Zur Diskussion

Begegnungsraum Geschichte - außerschulische Lernorte in der bayerisch-böhmischen Grenzregion

Die Autor_innen sind wissenschaftliche Mitarbeiter_innen an der Professur für Didaktik der Geschichte der Universität Passau. Miloslav Man studierte Lehramt (Geschichte, Deutsch) in Budweis und widmet sich seitdem der deutsch-tschechischen Jugendarbeit in verschiedenen Projekten und Organisationen, u. a. bei Tandem oder Pragkontakt. Judith M. Rösch studierte Slavistik und Religionsgeschichte in Würzburg und Budweis und arbeitet im politisch-historischen und interkulturellen Bildungsbereich sowie im internationalen Jugendaustausch. Diana Stock-Megies wuchs im deutsch-tschechischen Grenzgebiet auf und ist seit ihrem Geschichtsstudium in Passau als Museumspädagogin im deutsch-tschechischen Kontext tätig.

Von Miloslav Man, Judith M. Rösch und Diana Stock-Megies

Der Begegnungsraum Geschichte bietet Lernen in der Region, grenzüberschreitend und unter Berücksichtigung von deutschen und tschechischen Perspektiven. Er setzt den Rahmen für das Kennenlernen von Menschen aus dem jeweils anderen Land und ermöglicht somit den persönlichen Austausch über historische Themen. Lehrkräfte werten gemeinsam Unterrichtsmaterialien aus, Schüler_innen erkunden außerhalb der Schule historische Orte und lösen zusammen Aufgaben und Studierende erzählen multimediale Geschichten. Dadurch werden Grenzen überwunden – auf der Landkarte und im Kopf. 

Die Ziele des Projekts (s.u. Hintergrund) gibt sein Titel „Begegnungsraum Geschichte“ wieder: 

  • Begegnung – Schüler_innen, Studierende und Lehrkräfte aus der bayerisch-böhmischen Grenzregion lernen sich an außerschulischen Lernorten kennen.

  • Raum – Sie begehen gemeinsam Räume, in denen die Geschichte Spuren hinterlassen hat.

  • Geschichte – Der inhaltliche und persönliche Austausch ist die Grundlage für eine multiperspektivische Beschäftigung mit der Regionalgeschichte.

Seine Inhalte leiten sich aus den gemeinsamen historischen Themen der Region ab:
Mittelalterlicher Salzhandel, Glasindustrie, Holzwirtschaft mit Trift und Flößen, Eisenbahnbau, das Münchner Abkommen und seine Auswirkungen auf das Grenzgebiet, Zwangsaussiedlung und verlassene Dörfer, Eiserner Vorhang, grenzüberschreitende Zusammenarbeit.

Was möchte der Begegnungsraum Geschichte im Einzelnen erreichen und wie geht er dabei vor?

Angebote für Lehrkräfte

Lehrkräfte sollten im Unterricht den Stoff des Lehrplans anhand von regionalgeschichtlichen Beispielen für ihre Schüler_innen greifbar und interessant vermitteln können. Mit Blick auf die bayerisch-böhmische Dimension soll einem einseitigen Geschichtsbild gegengesteuert werden. Denn Geschichte wurde und wird in Deutschland und Tschechien unterschiedlich vermittelt, Lehrbücher legen den Schwerpunkt auf verschiedene Aspekte eines geschichtlichen Ereignisses, Lehrkräfte werden unterschiedlich ausgebildet. So werden auch weiterhin verschiedene Geschichtsbilder vermittelt.

Das Projektteam entwirft Arbeitsblätter, die die Lehrer_innen direkt im Unterricht einsetzen können. Zusammen mit Sachanalysen, Kartenmaterial und Tipps für den Besuch von themenspezifischen außerschulischen Lernorten der Region findet man sie auf: www.begegnungsraum-geschichte.dewww.begegnungsraum-geschichte.de. Einzelne Lehrkräfte beteiligten sich an der Evaluierung der in Vorgängerprojekten entstandenen Unterrichtsmaterialien. Die Ergebnisse flossen in eine Handreichung ein (s.u. Publikation). An vier Terminen bildeten sich Lehrer_innen aus dem deutsch-tschechischen Projektgebiet gemeinsam fort. Neben Vorträgen standen Workshops und Exkursionen auf dem Programm. Die Teilnehmenden konnten so unterschiedliche Ansichten auf spezifische geschichtliche Ereignisse kennenlernen.

Angebote für Schüler_innen

Schüler_innen sollen Gleichaltrige aus dem benachbarten Grenzland kennenlernen, mit ihnen zusammen einen Tag lang Geschichtsunterricht einmal anders erleben und nebenbei erfahren, dass ihre Altersgenoss_innen aus dem Nachbarland ihnen gar nicht so unähnlich sind.

Das binationale Projektteam entwickelt eintägige deutsch-tschechische Schüler_innenbegegnungen zu ausgesuchten Themen der bayerisch-böhmischen Geschichte und führt sie an grenznahen Orten durch: Bayerisch Eisenstein/Železná Ruda - Das Leben an der Grenze in der Zeit des Eisernen Vorhangs, Bučina/Buchwald - Leben entlang der Grenze, České Budějovice (dt. Böhmisch Budweis) - Auf den Spuren des deutsch-tschechischen Zusammenlebens in Budweis, Český Krumlov (dt. Böhmisch Krumau) - Auf den Spuren deutsch-tschechischen Zusammenlebens, Furth im Wald - Spuren der Vertreibung im Stadtbild, Passau - Passau, Böhmen und das Salz, Passau-Hals - Holztrift im Bayerischen Wald, Prachatice (dt. Prachatitz) - Was verbindet Prachatice und Bayern?, Vimperk (dt. Winterberg) - Vimperk, Spuren der deutsch-tschechischen Geschichte, Waldmünchen und Lučina/Grafenried - Durch Grafenried in Raum und Zeit. 

Am außerschulischen Lernort lässt sich der gemeinsame Geschichtsbezug für die Jugendlichen gut nachvollziehen. In Passau beispielsweise rekonstruierten sie mithilfe von Bildquellen und Texten den Weg des Salzes durch Passau und weiter über den Goldenen Steig nach Böhmen. Dabei lernten sie an konkreten Orten, die mit dem Salzhandel verbunden waren, auch die verschiedenen Berufe und die Bedeutung des Salzhandels für die Stadt und die ganze Region kennen. Der Tag startete mit einer an das Thema angepassten, altersgemäßen Sprachanimation (vgl. www.sprachanimation.info). Sie half den Teilnehmenden, spielerisch Hemmungen abzubauen und erste Kontakte zu knüpfen – eine wesentliche Grundlage für das gemeinsame Lernen. In gemischten Kleingruppen galt es anschließend, die „Ortsspitze“ von Passau zu erkunden, Plätze und historische Gebäude ausfindig zu machen und interaktive Aufgaben zu lösen.Dies war nur in bilateraler Teamarbeit möglich. Zum Abschluss präsentierten die Gruppen den anderen Schüler_innen ihre selbstgezeichneten Comics. 
Zwei Schulen mit ruhender Partnerschaft nahmen das Angebot zum Anlass, den Faden zum Schüler_innen-Austausch wieder aufzugreifen.

Angebote für Studierende

Angehende Lehrkräfte sollen zusammen mit Student_innen aus dem Nachbarland erfahren, wie sich ein außerschulischer Lernort in die didaktischen Überlegungen der Unterrichtsgestaltung einbeziehen lässt.

Das Projektteam ermöglicht Begegnungen von Studierenden der beiden beteiligten Universitäten in Passau und České Budějovice. Die Tagesprogramme orientieren sich an denen der Schüler_innenbegegnungen: Die Studierenden wenden selbst die Methoden der Schüler_innenbegegnungen an und betrachten sie kritisch unter didaktischen Aspekten. So setzten sie sich zum Beispiel mit einer Geschichts-Rallye durch Budweis auseinander und formulierten Vorschläge für ihre Verbesserung. Fachdidaktische Vorträge ergänzten das Programm.

Darüber hinaus führte der Begegnungsraum Geschichte multimediale Studierendenseminare in Kooperation mit der Stiftung Zuhören des Bayerischen Rundfunks durch. Bei einem der Seminare erkundeten die Teilnehmer_innen das verschwundene Dorf Grafenried (heute tsch. Lučina) mit der Kamera, befragten Zeitzeug_innen und schufen aus ihren Aufzeichnungen Geschichten im Sinne des multimedialen Storytellings (www.grenzgeschichten.net Stichwort „Grenze“).

Publikation und Website 

Im Jahr 2019 wird eine Handreichung veröffentlicht, die in Einzelkapiteln Sachtexte zu ausgewählten Themen der bayerisch-böhmischen Regionalgeschichte mit methodisch-didaktischen Analysen für den Schulunterricht verbindet und die Lehrplananbindung darstellt. Arbeitsblätter für verschiedene Schultypen und Jahrgänge sind sofort einsetzbar. Die Publikation wird in der Zielregion des EU-Projekts kostenfrei an die Schulen geliefert und soll auch als Onlineversion auf der Website für alle Interessent_innen zur Verfügung stehen. Hier rundet farbiges Karten- und Bildmaterial die Ausführungen ab. 

Projekt-Hintergrund

Die bayerisch-böhmische Grenzregion ist geprägt vom Bayerischen bzw. Böhmerwald, welcher die Bewohner_innen auf beiden Seiten zugleich verbindet und trennt. Die Landesherren hatten im Laufe der vergangenen Jahrhunderte mehrfach gewechselt, die Grenze verschob sich, die Bewohner_innen blieben Nachbar_innen mit unterschiedlichen Möglichkeiten der Zusammenarbeit und Verständigung. Durch die Öffnung der Grenzen im Zuge der Samtenen Revolution im Jahr 1989 zeigte sich, welche tiefe Gräben die Auseinandersetzungen der zwei Weltkriege und des Kalten Krieges zwischen den Menschen gezogen haben. Die Trennung durch den Eisernen Vorhang wirkt auch fast 30 Jahre nach dessen Fall noch nach. Das Projekt leistet einen Beitrag dazu, die Menschen der deutsch-tschechischen Grenzregion zusammenzuführen. Es ermöglicht Miteinander- und Voneinanderlernen anhand historischer Themen.

Das zweisprachige Projekt mit einer Laufzeit von Juli 2016 bis Juni 2019 wird durch das EU-Programm "Ziel ETZ 2014-2020" ermöglicht, welches die „territoriale Zusammenarbeit“ in den Grenzgebieten fördert. Leadpartner ist die Universität Passau mit der Professur für Didaktik der Geschichte um Professor Dr. Andreas Michler. Der Partner in Tschechien ist die Südböhmische Universität in Budweis, Institut für Geschichte/Jihočeská univerzita v Českých Budějovicích, Historický Ústav. Auf der bayerischen Seite wird das Projekt zudem von der Sparkassenstiftung unterstützt. Kooperationen bestehen mit örtlichen Bildungseinrichtungen, Museen, Archiven und grenzüberschreitenden Organisationen. 

Literaturempfehlung

Begegnungsraum Geschichte: http://www.begegnungsraum-geschichte.uni-passau.de/literatur-und-quellen/.

Gehring, Wolfgang/Michler, Andreas: Einführung, in: Wolfgang Gehring & Andreas Michler (Hrsg.): Außerschulische Lernorte bilingual, Göttingen 2011, S. 5-9.

Michler, Andreas/Ahlers, Dorothee: Geschichtsunterricht und Geschichtsdidaktik in Tschechien, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, Nr. 3/4, 2017, S. 172-186.

Online-Unterrichtsmaterialien zum Thema "Deutsch-tschechische Geschichte in der Grenzregion": Das EU-Projekt "Geschichtsbausteine Bayern-Böhmen", in: Beneš, Zdeněk & Maier, Robert (Hrsg.): Nové horizonty historické dukace. Výuka dějepisu, historické vědomí a historická kultura mezi masovými sdělovacími prostředky, učebnicemi a edukačními materiály. Neue Horizonte für den Geschichtsunterricht. Geschichtsunterricht, Geschichtsbewusstsein und Geschichtskultur zwischen Massenmedien, Schulbuch und Unterrichtsmaterialen, Praha 2015, S. 244-260. 

 

Kommentar hinzufügen

CAPTCHA
Diese Frage dient der Spam-Vermeidung.
Image CAPTCHA
Enter the characters shown in the image.