikationsjahr, Orten und nach Verlagen durchsuchen und ermöglichen so vielfältige Rechercheszenarien.

Aufgenommen werden selbstständig publizierte deutschsprachige Werke. Neben Inhaltszusammenfassungen, in denen mitunter auch auf auffällige literarische Strategien hingewiesen wird, werden Autorenbiografien und Werkgeschichten bereitgestellt, sofern solche Informationen ermittelt werden können. Dies ist jedoch aus unterschiedlichen Gründen nicht in allen Fällen möglich, einige der Werke sind zum Beispiel anonym erschienen oder wurden unter einem Pseudonym verlegt, das oftmals nicht mehr aufzulösen ist. Daher führen (Archiv-)Recherchen zu Werk und Autor mitunter nur zu dürftigen oder keinen Ergebnissen.
Im Oktober 2019 wurde die Datenbank erstmals zur öffentlichen (und kostenfreien) Nutzung freigegeben, wird dabei jedoch kontinuierlich ergänzt und erweitert.

Forschungsprojekte und -perspektiven

Die Online-Bibliografie mit den zugänglichen Volltexten ermöglicht neue Fragestellungen und Forschungsfelder. Vor allem für die Bildungs- und lebendige Erinnerungsarbeit kann die Datenbank einen wichtigen Beitrag leisten, weshalb dieser in einem eigenen Artikel nachfolgend ausführlicher dargestellt wird.
An der Arbeitsstelle Holocaustliteratur sind aus dem Projekt heraus außerdem bislang zwei Dissertationsvorhaben entstanden.

Anika Binsch setzt sich in ihrem Forschungsprojekt mit der Produktions- und Rezeptionsproblematik der Lagerliteratur deutschsprachiger Autoren unter westalliierter Besatzung von 1945 bis 1949 auseinander. Sie lotet aus, unter welchen Bedingungen diese Texte entstehen konnten und wie sie rezipiert wurden. Die hohe Publikationsrate im Angesicht der alliierten Besatzungs- und Medienpolitik sowie der prekären Verhältnisse im Bereich der Buchproduktion lässt vermuten, dass eben diesen frühen Textzeugnissen eine gewichtige Funktion zugesprochen wurde und – trotz teils rigider – Kontrollmaßnahmen durch die Alliierten ein geeignetes Umfeld für die Veröffentlichung der Texte vorherrschte. Zudem weisen Forschungsergebnisse einschlägiger Studien darauf hin, dass die Argumentation, die Texte seien einer allgemeinen Vergangenheitsverdrängung anheimgefallen, zu kurz greift. Vielmehr zeigt sich, dass eine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der Verfolgungs- und Vernichtungspolitik durchaus stattgefunden hat und trotzdem zum Ausschluss der überwiegenden Mehrheit der Texte aus dem kollektiven Gedächtnis geführt hat.

Um das Spannungsfeld offenzulegen, in dem die frühen Zeugnisse entstanden, werden Akten der amerikanischen und britischen Besatzungsmacht herangezogen; die Produktionsphase wird sozusagen als vorgelagerte Rezeptionsphase verstanden und die Zusammenhänge zwischen der Publikation von KZ-Texten und den kulturpolitischen Zielen der beiden westlichen Alliierten werden erstmals detailliert offengelegt.

Es werden vor allem aber auch die Texte selbst intensiv narratologisch analysiert sowie die damaligen zeitgenössischen Rezensionen zur Rate gezogen. Die Arbeit geht von der These aus, dass die in der offiziellen Literaturkritik der unmittelbaren Nachkriegszeit häufig formulierte „berechtigt[e] Abwehr“ (Borchert 2015 [1947]: 498) gegenüber den Textzeugnissen ganz wesentlich mit ihrer narrativen Inszenierung von Erinnerungs- und Deutungsmustern, aber auch ihren paratextuellen Präsentationsformen zusammenhängt. 

Charlotte Kitzinger untersucht in ihrem Dissertationsprojekt welche Rolle das Erzählen grundsätzlich für den Menschen hat. Insbesondere geht sie aber der Frage nach der Bedeutung von Fiktionen über den Holocaust nach – auch und gerade für die frühen Texte. Für jede Form des (narrativen) Erinnerns und der Bewältigung von traumatischen Ereignissen wie dem Holocaust – etwa in Form des Literarisierens der Lebensereignisse – sind bestimmte grundlegende und kognitive Fähigkeiten nötig, die diese Prozesse ermöglichen und lenken. Die Arbeit untersucht anhand zahlreicher Beispiele, wie fiktionale Werke der Holocaust- und Lagerliteratur von dem geschichtlichen Ereignis des Holocaust und oftmals von den individuellen und persönlichen Lebensgeschichten und Traumata der Autor*innen erzählen. Dargelegt wird auch, wie diese Texte die psychosozialen Konsequenzen von Verfolgung, Ausgrenzung, Krieg, Vernichtung und Tod narrativieren. Untersucht wird dabei, welche Ausdrucks- und Bewältigungsstrategien die Fiktion bietet und welche Bedeutung das Erzählen, Erschaffen und Gestalten von Lebenserinnerungen und historischen Ereignissen durch Geschichten haben kann. 

Literatur

Adorno, Theodor W.: Kulturkritik und Gesellschaft [1951]. In: Kiedaisch, Petra (Hg.): Lyrik nach Auschwitz? Adorno und die Dichter. Stuttgart: Reclam, 1995, S. 27-49.

Adorno, Theodor W.: Meditationen zur Metaphysik [1966]. In: Kiedaisch, Petra (Hg.): Lyrik nach Auschwitz? Adorno und die Dichter. Stuttgart: Reclam, 1995, S. 55-63. 

Borchert, Wolfgang: Kartoffelpuffer, Gott und Stacheldraht. KZ-Literatur [1947]. In: Wolfgang Borchert: Das Gesamtwerk. Hg. v. Michael Töteberg. Unter Mitarbeit von Irmgard Schindler. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2015, S. 497-504.  


[1] Das aktuelle Projekt „Frühe Texte der Holocaust- und Lagerliteratur“ ist aus dem Kooperationsprojekt „GeoBib – Online-Bibliographie früher Holocaust- und Lagerliteratur“ hervorgegangen. An der Entwicklung einer annotierten und georeferenzierten Online-Bibliographie der frühen deutsch- bzw. polnischsprachigen Holocaust- und Lagerliteratur (1933-1949) zur Erforschung von Erinnerungsnarrativen waren neben der AHL das Zentrum für Medien und Interaktivität (ZMI), die Professur für Angewandte Sprachwissenschaft und Computerlinguistik, das Institut für Geographie (alle JLU Gießen) sowie das Herder-Institut (Marburg) beteiligt. Gefördert wurde das Projekt von 2012 bis 2015 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF).

 

[2] 1951 schrieb Theodor W. Adorno in „Kulturkritik und Gesellschaft“, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, sei „barbarisch“. Dieser oft falsch interpretierte und als Diktum missverstandene Satz wurde häufig als Verbot gedeutet, nach Auschwitz über den Holocaust zu dichten und literarische Texte zu verfassen (vgl. Adorno 1995 [1951]: 49). Adorno selbst hatte den Satz in der Folge mehrfach eingeschränkt und schließlich 1966 in „Meditationen zur Metaphysik“ widerrufen: „Das perennierende Leiden hat soviel Recht auf Ausdruck wie der Gemarterte zu brüllen; darum mag falsch gewesen sein, nach Auschwitz ließe kein Gedicht mehr sich schreiben“ (Adorno 1995 [1966]: 57). 

 

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