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Antisemitismuskritische Bildung in der Migrationsgesellschaft – Erkenntnisse für die Praxis. Eine Podiumsdiskussion mit Türkân Kanbıçak, Sascha Schmidt, Sebastian Schmidt und Gottfried Kößler

Es diskutierten: Türkân Kanbıçak, Sascha Schmidt, Sebastian Schmidt und Gottfried Kößler

Gottfried Kößler: Zunächst bitte ich alle drei, die Eindrücke der Tagung aus Perspektive ihrer spezifischen institutionellen Arbeitzu beschreiben.

Sascha Schmidt: Das Thema Arbeitswelt ist ein sehr breites und birgt, wie es die letzten Bundestagswahlen gezeigt haben, große Herausforderungen für die Gewerkschaften. Probleme mit Rechtspopulismus beispielsweise, so kritisch der Begriff gesehen werden muss, haben sich darin gezeigt, dass 15% der Gewerkschaftsmitglieder Positionen der AfD zustimmen. Das ist grundsätzlich keine neue Erkenntnis, insofern, dass die Gewerkschaften in vielen Bereichen der Einstellungsmessungen Spiegelbild der Gesellschaft sind. 

Zudem würde ich sagen, dass auch im organisierten Bereich der Gewerkschaften, den wir erreichen, schon lange ein Spannungsverhältnis bezüglich unserer Werte gegenüber den Zustimmungen zu menschenverachtenden Einstellungen besteht. Da stehen wir immer wieder vor der Herausforderung, dass wir an viele Menschen mit unseren Positionen und Bildungsangeboten nicht herankommen und aus diesem Grund immer wieder adäquate Formate suchen müssen mit denen wir die bestehenden Probleme thematisieren können. Und diese Probleme sehe ich vor allem bei Themen, die im Zusammenhang mit der Arbeitswelt stehen. Also soziale Verwerfungen, dem Gefühl abgehängt zu sein und der Suche nach einer Komplexitätsreduktion im Kapitalismus. Gerade in letztgenanntem sehe ich Probleme in Bezug auf wiederkehrende antisemitische Bilder. 

Ein konkretes Beispiel ist etwa die TTIP-Demo hier in Frankfurt. Da war die bildliche Sprache der verkürzten Kapitalismuskritik gut zu beobachten. Das stellt uns auch vordie Herausforderung: Wie gehen wir eigentlich damit um, dass wir Menschen vertreten, ansprechen und politisieren wollen beziehungsweise auch befähigen wollen selbst aktiv zu werden, die vor der Komplexität des Kapitalismus stehen und zugleich auch klare Antworten suchen? Wie können wir Reflexionsprozesse in Gang setzen, um diese Menschen sprachfähig zu machen, ohne dass sie in die eben beschriebene Falle tappen. 

Die zweite Herausforderung, die ich sehe, liegt im Bereich der Gedenk- und Erinnerungsarbeit. Hierzu haben die Gewerkschaften schon aus der Geschichte heraus eine klare Positionierung. Dennoch kommt es zu Vereinfachungen in Bezug auf die zeitliche Abfolge, dass also die Gewerkschaften schon im Mai 1933 verboten wurden, der Beginn der Shoa jedoch deutlich später war. Da erfolgt manchmal eine fragwürdige Interpretation mit Blick auf eine Hierarchisierung oder eine Gleichsetzung von Opfer- oder Betroffenengruppen. Und zugleich müssen wir auch feststellen, dass antisemitische Bilder vorhanden sind, die heute bereits als Schuldabwehr beschrieben wurden. Diese Positionen werden aufgrund unserer Werte von diesen Personen vielfach aber nicht laut ausgesprochen. 

Türkân Kanbıçak: Ich vertrete die Perspektive der Schule und möchte erstmal vorweg schicken, dass Schule als Institution schon eine sehr homogenisierende Einrichtung ist. In ihr existieren sehr viele Vorannahmen, eine homogene Lerngruppe wird beschlossen. In diesem Kontext muss natürlich auch die Lehrerausbildung, also das Lehramtsstudium und auch die zweite Phase der Lehrerausbildung, das Referendariat, stärker in den Fokus genommen werden, weil dort keine Vorbereitung auf den Umgang mit heterogenen Lerngruppen stattfindet.

Das ist die institutionelle Seite, die andere Perspektive ist die der individuellen Lehrkräfte und deren Haltungen. Da kann ich Astrid Messerschmidt natürlich nur zustimmen, dass es immer eine Frage der persönlichen Haltung ist, wie man mit Diskriminierung umgeht. Deswegen kann das Argument, dass die Lehrpläne keinen Raum für antisemitismuskritische oder auch für rassismuskritische Bildungsarbeit bieten, überhaupt nicht angenommen werden. Es sind vielmehr die Fragen: Woher nehme ich mir die Stunden, wie organisiere ich das und wie gehe ich damit um? 

Darüber hinaus muss ich jetzt zur Rechtfertigung der Lehrkräfte auch sagen, dass dieser Beruf ein sehr belastender ist. Nicht hinsichtlich des Inhalts, der teilweise auf Dauer ziemlich langweilig ist, sondern hinsichtlich der Komplexität der Kommunikation und Interaktion, die in so einem Unterrichtsraum stattfinden. Diese können sehr belastend sein und das ist eine schwierige Sache. Deswegen entwickeln viele Lehrkräfte auch sowas wie ein Raster, das filtert, was sie am Tag wahrnehmen und was nicht. Dazu sind sie mitunter gezwungen, weil das wirklich nicht so einfach ist. Das weiß ich, weil ich zehn Jahre als Ausbildungsbeauftragte im Studienseminar gearbeitet habe und Lehrkräfte in der zweiten Ausbildungsphase ausgebildet habe. 

Die Frage ist: Wie gehen Lehrkräfte mit diesem Phänomen des Antisemitismus oder anderen Formen von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit im Alltag um? Das ist wirklich eine schwierige Sache und ich teile den Standpunkt überhaupt nicht, dass wir mit Schülern mit Migrationshintergrund oder muslimischen Schülern bestimmte Themen nicht durchnehmen können. Ich denke, dass die Beschäftigung mit dem Holocaust nichts damit zu tun hat, ob jetzt meine Großeltern irgendwie in die Verbrechen der Shoa verwickelt waren oder nicht. 

Das ist eine Frage, die betrifft jeden, das ist eine Frage von Demokratiebildung, von Demokratieerziehung und insofern würde ich diese Differenz nicht aufmachen. Und genau das war auch mein Zugang zum pädagogischen Zentrum. Gottfried Kößler habe ich kennengelernt, als ich als Lehrerin mit Migrationshintergrund an der Berufsschule, an der es noch nie ein solches Projekt gegeben hatte, ein großes Projekt zum Ersten Weltkrieg und zum Nationalsozialismus inklusive Gedenkstättenbesuch durchgeführt habe. An diesem Projekt beteiligt waren bildungsbenachteiligte Klassen, also Klassen mit Schülern ohne Hauptschulabschluss. In diesen waren auch zwei Schülerinnen, die palästinensischer Herkunft sind. Nach diesem Projekt, das ich an dieser Berufsschule gemacht habe, ist leider nie wieder ein solches entstanden. Das heißt alle sagen mir: Hast du toll gemacht Türkân, großartig! Manche Schüler waren am Anfang auch kritisch, ich will nicht sagen, dass es ganz einfach war. Aber danach waren sie total beeindruckt. Eine Schülerin hat mir einen Brief geschrieben, in dem sie sich bei mir für den Einblick bedankte, den ihr dieses Projekt ermöglicht hat. Um nochmal auf das Thema der Tagung zu kommen: Ich finde nicht, dass wir die Schüler auseinander dividieren sollten in Migranten, Muslime oder in Sonstige. Ich finde, dass es unser aller Pflicht ist, sich mit der Geschichte zu beschäftigen! 

Sebastian Schmidt:Ich freue mich erst einmal hier zu sein, weil ich mich so ein bisschen als Exot fühle. Denn die Arbeit eines Sportverbandes wird auf dem ersten Blick nicht per se  mit Bildungsarbeit verknüpft. Viele glauben, es sei primär die Aufgabe eines Sportverbandes Sport zu organisieren. Aber insofern bin ich vielleicht dann doch nicht ganz umsonst hier, weil es im DFB unser Ziel ist, Sport natürlich werteorientiert zu organisieren. Dazu gehört auch, dass alle Menschen, die Fußball spielen wollen oder am Rand dem Fußball beiwohnen möchten, die Möglichkeit dazu haben müssen, dies diskriminierungsfrei zu tun. 

Vorab, um zu verstehen, was der DFB überhaupt ist: Der DFB ist die Dachorganisation des deutschen Fußballs. Wir haben etwa sieben Millionen Mitglieder, davon sind 1,4 Millionen Ehrenamtler, die sich Woche für Woche engagieren, indem sie beispielsweise Kinder trainieren oder den Vorstand eines Vereins organisieren. Also wir haben eine sehr breite Struktur. Insgesamt spielen in Deutschland 18 Millionen Menschen Fußball und über 40 Millionen sind daran interessiert, wenn Deutschland vielleicht dann auch nächstes Jahr im Weltmeisterschaftsfinale steht. Also von daher glaube ich, hat Fußball erstmal eine unfassbar große Strahlkraft und ist ein hervorragendes Medium, um einerseits Bewegung, aber andererseits auch Werte zu vermitteln oder einen werteorientierten Rahmen zu bieten, sich in einer Gesellschaft zu bewegen. Und der DFB macht das Ganze strukturiert, also in der Form, dass es eine Abteilung Gesellschaftliche Verantwortung gibt. Begonnen damit, sich diesen gesellschaftlichen Entwicklungen auch strukturiert zu nähern, hat der DFB anlässlich der WM 2006. Im Vorfeld der WM hat sich der DFB erstmals dezidiert dem Thema Integration gewidmet, weil festgestellt wurde, dass ungefähr zwanzig Prozent der Menschen in Deutschland einen Migrationshintergrund haben. Man hat sich die Frage gestellt unsere Mitglieder genügend interkulturelle Sensibilität mitbringen, um mit den Spielerinnen und Spielern umzugehen. Inzwischen, zehn Jahre später, ist daraus ein unfassbar breites Feld entstanden. Wir reden heute von Vielfalt und Antidiskriminierung – thematisiert wird etwa Antisemitismus oder der Umgang mit homosexuellen Fußballerinnen und Fußballern im Verein. Herr Dr. Mendel hat vorhin im Zwiegespräch von einer ständigen Überforderung gesprochen: Von dieser Einschätzung fühle ich mich in jedem Fall ganz gut angesprochen! 

Lassen Sie mich jedoch noch einmal kurz Bezug auf die WM 2006 nehmen. Im vorangegangenen Vortrag haben wir Bilder von der Fan-Meile in Berlin mit all den Deutschlandflaggen gesehen. Es gibt durchaus Studien, die behaupten, dass solche Turniere einem übersteigerten Nationalismus Vorschub leisten. Aber lassen sie mich hier noch einmal anmerken, dass ein vierwöchiges Event bei Menschen keine nachhaltigen Persönlichkeitsveränderungen hinterlässt. Nationalistische Einstellungen gab es und gibt es auch nach Sportgroßveranstaltungen. Es ist meines Erachtens nichtsdestotrotz die Aufgabe eines Veranstalters und der Teilnehmernationen, dass ein solches Turnier im gegenseitigen Respekt durchgeführt wird. Das damalige Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“ unterstrich diesen Ansatz ganz deutlich. und eben dazu habe ich auch eine entsprechende Meinung, was so eine WM in Persönlichkeitseinstellungen verändern oder auch nicht verändern kann.  

Gottfried Kößler: Vielen Dank für diese erste Einschätzung, die den individuellen Reflexionshintergrund aufzeigt. Mir ist beim Zuhören eben aufgefallen, dass es zumindest in den Bereichen der Gewerkschaft und des Fußballs nicht zuletzt darum geht, wie sich jemand, die oder der dort organisiert ist, eigentlich selbst identifiziert – und wie dann die entsprechende Organisation darauf reagiert. 

In Schulen geht es ja eher darum, wie man eingeordnet wird, als darum, wie man sich selbst einordnet: in die Hauptschule oder in das Berufsbildungsjahr oder wirklich in weiterführenden Schulen. Und gleichzeitig stellt sich die Frage, wie diese Identifikation in dieser Organisation bezogen ist auf soziale, nationale, womöglich rassistische oder antisemitische Markierungen. Was für eine Rolle spielen diese? Also was für Identifikationen gibt es da und wie geht man damit um? Sie hatten das ja eben in Bezug auf Nationales beim Fußball angesprochen. Beim DGB dominiert vielleicht das Soziale und bei der Schule das Aufsteigen, das Sich-durchsetzen-wollen. Wie gehen Sie in ihrem jeweiligen Arbeitsfeld mit der Spannung zwischen den Zuschreibungen, den Selbstbildern und den Zwängen der Institution um?

Türkân Kanbıçak: Also im Kontext Schule ist es außerordentlich wichtig, dass man Selbstreflexion betreibt. Viele denken, dass sie nur durch die gewählten Interaktionsformen auf die Schülerinnen wirken, ich glaube jedoch, dass man mit seiner ganzen Persönlichkeit Einfluss nimmt. Deswegen ist Selbstreflexion das A und O einer Professionalisierung im Kontext von Bildung. Nicht nur in der Schule, sondern allgemein in der Bildung. 

Wir haben heute Morgen öfter gehört, wie wichtig Diversität ist, und dass wir mehr Lehrer mit Migrationshintergrund brauchen. Grundsätzlich stimme ich dem zu, allerdings habe ich auch festgestellt, dass ein Migrationshintergrund an sich noch kein Garant dafür ist, dass diese Lehrkräfte über ihre eigenen Biographie reflektieren können und nicht die gängigen Vorurteile gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund selbst internalisiert haben und wiedergeben. Viele von denen sind leider sehr stark assimiliert. Sie glauben, da sie den Aufstieg geschafft haben, müssten sie jetzt diese Vorurteile komplett bestätigen. Das hat viel mit dem Anpassungsprozess zu tun, der ihnen abverlangt wird. Es ist so relativ schwierig, sich eine eigene Persönlichkeit zu bewahren, ohne die Herkunft zu leugnen, zu ihr zu stehen und gleichzeitig in dieser Gesellschaft hier anzukommen. Bis 1993 konnten diese Menschen aufgrund des Beamtenrechts gar kein Lehramt studieren. Auch diesbezüglich bedarf, denke ich, eigentlich das ganze Bildungssystem einer konkreten Reformierung. Das ist wirklich ein wichtiges Feld, das bearbeitet werden müsste, weil wir ja auch in der Schule ganz viel Wissen, viele Verhaltensweisen und Werte transportieren und reproduzieren.

Sascha Schmidt: Also zunächst möchte ich nochmal darauf hinweisen, dass die Gewerkschaften in ihrer Zusammensetzung extrem heterogen sind – wahrscheinlich genauso heterogen wie die Gesellschaft in Deutschland an sich. Und das bildet sich auch in der Frage nach der Identität der Gewerkschaft oder ihrer Mitglieder ab. Da geht es  zwar viel mehr um die soziale Frage, also um soziale Identität. Allerdings spielt bei vielen sicherlich auch die nationale Identität eine Rolle, die sich dann in der Zustimmung zur AfD ausdrücken kann. Viele Entscheidungen, die Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen betreffen, werden ja auch auf nationalstaatlicher Ebene getroffen. Das ist also schon noch der Referenzrahmen, der glaube ich dazu führt, dass dieser Bezug zu einem nationalen Kollektiv nochmal ausgeprägt wird. 

Gleichzeitig liegt auch diesbezüglich eine Heterogenität insofern vor, dass es sehr viele Mitglieder gibt, die eine sehr internationale Perspektive einbringen. Das hakt oft aber auch an der Frage der Übersetzung: Also was heißt das für die Kollegen und Kolleginnen in Sevilla, wenn ein Werk in Bochum beispielsweise geschlossen wird? Das sind im Prinzip Fragen auf die vielfach keine dezidierten Antworten da sind, weil der eigene Arbeitsplatz einem oft erstmal am nächsten ist. Es existieren also reale Probleme, was eine Identitätsbildung im progressiven Sinne anbelangt. 

Man muss glaube ich sehr stark unterscheiden zwischen Menschen, die bei uns organisiert und sehr engagiert sind, die oft einen reflektierten Prozess durchlaufen, auch was die eigene politische Identität anbelangt, und vielen Menschen, die bei uns organisiert, jedoch sehr weit weg von unseren Werten sind. Also solche, die noch nicht mal, um es plakativ auszudrücken, unsere Zeitschriften lesen, in der wir unsere Positionen verbreiten. Dort schreibt der Bundesvorsitzende des DGB ganz klar: Wir reden nicht mit AfD-Funktionären, das kommt überhaupt nicht in die Tüte! Das interessiert aber offenbar die 15% der Gewerkschaftsmitglieder, die der AfD zustimmen, nicht wirklich. Da stehen wir einfach vor einem Spannungsverhältnis und einer Heterogenität. Zugleich gibt es eine lange Tradition betrieblicher antirassistischer Arbeit. Der sogenannte Kumpelverein initiierte in den 80er Jahren beispielsweise die Kampagne „Mach meinen Kumpel nicht an!“, die bis heute sehr stark verankert ist. 

Bezüglich der politischen Arbeit oder Bildungsarbeit in der Gewerkschaft haben wir einfach das Problem, dass wir an viele Kolleginnen und Kollegen nicht rankommen. Einerseits weil sie eben relativ weit weg von uns sind, weil sie erstmal vielleicht ganz reale Probleme im Alltag haben, die sie stärker interessieren, als die Themen Antisemitismus oder Rassismus. Für diese Menschen ist zunächst einmal der eigene Arbeitsplatz, die zu bewältigenden Überstunden etc. wichtig. Oder schlicht die Frage: Was mache ich abends oder am Wochenende mit meinem Kindern, wenn ein Seminar angeboten wird? Das ist eine große Herausforderung, wo wir feststellen: Wir machen Angebote, die aber vielfach nicht angenommen werden. 

Wir sind jetzt im Moment dabei auf Landesebene ein in Kooperation mit dem Beratungsnetzwerk ausgearbeitetes Programm im Kontext Arbeitswelt und Rechtspopulismus – so der Arbeitstitel – aufzulegen. Zugleich versuchen wir, viele im Bildungsbereich schon vorhandene Formate aufzunehmen, um damit in die Betriebe zu kommen. Das soll uns ermöglichen, den vorhandenen Rassismus oder auch Antisemitismus, den wir da feststellen müssen, bearbeiten zu können. Das wird an dem Punkt vermutlich wieder haken, wo es uns nicht gelingt, an die entsprechenden Menschen ranzukommen, die problematische Einstellungsmuster aufweisen.

Sebastian Schmidt:Ich fühle mich da hervorragend von den Ausführungen von Sascha Schmidt vertreten. Mit den gleichen Herausforderungen sehen wir uns auch im organisierten Fußball konfrontiert. Wenn man die Identität der Organisation erfassen möchte, kann man sich den Fußball-Dachverband hier in Frankfurt an der Otto-Fleck-Schneise mit seinen ungefähr 350 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und das organisierte Ehrenamt auf Bundesebene anschauen. Da würde ich sagen, haben wir eine Identität, die geprägt ist von dem Gedanken: Wir sind ein vielfältiger Haufen und genau das macht uns verdammt stark und deswegen sind wir mit Mesut Özil und Sami Khedira und den ganzen Spielern 2014 Weltmeister geworden – eben weil wir so vielfältig sind. 

Das sieht an der Basis jedoch womöglich ganz anders aus und stellt sich wiederum bei einem Verein in Köln auch anders dar, als bei einem Verein in einer anderen Stadt. 

Da ist dann eine so große Organisation wiederum so heterogen, dass man überhaupt nicht von einer Identität sprechen könnte und wir stehen genau vor den gleichen Herausforderungen wie in der Gewerkschaftsarbeit. Wir machen Sensibilisierungsangebote zum Thema Antidiskriminierung und Angebote zur interkulturellen Sensibilisierung. Aber die Kurzschulung Integration beispielsweise, die vor zehn Jahren entwickelt worden ist, ist die am wenigsten nachgefragte Kurzschulung im ganzen Qualifizierungsprogramm, weil die Trainerinnen und Trainer sagen: Das ist ja schön und gut, aber ich muss meinen Kindern doch beibringen, wie sie einen geraden Ball spielen können. 

Gottfried Kößler: Das schließt, glaube ich, an die Frage an, die Türkân Kanbıçak vorhin bereits aufgeworfen hat: Wo findet eigentlich antisemitismuskritische oder rassismuskritische Pädagogik statt? Und findet die eigentlich in Momenten statt, wo genau definiert ist, dass dieses Thema jetzt reflektiert wird? Oder anders gefragt: Wie realisiert sie sich eigentlich im Alltag? Wie ist das in der gemeinschaftlichen Alltagskommunikation über Arbeitskonflikte oder in Schwierigkeiten auf dem Sportplatz? Wenn es dort zu antisemitischen Vorfällen kommt, werden diese ja, sobald sie skandalisiert sind, auch außerhalb des Sports wahrgenommen – oder eben nicht. In der Regel wird sicherlich die große Mehrheit von der Öffentlichkeit gar nicht wahrgenommen. Also wie geht man mit solchen Konflikten um und was denken sie, wäre jetzt zu lernen aus dem, was wir heute über Reflexionsmöglichkeiten gehört haben, um das an die Leute vor Ort weiterzugeben? Die Lehrkräfte wollen ja auch erstmal, dass die Kinder sozusagen „lernen einen geraden Ball zu spielen“. Dabei geht’s aber kommunikativ oft auch um Rassismus und Antisemitismus. Die Frage ist also: Wie lässt sich das miteinander verbinden? Ich fände gut, wenn sie da auch konkret Ideen nennen könnten.

Sebastian Schmidt: Zur Frage wo Antidiskriminierung oder antidiskriminierende Pädagogik oder antisemitismuskritische Pädagogik auf dem Fußballplatz stattfindet, würde ich sagen: Erstmal überhaupt nicht. Wir haben das Ideal erreicht, wenn wir Trainerinnen und Trainer finden, die sensibel mit diesen Themen umgehen. Aber die werden nicht nach 90 Minuten Training nochmal in die Kabine gehen und sagen: jetzt machen wir nochmal eine Stunde Extraarbeit. Dazu kommen die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen nicht zum Fußball – die wollen Fußball spielen. 

Es gibt aber auch durchaus Vereine, die sich diesbezüglich ein bisschen breiter aufstellen. Das gibt’sim Großen wie zum Beispiel beim FC St. Pauli, das gibt’s aber auch im ganz Kleinen. Die sagen: Wir sind mehr als nur ein Sportverein, wir bieten zum Beispiel auch Gedenkstättenfahrten an oder wir bieten politische Diskurse in unserem Verein an. Aber nicht nur solche Vereine beschäftigen sich damit, was gerade in unserer Gesellschaft passiert. Stichwort: Flüchtlingskrise. Da kommen unfassbar viele Menschen gerade zu uns – wie können wir denen Bewegungsangebote machen? Die Auseinandersetzung findet bei den meisten Vereinen sehr praxisorientiert statt und nur sehr selten in einem Extra-Raum. Im besten Fall kommen wir dahin, dass die Menschen, die ohnehin auf dem Platz oder am Rand stehen, sensibel für diese Themen sind – damit hätten wir unfassbar viel gewonnen. Das, glaube ich, funktioniert jedoch nur über Multiplikatorinnenschulungen.

Türkân Kanbıçak: Also ich kann aus meiner Schulpraxis berichten, dass ich im Ethikunterricht, im Politikunterricht und manchmal auch im Deutschunterricht explizit Einheiten zur rassismuskritischen Arbeit gemacht habe. Ich kann mich noch an meine letzte Klasse erinnern, in der einige Schüler sagten: Ach ja, ich habe gar nicht gemerkt, dass meine Verärgerung über die Anderen eigentlich ja erlebter Rassismus ist. Das habe ich erst im Unterricht wahrgenommen. Das erkläre ich damit, dass immer noch eine gängige Vorstellung von Rassismus herrscht, die sich nur auf Äußerlichkeiten oder Einteilungen bezieht. Dass aber der Alltag voll ist mit rassistischen Ausgrenzungen, ist den Schülerinnen erst durch den Unterricht klar geworden. Ich glaube, das war schon ziemlich gut. Es gibt ganz viele Anlässe im Schulkontext, rassismuskritische Bildungsarbeit zu machen. Auch über Literatur oder durch Geschichte. Also ich denke, dass Schule da sehr viel leisten kann und manche Kolleginnen machen das ja auch – ich bin da nicht die Einzige. 

Es gibt sehr viele engagierte Lehrkräfte, die diese Themen im Unterricht behandeln. Darüber hinaus bin ich der Überzeugung, dass wir durch unsere Haltung vielmehr vermitteln als über die Inhalte. Also mit Haltung meine ich beispielsweise den Umgang mit Äußerungen von Schülerinnen, wenn ich etwa so einen Spruch höre wie „Du Jude!“. Ob im Unterricht oder auf dem Schulhof: wenn ich dann weghöre, weil ich einfach keine Lust habe darauf einzugehen oder ich mich dem gerade nicht gewachsen fühle, – was sein kann – dann transportiere ich damit auch eine Haltung. Ich höre auch nicht weg, wenn sich Jugendliche als Kanaken beschimpfen oder sich beispielsweise sexistisch oder abfällig über Homosexuelle oder Frauen äußern. Das ist eine Frage der Haltung. Und wenn ich die Haltung habe, dass ich nicht weghöre, dann glaube ich, dass man dadurch klare Werte vermittelt. Und im schulischen Kontext gibt es sehr viele Anlässe für diese Vermittlung. 

Sascha Schmidt: Der Kampf gegen Rechts und die Auseinandersetzung mit verschiedenen Diskriminierungsformen im Alltag ist eine Querschnittsaufgabe der Gewerkschaften – allein aus ihrem Selbstverständnis heraus. Das spiegelt sich auch in diversen Bildungsprogrammen wieder. Vom DGB-Bildungswerk und den Gewerkschaften, gibt es vielfältige Angebote. Im Bereich der DGB-Jugend Hessen-Thüringen wollten wir die dominantesten Diskriminierungsformen Rassismus, Antisemitismus und Sexismus eigentlich in jedem Bildungsprogramm vertreten sehen – das war unser Anspruch.

Die Herausforderung ist, wie bereits erwähnt, dass diese auch tatsächlich angenommen werden. Ich kann durch meinen Einblick in die DGB-Jugendarbeit sagen, dass wir viele Seminare auch absagen mussten. Die DGB-Jugend hat bundesweit beispielsweise auch das Thema Gedenkstättenarbeit aufgegriffen. Anfang letzten Jahres haben wir eintausend junge Menschen, vornehmlich Azubis, für ein Wochenendseminar im Vernichtungslager Auschwitz gewinnen können und haben aus diesem Anlass, auch im Vorfeld, sehr viele Seminare durchgeführt. Das Thema Antisemitismus, auch in seinen modernen Erscheinungsformen, die heute auch diskutiert wurden, wurde dort auch thematisiert. 

Grundsätzlich hängt das Problembewusstsein, der Grad an Rückhalt und die Menge an Ressourcen in den Organisationen, und da bin ich dann bei ihnen (zu Türkân Kanbıçak), stark von Einzelpersonen ab. Es ist so, dass wir in den Gewerkschaften und gerade auch beim DGB sehr viele Bereiche bearbeiten müssen. Und dann muss man manchmal einfach überlegen, was sich personell umsetzen lässt. Wir stehen aktuell vor der großen Frage: Wie gehen wir eigentlich mit den AfD-WählerInnen aus unseren Kreisen und mit Menschen, die für die AfD aktiv sind –  das betrifft auch Betriebsräte – um. Da gibt’s finde ich auch sehr positive klare Positionierungen, die lauten: Naja, dann sind die eben bei uns falsch. Das unterstütze ich, vor allen Dingen, wenn das Funktionäre oder Funktionärinnen der AfD sind. Und genauso klar ist das Verhalten  auch bei Äußerungen, die als antisemitisch zu bezeichnen sind. 

Wir gehen in unseren Seminaren vornehmlich so vor, dass wir die Teilnehmenden über Wirkungsweisen und über Betroffenenperspektiven informieren – also vieles von dem, was heute hier auch angebracht wurde. Wir wollen sie vor allem sensibilisieren und stärken, so dass sie sich in ihrem Alltag in den Betrieben, in ihrer Lebensrealität mit diesen Themen auseinandersetzen. Dabei visieren wir vor allen Dingen auch sogenannte Multiplikatoren/Multiplikatorinnen in unseren Bereichen an, damit diese das auch im Alltag umsetzen können. Ich glaube das ist ein Ansatzpunkt, der sehr wichtig ist, nämlich dass die Kolleginnen und Kollegen diese Debatten dann auch in ihren Betrieben führen können, wo wir sonst manchmal als Hauptamtliche letztendlich auch ein bisschen außen vor sind. Das ist glaube ich eine Herausforderung, die wir annehmen müssen.

Sebastian Schmidt:Ich möchte noch eine Sache ergänzen. Ich habe eben viel über den präventiven Bereich gesprochen. Aber natürlich gibt es auch antisemitische Vorfälle im Fußball. Und um da auch mal eine Klarheit zu bekommen, wie oft das eigentlich passiert, haben wir 2015 die Erhebung eines Lagebilds über Gewalt- und Diskriminierungsvorfälle gestartet, um einen Überblick zu Diskriminierungsvorfällen im Amateurfußball zu erhalten. Das funktioniert wie folgt: Der Schiedsrichter oder die Schiedsrichterin muss nach dem Spiel einen Spielbericht ausfüllen – das müssen sie immer. Das funktioniert alles digital und inzwischen gibt es ein extra Tab, wo sie ankreuzen können, ob es einen Gewalt- oder Diskriminierungsvorfall gab. Und wenn sie Ja klicken, dann müssen sie auch beschreiben, was passiert ist. Die Daten sind meines Erachtens durchaus ein bisschen mit Vorsicht zu genießen, weil nicht immer ganz klar für den Schiedsrichter oder die Schiedsrichterin ist, was ist eine Beleidigung und was eine Diskriminierung ist. Gerade in dem Bereich fällt es den Leuten unfassbar schwer zu unterscheiden: wenn ich als Schiedsrichter als schwarze Sau tituliert werde, ist das dann eine Diskriminierung oder nicht? Nach diesen Berichten finden in ungefähr 0,2% der Spiele Diskriminierungsvorfälle statt. Immer mit der Maßgabe: das ist das, was der Schiedsrichter wahrnimmt. Ich war selber über zehn Jahre Schiedsrichter und mir ist klar: wenn ich in der linken Spielhälfte stehe, dann kann auf der rechten Spielhälfte etwas passieren, das ich einfach nicht wahrnehme. Aber nichts desto trotz haben wir so ein ganz gutes Bild davon, was auf dem Platz passiert. Zugleich wirken wir auf die Sportgerichte ein, die zuständig sind, solche Vorfälle zu sanktionieren, indem wir sagen: Gebt den Leuten nicht nur drei oder fünf Spiele Sperre und erlegt dem Verein noch eine Geldstrafe auf, sondern nutzt die Möglichkeit von alternativen Sanktionsmaßnahmen aus. Das bedeutet: Nutzt beispielsweise Bildungsangebote eines Beratungsnetzwerkes, um beispielsweise den Vereinen oder den Spielern auch die Möglichkeiten zu geben, die Strafe zu reduzieren und gleichzeitig etwas Gutes damit zu verbinden. Also so frustrierend und schwierig das manchmal auch ist, Sensibilisierungsangebote an die Menschen vor Ort zu bringen, hat der Fußball trotzdem auch gute Möglichkeiten da entgegen zu wirken und nutzt diese auch.

Türkân Kanbıçak: Ich wollte in Anknüpfung an Saba-Nur Cheemas Vortrag noch sagen: Ich finde es unheimlich wichtig, dass wir klare Begriffe verwenden – weil Begriffe Bewusstsein schaffen. Ich erlebe zum Beispiel häufig, dass Islam, Islamisten und Islamismus irgendwie zusammen geworfen werden. Ebenso wie bei dem Zitat aus ihrem Vortrag: „Türke, Marok … alles ist gleich“, alles synonym verwendet wird. 

Personen, die wirklich im Bildungsbereich arbeiten, sollten sehr genau auf die Begrifflichkeiten achten, die sie verwenden. Ich bin zum Beispiel auch dagegen, dass man „Islamismus“ oder „islamistisch“ sagt. Ich bin hingegen dafür etwa Islam und politisch-religiös motivierten Extremismus sprachlich voneinander klar zu trennen, weil ich diese Gleichsetzung immer als einen Angriff auf meine Religion empfinde und ich fühle mich damit irgendwie auch einer verbalen Beleidigung oder einem Übergriff ausgesetzt und das fördert meines Erachtens nicht gerade die Kooperation mit diesen sozialen Gruppen. 

Gottfried Kößler:Danke. Ich möchte noch eins betonen, was Sascha Schmidt in Bezug auf den DGB genannt hat: Es ist überall sehr wichtig, darauf zu achten, wo eigentlich die Grenze zwischen den Situationen, die ein pädagogisches Handeln nötig machen und den Situationen, die ein politisches Handeln erfordern, liegt. Sodass man nicht, wenn man mit AfD-Funktionären innerhalb des DGB zu tun hat, ein Bildungsprogramm auflegt. Das wäre tatsächlich an der Stelle ein Fehler. Auch beim Fußballbund oder in der Schule gibt es Momente, wo man sagen muss: das ist jetzt ein politisches Problem und das muss man auch öffentlich machen. 

Und ich denke, da kommt es dann sehr häufig in allen diesen institutionellen Strukturen zu Momenten, in denen man Probleme anspricht – und viele um einen herum das nicht schätzen. Da kommt es auch in Kollegien zu Situationen, die sehr schwierig sind. Darauf sollten Pädagog_innen vorbereitet sein. 

Die Diskussion transkribierte und bearbeitete Lyn Blees.

Über die Diskussionsteilnehmer_innen

Dr. phil. Türkân Kanbıçak ist Klassenlehrerin für Fachpraxis und Ethik an der Franz-Böhm-Schule – Berufsschule für Wirtschaft und Verwaltung – in Frankfurt am Main. Weiterhin Lehrbeauftragte der Hochschule Fulda im Fachbereich Kultur- und Sozialwissenschaften und Mitarbeiterin am Pädagogischen Zentrum des Fritz Bauer Instituts und des Jüdischen Museums Frankfurt.

Gottfried Kößler ist Lehrer für Geschichte, Deutsch und Politik für Gymnasien und Berufliche Schulen sowie Lehrbeauftragter am Seminar für die Didaktik der Geschichte der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Darüber hinaus ist er stellvertretender Direktor des Fritz Bauer Instituts Frankfurt.

Sascha Schmidt ist Politikwissenschaftler und langjährig als Teamer und Trainer aktiv im Bereich der politischen Bildung. Er arbeitet als Gewerkschaftssekretär für den DGB Hessen-Thüringen und ist dort zuständig für den Themenbereich Diskriminierung und extreme Rechte.

Sebastian Schmidt ist Referent im Deutschen Fußball-Bund. Der studierte Politikwissenschaftler war dort bis Februar 2018 zuständig für die Themen Vielfalt und Antidiskriminierung. Seitdem koordiniert er für den größten Sportfachverband der Welt den Fan-Dialog.

 

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