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„’Bis zum letzten Mann’? – Die Rolle der Kampfkommandanten deutscher Großstädte 1945“

Fügen, Maximilian (Verfasser) Baden-Baden : Tectum Verlag, [2018]. ISBN: 9783828841826

Von Karl Friedrich Boese

Die von Maximilian Fügen hauptsächlich für einen wissenschaftlichen Leser*innenkreis geschriebene Publikation, die aus seiner Masterarbeit hervorgegangen ist, dürfte dennoch auch bei lokalgeschichtlich interessierten Leser*innen Beachtung finden. So gewährt die Arbeit einen facettenreichen und detaillierten Einblick in die persönliche Situation von sieben Kampfkommandanten acht ausgewählter deutscher Großstädte unmittelbar vor dem Kriegsende. 

Diese deduktive Betrachtungsweise vermittelt einen umfassenden Einblick in die Situation vor Ort, ohne den Blick auf das „große Ganze“ aus den Augen zu verlieren. Dieses wird auf der einen Seite beispielsweise an der Schilderung der teilweise chaotischen Lage vor Ort und den von der obersten Heeresleitung bis zum Schluss gegebenen Durchhaltebefehlen andererseits deutlich. Auch die Auswahl des einzelnen Kampfkommandanten entgegen der administrativen Vorgaben, z. B hinsichtlich des Kriteriums der Fronterfahrung oder der Maßstäbe an die psychische und physische Verwendungstauglichkeit, offenbaren die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit zum Ende des Krieges. 

Die vom Autor gewählte Untersuchungsmethode des gruppenbiografischen Vergleichs mit einheitlichen Untersuchungskriterien verleiht der Arbeit eine übersichtliche Struktur und erleichtert den Leser*innen die persönliche Beurteilung des einzelnen Kampfkommandanten. Vor allem die Beschreibung der Persönlichkeitsstruktur der Protagonisten und ihrer Einstellung zum Nationalsozialismus ist von besonderer Bedeutung, da diese Informationen für die Beurteilung der von ihnen getroffenen militärischen Entscheidungen und ihrem tatsächlichen Handeln hilfreich sind. Aber auch der weitere biografische Verlauf der einzelnen Personen nach Kriegsende ist interessant, weil der Verfasser sowohl die mögliche Verstrickung in Endphaseverbrechen und deren juristische Behandlung als auch die Rezeption der Person in der Stadtgeschichtsschreibung der Nachkriegszeit untersucht. 

Durch die tabellarische Erfassung persönlicher Eckdaten zur einzelnen Person am Ende der Publikation, wird der Vergleich durch einen schnellen Rückgriff auf Einzelmerkmale erheblich erleichtert, indem nicht erst mühsam in einzelnen Textpassagen gesucht werden muss. 

Der umfangreiche Anmerkungsapparat bedient den Anspruch nach wissenschaftlicher Redlichkeit. Dabei ist der Autor meines Erachtens einer übermäßigen Stringenz gefolgt, indem er aufeinander folgende wortgleiche Anmerkungen eingefügt hat (vgl. Anmerkung 606-608). Häufig werden in den Anmerkungen weitere sehr detaillierte Informationen geliefert, die im Haupttext sinnvoller hätten eingefügt werden können und damit die Lesbarkeit insgesamt deutlich erleichtert hätten. Hervorzuheben ist auch, dass der Verfasser die von ihm genutzten Quellen selbst einer kritischen Bewertung unterzieht. So weist er darauf hin, dass die zahlreichen Zeitzeug*innenaussagen als auch die Aussagen der ehemaligen Kampfkommandanten selbst in Gerichtsprozessen durchaus opportunistisch zu bewerten sind, da sie in der Erwartung auf ein milderes Urteil die Handlungen der Angeklagten in einem besseren Licht erscheinen lassen sollten. 

Bedauerlicherweise hat der Autor sich ausschließlich mit der Situation in acht deutschen Großstädten vergleichend auseinandergesetzt, die zum Kriegsende von amerikanischen Truppen eingenommen wurden. Wünschenswert wäre an dieser Stelle ein Vergleich mit Städten im britischen oder sowjetischen Vorstoßbereich gewesen, insbesondere weil den Sowjettruppen gegenüber ein anderes Feindbild und daraus resultierend eine andere Erwartungshaltung vorherrschte. Dieser Umstand ist daraus ersichtlich, dass einige Kampfkommandanten versucht haben, ihre unterstellten Soldaten und sich vor dem Hintergrund der Ausweglosigkeit ihrer Lage so abzusetzen, dass sie in amerikanische Kriegsgefangenschaft geraten. Die an wissenschaftlichen Maßstäben orientiert verfasste Arbeit dürfte daher auch für künftige Autor*innen eine motivationale Basis darstellen, ihrerseits eine ähnliche Arbeit für andere Regionen des ehemaligen Kriegsgebiets zu verfassen.

 

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