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RomArchive – das digitale Archiv der Sinti und Roma

Von Lucas Frings

Besucht man die Webseite des RomArchive erblicken die Nutzer_innen kein nüchternes Findbuch wie etwa beim Bundesarchiv. Porträtfotos und Zitate prägen die Startseite, wobei die Worte der ungarischen Kunsthistorikerin Tímea Junghaus den Anspruch des Archives gut zusammenfassen: „Es ist ein grundlegendes Menschenrecht, Zugang zu seiner eigenen Kultur zu haben.“

Das RomArchive versteht sich als „digitales Archiv für die Künste und Kulturen der Sinti und Roma, das Kunst aller Gattungen archiviert und um zeitgeschichtliche Dokumente und wissenschaftliche Positionen erweitert“. Dabei will das Archiv aufzeigen, welchen Beitrag Sinte_zze und Rom_nja zur europäischen Kulturgeschichte geleistet haben und leisten und „Stereotypen und Vorteilen mit Fakten“ begegnen. Kontinuierlich soll das Archiv auch vergrößert und bearbeitet werden.

Beinahe vier Jahre lang haben die Initiatorinnen des RomArchives recherchiert und Interviews mit Künstler_innen, Wissenschaftler_innen und Aktivist_innen geführt, bevor die Webseite im Januar 2019 online ging. Dabei haben etwa 150 Menschen, überwiegend Sinte_zze und Rom_nja, europaweit mitgearbeitet. Anlässlich des Welt-Roma-Tags am 8. April 2019 übernahm das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma die Trägerschaft des RomArchive.

Auch vom Aufbau her ist das RomArchive kein Archiv in einem herkömmlichen Sinne. Die Tektonik – wenn man so will – gliedert sich nach Sektionen zu kulturellen und politischen Themen. Neben einer klassischen Suchmaske lassen sich auch einzelne Sammlungen oder über Schlagworte nach Archivalien mit Verbindungen in bestimmte Länder oder Themenbereiche suchen und durchstöbern. Gerade die Schlagworte sind, da das Archiv bewusst kulturelle und identitätsstiftende Aspekte sammeln will, nicht nüchtern-bürokratisch, sondern reichen von „Amateurtheater“ bis „Zaubermärchen“.

Eine große Stärke ist die mediale und thematische Vielfalt der Archivalien. Von der Abschrift eines aus dem Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau herausgeschmuggelten Brief, den Margarete Bamberger vermutlich 1943 an ihre Schwester in Berlin schrieb, bis zur Video-Performance zur Solidarität der schwulen Community vom ungarischen Künstler Roland Korponovics, finden sich Zeugnisse des Lebens von Sinte_zze und Rom_nja in Europa.

Die Webseite ist mit Englisch, Deutsch und Romanes gleich auf drei Sprachen verfügbar. Dabei haben sich die Macher_innen der Seite dafür entschieden, verschiedene Romanes-Dialekte zu nutzen, unter anderem um die Pluralität der Sprache sowie „die Heterogenität und Diversität unter Sinti und Roma aufzuzeigen“.

Die Abschrift von Margarete Bambergers Brief ist dabei sowohl als Digitalisat als auch dreisprachig als Transkription und Audiodatei verfügbar. Allerdings ist dieser große Aufwand nicht für alle Bestände umgesetzt worden. Die Zaubermärchen aus Mittel- und Osteuropa verbleiben lediglich in Romanes-Dialekten.

Neben der Möglichkeit der Archivrecherche finden sich auch kuratierte Produkte, wie zum Beispiel die Tour „Rewriting the Protocols: Naming, Renaming, and Profiling“, die sich der langen Geschichte von Stereotypisierung und „Profiling“ von Sinte_zze und Rom_nja widmet. Die Online-Tour verbindet Fotodokumentationen und prägnante Informationen mit Elementen von Kunstperformances und politischen Aktionen der Vergangenheit.

Die eingangs angeführten Sektionen zu Bilderpolitik, Bildender Kunst, Film, Musik, Flamenco, Tanz, Theater und Drama, Literatur, der Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma und den „Voices of Victims“ bieten neben den passenden Archivmaterialien inhaltlich starke Beiträge, deren Umfang hier darzustellen, den Rahmen sprengen würde. Exemplarisch seien der Artikel von Anna Mirga-Kruszelnicka zu „Roma-Jugendarbeit – ‚Wir sind die Gegenwart!’“ oder von Andrea Pócsik: „Das östliche Narrativ und die filmische Repräsentation der Sinti und Roma“, dem auch ein Beitrag über das westliche Narrativ gegenüber steht, erwähnt. Präzise, kurzweilig und ansprechend formuliert, samt Belegen und Literaturangaben binden diese Artikel auch Archivmaterial wie Dokumente oder Videobeiträge ein, in denen weitere Perspektiven von Sinte_zze und Rom_nja Raum finden.

Für Menschen mit Forschungsinteresse gibt es auf Anfrage und Darstellung des Rechercheinteresses zudem die Möglichkeit, ein internes Archiv mit weiterem Material zu nutzen.

Das RomArchive macht sichtbar, was sonst oft verborgen bleibt: Einen Umfang von künstlerischen Erzeugnissen von Sinte_zze und Rom_nja, der weit über häufige Zuschreibungen hinausgeht, oder wie Petra Gelbart, deren Beitrag auf das „Requiem von Auschwitz“ von Roma und Sinti Philarmonikern hinweist, schreibt: „Die Leute vergessen, dass es viele Arten von Roma-Musik gibt, die überhaupt nicht zu gängigen Stereotypen passen.“

Es braucht eine gewisse Zeit um sich auf den verschiedenen Ebenen der Seite zwischen Archivrecherche, Kunstdarstellungen und wissenschaftlichen Inhalten zurechtzufinden. Ist das gelungen, macht es Spaß zu stöbern, zu lesen und zu schauen. Mit jedem Beitrag lässt sich durch Verlinkungen innerhalb des RomArchives und auf andere Seiten tiefer in ein bestimmtes Thema eintauchen. Genau durch die hergestellten Verbindungen wird das Archiv auch seinem Anspruch gerecht, Gegengeschichten zu stereotypisierenden Darstellungen zu liefern und von Sinte_ezze und Rom_nja erzählen zu lassen, sowie die Diversität der vielfältigen Kulturen zu präsentieren.

 

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