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80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen. Projekte der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz

Svea Hammerle studierte im Masterstudiengang Holocaust Communication and Tolerance am Touro College Berlin und arbeitet derzeit als wissenschaftliche Volontärin der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz.

Von Svea Hammerle

Anlässlich des 80. Jahrestags des deutschen Überfalls auf Polen, am 1. September 2019, setzt sich die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz seit letztem Jahr intensiv mit diesem Thema auseinander. 

Der Historiker Jochen Böhler bezeichnet den deutschen Überfall auf Polen als „Auftakt zum Vernichtungskrieg“ (Böhler 2006): Wehrmacht sowie Polizei- und SS-Einheiten begingen in Polen bereits im September 1939 zahlreiche Verbrechen an der Zivilbevölkerung und den gegnerischen Soldaten. Die jüdische Bevölkerung wurde vielerorts Opfer von „Blitzpogromen“ und Massakern, die als „Vergeltungsmaßnahmen“ inszeniert wurden. SS-Einsatzgruppen und „Volksdeutscher Selbstschutz“ ermordeten zehntausende Angehörige der polnischen Intelligenz und der jüdischen Bevölkerung. Somit kam es bereits 1939 in Polen zur Entgrenzung des Kriegs und nicht, wie häufig angenommen, erst 1941 beim Krieg gegen die Sowjetunion. 

Daher betrachtet die Gedenk- und Bildungsstätte den deutschen Überfall auf Polen als einen Bestandteil der vielschichtigen und keineswegs linearen Entwicklungen, die dazu führten, dass am 20. Januar 1942 hochrangige Vertreter des SS- und Polizeiapparates, der Ministerialbürokratie und der NSDAP in der Villa am Wannsee zu einer Arbeitsbesprechung über die „Endlösung der Judenfrage“ zusammenkamen. 

Anders als in Polen steht der deutsche Überfall auf das Nachbarland 1939 jedoch in Deutschland im kollektiven Gedächtnis und in der Erinnerungskultur im Schatten des darauffolgenden Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion. Mit zwei Online-Projekten und einem wissenschaftlichen Sammelband versucht die Gedenk- und Bildungsstätte anlässlich des 80. Jahrestags, den Krieg in Polen weiter in das öffentliche Bewusstsein hinein zu rücken und hierdurch auch einen Beitrag zu einem transnationalen Dialog zu leisten.

Die erste Online-Ausstellung (Onlineausstellung Seeliger 2018) zu dieser Thematik wurde im November 2018 veröffentlicht. Sie wurde gefördert durch das Forschungs- und Kompetenzzentrum Digitalisierung Berlin (digiS) aus Mitteln der Senatsverwaltung für Kultur und Europa. Die Ausstellung präsentiert 97 Fotografien des ehemaligen Wehrmachtssoldaten Kurt Seeliger (1895-1968), der als Batterieführer der Beobachtungs-Abteilung 13 am deutschen Überfall auf Polen teilnahm und seine Kriegserlebnisse als begabter Amateurfotograf dokumentierte. 

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs war den deutschen Soldaten das Fotografieren an der Front nicht verboten, sie wurden vielmehr durch das Propagandaministerium sogar dazu angehalten, den Krieg zu dokumentieren. In vielen Einheiten wurden hierfür extra „Kompaniefotografen“ bestimmt. Die fotografierenden Soldaten wurden so gewissermaßen in den Dienst der NS-Propaganda gestellt. Die Abzüge wurden unter den Soldaten gezeigt, verschenkt, getauscht oder auch verkauft. Daher finden sich in Wehrmachtsfotoalben oder -sammlungen häufig Bilder unterschiedlicher Fotografen. Erst 1940 erließ das Oberkommando des Heeres Richtlinien und Verbote für das „Außerdienstliche Fotografieren im Operationsgebiet“, die 1941 durch das Verbot des Fotografierens von Exekutionen verschärft wurden (vgl. Bopp 2009).

Die Bilder Seeligers zeigen unterschiedliche, aber für Soldatenalben relativ typische Motive. Darunter unter anderem der „soldatische Alltag“, die Kriegszerstörungen, polnische Kriegsgefangene, die zivile Bevölkerung Polens – darunter auch „Volksdeutsche“ sowie Jüdinnen und Juden – aber auch Flucht und Vertreibung und sogar an der Bevölkerung durch Wehrmachtssoldaten verübte Verbrechen. 

Bei der Arbeit mit Wehrmachtsfotografien ist deren kritische Analyse und Kontextualisierung unerlässlich: Sie können nicht als verlässliche Quellen der Ereignisgeschichte betrachtet werden, da diese Fotografien nur zeigen können, wie der Krieg gesehen wurde – also die Täterperspektive. Es handelt sich bei fotografischen Quellen immer nur um die visuelle Repräsentation der subjektiven Wahrnehmung der Fotografen beziehungsweise der Soldaten. Sie sind geprägt von verschiedenen kulturellen und nationalen Realitätskonstruktionen, sowie von der nationalsozialistischen Ideologie und Propaganda. Somit können diese Fotografien über weit mehr Auskunft geben als nur über die auf ihnen abgebildeten Motive.

Alle Fotografien Seeligers wurden von der Gedenk- und Bildungsstätte digitalisiert und die Metadaten erfasst, die Sütterlin-Kommentare transkribiert und die Geodaten der Aufnahmen referenziert – das heißt, die geografischen Koordinaten der Aufnahmeorte der Fotografien wurden bestimmt. Inhaltlich wurden die Bilder erschlossen und nach Schlagworten geordnet. Zudem wurde der historische Hintergrund recherchiert. Die Webseite ist explorativ nutzbar: Die Startseite präsentiert Hintergrundinformationen zum deutschen Überfall auf Polen und zu Kurt Seeliger. Von dort kann entweder die Ausstellung angesehen werden, die anhand von 25 Fotografien die wichtigsten Themenkomplexe des deutschen Kriegs gegen Polen kontextualisiert. Es kann aber auch der Zugang über die Themen-, Orts-, und Personenlisten gewählt werden. Zudem beinhaltet die Online-Ausstellung eine interaktive Karte, auf der alle Aufnahmeorte der Fotografien lokalisiert dargestellt werden.

Zum Webseitenlaunch im November 2018 wurde ein Sammelaufruf veröffentlicht, der zum Folgeprojekt „Stumme Zeugnisse 1939“ führte. Der Aufruf richtete sich an die deutsche und polnische Öffentlichkeit. Dokumente und Fotografien, die den Krieg gegen Polen abbilden, sollten in Familiennachlässen gesucht und der Gedenk- und Bildungsstätte als Leihgabe überlassen werden. Die Verbreitung des Sammelaufrufs unterstützen ZEIT ONLINE und ZEIT GESCHICHTE, wodurch eine größere Reichweite erzielt werden konnte. Leider gelang es nicht, den Sammelaufruf auch in Polen medienwirksam zu verbreiten. Darum konnte die ursprünglich geplante Multiperspektivität, den Krieg sowohl aus deutscher als auch aus polnischer Perspektive zu zeigen, nicht hergestellt werden. Dies soll perspektivisch durch ein Nachfolgeprojekt ausgeglichen werden. 

Trotzdem war der Rücklauf des Sammelaufrufs beachtlich: Der Gedenk- und Bildungsstätte wurden fünf Fotoalben, zwei Fotokonvolute, drei Briefwechsel, vier Tagebücher und ein Fluglogbuch überlassen, drei weitere Fotoalben und ein Konvolut wurden von Kooperationspartnern, dem Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden und dem Münchner Stadtmuseum, beigesteuert. Der Rücklauf lässt erahnen, wie viele Quellen zum deutschen Überfall auf Polen sich noch in privaten Haushalten auffinden lassen. Zudem vermittelt er Hinweise darauf, wie groß das Interesse der Nachkommen – aus der Kinder- oder Enkelgeneration – der ehemaligen Wehrmachtssoldaten ist, sich mit diesen Familienerbstücken zu befassen. Bemerkenswert ist hierbei, dass über die Hälfte der Leihgeber*innen damit einverstanden waren, sowohl ihre eigenen als auch die Namen ihrer Vorfahren ohne Anonymisierung im Internet zu veröffentlichen; ungeachtet der zum Teil klar antisemitischen und antipolnischen Einstellungen, die sich aus den eingesandten Quellen rekonstruieren lassen. 

Das Projekt „Stumme Zeugnisse 1939“ wurde unterstützt und gefördert von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“. Diese zweite Online-Ausstellung wurde von sechs Student*innen des Masterstudiengangs Public History der Freien Universität Berlin erarbeitet, die mit Unterstützung der Gedenk- und Bildungsstätte die eingesandten Materialien digitalisierten, erfassten, ihre Hintergründe recherchierten und Ausstellungstexte schrieben. Zu dem umfangreichen Quellenmaterial wählten sie einen thematischen Zugang und definierten zwölf Themenkomplexe, die in allen Beständen vertreten sind. Deren Relevanz für die Wahrnehmung des Krieges durch die Wehrmachtssoldaten wurde anschließend erläutert. Welche Motive wählten die deutschen Soldaten? Worüber schrieben sie? Wie inszenierten sie sich selbst? Was sagt ihr Blick auf die polnische, polnisch-jüdische und „volksdeutsche“ Zivilbevölkerung über ihre ideologische Einstellung aus? Diesen und weiteren Fragen geht die Ausstellung „Stumme Zeugnisse 1939“ nach.

Darüber hinaus wurden alle eingesandten Materialien online zugänglich gemacht und stehen zum Großteil unter der Creative Commons Lizenz CC BY NC ND für die Nachnutzung zur Verfügung. Die Bilder und Dokumente dürfen daher in jedwedem Medium vervielfältigt werden, solange sie nicht bearbeitet oder für kommerzielle Zwecke verwendet werden und die Gedenk- und Bildungsstätte als Rechteinhaberin ausgewiesen wird. Die Webseite (vgl. Onlinesammlung Stumme Zeugnisse) wurde anlässlich des 80. Jahrestages am 1. September 2019 bei einer Gedenkveranstaltung im Zeughauskino des Deutschen Historischen Museums veröffentlicht. 

Bei der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den Quellen war deren historische Kontextualisierung unerlässlich. Hierbei mussten nicht nur die ereignisgeschichtlichen Fakten des Krieges und die Sozialisation der Soldaten im nationalsozialistischen Deutschland beschrieben werden, auch fotohistorische, kulturwissenschaftliche und erinnerungskulturelle Fragestellungen fanden Berücksichtigung. Bei dieser Arbeit wurde die Gedenk- und Bildungsstätte von Wissenschaftler*innen aus unterschiedlichen Fachgebieten unterstützt und beraten. Ihre spezifischen Expertisen fließen nun in dem Sammelband „80 Jahre danach. Bilder und Tagebücher deutscher Soldaten vom Überfall auf Polen 1939“ (Hammerle et al 2019) zusammen, um eine disziplinübergreifende Auseinandersetzung mit dem deutschen Überfall auf Polen zu ermöglichen. Im ersten Teil des Bandes nehmen die Forscher*innen eine historische Kontextualisierung des Überfalls auf Polen vor. Daran schließen sich drei Beiträge an, die bisher unveröffentlichte Zeitzeugnisse vorstellen, die von ehemaligen Wehrmachtssoldaten während und nach dem deutschen Überfall auf Polen angefertigt wurden und unter verschiedenen Fragestellungen analysiert wurden.

Wir würden uns sehr freuen, wenn dieses Projekt Interesse und Nachahmer*innen finden würde. Es steht im nächsten Jahr der 80. Jahrestag des Krieges im Westen und 2021 derjenige des Überfalls auf die Sowjetunion bevor. Dies wäre die Chance, ein Gesamtpanorama der Fotographien der Wehrmachtssoldaten zu entwickeln und den Blick auf unterschiedliche Haltungen und Perspektiven zu lenken. Zudem würde es wie unser Projekt die Möglichkeit bieten, die Öffentlichkeit stärker einzubinden und an der Erforschung der Zeitgeschichte teilhaben zu lassen.

Literatur

Jochen Böhler, Auftakt zum Vernichtungskrieg. Die Wehrmacht in Polen 1939, Frankfurt a. M. 2006.

Petra Bopp, Fremde im Visier. Fotoalben aus dem Zweiten Weltkrieg, München 2009.

Svea Hammerle/Hans Christian Jasch/Stephan Lehnstaedt (Hrsg.), 80 Jahre danach. Bilder und Tagebücher deutscher Soldaten vom Überfall auf Polen 1939, Berlin 2019.

Onlineausstellung Seeliger 2018, https://onlineausstellungen.ghwk.de/seeliger(zuletzt eingesehen am 20.08.2019).

Onlinesammlung Stumme Zeugnisse, https://onlinesammlungen.ghwk.de/stummezeugnisse (zuletzt eingesehen am 20.08.2019).

 

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