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Kinder im KZ Bergen-Belsen – Pädagogische Materialien

Von Marika Aviva Pradler

Der Nationalsozialismus und damit zusammenhängend auch die Thematisierung der Konzentrationslager sind fester Bestandteil der Bildungsarbeit in Deutschland. Den Schwerpunkt auf die in den Konzentrationslagern inhaftierten Kinder zu legen, stellt jedoch in der Forschung als auch in der Erstellung von pädagogischen Materialien eine Neuerung dar. 

Die hier vorliegende Materialsammlung der Herausgeber_innen Joachim Kasten, Doreen Krohne und Thomas Rahe „Kinder im KZ Bergen-Belsen“ setzt sich aus einer didaktischen Handreichung, historischen Einführungstexten und Materialkarten für die Arbeit mit Quellen zusammen. Alles beschäftigt sich mit dem Thema Kinder in Konzentrationslagern bzw. genauer im Lager Bergen-Belsen. So steht am Beginn der Einführung ein Text über Kinder in Konzentrationslagern im Allgemeinen. Neben der gesonderten Thematisierung von sog. Jugendschutzlagern, geht es in diesem Teil vor allem darum, aus welchen Gründen Kinder inhaftiert wurden und unter welchen besonderen Bedingungen sie im Konzentrationslager leben und auch arbeiten mussten. 

Ein zweiter einführender Text bezieht sich speziell auf Kinder im KZ Bergen-Belsen. Dieses wurde ursprünglich als ein sog. Austauschlager errichtet. Das heißt, man brachte vornehmlich jüdische Familien hierher, die man mit sich in Kriegsgefangenschaft befindlichen deutschen Familien „tauschen“ wollte. Es wird auf die Haftbedingungen in Bergen-Belsen eingegangen und auch dessen historische Entwicklung beschrieben. In einem letzten Einführungstext geht es um das KZ Bergen-Belsen in den Jahren 1943-1945 im Allgemeinen. Hier wird noch einmal die spezifische Struktur des Lagers als sog. Austauschlager thematisiert. Auch darauf, wie das Gelände in der Nachkriegszeit genutzt wurde, wird eingegangen. 

Die didaktische Handreichung setzt sich aus Anmerkungen zur beiliegenden Materialsammlung, aus geschichtsdidaktischen Anmerkungen, Anmerkungen zur Methodik und Hinweisen zum Einsatz des Materials im Unterricht zusammen. Auch einige Schlussbemerkungen zur Erinnerungskultur im Allgemeinen sowie weiterführende Quellenangaben und Informationen zu vertiefender Literatur finden ihren Platz. 

Die Materialsammlung entstand im Kontext einer Wanderausstellung in der Gedenkstätte Bergen-Belsen zum selben Thema. Sie ist als exemplarisch für die spezifische Situation von Kindern in Konzentrationslagern generell anzusehen. Den Herausgeber_innen geht es darum ein differenziertes Verständnis der spezifischen Lebenssituation und Verhaltensformen von Kindern in KZs zu vermitteln. Deswegen haben sie Selbstzeugnisse der inhaftierten Menschen in den Mittelpunkt der Materialsammlung, welche sich aus DIN A5 großen Karteikarten zusammensetzt, gestellt. Hinter dem Konzept steht die Grundidee die Aussagen der inhaftierten Menschen in alltägliche Tätigkeiten zu klassifizieren. Zur Gliederung der Tätigkeiten wurden bewusst Verben gewählt, weil diese ein gutes Anknüpfungspotenzial für die Schüler_innen an ihren Alltag darstellen. Ein erster Zugang soll durch drei Fragen erfolgen, die in ihrer Komplexität ansteigen. Diese befinden sich jeweils auf der ersten Karte jeder Kategorie. Bei den verschiedenen Kategorien handelt es sich um: „essen und trinken“; „fühlen“; „helfen“; „hoffen“; „wünschen“; „feiern“; „leben“; „leiden“; „lernen und spielen“; „sterben“, außerdem noch die letzte Kategorie „und dann“, die sich mit dem Leben der Kinder nach der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt. Beispielhaft seien hier einmal die Leitfragen für die Kategorie „fühlen“ aufgeführt: „Welche Ängste hatten Kinder? Welche Gefühle hatten Kinder? Was vermissten Kinder?“ Bei den darauffolgenden Karten jeder Kategorie handelt es sich zum größten Teil um Zitate von Inhaftierten, die sich mit dem jeweiligen Thema der Kategorie befassen. Es wird dabei immer eine Angabe zur Person, zum Umstand und Zeitpunkt der Entstehung des Zitats sowie zu ihrem Alter, als sie inhaftiert waren, gemacht. Immer wieder sind auch Zeichnungen, Grafiken oder Tagebucheinträge Teil der Quellen. Bei den Zitaten wurde auf eine einfache Sprache geachtet (teilweise durch die Herausgeber_innen vereinfacht) und auch die Schrift ist für Kinder gut lesbar. Zu erklärungsbedürftigen Begriffen werden Anmerkungen gemacht. Die Kategorien sind mit unterschiedlichen Farben markiert und so ist die Materialsammlung auch (für junge Menschen) optisch ansprechend gestaltet. Die Karten sind nicht durchnummeriert und bauen auch nicht thematisch aufeinander auf. Sie können also individuell, je nach thematischem Schwerpunkt, eingesetzt werden. Auf konkrete Aufgabenstellungen haben die Herausgeber_innen, passend zum offen gestalteten Nutzungskonzept der Materialien, verzichtet. 

Da es sich bei den Berichtenden um immer wieder auftauchende Menschen handelt, wird auf jeder Karte auf die Karten verwiesen, die sich ebenfalls mit der betreffenden Person befassen. So ist auch eine biografische Bearbeitung der Karten möglich. Am Ende der Kartensammlung gibt es noch ein Kapitel, welches mit Fotos und Lebensläufen auf alle Biografien der auftauchenden Personen eingeht. 

Zu nutzen ist das Material für Schüler_innen der Sekundarstufe I und II unabhängig von deren Schulform. Der pädagogische Einsatz soll laut den Herausgeber_innen dazu dienen, sich mit unterschiedlichen Weltanschauungen und Menschenbildern auseinanderzusetzen und bei den Schüler_innen ein Verantwortungsbewusstsein hervorrufen. Der besondere Pluspunkt der spezifischen Auseinandersetzung mit Kindern soll zu einer besseren Identifikation führen und vor allem auch deutlich machen, dass bereits in der Kindheit entscheidende Weichen für das spätere Leben gestellt werden. 

Abschließend bleibt zu sagen, dass die vorliegende Materialsammlung eine sehr gut recherchierte und pädagogisch wertvoll aufbereitete Grundlage für die Auseinandersetzung mit Konzentrationslagern, im Kontext der Thematisierung der NS-Geschichte im Schulunterricht, ist. Insbesondere der Fokus auf die Kinder in Konzentrationslagern schafft einen neuen und auch für Schüler_innen spannenden Themenschwerpunkt. 

Durch die Einführung bekommt man als potenzielle_r Nutzer_in einen guten Überblick über die historische Situation und kann sich mit den begleitenden Materialien einen Eindruck davon verschaffen, was die Herausgeber_innen bei der Erstellung der Materialien im Sinn hatten und auf welch unterschiedliche Art und Weise diese zu nutzen sind. Die Thematisierung der verschiedenen Kategorien aus Sicht unterschiedlicher Menschen schafft ein breites Spektrum an Perspektiven und Themen. Es ist anhand der Materialien möglich sich die Spezifik der NS-Verfolgungsgeschichte und ihre Bedeutung historisch als auch gegenwärtig zu erschließen. 

Sowohl inhaltlich, methodisch und vor allem durch ihre konzeptionelle Offenheit, halte ich die Materialsammlung für gelungen und für den ihr zugeschriebenen Zweck gut einsetzbar. 

Herausgegeben von Joachim Kasten, Doreen Krohne und Thomas Rahe unter Mitarbeit von Tessa Bouwman und Diana Gring, Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten.

Inhalt: Didaktische Handreichung; Historische Einführungstexte; 239 Materialkarten für die Arbeit mit Quellen (Text- und Bilddokumente), Heft umfasst 34 Seiten, Preis: 29,00€.

 

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