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Sachquellen im Unterricht – sträflich ignoriert und unterschätzt?

Prof. Dr. Dietmar von Reeken ist seit 2004 Professor für Geschichtsdidaktik mit den Schwerpunkten Geschichtsunterricht und Geschichtskultur an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.

Von Dietmar von Reeken

Wohl kaum eine historische Quellengattung ist vielen Menschen so vertraut wie die Sachquelle: Alte Häuser, Kirchen, Brücken, Fabriken usw. begegnen uns fast täglich, wenn wir uns in Stadt und Land bewegen; Denkmäler in unterschiedlichen Formen prägen unseren Stadtraum, Friedhöfe sind nicht nur Orte der Trauer, sondern auch der Erinnerung; Museen mit zahlreichen Objekten finden sich in fast allen größeren und kleineren Städten; im Urlaub besuchen wir Burgen, Schlösser, Kathedralen usw. Sie alle bieten uns Chancen der Begegnung mit Vergangenem. Umso unverständlicher ist es, dass Sachquellen im Geschichtsunterricht kaum eine Rolle spielen. Der folgende Beitrag versteht sich als Plädoyer, Sachquellen und deren Potenzial verstärkt in historischen Lernprozessen zu nutzen.

Auch wenn keine exakten empirischen Untersuchungen vorliegen, ist der bescheidene Stellenwert der Sachquelle im Unterricht wohl kaum zu leugnen. Der Schwerpunkt der Arbeit im Geschichtsunterricht liegt in dem Umgang mit schriftlichen Quellen und Darstellungen (vor allem über das Schulbuch). Daneben werden auch Bilder, Karten und vereinzelt auch Filme oder die Neuen Medien genutzt. Die Sachquelle findet nur ganz selten Eingang in das Klassenzimmer – woran könnte das liegen? Hierfür gibt es mehrere Gründe: Zum einen zwingen viele Sachquellen dazu, den Unterricht im Klassenzimmer zu verlassen, weil sie sich an ihrem originalen Ort oder in einer spezifischen Institution befinden: Denkmäler und Bauwerke im Stadtraum, viele Gegenstände darüber hinaus in Museen und Gedenkstätten. Sachquellen hier aufzusuchen, ist also immer mit einem besonderen Aufwand verbunden. Sachquellen auch innerhalb der Schule zu benutzen, wäre zwar eine Möglichkeit – aber hier stellt sich die Frage, wie man an solche Quellen kommt, denn sie sind nicht in gedruckten Quellensammlungen zu finden oder aus dem Internet herunterzuladen wie Texte oder Bilder. Immerhin haben viele Museen auf diese Situation reagiert und bieten die Ausleihe von sogenannten „Museumskoffern“ mit originalen oder nachgebildeten Gegenständen an. Und schließlich fühlen sich viele Lehrkräfte eher unsicher im Umgang mit dieser Quellensorte: Gegenstände spielen in der Lehrerausbildung keine große Rolle, und eine wissenschaftlich angemessene unterrichtliche Behandlung ist schwieriger als bei Texten bzw. Bildern, wo entsprechende Einordnungen und Interpretationen meist bereits vorliegen.

Diese Situation wäre unproblematisch, wenn Sachquellen nichts Besonderes zu bieten hätten – dann könnte man zumindest im Geschichtsunterricht, anders als in Museen und Gedenkstätten, auf sie verzichten. Aber ist dies so? Ein Beispiel soll dazu dienen, das Gegenteil zu zeigen:

Schüler_innen im Umgang mit Sachquellen

Vor einigen Jahren haben Forscher_innen eine Unterrichtsstunde in der 10. Klasse eines Gymnasiums auf Video aufgenommen (Martens/Asbrand/Spieß 2015). Dabei beobachteten sie u.a., wie die Schüler_innen in Gruppen mit mehreren Sachquellen, insbesondere Lebensmittelmarken aus der Nachkriegszeit, umgingen. Besonders auffällig war, dass die Schüler_innen sich zwanzig Minuten sehr intensiv und eigenständig mit dem Material beschäftigten: Sie behandelten die Objekte vorsichtig, stellten Vermutungen über ihre frühere Funktion und Bedeutung für die Menschen an, entwickelten Fragen, bezogen ihr Vorwissen ein und diskutierten über die historische Einordnung und Deutung – also alles das, was sich Lehrer_innen und Didaktiker_innen von historischen Lernprozessen wünschen. Begünstigt durch eine offene Unterrichtsgestaltung, bei der auch Suchbewegungen, Irr- und Umwege in den Gesprächen erlaubt waren, haben die Forscher hier, auch im Vergleich zum Umgang der Schüler_innen mit Text- oder Bildquellen, eine „besondere Qualität“ des historischen Erkenntnisprozesses festgestellt (ebd., S. 60).

Geschichtsdidaktische Potenziale von Sachquellen

Ob das Unterrichtsbeispiel verallgemeinerbar ist, wissen wir zwar nicht; es fehlen noch Forschungen hierzu. Die geschilderte Szene deutet aber das erhebliche Potenzial von Sachquellen für historische Lernprozesse an. Die Forschungsliteratur betont denn auch eine Reihe von Besonderheiten und Vorteilen, die für die Arbeit mit Sachquellen sprechen (vgl. Reeken 2014, Heese 2007):

  1. An erster Stelle steht ihre Materialität und Dreidimensionalität: Sachquellen regen dazu an, sie zu berühren, sie in die Hand zu nehmen, ihre Beschaffenheit zu untersuchen und ihre Funktionen handelnd auszuprobieren. Sie bieten also gegenüber dem sonstigen Schulbuch- und Arbeitsblattunterricht zusätzliche Wahrnehmungsmöglichkeiten, die das Nachdenken über vergangene menschliche Lebenswelten und deren Hintergründe anregen. Bei großen Objekten, die vor Ort in Augenschein genommen werden, kommen noch weitere Zugänge hinzu: Ein alte Kirche kann ich auch umschreiten und aus allen Richtungen betrachten, ich kann sie betreten, ihre Ausmaße durch das Gehen und Schauen erfassen, kann die Atmosphäre spüren, gedämpfte oder hallende Geräusche hören, Gerüche wahrnehmen usw. Gegenstände ermöglichen daher auch sinnliche Erfahrungen und befördern ästhetische Zugänge beim historischen Lernen.
  2. Sachquellen sind in der Regel authentische historische Objekte, das heißt, dass sie unmittelbar aus der Vergangenheit stammen. Während Schüler_innen sich ansonsten im Wesentlichen mit Quellen aus zweiter Hand beschäftigen, indem sie z. B. Texte lesen und interpretieren, die bereits vielfach abgeschrieben, gedruckt und gedeutet wurden, erhalten sie hier einen unmittelbareren Zugang zur Vergangenheit. Natürlich bedürfen auch diese Quellen der Einordnung, der Quellenkritik und Quelleninterpretation wie andere Quellen auch.
  3. In der Regel sind Sachquellen – außer in Museen und Gedenkstätten – nicht bereits entschlüsselt, so dass sich Schüler_innen, aber auch z. T. die Lehrkräfte häufig in einer offeneren Forschungssituation befinden und herausfinden müssen, worum es sich jeweils handelt und welche Bedeutung das jeweilige Objekt für die früheren Menschen hatte. Diese Forschungssituation kann Neugier und Interesse an Geschichte fördern, sie macht allerdings die unterrichtlichen Prozesse auch weniger planbar.
  4. Auch in der Geschichtswissenschaft spielen Sachquellen eine wichtige Rolle, insbesondere bei der Untersuchung von Völkern, Kulturen oder sozialen Gruppen, die wenig oder gar keine schriftlichen Zeugnisse hinterlassen haben, oder bei Themen wie z. B. der Alltagsgeschichte, über die wenig aufgeschrieben wurde. Hier liefern Sachquellen, häufig durch Ausgrabungen gewonnen, wichtige historische Erkenntnisse. Da der Geschichtsunterricht die Aufgabe hat, Schüler_innen zu vermitteln, wie unser Wissen über die Vergangenheit überhaupt zustande kommt, muss daher auch diese Quellengattung im Unterricht behandelt werden; die Geschichtsdidaktik spricht hier vom Erwerb von Gattungs- und Interpretationskompetenz, die sich immer auf den Umgang mit bestimmten Quellengattungen und deren jeweiligen Erkenntniswert richtet (vgl. Pandel 2013, S. 235-237).
  5. Schließlich sind historische Gegenstände, viel stärker als Texte, ein Teil unserer alltäglichen Lebenswelt, Teil der lokalen Geschichtskultur. Dies gilt für die offensichtlich alten Großobjekte wie Kirchen und Burgen genauso wie beispielsweise für häufig in Vergessenheit geratene Denkmäler (Reeken 2008) oder für Straßenschilder mit Namen von Personen, an die hier ehrend erinnert wird. Gerade letztere waren in den letzten Jahren Sachquellen, über die an vielen Orten heftig gestritten wurde (Reeken 2018). Geschichtsunterricht sollte Schüler_innen dabei helfen, die Anwesenheit von Vergangenheit in ihrer lokalen Gegenwart zu verstehen (Reeken 2004) – und hierbei können Sachquellen eine wichtige Rolle spielen.

Natürlich gelten alle diese Vorteile nicht für jedes einzelne Objekt – und natürlich würde der Abwechslungs- und Neuigkeitseffekt, der in dem erwähnten Beispiel sicher auch zu der intensiven Beschäftigung der Schüler_innen mit dem Objekt beigetragen hat, verschwinden, wenn Sachquellen häufiger im Unterricht genutzt würden. Und auch wenn es bislang wenig Forschungen gibt, die die Wirkungen des Umgangs mit Sachquellen auf das historische Interesse, vor allem aber das historische Denken von Schüler_innen ermittelt hätten: Die Vorteile sind dennoch unbestreitbar. Angesichts der oben genannten Schwierigkeiten des Einsatzes von Sachquellen wäre allerdings dreierlei erforderlich, um die Vorteile nutzen zu können: Eine größere Offenheit für diese Quellengattung bei Lehrkräften selbst und in der Lehrerausbildung, eine Unterrichtsgestaltung, die Zeit für einen intensiven Umgang mit Sachquellen bereit hält und Suchbewegungen sowie Um- und Irrwege, also Prinzipien forschend-entdeckenden Lernens, ermöglicht, und schließlich eine inhaltliche Entschlackung des Unterrichts, die Freiräume ermöglicht, um Besuche in Museen und Gedenkstätten und eine Erkundung des geschichtsgesättigten städtischen Raumes möglich zu machen.

Literaturverzeichnis

Heese, Thorsten: Vergangenheit „begreifen“. Die gegenständliche Quelle im Geschichtsunterricht, Schwalbach/Ts. 2007.

Martens, Matthias, Asbrand, Barbara, Spieß, Christian: Lernen mit Dingen – Prozesse zirkulierender Referenz im Unterricht, in: Zeitschrift für interpretative Schul- und Unterrichtsforschung 4, 2015, S. 48-65.

Pandel, Hans-Jürgen: Geschichtsdidaktik. Eine Theorie für die Praxis, Schwalbach/Ts. 2013.

Reeken, Dietmar von: Geschichtskultur im Geschichtsunterricht - Begründungen und Perspektiven, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 55, 2004, S. 233-240.

Reeken, Dietmar von: "Das Auffallendste ist nämlich, dass man sie nicht bemerkt. Denkmäler als gegenständliche Quellen des Geschichtsunterrichts, in: Geschichte lernen 121, 2008, S. 2-11.

Reeken, Dietmar von: Gegenständliche Quellen und museale Darstellungen, in: Hilke Günther-Arndt, Meik Zülsdorf-Kersting (Hrsg.): Geschichts-Didaktik. Praxishandbuch für die Sekundarstufe I und II. 6., überarbeitete Neuauflage Berlin 2014, S. 144-157.

Reeken, Dietmar von: Heyl, Hindenburg, Hinrichs. Oldenburger Konflikte um Straßennamen zwischen Vergangenheitsdeutung, Wissenschaft und Politik, in: Matthias Frese, Marcus Weidner (Hrsg.): Verhandelte Erinnerungen. Der Umgang mit Ehrungen, Denkmälern und Gedenkorten nach 1945, Paderborn 2018, S. 291-317.

 

 

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