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Transnationale Erinnerungsarbeit – ein kollegialer Austausch

Dr. Christa Schikorra leitet die Bildungsabteilung der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

Von Christa Schikorra

Seit mehr als zehn Jahren gibt es den von Thomas Rudner, Leiter des deutsch-tschechischen Koordinierungszentrums Tandem in Regensburg, initiierten Arbeitszusammenhang „Transnationale Erinnerungsarbeit“. Darin treffen sich ganz unterschiedliche Multiplikator_innen der schulischen wie außerschulischen länderübergreifenden Zusammenarbeit. Hinzukommen Kolleg_innen von tschechischen wie deutschen Gedenkstätten zu den Verbrechen des Nationalsozialismus.

Ein Ort an der Grenze

Die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg sieht bewusst die deutsch-tschechische Zusammenarbeit als einen Schwerpunkt ihrer Bildungsarbeit. Es gibt einmal die historische Dimension, denn allein 18 der insgesamt über 90 Außenlager des KZ Flossenbürg befanden sich auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik. Darüber hinaus gehörten Tschech_innen zu den ersten nicht-deutschen Gefangenen im KZ Flossenbürg. Im Januar 1940 überstellte die SS aus dem KZ Sachsenhausen zehn tschechische Studenten. Sie hatten sich in Prag und Brünn an Protesten gegen die deutsche Besatzung beteiligt. Bis April 1945 werden über 3.800 Tschechinnen und Tschechen in den Nummernbüchern des Konzentrationslagers registriert. 700 von ihnen sind jüdischer Herkunft, darunter 400 Frauen. Ein Fünftel aller tschechischen Gefangenen überlebt die KZ-Haft nicht.

Zum anderen liegt der in der Oberpfalz gelegene Ort Flossenbürg, nur einige Kilometer von der tschechisch-deutschen Grenze entfernt. Regelmäßig besuchen Schulklassen aus den grenznahen Orten und Städten der tschechischen Seite die Gedenkstätte. Immer wieder besuchen uns auch Gruppen im deutsch-tschechischen Austausch. Darüber hinaus bietet die Bildungsabteilung der Gedenkstätte zahlreiche Programme, Seminare und Workshops im deutsch-tschechischen Kontext an. Hervorzuheben wäre „History in Motion“, ein tänzerischer Workshop mit dem Community-Dance Worker Alan Brooks, der im November 2018 zum dritten Mal angeboten wird. Einen Zugang über Geschichte in Bewegung zu gestalten, ermöglicht in diesem fünftägigen Workshop ganz andere Verarbeitungsformen im Umgang mit der Geschichte an einem ehemaligen Verbrechensort zu finden. „Es muss nicht, aber es kann etwas Neues entstehen“, so eine Teilnehmerin. (s. LaG-Magazin 06/16, Allan Brooks: Dancing into the past, dancing into the future, http://lernen-aus-der-geschichte.de/International/content/13113).

Tschechisch-Deutsche Zusammenarbeit

Ein erstes Arbeitstreffen „Transnationale Erinnerungsarbeit“ fand bereits im Oktober 2009 in Lidice statt. Außer dem Kennenlernen der Kolleg_innen und einem Erfahrungsaustausch wurden didaktische Zugänge dargestellt, mögliche Kooperationen angesprochen und über Fördermöglichkeiten informiert. Alle Teilnehmenden verabredeten eine weitere Zusammenarbeit. Diese fruchtete dann in Themenseminare bzw. Fortbildungen für deutsche und tschechische Lehrkräfte an verschiedenen Gedenkstätten. Das neue und besondere war, die Kolleg_innen aus Terezín, Lidice und Flossenbürg entwickelten gemeinsam mit der Beteiligung und Unterstützung von Tandem Programme für diese Fortbildungen.

Nach einem Kennenlernen des jeweiligen Ortes inklusive historischer Vorträge am ersten Tag standen am folgenden Tag konkrete Bildungsangebote auf dem Programm. So lernten alle gemeinsam Seminarinhalte und Bildungsmodule in eigener Anschauung kennen, konnten diese ausprobieren und diskutieren. Insbesondere bestehende deutsch-tschechische Schulprojekte standen im Zentrum für die Teilnehmenden. Darum war es gut, dass auch ein Vertreter des Pädagogischen Austauschdienstes (PAD) der Kultusministerkonferenz (KMK) an diesen Seminaren teilnahm. Dem Fortbildungsseminar im Juni 2010 in Terezín folgte ein weiteres Arbeitstreffen im September 2010 in Flossenbürg, bei dem weitere konkrete Vorstellungen ausgetauscht wurden. Wichtig erschien es uns, insbesondere über die Geschichtsbilder in Tschechien und Deutschland zu arbeiten und die unterschiedlichen Perspektiven auf geschichtliche Ereignisse zu thematisieren. Außerdem sollte der Austausch von konkreten Bildungskonzepten und Bausteinen der transnationalen Zusammenarbeit fortgesetzt werden.

Gemeinsam und gut vorbereitet startete dann im November 2011 ein weiteres deutsch-tschechisches Lehrkräfte-Seminar in Flossenbürg. Diesmal ging es um die Erfahrungen mit Vorbereitungen von Gedenkstätten-Exkursionen und neuen Impulsen dazu. Im Zentrum standen methodische Zugänge über Lebensgeschichten von Verfolgten, die Bezüge zur Lebensrealität von Schüler_innen ermöglichen sollen. Hilfreich war für dieses Thema, dass ein Film mit ehemaligen Häftlingen des KZ Flossenbürg in deutscher wie in tschechischer Sprache vorliegt. Jedoch verweist das auf eine Frage, die ein Dauerbrenner unter den teilnehmenden Pädagog_innen war: Wie schaffen wir gemeinsame Erlebnis- und Erfahrungsräume miteinander, wenn die Sprachhürde einen dazu bringt, die Gruppen in Tschechisch- und Deutschsprechende aufzuteilen. Eine Vielzahl von Praxisbeispielen aus der Arbeit der drei Gedenkstätten konnten präsentiert und diskutiert werden. Die Kollegin aus Lidice sprach zu Geschichte und Kunst; der Kollege aus Terezín stellte eine Darstellung der Begriffe nazistisch, faschistisch, deutsch in tschechischen Geschichtslehrbüchern vor. Intensiv beschäftigten wir uns des Weiteren mit dem Bild der Deutschen im tschechischen Nachkriegsfilm bis zur Gegenwart, das PhDr. Petr Koura mit einem Vortrag und Filmausschnitten vorstellte und uns vielfältige Diskussionspunkte anbot. Zu guter Letzt lernten alle Teilnehmenden des Lehrkräfteseminars verschiedene Auswertungsmethoden für Gedenkstättenbesuche im transnationalen Kontext kennen.
Mit vielen Anregungen und Ideen machten sich die Teilnehmenden an die Umsetzung in ihren Schulen und Organisationen. Manche von Ihnen haben wir dann während einem der Gedenkstättenbesuche mit den Partnerschulen begleitet, andere bei weiteren Fortbildungsangeboten im deutsch-tschechischen Kontext wiedergetroffen. Weitere transnationale Fachseminare und Tagungen folgten. Wir lernten viel voneinander und konnten auf dem Erarbeitenden aufbauen, Anregungen gemeinsam umsetzen und deutsch-tschechische Austauschprogramme als historisch-politische Angebote weiterentwickeln – in den Schulen, den Jugendverbänden wie auch den Gedenkstätten.

Gemeinsam auf dem Weg der Erinnerung

Der Vernetzungsgedanke die deutsch-tschechische Erinnerungsarbeit unter Kolleg_innen aus Gedenkstätten weiterzuführen, mündeten seit 2012 in einer Reihe von Arbeitstreffen zu transnationaler Erinnerungsarbeit, in einem nun erweiterten Kreis. Hinzukamen auf deutscher Seite Kolleg_innen aus den Gedenkstätten Ravensbrück, Sachsenhausen, DokuPäd Nürnberg und dem Max Mannheimer Studienzentrum Dachau. Aus dieser produktiven Zusammenarbeit entstand unter Federführung von Tandem eine Broschüre mit Materialien und Methodenbausteinen aller beteiligten Einrichtungen in deutscher und tschechischer Sprache. Diese Publikation wurde 2015 veröffentlicht und erscheint in Kürze in einer zweiten Auflage.
Ansätze historisch-politischer Bildung im deutsch-tschechischen Kontext miteinander in die Diskussion zu bringen, sehe ich als einen Erfolg dieser nachhaltigen Zusammenarbeit auf der Ebene von Fachkräften und Expert_innen. Als das Koordinierungszentrum für den deutsch-tschechischen Jugendaustausch Tandem sich 2016-2018 als Jahresthema „Gemeinsam auf dem Weg der Erinnerung“ gab, konnte die Kooperation zwischen den Gedenkstätten, den Austauschprogrammen, der schulischen wie außerschulischen Bildungsarbeit mit Multiplikator_innen intensiviert werden.

Im Zentrum jedoch stehen die Jugendlichen, die sich, aus Tschechien wie aus Deutschland kommend, in gemeinsamen Tagen und Wochen kennenlernen, ihre verschiedenen und manchmal gar nicht so weit auseinanderliegenden Perspektiven auf die Welt austauschen. Wenn sie gemeinsam Gedenkstätten besuchen, die an Orten von Verfolgung und Tod erinnern, fragen sie sich zu Recht: Was hat die Geschichte mit uns heute zu tun? Wie stehen wir heute gegen Antisemitismus, Rassismus und Menschenfeindlichkeit? Wie verteidigen wir heute Demokratie und eine offene Gesellschaft?

 

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