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Reflecting Memories. Die Erinnerung an den Völkermord an Sinti und Roma in der internationalen Jugendarbeit

Juliane Niklas arbeitet als Referentin für Internationale Jugendarbeit und Schüleraustausch in Mittel- und Osteuropa beim Bayerischen Jugendring. Ingolf Seidel ist neben seiner Arbeit für „Lernen aus der Geschichte“ als Trainer und Referent in der (historisch-)politischen Bildungsarbeit tätig.

Von Juliane Niklas und Ingolf Seidel

Im Oktober 2017 führte der Bayerische Jugendring im Rahmen der Reihe „Reflecting Memories“ in München ein deutsch-tschechisches Seminar für Multiplikator_innen der internationalen Jugendarbeit zur Erinnerung an den Völkermord an Sinti und Roma mit 14 Teilnehmenden durch. Konzipiert und geleitet wurde die Veranstaltung von Juliane Niklas (Bayerischer Jugendring) und Ingolf Seidel (Agentur für Bildung – Geschichte, Politik und Medien e.V.). Das Muzeum romské kultury (Museum für Roma-Kultur) in Brno war der Kooperationspartner auf tschechischer Seite und wurde vertreten durch Eva Dittingerová und Dušan Slačka.

Die Idee von „Reflecting Memories“

Internationale Jugendbegegnungen sind oftmals eher hintergründig beeinflusst von der Vergegenwärtigung von Geschichte. Vor allem die Erinnerung an Nationalsozialismus, Shoah, Roma-Holocaust und Zweiten Weltkrieg spielt als Teil der unterschiedlichen Geschichtskulturen untergründig gerade dort hinein, wo die Thematik nicht explizit aufgegriffen wird. An den historischen Orten nationalsozialistischer Ausgrenzungs- und Vernichtungspolitik, in der Regel den heutigen KZ-Gedenkstätten, wird die Auseinandersetzung um diesen Themenkomplex dann aber gerade in bi- und multilateralen Kontexten präsent. Erinnerungsformen und Gedenkrituale, in der Regel geprägt durch unterschiedliche historische, nationale oder auch religiöse Hintergründe, können bei den begleitenden Lehrkräften, Pädagog_innen und nicht zuletzt bei den jugendlichen Teilnehmer_innen für Irritationen im Gruppenprozess führen.

Das transnationale Projekt „Reflecting Memories“ will unterschiedliche institutionelle Akteur_innen und Multiplikator_innen auf dem Feld der internationalen Begegnungen junger Menschen miteinander vernetzen und die Diskussion um die Bedeutung von Erinnerung und Gedenken an die Shoah, den Völkermord an Sinti und Roma, die deutsche Besatzung und andere nationalsozialistische Massenverbrechen in den Jugendbegegnungen weiter befördern sowie wesentliche pädagogische Akteur_innen auf diesem Feld verstärkt in den Austausch zu bringen. Zudem will es Lehrkräften und Pädagog_innen eine praxisorientierte Unterstützung in der Organisation von Erinnerungsprozessen in internationalen Jugendbegegnungen bieten. Das Projekt beruht auf einer Kooperation des Bayerischen Jugendrings mit der Agentur für Bildung – Geschichte, Politik und Medien.

Seminareinstieg und historische Annäherung

Nach einem gruppendynamischen Einstieg folgte die inhaltliche Annäherung über eine Übung mit dem Comic „Im Konzentrationslager“ von Walter Moers. Die Übung lehnt sich an eine Vorlage aus „Konfrontationen. Bausteine für die pädagogische Annäherung an Geschichte und Wirkung des Holocaust“, Heft 3 ‚Ausschluss‘ von Heike Deckert-Peaceman u. a. (Fritz Bauer Institut) an. Der Comic zeigt eine Situation in einem Kindergarten. Durch Fragen der Kinder zu Konzentrationslagern und Sinti/Roma gerät die anwesende Erzieherin in Erklärungsnöte und ist mit ihren eigenen Ressentiments konfrontiert. Roman, ein junger Sinto, führt die Situation selbstbewusst ad absurdum. Die Panels des Comics waren vorab ins Tschechische übersetzt worden.

Die Teilnehmenden diskutierten den Comic in Kleingruppen und werteten anschließend ihr Gespräch in der Gesamtgruppe aus. Einer tschechischen Teilnehmerin kam die Grundkonstellation des Comics bekannt vor, ähnliches wäre ihr aus der Praxis bekannt. Neben den Ressentiments der Erzieherin würde sich das Bemühen zeigen, möglichst keine Fehler im Umgang mit der Situation und Angehörigen der Minderheit zu begehen. Das würde erst recht zu problematischen und stigmatisierenden Situationen führen. Auch andere Teilnehmer_innen machten eine Überforderung der Pädagogin aus. Festgestellt wurde ein unterschiedlicher Umgang mit dem negativ konnotierten Wort „Zigeuner“ in Tschechien und Deutschland. Während das Wort in Deutschland eher im privaten Sprachgebrauch benutzt würde, sei es in Tschechien auch im öffentlichen Gebrauch üblich. Es würde auch genutzt, um sich von einer vermeintlichen political correctness abzugrenzen. Neben dem tschechischen Wort cikán, wäre aber auch cestovatel (Reisender) gängig. Grundsätzlich wurde übereinstimmend festgehalten, dass Ressentiments über Worte und Benennungen transportiert und festgeschrieben würden. Für Sinti und Roma ginge es dabei auch um einen Kampf um die eigenen Identitätsentwürfe.

Anschließend an den Einstieg waren die Teilnehmer_innen gefordert, sich in einer Gruppenarbeit der Seminarthematik historisch anzunähern. Die Grundlage dafür bot ein zweisprachiger Zeitstrahl, bestehend aus unterschiedlichen Quellengattungen wie Fotos, Verordnungen, Gesetzestexten u.a., die nicht nur den Völkermord an sich thematisierten, sondern auch die vorherige Ausgrenzung und Verfolgung von Sinti und Roma sowie deren Lebenssituation. Viele Dokumente hatten einen Bezug zu Bayern. Dieser Umstand ist nicht nur dem lokalen Bezug des Seminars geschuldet. In der Errichtung eines Kontrollregimes über Angehörige der Minderheit nahm das Land bereits früh im 19. Jahrhundert und bis nach 1945 eine unrühmliche Vorreiterrolle ein. So wurden in München seit 1889 durch einen polizeilichen Nachrichtendienst Daten von Sinti und Roma gesammelt und mit der Verabschiedung der „Landfahrerordnung“ im Jahr 1953 wurden viele Restriktionen des bayerischen „Zigeuner- und Arbeitsscheuengesetzes“ aus dem Jahr 1926 nach ihrer Abschaffung durch die US-Militärregierung wieder in Kraft gesetzt. Der Begriff „Landfahrer“ camouflierte nur die antiziganistische Ausrichtung der Verordnung, da man sich nach 1945 nicht dem Vorwurf des Rassismus aussetzen wollte. Verschiedene Dokumente nahmen auch auf die Ausgrenzung von Sinti und Roma in der damaligen Tschechoslowakei Bezug.

Tagesexkursion in die KZ Gedenkstätte Dachau

Für den zweiten Seminartag stand eine Exkursion in die KZ-Gedenkstätte Dachau und in das Max Mannheimer Studienzentrum (MMSZ) auf dem Programm. Die Führung und das nachmittägliche Workshopprogramm im MMSZ wurden von Steffen Jost, damals stellvertretender Leiter der Einrichtung, angeboten. Der Schwerpunkt der Führung durch die Gedenkstätte lag auf dem Schicksal der im Konzentrationslager inhaftierten Sinti und Roma sowie auf dem Gedenken. Ausgewertet wurde der zweieinhalbstündige Rundgang anhand einer Übung mit Fotos, wobei die Fotos den Teilnehmer_innen als Medium dienten, um die eigenen Gedanken zu fassen und zu entwickeln. Gerade bei Jugendlichen ergibt sich darüber die Möglichkeit die eigenen Emotionen leichter zur Sprache zu bringen.

Im nächsten Schritt befasste sich die Gruppe mit der Entstehung der Gedenkstätte. Drei Kleingruppen erhielten jeweils Materialien, bestehend aus Zeitungstexten, Bildern und Egodokumenten aus den 1940er, 1950er und 1960er-Jahren. Für die nachfolgende Präsentation gab es zwei Leitfragen: „Wer sind die Akteur_innen des Gedenkens?“ und „Was sind ihre Interessen?“. Mittels der Übung wurden u.a. die unterschiedlichen Interessen am Gedenken der Stadt Dachau, die mit Erinnerungsabwehr befrachtet waren, und den Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgung herausgearbeitet.

Abschließender Programmpunkt des Tages war die Vorstellung der verschiedenen pädagogischen Materialien, die im MMSZ zur Verfolgung von Sinti und Roma erarbeitet wurden. Da dieser Fundus inzwischen ausgesprochen umfangreich ist, würde eine Vorstellung an dieser Stelle den Rahmen sprengen. In seiner Einführung wies Steffen Jost auf die Besonderheiten hin, die bestehen, wenn zum Völkermord an der Minderheit pädagogisch gearbeitet wird. Dazu gehöre, dass es bei Schüler_innen kaum Vorwissen zu Diskriminierung und Verfolgung wie auch zu Sinti und Roma selbst gibt. In bundesdeutschen Schulbüchern tauche das Thema erst seit den 1990er-Jahren auf und ist meist Schulbüchern für die Oberstufe vorbehalten. Zudem würde die Ermordung von Sinti und Roma außerhalb der Konzentrations- und Vernichtungslager nur in zwei Büchern überhaupt angesprochen. Zudem würden teilweise Fehlinformationen verbreitet. Beispielsweise seien die angegebenen Opferzahlen in der Minderheit teilweise falsch angegeben. Lehrkräfte wären also darauf angewiesen sich das notwendige Wissen selbst zu erarbeiten, was in der Praxis praktisch kaum passieren würde. Als Widersprüchlichkeit im Team des MMSZ benannte der Referent, dass die Materialien und Seminare ausschließlich durch Angehörige der Dominanzgesellschaft erarbeitet und durchgeführt würden. Jenseits der Reflexion darauf Otheringmechanismen zu vermeiden, käme in den Seminaren ein Video mit einem Sinto zum Einsatz, der die NS-Verfolgung ebenso ansprechen würde wie Diskriminierungserfahrungen. So sollte eine Stimme derjenigen über die gesprochen wird integriert werden. Deutlich gemacht würde dabei, dass der Protagonist für sich selbst sprechen würde und nicht für die Minderheit insgesamt. Von einer tschechischen Teilnehmerin kam der Einwand, dass es trotz der Kulturalisierungsproblematik wichtig sei, darüber zu informieren wer die Roma seien. Ihre Unsichtbarmachung sei auch ein Teil der Problematik. Mit einer Feedbackrunde endete das Seminarangebot im MMSZ.

Präsentationen und Diskussionen: Erinnern und Gedenken an den Völkermord in der Tschechischen Republik und in der Bundesrepublik Deutschland

Die Zwischenüberschrift zeigt bereits den Schwerpunkt des dritten Tages auf. Am Vormittag gab Thomas Höhne vom Verband Deutscher Sinti und Roma – Landesverband Bayern einen Überblick zu Formen der Erinnerung an den Völkermord an Sinti und Roma in Deutschland. Am Nachmittag folgten Ausführungen zur tschechischen Erinnerung von Dušan Slačka, Historiker am Museum für Roma-Kultur. Dušan Slačka bezeichnete die Gründung des Svaz Cikánů-Romů (Verband der Zigeuner-Roma, SCR) als wichtigen Markstein in der Nachkriegsgeschichte der tschechischen Roma. Erste Initiativen zur Gründung dieser ersten politischen und kulturellen Vereinigung für Roma in der ČSSR, die von 1969 bis 1973 bestand, gehen auf den „Prager Frühling“ zurück. Der SCR trat für die sozialen und politischen Rechte von Roma ein. Nach der nur halb freiwilligen Auflösung des Verbandes existierte auch nach 1989/90 keine stabile Nachfolgeorganisation. Mittelbar tritt das Muzeum romské kultury in Brno in die Fußstapfen, vor allem was die Vermittlung der unterschiedlichen historischen Aspekte der Roma anbelangt. Ausgewertet wurden die beiden Vorträge in gemischten Kleingruppen mittels der Übung Placemat Activity und in anschließender Plenumsdiskussion.

Zwischen beiden Präsentationen bot Juliane Niklas eine kompakte Stadtführung durch München zu ausgewählten Erinnerungsorten im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus für die Gruppe an.

Abschluss

Das Seminar wurde mit einer Feedbackrunde beschlossen. Allgemein wurde die Möglichkeit begrüßt, sich in bilateralem Rahmen mit unterschiedlichen Perspektiven auf die jeweiligen Formen der Erinnerung auseinanderzusetzen und die jeweils anderen Perspektiven zu erfahren. Das Seminar sei eine Möglichkeit, dem Mangel an Auseinandersetzung mit dem Völkermord an Sinti und Roma in der Bildungsarbeit entgegenzuwirken. Die Exkursion nach Dachau und die Seminararbeit im MMSZ wurden ebenfalls einhellig als Gewinn eingestuft.

Die zögerliche Aufarbeitung des Roma-Holocaust in beiden Ländern wurde ebenso offensichtlich wie die Tatsache, dass auch das Wissen über die Erinnerungsarbeit im jeweils anderen Land begrenzt ist. Hier gibt es viele Ansätze für weitere Kooperationen.

Die Zusammenarbeit mit dem Muzeum romksé kultury wird fortgeführt, so besuchte eine Delegation im Sommer 2018 der Eröffnung der Gedenkstätte Hodonín, die vom Roma Museum organisiert wurde.

 

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