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Sexuelle Vielfalt in den Geschichtsunterricht!

Geschichtsdidaktische Überlegungen zu geschlechterpolitischen Auseinandersetzungen um Bildungspläne.

Dr. Nina Reusch Neuere und Neueste Geschichte, Gender Studies und Soziologie studiert. Sie arbeitet seit November 2016 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Didaktik der Geschichte der FU Berlin und ist Vorstandsmitglied bei der Agentur für Bildung - Geschichte, Politik und Medien e.V.

Von Nina Reusch

Die Bildungspolitik als Austragungsort geschlechterpolitischer Kämpfe

„Wir wenden uns gegen alle Versuche des Staates, in die Erziehungshoheit der Eltern einzugreifen, die natürlichen Vorstellungen, die sich unsere Kinder von Familienleben und Geschlechterrollen bilden, systematisch zu verunsichern und unsere Kinder in dem Glauben zu erziehen, die Ehe sei nur eine beliebige Form des Zusammenlebens, die gleichwertig neben allen anderen Formen steht. Insbesondere lehnen wir die herrschende ‚Antidiskriminierungspolitik‛ ab, die sich einseitig an den angeblichen Lebensvorstellungen sexueller Minderheiten ausrichtet. Die traditionelle Familie soll Vorbild bleiben. Sie gehört zum Kern der deutschen Leitkultur.“ (AfD-Fraktion Sachsen-Anhalt 2016)

Mit diesen Worten meldete sich die AfD-Fraktion im Landtag Sachsen-Anhalt im November 2016 mit der „Magdeburger Erklärung zur Frühsexualisierung“ zu Wort. Hintergrund war das „Aktionsprogramm für die Akzeptanz von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgendern, Transsexuellen und intergeschlechtlichen Menschen (LSBTTI) in Sachsen-Anhalt“, das 2015 verabschiedet wurde. Dieses Aktionsprogramm beinhaltet unter anderem bildungspolitische Maßnahmen und formuliert als Zielperspektive für allgemein- und berufsbildende Schulen: „LSBTTI-Themen finden sich im Schulalltag und in Schulmaterialien repräsentiert. Schulen bieten sowohl für homo- und bisexuelle, transgender, transsexuelle und intergeschlechtliche Lehrer_innen als auch für Schüler_innen eine offene, wertschätzende Atmosphäre.“ (Ministerium für Justiz und Gleichstellung Sachsen-Anhalt 2015: S. 15)

Die AfD ist nur eine von vielen Akteur_innen, die in den letzten Jahren mit einer reaktionären und homophoben geschlechterpolitischen Agenda in die Bildungspolitik eingreifen. Auslöser waren die Vorstöße verschiedener Bundesländer, im Rahmen von Antidiskriminierungspolitiken die Akzeptanz für Vielfalt als fächerübergreifendes Ziel schulischer Bildung in die Lehrpläne hineinzuschreiben. Kinder und Jugendliche sollen „ein offenes, diskriminierungsfreies und wertschätzendes Verständnis für die Verschiedenheit und Vielfalt der partnerschaftlichen Beziehungen, sexuellen Orientierungen und geschlechtlichen Identitäten in unserer Gesellschaft“ erwerben, wie es etwa im „Lehrplan zur Sexualerziehung“ des Landes Hessen formuliert ist. (Hessisches Kultusministerium 2016: S.3)

Die Einführung dieses neuen Lehrplans provozierte in Hessen im Sommer 2017 heftige Proteste. Die Argumentationsstrategien waren bereits zwei Jahre zuvor in Baden-Württemberg eingeübt worden, wo 2015 ein breites Bündnis mittels Demonstrationen, einer Petition und einer breiten öffentlichen Kampagne die Verabschiedung eines progressiven Entwurfs für den Bildungsplan verhinderte.
Hinter den Kampagnen in Hessen und Baden-Württemberg stehen verschiedene Initiativen und Bündnisse wie das „Aktionsbündnis Ehe und Familie“, die Initiative „Besorgte Eltern Baden-Württemberg“ oder das das Bündnis „Demo für Alle“, das unter dem Motto „Ehe und Familie vor! Stoppt Gender-Ideologie und Sexualisierung unserer Kinder“ agiert. Diese Bündnisse, die den Kampf gegen eine Vielfalt bejahende Bildungspolitik mit Demonstrationen und Petitionen sehr öffentlichkeitswirksam führen, setzen sich aus verschiedensten christlich-fundamentalistischen, konservativen und rechten Verbänden zusammen und sind teilweise eng personell mit der AfD verflochten, werden aber auch von anderen konservativen Politiker_innen unterstützt (vgl. Teidelbaum 2015: S. 6-8).

Die Argumentationsstrategien sind in allen Fällen dieselben: Die angebliche Frühsexualisierung von Kindern wird kritisiert, die Sexualpädagogik der Vielfalt unter Verdacht der geistigen Nähe zur Pädosexualität gestellt und das alleinige Erziehungsrecht der Eltern gefordert. Es gelte die traditionellen und christlich fundierten Formen von Ehe, Familie und Geschlechterrollen zu schützen. Die Argumentationen sind in der Regel offen homophob und transphob und wettern gegen Gender-Mainstreaming und gegen die sogenannte „Gender-Ideologie“. (vgl. Demo für Alle 2018, Petition zum Bildungsplan 2015)

An diesen Beispielen der jüngsten Zeit wird zweierlei deutlich. Zum ersten ist die Bildungspolitik momentan ein wichtiger Ort des Ausfechtens gesellschaftspolitischer Kämpfe. Zum Zweiten zeigt sich in den oben beschriebenen Protesten eine enge Verschränkung von bildungspolitischer und geschlechterpolitischer Argumentation: Die aufgeregten Debatten über Bildungspolitik sind Teil rechter geschlechterpolitischer Strategien.

Sexualität und Geschlecht als Themen des Geschichtsunterrichts

Was hat all das nun mit Geschichte und historischer Bildung zu tun? Und wie kann die historische Bildungsarbeit zur Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt beitragen und sich an den bildungspolitischen Auseinandersetzungen um Geschlechterverhältnisse beteiligen?

Die Geschichtswissenschaft und Geschichtsdidaktik kann und muss sich in diese Debatten einmischen, so meine erste These. Allein, dass konservative und rechte Bündnisse vordergründig mit Biologie und Moral argumentieren, sollte Historiker_innen geradezu herausfordern: denn ist es nicht ihr Kerngeschäft das vermeintlich Natürliche als historisch zu erweisen, und Moral- und Wertvorstellungen zu historisieren? In diesem Fall zum Beispiel die „traditionelle“ Familie und Ehe, die Konservative und Rechte gern schützen möchten: dieses Familienideal kann historisch als bürgerliches Ideal der Moderne kontextualisiert werden, das in Deutschland als wirklich gelebte gesellschaftliche Alltagspraxis maximal in den 1950er und 1960er Jahren Bestand hatte (und das auch nur in Westdeutschland). Und selbst in dieser Hochphase wurde das Ideal im Alltag immer wieder gebrochen – so etwa durch Frauen und Männer, die in gleichgeschlechtlichen Beziehungen lebten oder gleichgeschlechtliche sexuelle Kontakte pflegten.

Wenn die Schule ein Ort sein soll, an dem Schüler_innen sich fächerübergreifend mit Vielfalt im Allgemeinen und sexueller und geschlechtlicher Vielfalt im Besonderen auseinandersetzen, so ist die Thematisierung von Geschlecht und Sexualität nicht nur Sache der Sexualkunde, sondern auch des Geschichtsunterrichts. Wir brauchen einen Geschichtsunterricht, so meine zweite These, der positive Auseinandersetzungen mit Diversität und Vielfalt fördert. Dies ist möglich, indem geschlechtliche und sexuelle Vielfalt historisch und im Zusammenhang von Geschlechter- und Sexualitätsgeschichte betrachtet werden.

Geschlecht und Sexualität sind historisch, sie sind wandelbar. Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt, Abweichungen von heterosexuellen und zweigeschlechtlichen Normen hat es zu jeder Zeit gegeben. Und auch diese Normen selbst unterliegen dem historischen Wandel. Das sind die wichtigsten Erkenntnisse, die ein Ziel einer Thematisierung von Geschlecht und Sexualität im Geschichtsunterricht und der historischen Bildungsarbeit sein sollten.

Solche historischen Lernprozesse tragen zur Kenntnis über und Akzeptanz von Vielfalt bei und können eine Reflexion über alltägliche homo- und transphobe Diskriminierungen (die ja auch unter Jugendlichen nicht selten sind) vor einem historischen Kontext der Diskriminierung und Verfolgung von LSBTIQ anstoßen. Zugleich liefert eine Auseinandersetzung mit Geschlechter- und Sexualitätengeschichte Anstöße zur eigenen geschlechtlichen und sexuellen Orientierung und Identitätsfindung von Jugendlichen (vgl. Reusch 2019).
Bezugnehmend auf die anfangs zitierte „Magdeburger Erklärung“ der AfD kann zur Rolle des Geschichtsunterrichts also festgehalten werden: Ja, der Geschichtsunterricht soll die angeblich „natürlichen“ Vorstellungen von Geschlecht dekonstruieren, und er soll Kindern und Jugendlichen zeigen, dass außer der heterosexuellen Ehe noch andere Formen des Zusammenlebens möglich sind. Und nicht zuletzt soll der Geschichtsunterricht nationalistische und heteronormative Vorstellungen einer „deutschen Leitkultur“ dekonstruieren.

Ein Praxisbeispiel: Das Queer History-Projekt in Berlin
Wie eine Einbindung von geschlechtlicher und sexueller Vielfalt in den Geschichtsunterricht praktisch aussehen kann, möchte ich am Beispiel des Queer History-Projekts in Berlin kurz aufzeigen. Das Projekt startete 2011 mit dem Vorhaben, sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in den Geschichtsunterricht und in die universitäre Lehrer_innenbildung hineinzutragen.

Gemeinsam mit Lehramtsstudierenden wurden Unterrichtsmaterialien entwickelt, die von der rechtlichen Situation homosexueller und transgeschlechtlicher Menschen, über Empfängnisverhütung, vergeschlechtlichte Arbeitsmigration bis hin zu einem geschlechterhistorischen und postkolonialen Blick auf den osmanischen Harem verschiedene Themen umfassen (vgl. Marzinka/Reusch 2018: S. 2). Die Materialien sind Planungen einzelner Unterrichtseinheiten samt dazugehöriger Quellen und Arbeitsaufträge und können von Lehrkräften auf dem Portal queerhistory.de frei heruntergeladen und im Unterricht eingesetzt werden.

Zudem wurde gemeinsam mit der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft und der Agentur für Bildung – Geschichte, Politik und Medien e.V. der Queer History Month ins Leben gerufen, der von einem Netzwerk aus verschiedenen Bildungseinrichtungen und Archiven getragen wird. Inspiriert wurde er vom Black History Month, hat allerdings im Gegensatz zu diesem nur eine regionale Reichweite und ist allein auf schulische Bildung bezogen. Hier können Schüler_innen sich, unterstützt von Bildungseinrichtungen, in eigenen Projekten mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt in der Geschichte auseinandersetzen (vgl. ebd., S. 2f.). Der Queer History Month ist als offenes Format gedacht, in dem Archive ihre Türen öffnen, Lesungen, Podien oder andere Veranstaltungen stattfinden können. Das Netzwerk lebt dabei auch von Selbstreflexion und ist selbst nicht frei von Ungleichheitsverhältnissen – so wird aktuell im bislang sehr weiß geprägten Netzwerk diskutiert, wie der Queer History Month auf personeller wie inhaltlicher Ebene intersektionaler und vor allem weniger weiß gedacht und umgesetzt werden kann.

Sowohl auf institutioneller bildungspolitischer als auch auf praktischer Ebene, das wird deutlich, gibt es viele Möglichkeiten, sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in den Unterricht einzubinden. Der Geschichtsunterricht kann und sollte ein Ort sein, der für vielfältige Lebensweisen und gegen den bildungs- wie geschlechterpolitischen Backlash der letzten Jahre eintritt: indem er vermeintlich Natürliches dekonstruiert, indem er die Vielfalt von Geschlecht und Sexualität in der Geschichte sichtbar macht und indem er den Schüler_innen Instrumente an die Hand gibt, die Geschlechternormen ihrer eigenen Gesellschaft kritisch zu reflektieren.

Literatur

AfD-Fraktion im Landtag Sachsen-Anhalt (2016): Magdeburger Erklärung zur Frühsexualisierung, https://cdn.afd.tools/sites/75/2016/11/16180505/Magdeburger-Erkl%C3%A4rung-Initiatoren.pdf.

Demo für Alle (2018): Petition Übergriffige „Sexualpädagogik der Vielfalt“ stoppen!, https://www.citizengo.org/de/ed/165423-uebergriffige-sexualpaedagogik-der-vielfalt-stoppen.

Hessisches Kultusministerium (2016): Lehrplan Sexualerziehung für allgemeinbildende und berufliche Schulen in Hessen, https://kultusministerium.hessen.de/sites/default/files/media/hkm/lehrplan_sexualerziehung_formatiert_neu.pdf

Marzinka, Birgit/ Reusch, Nina (2018): Queer History – von der Hochschullehre in die Schulpraxis. In: Freie Universität Berlin. Toolbox Gender und Diversity in der Lehre. URL: www.genderdiversitylehre.fu-berlin.de/toolbox/_content/pdf/Marzinka-Reusch-2018.pdf.

Ministerium für Justiz und Gleichstellung Sachsen-Anhalt (2015): Aktionsprogramm für die Akzeptanz von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgendern, Transsexuellen und intergeschlechtlichen Menschen (LSBTTI), https://mj.sachsen-anhalt.de/themen/geschlechtlich-sexuelle-vielfalt/aktionsprogramm-fuer-die-akzeptanz-von-lsbtti/.

Petition zum Bildungsplan (2015): Zukunft – Verantwortung – Lernen: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens, https://www.openpetition.de/petition/online/zukunft-verantwortung-lernen-kein-bildungsplan-2015-unter-der-ideologie-des-regenbogens.

Reusch, Nina (2019): Von der Pluralisierung historischer Subjekte zur Historisierung von Geschlecht, Sexualität und Körper: Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in der historischen Bildungsarbeit. In: Oliver Musenberg et al.: Historische Bildung inklusiv. Zur Rekonstruktion, Vermittlung und Aneignung vielfältiger Vergangenheiten, Bielfeld: transcript [im Erscheinen].

Teidelbaum, Lucius (2015): "Kein Bildungsplan unter der Ideologie des Regenbogens". Homo- und transphobe Straßenproteste gegen den Entwurf eines neuen Bildungsplans in Stuttgart. In: Lucie Billmann (Hg.): Unheilige Allianz. Das Geflecht von christlichen Fundamentalisten und politisch Rechten am Beispiel des Widerstandsgegen den Bildungsplan in Baden-Württemberg, S. 6-14, https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Materialien/Materialien8_Unheilige_Allianz.pdf.
 

 

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