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Auf Spurensuche zum deutsch-tschechischen Kulturerbe

Franz Kufner unterrichtet am Gymnasium Lappersdorf Deutsch, Latein, Geschichte und Sozialkunde und hat einen Lehrauftrag in Germanistik an der Universität Regensburg Hans Kistler unterrichtet als Auslandsdienstkraft an der Deutschen Schule Prag Englisch und Geschichte.

Von Franz Kufner und Hans Kistler

Das Gymnasium Lappersdorf im Landkreis Regensburg und die Deutsche Schule Prag haben sich vor fünf Jahren auf den gemeinsamen Weg einer grenzüberschreitenden Kooperation gemacht, um die Schüler_innen diesseits und jenseits der Grenze im Sinne der europäischen Idee näher zusammenzuführen.

Vor der ersten Kontaktaufnahme der beiden Schulen sollte auf deutscher Seite selbstkritisch festgestellt werden, dass sich der Blick nach Osten erst öffnen musste. Wenn man das Ausland im Blick hatte, dachten wir wie selbstverständlich an West- oder Südeuropa. Natürlich wissen wir, dass der Eiserne Vorhang schon lange gefallen ist, in den Köpfen war jedoch der europäische Osten immer noch kein bewusstes Ziel für Schüler_innenfahrten, geschweige denn Schulpartnerschaften.
Der Anstoß kam sodann auch aus der tschechischen Hauptstadt, da die Deutsche Schule Prag für ein gesellschaftspolitisches Seminar noch eine bayerische Schule suchte – der bisherige Partner war ausgefallen.

Da das Seminar im Stil von „Jugend Debattiert“ politische Themen erörtern sollte, war der Kontakt zu einer Schule gewünscht, an der diese Methode bereits länger eingeführt war. Auf diese Weise wurden die Lehrkräfte am Gymnasium Lappersdorf darauf aufmerksam gemacht, dass hier jenseits der Grenze Interesse an einer Kooperation besteht. Da das Gymnasium Lappersdorf in dieser Zeit erst aufgebaut wurde, war man hier auch besonders offen für alle Möglichkeiten, um der neuen Schule ein breites Profil zu geben. Zudem war man auf dem Weg, UNESCO-Projektschule zu werden, und somit war eine breite internationale Zusammenarbeit im Sinne der Völkerverständigung ein Ziel. Der Zeitpunkt der Anfrage fiel damit also in eine sehr günstige Phase in Lappersdorf.

Nach den ersten Kontakten zwischen den beteiligten Lehrkräften fanden wir schnell zusammen, ebenso wie die Schüler_innen, die diesseits und jenseits der Grenze in keiner Weise in alten Mustern denken, sondern ausschließlich europäisch. Diese Erfahrung konnteschon beim ersten Zusammentreffen der Schülergruppen gemacht werden, da auch die Sprache kein Hindernis darstellte, da die Schüler_innen in Prag auch Deutsch lernen. lernen die Schüler_innen in Prag auch Deutsch.

Nach mehreren gemeinsamen Seminaren zu Drogenprävention, Europäischer Integration oder Fake News weitete man die Zusammenarbeit auch im Bereich Betriebspraktika aus. Schüler_innen erhielten die Möglichkeit, in der jeweils anderen Stadt verschiedene Firmen kennenzulernen.

Historische Spurensuche

Das Jahr 2016 sollte dann mit der Doppel-Landesausstellung zu Karl IV. den Anstoß geben, sich auf eine gemeinsame historische Spurensuche zu begeben. Das Erinnern und Gedenken an die reiche gemeinsame Geschichte stand nunmehr immer stärker im Mittelpunkt der Projektkonzeption.

Im Zuge dieser Veranstaltung fuhren 20 tschechische und bayerische Schüler_innen vom 22. bis zum 28. September 2016 „Auf den Spuren der Kaiser von Prag nach Regensburg“ mit dem Rad von der tschechischen Hauptstadt in die Oberpfalz. Nachdem die bayerischen Teilnehmer_innen mit dem Zug nach Prag gereist und in ihren tschechischen Gastfamilien übernachtet haben, ging es gemeinsam mit den tschechischen Schülern über Hořovice, Pilsen, Domažlice und Roding zurück nach Regensburg, von wo die tschechischen Schüler _innen nach einer Nacht bei ihren Gastfamilien wieder zurück nach Prag reisten.

Da diese Fahrt auch eine lange Strecke durch das bayerisch-tschechische Grenzgebiet führte, beschäftigten sich die Projektbeteiligten gerade auch mit der wechselhaften Geschichte dieses Gebietes und man kam überein, ein weiteres Projekt zum gemeinsamen Erinnern in Angriff zu nehmen. Somit wurde das gemeinsame Seminar „Geschichte erfahrbar machen – auf der Suche nach verlorenen Orten im bayerisch-tschechischen Grenzgebiet“ in der Oberstufe der beiden Schulen installiert, um einerseits die Schüler_innen in die Lage zu versetzen, eine möglichst große Medienkompetenz zu erwerben und andererseits großes transnationales Fachwissen zu erwerben, indem sie die besondere Situation im bayerisch-tschechischen Grenzbereich beleuchten und für die Öffentlichkeit sichtbar machen.

Die Schüler_innen lernten bei zwei Exkursionen nach Waldmünchen und in das benachbarte Grenzlandgebiet die verschiedenen Stationen der gemeinsamen Geschichte und die aktuellen Herausforderungen der Region kennen. Während dieser Besuche war es ein großes Anliegen, neben dem Betrachten der Region auch Zeitzeug_innen zu interviewen und somit auch das Stimmungsbild der Menschen von damals und auch von heute festhalten zu können.

Nach dem erstmaligen Zusammentreffen im Juni 2018, konnten sich die Schüler_innen untereinander kennenlernen, indem sie gemeinsam Volleyball oder später an einer gemeinsamen Tafelrunde im Ritterkeller der Jugendbildungsstätte Karten spielten. Dieses erste Teambuilding war die Grundlage für unser späteres Engagement.

Die eigentliche Spurensuche begann dann am nächsten Tag, als die Gruppe von nun über 30 Personen eine gemeinsame Radtour nach Plöss/Pleš unternahm. Dieser Ort umfasste vor Kriegsende über 300 Häuser, von denen heute nur noch die Grundmauern zu erahnen sind. Ein paar wenige neu gebaute Gebäude erinnern an das sich einst dort befindliche Dorf, das von 1946 bis 1950 dem Erdboden gleichgemacht worden war. Hier war es den Schüler_innen möglich, Antonin Hofmeister zu interviewen, der als Kind in genau diesem Ort aufgewachsen ist und sich auch heute noch im Alter von 80 Jahren mit der Geschichte der Grenzregion und der damaligen Vertreibung beschäftigt.

Als Nächstes wurde die Bügellohe näher untersucht, ein Ort, an dem die vertriebenen Bewohner_innen von Wenzelsdorf in unmittelbarer Nähe der Grenze vergeblich auf die Rückkehr zu ihren zerstörten Häusern gewartet haben. Durch Zufall trafen die Teilnehmer_innen hier einen weiteren Zeitzeugen, Heinz Hüttel, der als Einjähriger auf die Bügellohe in das Haus seines Großvaters kam und auch heute noch die Überreste der Siedlung pflegt. Nach der Heimfahrt waren alle Schüler_innen froh, jedoch auch erschöpft aufgrund der anstrengenden Tour, welche insgesamt 58 km und über 1000 Höhenmeter betrug.

Exkursionen in Kleingruppen – Jugendliche auf Ortserkundung und bei Zeitzeug_innengesprächen

Im weiteren Verlauf teilten sich die Schüler_innen in unterschiedliche Gruppen ein, von denen die erste nach Grafenried/ Lučina fuhr, um den verlorenen Ort näher in Augenschein zu nehmen. Außerdem durften die Schüler_innen dort einem Gedenkgottesdienst beiwohnen, der genau das Thema Vertreibung der damaligen Bewohner_innen behandelte. Dieses Treffen wird seit sieben Jahren immer Ende April, Anfang Mai abgehalten und dient hauptsächlich den Menschen, die diese Erfahrungen selbst erleiden mussten. Vielen älteren Menschen bietet diese Veranstaltung die Möglichkeit, zum einen alte Bekannte wiederzutreffen und Geschichten auszutauschen und zum anderen auch neue Gesichter kennenzulernen. Nach einigen sehr aufschlussreichen Gesprächen mit Zeitzeug_innen, die zum Teil sehr emotional von ihren Erfahrungen erzählt haben und uns somit enorm informatives und einzigartiges Material geliefert haben, machte sich das Team auf den Rückweg zur Jugendbildungsstätte Waldmünchen.

Eine weitere Gruppe von fünf Schüler_innen wurde nach kurzem Fußweg von der Bildungsstätte zum Altenstift von einer Pflegerin in einen dortigen Aufenthaltsraum gebracht, wo sie schon von sechs älteren Damen und Herren erwartet wurden. Trotz anfänglicher Kontaktschwierigkeiten fanden die Jugendlichen dann doch noch die richtigen Fragen, die die Zeitzeug_innen in einen richtigen Redefluss brachten. Herr Richter erzählte beispielsweise, wie er damals in die Armee beordert wurde und mit 16 Jahren ohne militärische Ausbildung an die Ostfront geschickt und dort gefangen genommen worden war. Nach seiner Beschreibung der Umstände in diesen Lagern waren die Schüler_innen alle sichtlich bewegt, denn es ist doch ein Unterschied, ob man im Geschichtsunterricht einen Artikel über die schlimmen Verhältnisse liest oder ob man so eine grausame Geschichte wirklich von einem ehemaligen Gefangenen zu hören bekommt. Aber nicht nur die Herren versorgten sie mit Informationen, sondern auch die Damen waren mit großem Engagement dabei, ihre Erfahrungen aus den Kriegs- und Nachkriegsjahren zu erzählen. Besonders tat sich der gute Ruf der Amerikaner hervor, die nach einer älteren Dame die Helden ihrer Kindheit waren, denn immer hatten sie einige Kleinigkeiten wie Schokolade oder Kaugummis für die Kinder dabei, was es während des Krieges nie gegeben hatte. Einstimmig wurde von allen Zeitzeugen die Meinung geteilt, dass die „Russen mit ihrem Kommunismus“ das Schlimmste gewesen seien, was einem Menschen zu dieser Zeit hätte passieren können. Ähnliches galt ihrer Ansicht nach für Adolf Hitler, welcher von ihnen allen abgrundtief verachtet wurde. Auf diese Erzählungen folgte die kritische Anmerkung der Schüler_innen, dass es aber doch wohl auch Unterstützer_innen der einen wie der anderen Richtung gegeben haben müsste, was Anlass zu einer deutlich differenzierteren Reflexion gab. Nachdem eine Stunde sehr schnell vergangen war, deutete eine Pflegerin an, nun zum Ende zu kommen und so machten unsere Schüler_innen zusammen mit den Zeitzeuge_innen ein Erinnerungsfoto, bedankten und verabschiedeten sich und traten den Heimweg zur Jugendherberge an.

Die dritte Gruppe, bestehend aus vier deutschen und vier tschechischen Schüler_innen, steuerte am Sonntag die letzten zwei Ziele an, die für die Ortserkundungen des Seminars wichtig sind - den jüdischen Friedhof und das Schloss der Stadt Poběžovice, zwei besonders atmosphärische Orte, an denen die Geschichte der Grenzregion offensichtlich werden konnte. Die Hinfahrt auf abgelegenen Straßen und geschotterten Feldwegen verlief bis auf etliche Höhenmeter, die über den Herštejn (Hirschenstein) zurückgelegt werden mussten, ohne Probleme. Zuerst wurde der jüdische Friedhof näher in Augenschein genommen. Dieser wurde von den Deutschen im Zweiten Weltkrieg geschändet und teilweise zerstört. Heute ist er von Pflanzen regelrecht überwuchert und ein fast schon mystischer Ort. Viele Grabsteine wurden wieder an ihrem ursprünglichen Platz aufgebaut, so dass man erkennen kann, wie es dort früher ausgesehen haben muss. Des Weiteren wurde das Schloss von Poběžovice besichtigt, welches früher der Sitz der Reichsgrafen von Coudenhove-Kalergi war, einer schillernden Familie, die in unterschiedlichen Weise Akzente gesetzt hat. Hier sei nur Richard von Coudenhove-Kalergi erwähnt, der als Gründer der Paneuropaunion schon 1923 eine europäische Einigungsbewegung ins Leben gerufen hatte. Der Rückweg führte über landschaftlich reizvolle Wege zurück zur Jugendbildungsstätte Waldmünchen. Das anschließende Grillen war ein gelungener Abschluss für die komplette Gruppe.

Am Sonntag gab es nach dem Frühstück noch eine kurze Präsentation der einzelnen Gruppenergebnisse, bei der auch die Medien ausgetauscht wurden. Danach ging es zu Fuß zum Bahnhof und von dort zurück nach Regensburg bzw. nach Prag.

Weitere Begegnungen in Prag und Waldmünchen

Nach einem dreitägigen Kurzbesuch der deutschen Schüler_innengruppe in Prag, der vor allem der weiteren Projektplanung dienen sollte, trafen sich die Gruppen vom 3. bis zum 7. Oktober 2018 ein weiteres Mal in Waldmünchen, um die Planungen für die Radkarte zu den verlorenen Orten zu überprüfen und mittels baukultureller und architektonischer Hilfsmittel den untergegangenen Ort Grafenried näher zu untersuchen.

Unter Mithilfe von Stephanie Reiter und Jan Weber-Ebnet vom Verein „Architektur und Schule“ machten sich die Schüler_innen an eine intensive archäologische Kartographierung und Skizzierung der baulichen Überreste. Dazu wurde der Ort in unterschiedliche Planquadrate eingeteilt und von gemischten deutsch-tschechischen Schüler_innengruppen maßstabsgetreu gezeichnet. Im Anschluss wählte man drei besonders reizvolle Gebäudeensembles genauer aus, um sie mit einfachen baulichen Mitteln der Bühnentechnik in ihren ursprünglichen Formen zu simulieren. So wurden Latten, Stoffbahnen und Beleuchtungstechnik genutzt, um zwei Wohnhäuser sowie die Kirche am zentralen Marktplatz zu rekonstruieren. Auch der eigentliche Ausgräber und Erforscher von Grafenried, Helmut Roith, konnte sich von der seriösen Forschungstätigkeit der Schüler_innen überzeugen. Dabei stieß dieser Projektteil auch auf überregionales Interesse, da sowohl die Chamer Zeitung als auch der Bayerische Rundfunk über das gemeinsame Engagement der deutsch-tschechischen Schüler_innengruppe berichteten. Gerade in der eigentlichen Projektarbeit, beim Prozess des gemeinsamen Erinnerns konnte man bemerken, wie Völkerverständigung und europäischer Gedanke sich ausdrücken konnten. Diese Schüler_innengeneration ist unbelastet von der jüngsten Geschichte und denkt in anderen Kategorien. Das gemeinsame Erleben, das gemeinsame Tun und Handeln für eine europäische Zukunft sind entscheidend.

Blog des Projekts: https://blog.gymlap.de

 

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