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Mit Partizipation gewinnen alle in der Kita!

Dr. Myriam Schwarzer ist Leiterin des Projekts „mitgemacht - Partizipationswerkstatt Kita“, Demokratietrainerin und systemische Beraterin. Judith Linde-Kleiner ist Dozentin an einer Fachschule für Sozialpädagogik, Mitarbeiterin im Projekt „mitgemacht-Partizipationswerkstatt Kita“ des Diskurs e.V., Demokratie- und Erlebnispädagogin und arbeitet zu den Schwerpunkten Vielfalt, Inklusion und Partizipation.

Von Judith Linde-Kleiner und Myriam Schwarzer

Der Verein Diskurs e.V. in Jena begleitet über 20 Thüringer Kindertageseinrichtungen individuell bei der Entwicklung und Stärkung von Partizipationsmöglichkeiten für Kinder. Gefördert wird diese Arbeit einerseits im Rahmen des Projekts „mitgemacht – Partizipationswerkstatt Kita“ durch die Robert-Bosch-Stiftung, andererseits durch das Projekt Thüringen 19_19. Auf systemisch-konstruktivistische und partizipativ-konsensorientierte Art und Weise werden Professionalisierungsprozesse auf Wissens-, Einstellungs- und Handlungsebene in Kita-Teams angestoßen. Diese münden im Rahmen der Organisationsentwicklung in der Entwicklung einer demokratischeren und partizipativeren Teamkultur. Es entstehen strukturell und konzeptionell verankerte Beteiligungsmöglichkeiten für Kinder in der Kita. Ziel ist es, dazu beizutragen, dass Kinder Kompetenzen entwickeln, die ihnen ein eigenverantwortliches, friedliches, tolerantes und selbstbestimmtes Leben in einer demokratischen Gesellschaft ermöglichen. Der folgende Artikel skizziert beispielhaft unterschiedliche Erfahrungen der Einrichtungen, ihren eigenen Weg mit dem Thema Partizipation zu finden.

Ausgangssituation der Einrichtungen

Die Einrichtungen nehmen aus unterschiedlichen Gründen eine Prozessbegleitung durch den Diskurs e.V. wahr: Einige haben sich mit der Verankerung der Partizipation im neuen Thüringer Kita-Gesetz beschäftigt und suchen nach einer Begleitung für die praktische Umsetzung. Manche haben Prozessbegleiter*innen bei Workshops getroffen und eine Begleitung als Gewinn für ihre Einrichtungen begriffen, andere wiederum treibt das Thema Partizipation schon länger um. In einigen Kitas sind es die Fachberater*innen oder Leiter*innen, die das Thema Partizipation an das Team herantragen. Hat sich ein Kita-Team zu einer Prozessbegleitung entschieden, begleitet ein Projektteam die Kitas zweimal jährlich, manche aber auch dreimal im Kitahalbjahr. 

Praktische Umsetzung in den Einrichtungen

Jede Einrichtung verfolgt die gleiche Richtung: Es soll mehr Partizipationsmöglichkeiten für Kinder in der Kindertagesstätte geben. Der Weg dorthin und welche Partizipationsmöglichkeiten die Einrichtungen letztendlich bieten, ist sehr individuell. Einige Teams verfolgen eine konkrete Fragestellung und wollen bspw. über die Gestaltung des Mittagessens in der Einrichtung verhandeln, andere Einrichtungen wollen sich zunächst über Partizipation in Kindergärten im Allgemeinen informieren und entscheiden anschließend, auf welchen Weg sie sich begeben wollen. Manche Teams gehen zügig voran und treffen bereits in einem ersten Workshop konkrete Entscheidungen und manche Teams lassen sich Zeit für eine intensive Aushandlung. Manche Teams sind dem Thema Partizipation gegenüber offen eingestellt und brauchen in erster Linie Ideen und Zeit, um sich im Team abzustimmen, andere Teams sind kritisch und bedacht, brauchen Bestärkung und Sicherheit darin, dass sie ihren eigenen Weg gehen dürfen, um nicht von außen kommenden Entwicklungen überrannt zu werden. So beginnt jedes Team den Weg an seinem individuellen Ausgangspunkt und geht seine individuellen Schritte. 

Immer wiederkehrende Themen sind: Essen, Schlafen, Kleidungswahl, Angebote, Regel-Aufstellung, Kinderkonferenz und Kinderrat. Gerade bei Themen, in denen sich Grundbedürfnisse wiederfinden wie Essen, Schlafen und Kleidung, wird in Teams häufig sehr heftig diskutiert. Denn: Nicht nur die Einrichtungen unterscheiden sich, sondern auch die Kolleginnen innerhalb einer Einrichtung sind in sehr unterschiedlichem Maße bereit, Veränderungen und Partizipation zuzulassen. Eine große Herausforderung liegt also darin, nicht nur für die Einrichtung eine individuelle Lösung zu finden, sondern die Auffassungen der Kolleg*innen innerhalb einer Einrichtung „auf einen Nenner zu bringen“. Oft handelt es sich hierbei um den kleinsten gemeinsamen Nenner, den das ganze Team aber gemeinsam verantworten kann. Das ist besonders wichtig, weil die Kolleg*innen nur dann für die Kinder „echt“ wirken und Entscheidungen tatsächlich umsetzen können. In der Konsequenz ist die Arbeit an der Entwicklung von Partizipation in der Kita immer auch eine Arbeit am Team, so dass sie eine kontinuierliche Teamentwicklung mit sich bringt. Im Folgenden wird auf die zentralen Fragen zu einzelnen Bereichen eingegangen und beispielhaft aufgezeigt, wie teilnehmende Einrichtungen jeweils entschieden haben. 

Essen

Beim Thema Essen wird oft darüber diskutiert, wer über folgende Fragen entscheiden darf. Die Kinder oder die Erzieher*innen?

  • Was und wie viel darf gegessen werden? 
  • Was gibt es zu essen? 
  • Gibt es „Probier-Kleckse“? 
  • Wann wird gegessen? 
  • Womit wird gegessen? 

So wurde in einer Einrichtung eingeführt, dass die Kinder montags ihr Essen selbst aussuchen dürfen und der Koch der Einrichtung die Mahlzeiten für die anderen Tage dementsprechend anpasst. 

Eine andere Einrichtung hat sich für ein „rollendes Frühstück“ entschieden. Die feste Frühstückszeit wurde abgeschafft und in der Zeit von 8.00 bis 9.30 Uhr steht nun ein Frühstücksbuffet zur Verfügung, an dem sich die Kinder selbst bedienen können.

Eine Einrichtung, in der die Kinder zuvor essen mussten, was von den Erzieher*innen auf den Teller getan wurde, hat „Probier-Kleckse“ eingeführt, eine andere Einrichtung arbeitete seit langem mit „Probier-Klecksen“ und hat diese abgeschafft. Die Kinder entscheiden selbst, was und wie viel sie essen und machen sich das Essen ab dem Krippenalter selbst auf den Teller. Die Kolleg*innen berichten davon, dass die Kinder schnell gelernt haben ihre eigenen Mengen einzuschätzen.  

Schlafen

Beim Thema Schlafen werden hauptsächlich folgende Fragen diskutiert: 

  • Wo schlafen die Kinder?
  • Wann schlafen die Kinder?
  • Wer schläft, wer ruht, wer ist wach?
  • Wie lange dauert die Schlafenszeit? 

In einer Einrichtung, in der bisher alle Kinder von 12.00 bis 14.00 Uhr schlafen oder mindestens liegen mussten, wurden eine Schlaf-, eine Ruhe- und eine Wachgruppe eingerichtet. Die Entscheidung über die Zuteilung zu diesen Gruppen trifft das Team. In der Ruhegruppe legen sich die Kinder anfangs hin, können dabei aber auch ein Buch anschauen und nach 20 Minuten wieder aufstehen. Kinder aus der Schlafgruppe, die früher wach werden, wechseln bei Bedarf und Kapazität in die Ruhegruppe oder die Wachgruppe.

In einer Einrichtung gab es früher feste Schlafplätze und inzwischen entscheiden die Kinder selbst darüber, wo sie schlafen und neben wem sie liegen wollen. Wer nicht einschläft, darf nach einer halben Stunde wieder aufstehen und ruhig in einem anderen Raum spielen. 

Kleidung

Diskutiert wird beim Thema Kleidung vor allem, was Kinder draußen anziehen wollen bzw. sollen. 

Eine Einrichtung lässt die Kinder selbst darüber entscheiden, was sie draußen anziehen wollen. Dabei dürfen auch neue Schuhe dreckig oder Hosen nass werden. Das Kälte- und Wärmeempfinden der Kinder ist ausschlaggebend und nicht die Wünsche der Eltern. 

In einer Einrichtung wurde eingeführt, dass die Kinder bei Minusgraden Jacke, Mütze und Handschuhe tragen müssen, sie bei Plusgraden aber selbst über ihre Kleidung entscheiden dürfen.  

Angebote

Beim Thema Angebote stellt sich vor allem die Frage, woher die Themen für Angebote kommen und ob Kinder über ihre Teilnahme entscheiden dürfen. 

In einer Kita entscheiden die Kinder inzwischen selbst über die Teilnahme an Angeboten, die, sofern es möglich ist, in den Gruppenräumen stattfinden, so dass die Kinder im Freispiel sehen können, was es mit dem Angebot auf sich hat und sich dann vielleicht noch dafür entscheiden können. Außerdem versucht das Team in dieser Einrichtung, die Angebote an den Themen und Wünschen der Kinder zu orientieren. So entstand ein Faschingsfest mit dem Motto „Anna und Elsa reiten auf Drachen und Einhörnern durch die Ritterburg“. 

In einer anderen Kita war es den Mitarbeiter*innen wichtig, dass am Vormittag alle Kinder am Bildungsangebot teilnehmen, nachmittags dürfen die Kinder nun aber selbst über die Teilnahme an Angeboten entscheiden. 

Kinderkonferenz und Kinderrat

Kinderkonferenzen sind regelmäßige Treffen mit allen Kindern eines Bereichs der Kita, in denen die Kinder ihre Wünsche, Nöte, Anregungen und Ängste äußern können. Manche Kinderkonferenzen treffen sich täglich, manche wöchentlich. Meistens sind die Kinderkonferenzen durch einen Redegegenstand, wie z.B. eine Redekugel strukturiert. Die Kinder lernen, dass sie angehört werden und ihre Meinung wertvoll ist und sie lernen außerdem, einander zuzuhören und Anliegen anderer zu hören. In der Kinderkonferenz können Konflikte angesprochen und gegebenenfalls geklärt werden. Außerdem ist die Kinderkonferenz dafür zuständig, Verhaltensregeln zu besprechen und festzulegen. Die Kinder gestalten so das Leben in ihrem Bereich der Kita aktiv mit.

In einigen Einrichtungen werden aus der Kinderkonferenz Vertreter*innen für den Kinderrat gewählt, der sich regelmäßig trifft und über Dinge entscheidet, die für alle Kinder der ganzen Einrichtung wichtig sind. 

Fazit

In allen vorgestellten praktischen Bereichen rund um das Thema Partizipation haben ein Kompetenzzuwachs der Kinder, Teamentwicklung und eine Veränderung der Einrichtung stattgefunden – und die Teams sind zufrieden mit den Entwicklungen. Sie merken deutlich, dass die Kinder kompetent über Dinge entscheiden können, die sie ihnen zuvor nicht zugetraut haben und dass die Kinder dadurch Fähigkeiten entwickeln, die für das Leben in einer Gemeinschaft und für das eigene Selbstwertgefühl wichtig sind. 

In allen Fällen wird die Beschäftigung mit Partizipation als Bereicherung und Vorankommen empfunden.

Mit Partizipation gewinnen alle!   

Mit Partizipation gewinnen alle in der Kita!

 

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