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Personenbezogene Dokumente aus dem ITS Bad Arolsen in der Arbeit des Max Mannheimer Studienzentrums Dachau

Steffen Jost ist Historiker und pädagogischer Mitarbeiter am Max Mannheimer Studienzentrum. Er promoviert an der LMU-München zur Erinnerungskultur Sevillas. Nina Ritz hat Jüdische Studien und Philosophie studiert und leitet das Max Mannheimer Studienzentrum seit 2008.

Von Steffen Jost und Nina Ritz

Noch immer steigt die Zahl der Schulen, die im Rahmen der Behandlung des Themas Nationalsozialismus eine KZ-Gedenkstätte oder ein Dokumentationszentrum besuchen. Bei Gymnasien und Realschulen findet der Besuch in der Regel in der 9. Klasse statt, bei Haupt- bzw. Mittelschulen oft schon in der 8. Klasse. Aber auch Berufsschulen und Gruppen aus der außerschulischen Jugendarbeit sowie internationale Gruppen sind unter den Besucher_innen. Während die Mehrheit dieser Gruppen vor Ort ein kurzzeitpädagogisches Programm wie etwa einen geführten Rundgang in Anspruch nimmt, gibt es eine wachsende Zahl von Gruppen, die bei ihrem Besuch eine Anbindung an Themen wünschen, mit denen sie sich bereits im Unterricht oder im Rahmen eines Projekts auseinandergesetzt haben. 

Im Max Mannheimer Studienzentrum Dachau haben wir die Erfahrung gemacht, dass vor allem Gruppen, bzw. die Leiter_innen, die ein mehrtägiges Studienseminar buchen, an einem Themenschwerpunkt interessiert sind, der den Gedenkstättenbesuch zu einer nachhaltigeren Erfahrung werden lässt. Über die konkrete Vermittlung historischen Wissens hinaus sollen etwa verschiedene Kompetenzen vermittelt werden. Um diesem Bedürfnis gezielter entsprechen zu können, startete das Max Mannheimer Studienzentrum gemeinsam mit dem International Tracing Service in Bad Arolsen (ITS) im Juni 2016 das Pilotprojekt Document Go. Gruppen, die die KZ-Gedenkstätte Dachau im Rahmen eines Studientagprogramms besuchen wollten, erhielten dabei zur Vorbereitung speziell für sie ausgewählte Dokumente aus den Beständen des ITS. Über diese Akten(-auszüge), die gefüllt sind mit biografischen Fragmenten ehemaliger Häftlinge, wurde eine Verknüpfung zwischen dem Herkunftsort der Gruppe und dem KZ Dachau hergestellt. 

Obwohl die Arbeit mit historischen Dokumenten auch abseits von kurzen Auszügen in Schulbüchern selbstverständlicher Teil vieler aktueller Geschichtsstunden ist, sind viele Schüler_innen noch immer fasziniert, wenn sie im Sinne des forschenden Lernens größere Mengen historischer Dokumente oder auch ganze Akten bearbeiten können. Auch der regionalhistorische Ansatz, mit einer Auswahl von Dokumenten ehemaliger Dachauer Häftlinge, die einen geografischen Bezug zum Herkunftsort der Gruppe haben, zu arbeiten, eignet sich, um die Relevanz der Auseinandersetzung mit dem historischen Thema sichtbarer zu machen. Das Projekt Document Go verfolgte von daher das Ziel, bereits in der Vorbereitung auf den Gedenkstättenbesuch verstärktes Interesse zu generieren. 

Idealerweise sollte es so sein, dass die Vorbereitung von Gruppen auf einen Gedenkstättenbesuch mit personenbezogenen Dokumenten vorab – zum Beispiel angeleitet von Lehrkräften während des Geschichtsunterrichts – erfolgt. Bei einem dreitägigen Studienprogramm im Max Mannheimer Studienzentrum kann dies jedoch auch zu Beginn des Seminars stattfinden und wird dann von den pädagogischen Fachkräften des Studienzentrums angeleitet. In der Praxis wurden in diesem Fall vor allem zwei unterschiedliche Herangehensweisen gewählt: In der ersten Variante wurden mit der gesamten Seminargruppe (maximal 15 Teilnehmer_innen) jeweils in Kleingruppen Dokumente zu einem einzelnen Häftling bearbeitet, in der zweiten Variante wurden in Kleingruppen Dokumente zu unterschiedlichen Häftlingen analysiert. 

Im ersten Fall erhielten alle Teilnehmer_innen denselben Satz Dokumente und arbeiteten damit selbstständig. Sie sollten dabei so viel wie möglich über die Person herausfinden und dies für sich notieren. Anschließend wurden im Plenum die Ergebnisse aus den Kleingruppen zusammengetragen. Die Komplexität, der Umfang und auch Probleme bei der Lesbarkeit historischer Dokumente hatten zur Folge, dass es beim Zusammentragen mehr zu Ergänzungen als zu Doppelungen kam. Die Ergebnisse konnten währenddessen oder anschließend noch von der Leitung oder der Gruppe visualisiert werden. 

Bei der Arbeit mit unterschiedlichen Personen erfolgte eine Form der Ergebnissicherung schon in der Kleingruppenarbeit selbst. Hier zeigte die Erfahrung, dass deutlich mehr Zeit eingeplant werden musste und es für die Teilnehmer_innen einfacher und auch befriedigender war, wenn sie schon Kompetenzen im Umgang mit Quellen mitbrachten. Im Plenum wurden die Ergebnisse dann in unterschiedlicher Form vorgestellt oder visualisiert (zum Beispiel über einen Zeitstrahl). Der Fokus konnte in der Besprechung auf dem Vergleich der Überlieferungssituationen, den unterschiedlichen Lebens- und Verfolgungswegen und der Frage nach den Gründen für diese liegen.

In beiden Varianten wurden Erschließungsfragen als Hilfestellung auf einer Flipchart notiert: Wer taucht in den Dokumenten auf? An welchen Orten hielt sich die Person auf? Wann, wo und warum war sie in Haft? Was hat die Person vor und nach der Inhaftierung gemacht? Was lässt sich über die Persönlichkeit herausfinden?

In den Plenumsdiskussionen wurde außerdem über die Herkunft der Quellen gesprochen. Hier warfen Gespräche über die Entstehungszusammenhänge von KZ-Dokumenten wie auch von DP- oder Entschädigungsdokumenten neue Fragen auf, die im Laufe der Studienprogramme weiter behandelt wurden. Überhaupt diente die Arbeit mit den Dokumenten, die einen Einblick in individuelle Verfolgungswege gewähren, nicht dazu, abschließende Antworten zu generieren. Ganz im Gegenteil hat sich gezeigt, dass der Einsatz der Dokumentenanalyse zu Beginn unserer Programme – also auch noch vor dem Besuch der KZ-Gedenkstätte Dachau – vielmehr dazu führte, dass die Teilnehmenden zahlreiche eigene Fragen entwickelten.

Die Nutzung von ITS-Dokumenten für die Vorbereitung von KZ-Gedenkstättenbesuchen, wie sie im Pilotprojekt Document Go angelegt war und vom ITS im Projekt DocumentED weiterentwickelt und fortgeführt wird, hat sich für die historisch-politische Bildungsarbeit im Max Mannheimer Studienzentrum als große Bereicherung erwiesen. Die Arbeit mit den Dokumenten erfordert zwar von allen Beteiligten im Vorfeld einen deutlichen zeitlichen Mehraufwand, dieser ist aber durch eine entsprechend nachhaltige Bildungserfahrung für die Gruppen gerechtfertigt.

 

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