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„Lebe, Ukraine, schön und stark“. Sprachpolitik in der Ukraine

Juliane Niklas ist Slawistin und arbeitet als Referentin für Mittel- und Osteuropa sowie Zentralasien beim Bayerischen Jugendring.

Von Juliane Niklas

 „Lebe, Ukraine, schön und stark / in der Sowjetunion hast du dein Glück gefunden / zwischen Gleichen gleich, zwischen Freien frei / unter der Sonne der Freiheit, wie eine Blume erblüht // Der Sowjetunion Ruhm / Ruhm dem Vaterland seit Jahrhunderten / lebe Ukraine, Sowjetstaat / in der einigen Familie der Brüdervölker.“

Dass die Ukraine leben solle war, inklusive ihrer Lobpreisung, der Text der Nationalhymne der Ukrainischen Sowjetrepublik von 1978 bis 1991 und war insofern eine Änderung zur Hymne vor 1978, dass die Zeile „Und Stalin führt uns zu hellen Höhen“ geändert wurde in „Unter der Flagge des Oktober zu hellen Höhen“. Die Nationalhymne bestand neben der Hymne der UdSSR („Die unzerbrechliche Union der freien Republiken / vereinigte für die Ewigkeit die große Rus / es lebe, vereinigt durch den Willen der Völker / die einige, mächtige Sowjetunion“).

„Noch ist die Ukraine nicht gestorben“

„Noch ist die Ukraine nicht gestorben, weder ihr Ruhm noch ihre Freiheit / noch wird uns lächeln, ukrainische Brüder, das Schicksal / verschwinden werden unsere Feinde wie Tau in der Sonne / und auch wir, Brüder, werden Herren im eigenen Land sein // Leib und Seele geben wir für unsere Freiheit / und bezeugen, dass unsere Herkunft die Kosakenbrüderschaft ist“

Nach der Auflösung der Sowjetunion und der Gründung einer unabhängigen Ukraine 1991 wurde die Musik von Mychajlo Verbyc‘kij als Hymne in Artikel 20 der Verfassung festgeschrieben, die Entscheidung über den zu singenden Wortlaut jedoch dem Gesetzgeber überlassen. Das Parlament stimmte dem Verfassungsentwurf erst 1996 zu, somit war die Ukraine dasjenige Land im postsowjetischen Raum, in dem die Verfassung der Sozialistischen Sowjetrepublik noch am längsten Gültigkeit hatte. Der Text ist ein patriotisches Gedicht von Pavlo Čubyns’kij aus dem Jahr 1862.

Analytisch an alleine die jeweils ersten Textzeilen heranzugehen, würde den Rahmen dieses Textes sprengen. Auffällig sind in beiden Fällen die Personifizierung der Nation („leben“ versus „nicht sterben“), auch als „Mutter Heimat“, worauf auch bereits die Etymologie des Wortes natio = Geburt verweist. Ganz patriarchal wird auch jeweils nur der männliche Teil der Bevölkerung angesprochen („Brüder“, „Herren“).

„Noch ist der Ukraine Ruhm und Freiheit nicht gestorben“

„Noch ist der Ukraine Ruhm und Freiheit nicht gestorben / noch wird uns lächeln, junge Brüder, das Schicksal / verschwinden werden unsere Feinde wie Tau in der Sonne / und auch wir, Brüder, werden Herren im eigenen Land sein // Leib und Seele geben wir für unsere Freiheit / und bezeugen, dass unsere Herkunft die Kosakenbrüderschaft ist“

Auf Vorschlag Leonid Kučmas, des damaligen pro-russischen[1] Präsidenten, wurde im März 2003 der Text der Nationalhymne geändert mit dem Gesetz über die Staatshymne der Ukraine, No. 602-IV. Von nun an war nicht mehr die Ukraine nicht gestorben, sondern ihre Ehre und Freiheit – sprachlich ließ sich das durch die Änderung einiger weniger Buchstaben bewerkstelligen. Das Schicksal lächelt nicht länger für die ukrainischen Brüder, sondern für die jungen Brüder – ein pro-russisches Zeichen für die Integration ethnischer Russen. Über Sexismus oder das Patriarchat wurde anscheinend nicht debattiert – es bleibt bei den „Brüdern“. Warum diese ausgerechnet jung sind, steht auf einem anderen Blatt. Bereits 1994 war Kučma gegen den Amtsinhaber Leonid Kravčuk mit dem Wahlversprechen angetreten, Russisch als zweite Staatssprache einzuführen, auch wenn er dies nicht verwirklichte.

Russisch oder Ukrainisch – vor allem die Frage nach der Muttersprache wurde sofort nach der Unabhängigkeit ein Politikum. Die Sprachensituation in der Ukraine ist widersprüchlich: Auf der einen Seite sind die meisten Menschen zweisprachig – des Ukrainischen wie des Russischen auf muttersprachlichem Niveau mächtig – und es ist üblich, in Unterhaltungen beide Sprachen zu verwenden; auf der anderen Seite birgt der Status der offiziellen Sprachen einigen Sprengstoff. Die Sprachenfrage lässt sich auf die einfache Formel herunterbrechen: Sage mir, welche Sprache du sprichst, und ich sage dir, wo du politisch stehst. Nach dem Majdan mit seiner vermeintlich pro-westlichen, in weiten Teilen dann aber doch ukrainisch-nationalistischen Ausrichtung geht der vor allem legislativ geführte Kampf und die Sprachhoheit weiter: Anfang März 2017 kündigte Präsident Petro Porošenko an, dem Parlament einen Gesetzentwurf für eine Quotenregelung auch für das Fernsehen vorzulegen. Bereits im Oktober desselben Jahres trat das Gesetz in Kraft. „Dank des verabschiedeten Gesetzes [die Quotenregelung für das ukrainische Radio], haben wir bedeutende Ergebnisse in der Verbreitung ukrainischer Lieder und der ukrainischen Sprache im Radio erreicht.“ 

Wenige Tage zuvor: Der Ukrainische Nationalrat für Hörfunk und Fernsehen verlangt vom lokalen Radiosender Hlas in Odessa eine Strafgebühr von 43.200 Hryvnja (knapp 1.500 Euro) für die Nichteinhaltung der Quote für die Staatssprache Ukrainisch. Der Anteil an ukrainischsprachigen Beiträgen und Lieder betrage statt der gesetzlich geforderten 50 Prozent nur 30 Prozent. 

Russisch ist aufgrund der kulturellen und historischen Siedlungsgeschichte der Region bis heute die am weitesten verbreitete Sprache der Stadt Odessa. Im offiziellen Zensus aus dem Jahr 2001 gaben 65 Prozent der Einwohner_innen Russisch als Muttersprache an. Unabhängige Studien haben jedoch deutlich höhere Anteile für das Russische ergeben, 2005 ermittelte eine Studie eines Kiewer Instituts, dass in der Oblast Odessa (Bezirk Odessa) etwa 85 Prozent der Bevölkerung russischsprachig seien. Eine Befragung des International Republican Institute ergab, dass in Odessa 78 Prozent der Einwohner_innen zuhause ausschließlich Russisch sprechen, 15 weitere Prozent sowohl Russisch als auch Ukrainisch und lediglich sechs Prozent ausschließlich Ukrainisch. 

Ausschließlich Ukrainisch ist seit der Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1991 Staats- und Amtssprache. Im Präsidentschaftswahlkampf 2009 hatte, wie zuvor Kučma, Viktor Janukovyč seinen überwiegend aus der Ost-und Südukraine stammenden Wähler_innen versprochen, Russisch als zweite Amtssprache einzuführen. Durch ein von ihm unterzeichnetes Gesetz gilt Russisch seit 2012 in acht beziehungsweise neun Regionen des Landes (die neunte Region ist die Krim, die seitdem de facto von ukrainischem in russisches Staatsgebiet übergegangen ist) als regionale Amtssprache, darunter auch in Odessa (Gesetz über die Grundlagen der staatlichen Sprachpolitik, No. 5029-VI). Ukrainischen Nationalist_innen war das ein Dorn im Auge. Nach dem Majdan stimmte das Parlament als eine seiner ersten Handlungen für die Abschaffung dieser Reglung, Übergangspräsident Turčinov unterzeichnete das entsprechende Gesetz am Ende aber nicht. In dem im September 2017 vom Parlament verabschiedeten Bildungsgesetz (Gesetz über die Bildung, No. 2145-VIII) taucht in Art. 7, Abs. 1 erstmals ein Passus über die Unterrichtssprache auf, der als Sprache des Bildungsprozesses in Bildungseinrichtungen die Staatssprache (also Ukrainisch) vorschreibt. 

Die Gesetze reihen sich ein in ein Bündel antirussischer Maßnahmen. Präsident Petro Porošenko erfüllte als eine zentrale Forderung der Demonstrierenden auf dem Majdan die Lustration, also die Entfernung von „politisch belasteten“ Mitarbeiter_innen aus dem öffentlichen Dienst. Ein entsprechendes Gesetz unterzeichnete er noch 2014. Das Gesetz betrifft Beamte, die in der Regierungszeit unter Präsident Viktor Janukovyč hohe Ämter innehatten, ebenso ehemalige Kommunist_innen – also alles, was russisch oder gar noch sowjetisch anmutet. Gleichzeitig läuft seit dem Regierungssturz 2014 ein Prozess der Dekommunisierung. Nachdem erst spontan in einer später „Leninopad“ – „Leninsturz“ genannten Aktion zwischen Dezember 2013 und Februar 2014 rund 300 kommunistische Denkmäler von Unbekannten gestürzt wurden, legalisierte das Parlament diesen Prozess im Mai 2015 mit dem Gesetz über die Verurteilung kommunistischer und nationalsozialistischer (nazistischer) totalitärer Regimes und das Verbot der Propaganda ihrer Symbole, No. 317-VIII. Das Gesetz sieht vor, dass zahlreiche Denkmäler abgebaut sowie Orte und Straßen mit den Namen von KP-Funktionären oder Bezeichnungen wie Sozialistische Revolution umbenannt werden müssen. Fast 1.000 Dörfer und Städte werden nach Abschluss des Prozesses ihren Namen geändert haben. Sowjetische Symbole wie Hammer und Sichel, aber auch der fünfzackige Stern, dürfen nicht mehr gezeigt werden. Selbst Karl Marx fällt als Begründer der marxistischen Ideologie und Koautor des Kommunistischen Manifests unter das Verdikt - seine Ehrung und die Erinnerung an ihn sei direkt mit der Errichtung der Sowjetmacht und der Tätigkeit der Kommunistischen Partei verbunden.

Art. 1, Abs. 4 verbietet „die Symbolik des kommunistischen totalitären Regimes“, dazu zählen auch „b) die Hymnen der UdSSR, der Ukrainischen SSR (USSR), anderer Unions- oder autonomer Sowjetrepubliken, auch auszugsweise“. Womit nicht nur die Autorin gegen geltendes ukrainisches Recht verstoßen hätte und mit einer Freiheitsstrafe von fünf bis zehn Jahren rechnen müsste, auch praktisch sind russische Staatsbesuche in der Ukraine nicht mehr möglich. Die Melodie der russischen Nationalhymne ist die der Sowjethymne – das Abspielen somit strafbar. 


[1] „Pro-russisch“ und „pro-ukrainisch“ stehen hier als vereinfachte Zusammenfassung für mehrere Merkmale, zu denen unter anderem kulturelle Einflüsse, kirchliche Zugehörigkeit, die bevorzugte Sprache, das Wahlverhalten sowie Schwerpunkte in den Erinnerungskulturen zählen.

 

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