Empfehlung Film

„Todeszug in die Freiheit“

Von Lucas Frings

Ab Anfang April 1945 besetzt die US-amerikanische Armee bayerische Städte, die Rote Armee steht an der Oder. Derweil sind die alliierten Armeen vom Sudetengebiet und dem von Deutschland kontrollierten Protektorat Böhmen und Mähren verhältnismäßig weit entfernt. Während aus deutschen Konzentrationslagern Todesmärsche unter anderem zu den KZs Dachau und Mauthausen losgeschickt werden, wird Ende April 1945 in Nordböhmen ein Transportzug vorbereitet. Dieser soll vom KZ Leitmeritz, einem im annektierten Sudetengebiet gelegenen Außenlager des bereits befreiten KZ Flossenbürg, durch das Protektorat Böhmen und Mähren vermutlich das KZ Mauthausen erreichen.

Die außergewöhnliche Geschichte dieses Zuges haben die Journalist_innen Andrea Mocellin und Thomas Muggenthaler recherchiert und in einem 45minütigen Film der breiten deutschsprachigen Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Anfang Januar 2018 wurde er in der ARD-Reihe „Geschichte im Ersten“ ausgestrahlt. Dabei ist Mocellin und Muggenthaler, die bereits 2015 eine einfühlsame Dokumentation über brutal verfolgte Liebesbeziehungen zwischen NS-Zwangsarbeitern und deutschen Frauen (Verbrechen Liebe) gedreht haben, ein eindrücklicher und tiefgründiger Film gelungen. Anhand von Gesprächen mit Überlebenden des Transports und Helfer_innen entlang der Bahnstrecke und Recherchen der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg und dem Prager Militärhistorischen Institut zeichnen sie die Fahrt des Zuges detailliert nach. 

Während das KZ-Flossenbürg bereits am 23. April 1945 von Divisionen der US-Armee befreit wird, geht die Zwangsarbeit und das Morden im Außenlager Leitmeritz weiter. Etwa 2000 Häftlinge waren erst im März und April 1945 aus anderen Flossenbürger Außenlagern dorthin deportiert worden. Am 28. April 1945 jedoch werden in 77 Waggons rund 4000 der Leitmeritzer Häftlinge auf den Transport Nr. 94803

geschickt, der in Tschechien heute als „Transport smrti“, „Todeszug“, bekannt ist. Bereits beim Zusammenstellen des Transportes beim benachbarten Lobositz/Lovosice werden viele Gefangene erschossen. Neben Wehrmachtsoldaten sind vor allem junge SS-Männer aus Leitmeritz zur Bewachung des Transportes abkommandiert, die „ziemlich fanatisch“ sind, wie die tschechische Historikerin Pavla Placha berichtet und immer wieder brutal gegen die Zuginsassen vorgehen.

Direkt hinter Lovosice überquert der Zug die Grenze zum Protektorat. Ab hier erfahren die Häftlinge Unterstützung durch die tschechische Bevölkerung, die entlang der Strecke Essen in die offenen Güterwaggons wirft. Und auch an den Bahnhöfen erwartet die Bevölkerung den Zug und bringt Nahrungsmittel. Die SS-Wachmannschaften sind davon überrascht, vorerst versuchen sie die Hilfsangebote zurückzudrängen und erschießen am ersten Halt in Kraloupy na Vlatavou 13 Gefangene.

Noch am selben Tag erreicht der Zug Roztoky bei Prag. Das Bahnpersonal weiß von der Ankunft des Zuges, sie geben die Information von Bahnhof an Bahnhof weiter und fordert die Bevölkerung auf, Lebensmittel für die unterernährten Häftlinge vorzubereiten.Auch haben Bahnmitarbeiter_innen verstanden, dass mit der Weiterfahrt des Zuges die Todeswahrscheinlichkeit der Insassen vermutlich steigt. Ein Bahnhofsvorsteher sorgt dafür, dass der Zug über Nacht im Bahnhof bleiben muss.

In Roztoky wird der Zug nicht nur von der Bevölkerung fotografiert, ein Mann filmt heimlich sogar die Essensverteilung. Die Situation bleibt jedoch weiterhin angespannt, die SS-Bewacher schlagen die Häftlinge mit ihren Gewehren und erschießen auch Einzelne aus dem Zug. Die Gewalt der SS und Wehrmacht schafft es jedoch nicht, die Hilfsbereitschaft der Bewohner_innen zu stoppen. Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, beschreibt die kaum vorstellbare Situation, dass es zu Verhandlungen zwischen der SS und der tschechischen Bevölkerung kommt. Diese kocht im Bahnhof Suppe, besorgt den Häftlingen Kleidung und verhilft ihnen im erzeugten Durcheinander zur Flucht, rund 300 Menschen werden versteckt. Einen Tag später, nach der Weiterfahrt des Zuges, werden die Toten unter Anwesenheit der Gestapo und großer Anteilnahme der Bevölkerung in Roztoky beerdigt.

 An der nächsten Station, dem Bahnhof in Prag-Bubny sind die Zugbewacher von der Hilfsbereitschaft überfordert, die Sperrung des Bahnhofes wird von der Bevölkerung übergangen. Auch hier verzögert ein Bahnhofsvorsteher die Weiterfahrt, indem er die Lokomotive manipuliert. Erneut verhelfen viele Zivilist_innen rund tausend Gefangenen zur Flucht und versorgen die Menschen mit Lebensmitteln. Das Ende des Krieges ist in diesen Tagen absehbar, Pavla Placha schätzt, dass die deutschen Bewacher nicht mehr so sicher sind und die Bevölkerung durch die nahende Veränderung ermutigt sind. So greifen die Zugbewacher kaum mehr ein, auf die Flucht vieler Gefangenen wird lediglich mit der Abfahrt des Zuges reagiert. 

Als nächstes erreicht der Zug ein Abstellgleis bei Olbramovice, in direkter Nähe eines großen SS-Übungsplatzes, ganze sechs Tage lang steht der Zug auf dem Gleis. Wachen gehen mit 50 Häftlingen ins Dorf um nach Essen zu suchen, Häftlinge waschen sich bei dieser Gelegenheit im Dorfteich, was von den Wachen toleriert wird. Diese Szene beobachtet der SS-Hauptsturmführer Friedrich Graun, Ortskommandant im Nachbardorf. Nachdem es ihm nicht gelungen ist, einen Gefangenen zu erschießen, lässt er mit SS-Männern das Dorf durchsuchen und auf Häftlinge schießen, 27 von ihnen sterben.

Trotz dieser brutalen Handlungen bringen Tschech_innen mit LKWs Essen zum Zug, was nach drei Tagen von Graun verboten wird. Erneut kommt es zu willkürlichen Erschießungen.

Mittlerweile sind sich die Kommandoebenen der SS nicht mehr einig, was mit dem Zug geschehen soll. Ein anderer Offizier will den Zug nach Budweis zur US-Armee schicken, doch Graun stoppt den Zug und begeht noch am 7. Mai ein grausames Verbrechen. Der Bahnhofsvorsteher berichtet, wie Graun mit seiner Frau und anderen Offizieren Maschinengewehre aufbaut und diese zwanzig Minuten lang auf den Zug schießen.

Der Zug wird nun weitergeschickt, doch das KZ Mauthausen ist bereits seit zwei Tagen befreit. Gerüchte gehen um, dass alle Häftlinge noch vor Kriegsende getötet werden sollen. Dies führt dazu, dass Tschech_innen den Zug befreien wollen, bevor er das Protektorat im Süden wieder verlässt. An einer Steigung bei Velešín überrumpeln Einheiten der sowjetischen Wlassov-Armee, die nur Wochen zuvor noch an der Seite der Deutschen gekämpft hatte, die Wachmannschaften und befreien den Zug.

Etwa 3000 Menschen überleben so in dem „Todeszug“ und auch nach der Befreiung hilft die tschechische Bevölkerung trotz Typhus-Ansteckungsgefahr. Sie versucht die Kranken und Verletzten mit einfachen Mitteln zu versorgen, in der Werkskantine einer nahegelegenen Fabrik wird für die Überlebenden gekocht.

Behutsam erzählt der Film die Geschichte dieses Zuges, der Fokus liegt weitestgehend auf den Opfern und Helfer_innen und bindet neben einer Reihe von Zeitzeugeninterviews auch Berichte von mittlerweile Verstorbenen ein. Neben zwei Überlebenden, die die Journalist_innen in Moskau besucht haben, kommen so weitere Perspektiven und Gefühle zum Ausdruck. Muggenthaler und Mocellin fügen sorgfältig recherchierte Puzzleteile zusammen um diese ausnahmslose Geschichte zu erzählen und parallel auch über deren Erforschung zu berichten.

Eine weitere Besonderheit ist die Einbindung von vielen Fotos und den heimlichen aufgenommen Filmaufnahmen, die durchaus in der Lage sind, einen Eindruck vom Geschehen um den Zug herum zu vermitteln.

Das letzte Wort des Filmes gehört Jörg Skriebeleit, der die Geschehnisse um die zweiwöchige Fahrt des Zuges einordnet. Diese Geschichte zeige, dass es Handlungsspielräume zur Hilfe gab, die weit über Erzählungen von Unterstützung von Todesmärschen durch Nahrungsmittel und Nichtauslieferung von entflohenen Häftlingen hinausgehen. „Es geht hier nicht darum, ihnen eine Kartoffel zuzustecken, das ist auch ein humanitärer Akt. Dieser Zug wird aufgehalten, Leute werden informiert, zehn Kilometer weiter Bahnstationen angerufen, Brot gesammelt, Notlazarette eingerichtet. Und es ist zu einfach, zu sagen: ‚ Ja, ja, das sind die Tschechen, und die haben die Deutschen gehasst.’ Es war keine Aktion gegen die deutschen Bewacher, es war eine Aktion der Humanität, der puren Menschlichkeit, die im Deutschen Reich, in dieser Form nicht nur nicht nachweisbar ist, sondern die es so in dieser Form nicht gegeben hat – auch nicht kurz vor Kriegsende.“

Vor zwei Wochen wurde der Film mit dem Sonderpreis Milena Jesenská des Deutsch-tschechischen Journalistenpreises ausgezeichnet. Bereits im Juni wurde Sorin Dragoi für seine Kameraführung mit dem Deutschen Kamerapreis 2018 ausgezeichnet.

Bis zum 29. Januar 2019 ist der Film in der ARD-Mediathek abrufbar. Ob und wo der Film anschließend erhältlich sein wird, ist bisher unbekannt. 

 

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