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Thüringen 19_19 – Geschichte als Anlass für Demokratielernen

Von Frederik Damerau und Julia Lange

100 Jahre Weimarer Verfassung, 70 Jahre deutsches Grundgesetz und 30 Jahre Friedliche Revolution sind nur einige der zahlreichen Jubiläen im Jahr 2019. Für Thüringen 19_19 waren diese in Vorbereitung auf das Jubiläumsjahr in den letzten Jahren – und auch heute – Anlass, Demokratie- und Menschenrechtsbildung in Thüringen in den Blick zu nehmen, zu reflektieren und vor allem zu stärken. Eben jene drei Ereignisse verweisen auf Demokratieerfahrungen in der deutschen Geschichte, die positiv besetzt sind. Im Rahmen zahlreicher exklusiv besetzter öffentlicher Gedenkveranstaltungen erfolgt neben einer Wertschätzung vor allem die gegenseitige Bestärkung, dass es auch und gerade heute dieser Erinnerung bedarf. Schließlich wird die Demokratie nach Jahrzehnten ihrer Universalisierung zunehmend in Frage gestellt und autoritäre Regierungsformen erleben einen regelrechten Backlash weltweit. Das Erstarken rechtspopulistischer Bewegungen und die Zunahme rassistischer Diskurse sind nur ausgewählte Beobachtungen.

Politische Bildung im Allgemeinen und Demokratiebildung im Besonderen muss sich dabei die Frage gefallen lassen, welche Rolle sie in unserer Gesellschaft angesichts dieser Entwicklungen spielt und welche Rolle sie spielen sollte und möchte. Dabei lohnt sich auch ein Blick auf die schulischen Rahmenbedingungen, in denen sich Demokratiebildung bewegen muss. So bescheinigt der Bielefelder Soziologe Reinhold Hedtke Thüringen - neben Bayern und Berlin - ein Vernachlässigen des Faches Sozialkunde (Jahn 2019). Im Magazin Katapult wird Thüringen neben Bayern mit einem Anteil von 0,5 bis 1,4 % an den Gesamtwochenstunden als ein weit abgeschlagenes Bundesland aufgeführt (Hedtke 2019). Nicht nur die geringe Fachstundenzahl, auch eine unbefriedigende Qualifikationssituation führt zu unzureichender schulischer politischer Bildung: So waren laut einer kleinen Anfrage im Jahr 2015 von 774 Lehrer*innen, die Sozialkunde unterrichten nur 191 durch ein zweites Staatsexamen qualifiziert und 236 haben ein Erweiterungsstudium absolviert (Freistaat Thüringen 2015). Neben den schlechten Bedingungen in der Schule spielen unsichere und schmale Finanzierungen, die gerade auch außerschulischen Trägern eine langfristige Planungssicherheit verwehren und lediglich punktuelle – statt struktureller – Angebote ermöglichen, in den Diskurs ebenso hinein wie die Frage, welchen messbaren Mehrwert demokratische Bildung hat. Informelle und formelle Bildung bespielen je eigene Zielgruppen und können sich gut ergänzen, obgleich ihre Reichweite auch im Zusammenspiel begrenzt ist. Demokratiebildung ist dabei die vielbetonte Querschnittsaufgabe der Bildungseinrichtungen, die jedoch sehr unterschiedlich wahrgenommen wird. In Schule wird sie zumeist jedoch vorwiegend im Sozialkundeunterricht angesiedelt, das wiederum Bildungsministerien veranlasst, gegenzusteuern. Zuletzt hat Sachsen mit dem groß angelegten Programm „W wie Werte“ den öffentlichkeitswirksamen Wurf eines Handlungskonzepts unternommen. Die Umsetzung und ihre Evaluation bleiben abzuwarten. In Thüringen fand der Anspruch einer zivilgesellschaftlichen Bildung Eingang in den Thüringer Bildungsplan bis 18 Jahre, der jedoch zumeist nur von Erzieher*innen wahrgenommen und an den Schulen den Lehrplänen untergeordnet wird.

Das Projekt Thüringen 19_19 versteht sich als eine notwendige Ergänzung zu der Wertschätzung positiver Demokratieerfahrungen und ihrer Erinnerung und strebt langfristige Veränderungen in Bildungseinrichtungen an. Dafür setzt das Projekt zum einen auf die Qualifizierung des Fachpersonals und eine somit zu erzielende Multiplikator*innenwirkung, zum anderen begleitet es Organisationsentwicklungsprozesse der Einrichtungen. Die Beobachtung, dass Lehrer*innen selbst nur eingeschränkt über Demokratiekompetenzen verfügen und ihrem demokratiebildenden Auftrag daher nur mäßig nachkommen können (Patz/May 2016, S. 22f.) – ein Umstand, der leider nicht nur für den Schulkontext gilt – veranlasst das Projektteam, die pädagogischen Mitarbeiter*innen der teilnehmenden Einrichtungen in für das Themenfeld relevanten Bereichen zu qualifizieren. Mittels der Prozessbegleitungen reagiert das Projekt auf den Umstand, „dass Demokratiebildung dort [Anm. d. Verf.: in Schule] vor allem in Form von Projekten beschrieben ist, die von außen initiiert werden und meist nicht anschlussfähig an den schulischen Alltag sind“ (Patz/May 2016, S. 21). Indem jeweils erforderliche Strategien, Konzepte und Qualifizierungsbedarfe nicht durch eine externe Fachberatung an die Einrichtungen herangetragen werden, sondern die Einrichtungen diese in der Begleitung selbst entwickeln, soll genau jene vermisste Anschlussfähigkeit hergestellt werden. 

Handlungsleitend für die Realisierung der Projektanliegen sind vor allem Konzepte historisch-politischen Lernens und der Himmelmann’sche Demokratiebegriff: In der Diskussion historisch-politischen Lernens reichen die politikdidaktischen Positionen von der Sorge vor einer „Entleerung des Faches“ (Massing 1995, S. 61), durch ein Historisieren des Sozialkundeunterrichts, bis hin zu der Befürwortung einer explizit historisch-politischen Bildung angesichts der Gegenwartsrelevanz von Geschichte, die sich nicht in der Betrachtung von Vergangenheit erschöpft (Lange 2014, S. 321). Durch die Entwicklung und Erprobung bzw. Umsetzung und Reflexion innovativer Ansätze sucht das Projekt, eine „Erziehung nach Auschwitz“ im Sinne Adornos zu operationalisieren. Zugleich greift Thüringen 19_19 die Aufschlüsselung des Demokratiebegriffs nach Gerhard Himmelmann in die drei Bereiche von Demokratie als Regierungs-, Gesellschafts- und Lebensform auf (Himmelmann 2001). Demokratie und ein demokratisches Miteinander sollen als etwas Alltägliches erfahren werden, wenn auch die Frage diskutiert wird, inwiefern es möglich ist, von Aushandlungserfahrungen im Bereich der Lebensform auf den Bereich der Regierungsform zu schließen (Sander 2011, S. 77f.).

Das Projekt Thüringen 19_19 reagiert damit auf Problemlagen, die vorab von zahlreichen im Thüringer Bildungskontext agierenden Expert*innen in Workshops benannt wurden. Seit Herbst 2014 luden die Evangelische Akademie Thüringen und die Landeszentrale für politische Bildung Thüringen in Vorbereitung auf das Jubiläumsjahr zu Veranstaltungen ein, die den aktuellen Stand der Demokratiebildung in Thüringen thematisierten. Diese entfalteten zunächst vor allem eine empowernde Wirkung für die teilnehmenden Akteur*innen und mündeten unter anderem in der Formulierung eines Thesenpapiers, welches grundlegende Annahmen von Demokratie-Lernen ebenso festhält, wie die gemeinsam zu unternehmenden Anstrengungen zur Stärkung der Demokratie- und Menschenrechtsbildung und die erforderliche Unterstützung durch den Thüringer Freistaat. Von zahlreichen Unterstützer*innen getragen, bereitet dieses Papier die Basis eines thüringenweiten Netzwerkes von Bildungsträgern, die sich der Demokratiebildung verpflichtet sehen. Zugleich wurde hier der konzeptionelle Rahmen für das Projekt Thüringen 19_19 entwickelt, wonach exemplarisch an sogenannten Lernorten der Demokratie langfristig wirksame Formen der Demokratie- und Menschenrechtsbildung etabliert werden sollen. Allen Lernorten gemein ist die Eigenschaft, dass die mit Thüringen 19_19 durchgeführten und/oder durchzuführenden Projekte zwar einen Modellcharakter besitzen, jedoch ganz klar auf die Veränderung der Regelstruktur im Sinne einer demokratischen Strukturentwicklung ausgerichtet sind und sich somit auch weit über das Jubiläumsjahr 2019 hinausorientieren.

Die erforderlichen Qualifizierungen und die Prozessbegleitung von Entwicklungsvorhaben der teilnehmenden Lernorte – zu denen Kindertagesstätten und Schulen ebenso zählen wie Gedenkstätten und andere Einrichtungen außerschulischer Bildung – gestalten sich dabei außerordentlich vielfältig, da sie sich an den spezifischen Ausgangslagen und Bedarfen der Lernorte orientieren. Eine komplette Übersicht über die Lernorte, welche im Netzwerk von Thüringen 19_19 angesiedelt sind, können auf der Lernort-Karte von Thüringen 19_19 www.thueringen19-19.de/karte-der-demokratie/ betrachtet werden und Beispiele dieser Lernorte sind auch in diesem Magazin vertreten.

Literatur

Freistaat Thüringen (2015): Drucksache 6/573. Onlinemedium. (http://www.parldok.thueringen.de/ParlDok/dokument/54877/situation_des_politikunterrichts_an_thueringer_schulen.pdf [zuletzt aufgerufen am 20.05.2019])

Hedtke, Reinhold (2019): Zum Stellenwert politischer Bildung in der Schule. In Katapult Magazin. Onlinemedium. (https://mobile.katapult-magazin.de/index.php?mpage=a&l=0&artID=840 [zuletzt aufgerufen am 20.05.2019])

Himmelmann, Gerhard (2001): Demokratie Lernen. Als Lebens-, Gesellschafts-, und Herrschaftsform. Ein Lehr- und Studienbuch. Schwalbach/Ts.

Jahn, Thekla (2019): Forscher: Einige Bundesländer vernachlässigen politische Bildung. Reinhold Hedtke im Gespräch mit Thekla Jahn. Herausgegeben vom Deutschlandfunk. Onlinemedium. (https://www.deutschlandfunk.de/politikunterricht-im-vergleich-forscher-einige.680.de.html?dram:article_id=444899[zuletzt aufgerufen am 20.05.2019])

Lange, Dirk (2014): Historisches Lernen als Dimension politischer Bildung. In: Sander, Wolfgang (Hrsg.): Handbuch politische Bildung. 4. Aufl., Bonn, S. 321–328.

May, Michael/Patz, Janine (2016): Stärken und Schwächen der Demokratiebildung in Aussagen von Expertinnen und Experten. Eine explorative Erschließung für Thüringen. Jena.

Massing, Peter (1995): Wege zum Politischen. In: Massing, Peter/Weißeno, Georg (Hrsg.): Politik als Kern der politischen Bildung. Wege zur Überwindung unpolitischen Politikunterrichts. Opladen, S. 61–98.

Sander, Wolfgang (2011): Demokratie-Lernen und politische Bildung. Fachliche, überfachliche und schulpädagogische Aspekte. In: Beutel, Wolfgang/Fauser, Peter (Hrsg.): Demokratiepädagogik. Lernen für die Zivilgesellschaft. 2.Aufl., Schwalbach/Ts.,S. 71 – 85.

 

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