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Aus Politik und Zeitgeschichte: „Prag 1968“

Aus Politik und Zeitgeschichte 20 (2008) „Prag 1968“

Von Tanja Kleeh

Bereits 2008, zum vierzigjährigen Jubiläum des Prager Frühlings, trug „Aus Politik und Zeitgeschichte“ im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung sechs thematisch ganz unterschiedliche Aufsätze zusammen. Wie Hans-Georg Golz im Editorial schreibt, sei die historische Erinnerung von der Vorstellung geprägt, es habe sich vor allem um einen innerkommunistischen Machtkampf gehandelt. Das vorliegende LaG-Magazin bietet hingegen etwas andere Blickwinkel darauf.

Bei Blick auf die Autor_innenliste sticht insbesondere Hans-Ulrich Wehler hervor. Der bekannte Historiker diskutierte mit den Kollegen Manfred Hettling, Volker Ullrich und dem Publizisten Klaus Tanner die Bedeutung/Auslegung der Tagebuchaufzeichnungen von Hartmut Zwahr. Festgehalten wurden Teile der Diskussion unter dem Titel „Das andere ‚68‘ “  Wehler streicht in dem Transkript die Bedeutung dessen vergleichender Sichtweise auf den Prager Frühling heraus, vor allem aus westdeutscher Perspektive. Alle vier Diskussionsteilnehmer betonen die an verschiedenen Stellen die Einzigartigkeit des Dokuments, vor allem Tanner möchte diese jedoch nicht überbewertet wissen.

Aus Auszügen des diskutieren Tagebuchs selbst besteht der Beitrag „Tagebuch 1968“. Hartmut Zwahr schrieb darin seine Sichtweise auf die Geschehnisse im Frühjahr 1968 nieder. Immer wieder zieht er Vergleiche zwischen der Situation in der Tschechoslowakei und der DDR. Dabei übt er auch offensichtliche Kritik am Führungsstil der SED. Interessant wird der Ausschnitt aus Zwahrs Tagebuch durch die Unmittelbarkeit und die persönlichen Einschätzungen der Situation. Besonders eindrücklich ist die Schilderung der sowjetischen Besetzung, die Zwahr über den Rundfunk verfolgt und die Geschehnisse dabei wiedergibt.

In ihrem Essay „Verratene Ideale“ beschreibt Irena Brežná, wie sie als 18-jährige Schülerin die politischen Umbrüche des Prager Frühlings und die anschließende Emigration in die Schweiz erlebte. So beschreibt sie ihr jugendliches Aufbegeheren, dass die scheinbar neu gewonnen Freiheiten mit nun ungestraften Parolen an den Wänden auszunutzen weiß. Komplettiert wird ihr literarischer Blick auf die Geschichte durch eine Begegnung mit dem damals ebenfalls 18-jährigen Muhammad Salich, der den Einzug der sowjetischen Truppen in Bratislava als Soldat beiwohnte.

Warum am 21. August 1968 sowjetische Panzer auf den Wenzelsplatz in Prag rollten versucht Stefan Karner in dem Aufsatz „Der ‚Prager Frühling‘ – Moskaus Entscheid zur Invasion“ darzustellen. Karner sieht die Ursprünge für die Entwicklungen bei der Entstalinisierung ab 1953. Geprägt durch unterschiedliche Faktoren, stellt Karner ein Vier-Phasen-Modell auf, welches den Entscheidungsprozess im ZK der KPdSU veranschaulicht. Vor allem die öffentliche und parteiinterne Wahrnehmung Dubceks spielt hierbei eine große Rolle. 

Mit den Entwicklungen vor dem Einmarsch der sowjetischen Truppen beschäftigt sich auch Dieter Segert. „Der Riss durch die Partei“ geht der Frage nach Ursache und Wirkung aus erinnerungspolitischer Perspektive nach. Er zeichnet genau nach, wie bestimmte Ereignisse, etwa der Slánský-Prozess 1952 als ausschlaggebend für die Herausbildung einer Reformbewegung wahrgenommen werden können. Als Beispiel dient der tschechische Historiker Michal Reiman. Die Auszüge aus einem längeren Gespräch geben den Gedankengängen Segerts zusätzliche Tiefe und enthalten einen vergleichenden Ansatz. 

Martin Machochev beschäftigt sich mit dem Phänomen eines „totalitären Regimes“, so die Terminologie des Autors, in dem es trotzdem im künstlerischen Bereich zu Schaffensphasen kommt. Der Beitrag „Tschechische Untergrundkultur“ geht auf die Besonderheiten dieses Phänomens in der tschechoslowakischen literarischen und musikalischen Welt ein. Er gibt einen Überblick über wichtige Schriftsteller, welche in den 1950er-Jahren in den Untergrund gingen. Das teilweise Ende der (Presse-) Zensur sieht Machochev „als Zeit der Kompromisse“ (S.22). Wie häufig, wenn der Totalitarismusbegriff zur Anwendung kommt, um den Charakter der sozialistischen Staaten möglichst drastisch zu beschreiben, bleibt seine inhaltliche Füllung seltsam leer und inkonsequent. Wie und warum in einem angeblich totalitären System sich die Kunst ein Stück Freiheit erobert bleibt daher offen. Das ist vor dem Hintergrund des interessanten Einblickes in die tschechoslowakische Untergrundkultur während des autoritären Staatssozialismus, den Machochev bietet, ein Manko. 

Fazit

Das Heft „Prag 1968“ bietet auch zehn Jahre später einen guten Überblick über die Bandbreite der Geschehnisse im Vorfeld und Nachgang des 21. August 1968. Gleichzeitig geht es mit etwa der Frage nach kulturellen Gestaltungsmöglichkeiten auch den Blick über die rein politische Ebene hinaus. Gerade die Vielfalt der Blickwinkel macht es zu einem lesenswerten Heft. Die Ausgabe des APuZ kann bei der Bundeszentrale für politische Bildung bestellt werden. Sie steht außerdem als PDF zur Verfügung. 

 

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