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„Mehr als nur Erinnerungen an eine dunkle Zeit“. Das Kompendium 2016 zum Room 28 Bildungsprojekt

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Beitrags-Autor: Ingolf Seidel

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Hannelore Brenner ist Autorin des Buches und der Ausstellung Die Mädchen von Zimmer 28. Sie gründete die Reihe Edition Room 28 und veröffentlichte 2014 das Buch Mein Theresienstädter Tagebuch 1943-1944 von Helga Pollak-Kinsky. 2016 folgte die Autobiografie von Evelina Merová. Lebenslauf auf einer Seite. Prag – Theresienstadt –Auschwitz-Birkenau – Leningrad. Das Kompendium 2016 ist die dritte Publikation in dieser Reihe. Hannelore Brenner ist auch Vorstandsmitglied des 2007 in Berlin gegründeten Verein Room 28 e.V.

Von Hannelore Brenner 

Die erinnerungskulturellen Projekte, die unter dem Logo ‚Room 28 Projects‘ erscheinen, sind insofern ein außergewöhnliches Vorhaben, als es sich von den meisten Dokumentationen und Interviewprojekten unterscheidet. Der mehrdimensionale Zugang und die methodische Aufbereitung machen die Geschichte der „Mädchen von Zimmer 28“ zu einem spannenden Entdeckungs- und Erkenntnisprozess. Mit diesen Worten charakterisiert Peter Gstettner, Erziehungswissenschaftler aus Klagenfurt und Österreichs engagiertester Streiter für das „Erinnern gegen das Vergessen“[i] in seinem Beitrag zum Kompendium 2016 ein jüdisch-deutsches Holocaust-Erinnerungsprojekt, das 1996 begann und bis heute andauert. Er gab seinem Beitrag den Titel: Die Room 28 Projects sind mehr als nur Erinnerungen an eine dunkle Zeit. 

Seit 2004 erzählen ein Buch, ein Theaterstück und eine Ausstellung die Geschichte einer Gruppe jüdischer Mädchen, deren Wege im Ghetto Theresienstadt, Mädchenheim L 410 im Zimmer 28 zusammentrafen. Das mediale Echo auf die Erstausgabe des Buches im März 2004[ii] war überraschend groß; aber auch, in mancherlei Hinsicht, ernüchternd. Erst der Ausstellung gelang es, das eigentliche Anliegen des Projektes erfahrbar zu machen. Eine wesentliche Rolle spielten dabei die Überlebenden von Zimmer 28 selbst. Über Jahre nahmen sie engagiert an unzähligen Veranstaltungen teil – an Lesungen, Ausstellungseröffnungen, Zeitzeugengespräche, Schulprojekten. Oft auch als Gast bei Aufführungen der Kinderoper Brundibár von Hans Krása. Denn die Geschichte dieser Mädchen vermittelt auch die Geschichte der ersten Aufführungen dieser Oper im Ghetto Theresienstadt. 

Die im März 2016 erschienene Broschüre "Theresienstadt. Die Mädchen von Zimmer 28. Kompendium 2016. Room 28 Bildungsprojekt" – nachfolgend kurz Kompendium genannt – informiert über die Anfänge, Motive und Ziele der Room 28 Projects, enthält Analysen und Reflexionen zum pädagogischen Wert von Peter Gstettner, Detlef Pech, Bertram Noback, Heinz Winkler sowie exemplarische Auszüge didaktisch aufbereiteter Lehrmaterialien. Aktuelles zu den Room 28 Projects erfahren die Leser_innen im letzten Teil. Eine CD mit dem Radiofeature "Die Mädchen von Zimmer 28" ergänzt das Kompendium - ein klingendes Zeugnis für die Authentizität der in verschiedenen Medien erzählten Geschichte. 

„Eine Erinnerungspädagogik im 21. Jahrhundert“ 

Das ‚Room 28 Bildungsprojekt‘ ist aus meiner Sicht ein idealer Zugriff einer zeitgemäßen pädagogischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus im 21. Jahrhundert. Dies schreibt Bertram Noback, Gymnasiallehrer und Lehrbeauftragter an den Universitäten Heidelberg und Darmstadt, in seinem Beitrag zum Kompendium. Bertram Noback promovierte über den schulischen Umgang mit dem Thema Holocaust. [iii] Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören u.a. Geschichtsdidaktik, Holocaust und Erinnerungskultur. Der Titel seines Textes: „Die Mädchen von Zimmer 28 - eine Erinnerungspädagogik im 21. Jahrhundert“. Warum er diesen programmatischen Titel wählte, geht aus dem nachfolgenden Zitat hervor: 

"Die zum Teil sehr nahegehenden Biografien der „Mädchen von Zimmer 28“ ermöglichen auf eindringliche Weise einen sehr authentischen und konkreten Zugang zur damaligen Zeit. Das ‚abstrakte‘ Geschehen und die damit verbundenen Gräueltaten werden den Schülerinnen und Schülern auch dadurch sehr nahe gebracht, dass die Mädchen sich in einer ähnlichen Lebensphase befanden wie die heutigen Jugendlichen, aber in völlig konträren Lebensumständen agierten. (…)"

Darüber hinaus liegt der pädagogische Wert dieses Projektes auch in der didaktisch methodischen Aufbereitung der Materialien, die aufgrund ihrer Verschiedenartigkeit ein individuelles Lernen ermöglicht. (…) So ließen sich curriculare Anknüpfungspunkte in den Fächern Deutsch (z.B. literarische Auseinandersetzung mit dem Buch), Geschichte, Religion/Ethik (z.B. bei Themen zur Menschlichkeit, bei der Behandlung des Unterrichtsthemas „Judentum“) und Politik (z.B. Demokratie, Menschenrechte) finden. Das Projekt ist auf kein Unterrichtsfach festgelegt und ist in sich sehr breit und offen angelegt.“ 

Das Kompendium 2016 als Schlüssel zum Room 28 Bildungsprojekt 

An dieser Stelle ist es nötig, auf einen wichtigen Aspekt hinzuweisen. Das Room 28 Bildungsprojekt ist ein dynamisches Projekt, auch ein interaktives und internationales. Das Kompendium ist ein Schlüsselwerk – Einführung, Anregung und Angebot zugleich; der Auftakt für eine Sammlung von Lehrmaterialien, von denen es einige bereits gibt, andere aber erst in der Planungsphase sind. 

Der Zweck des Kompendiums ist es, Schulen, Lehrende, Akteur_innen im Bildungs- und Kulturbereich und interessierte Zeitgenossen mit diesem Kultur- und Bildungsprojekt bekannt zu machen. Diesem Zweck dient auch das aktuelle Angebot, das „Room 28 Schulpaket“[iv]

Das Kompendium ist auch eine Jubiläumsbroschüre (1996-2016), gewidmet den Überlebenden von Zimmer 28, auf deren Erlebnissen, Erinnerungen und Dokumenten das Buch und die Ausstellung und was daraus hervorgegangen ist, beruht. Gleichwohl ist es eine Werbebroschüre. Sie richtet sich an potentielle Stifter, Sponsoren und Kooperationspartner. Denn hinter dem Projekt steht eine Vision: Die Ausstellung zum Kristallisationspunkt des Vermächtnisses der „Mädchen von Zimmer 28“ zu machen. 

This is a unique project 

Zwanzig Jahre sind seit unserem jüdisch-deutschen Bündnis vergangen; zwölf Jahre, seitdem die Ausstellung erstmals im September 2004 in Schwerin, im Rahmen des Festivals „Verfemte Musik“ gezeigt wurde. Bis heute war sie an etwa siebzig Orten in Deutschland zu sehen. Es entstand eine tschechische, französische und englische Fassung. Im Januar 2008 gehörte die Ausstellung zum Rahmenprogramm des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag. 

Im Januar 2013 lud die Europäische Kommission anlässlich des Holocaust-Gedenktages zur Ausstellung "The Legacy of the Girls of Room 28" nach Brüssel ein. In der Einladung war zu lesen: „This is a unique project focusing on the solidarity, compassion and resilience which developed as a reaction to the abnormal situation of living in a ghetto with the constant threat of transportation to the East”. (Dies ist ein einzigartiges Projekt. Es geht darin um Solidarität, Mitgefühl und Widerstandskraft und darum, wie sich diese Eigenschaften entwickelten als Reaktion auf die anormale Situation, in einem Ghetto leben zu müssen, in ständiger Angst vor dem Transport nach Osten.). Das eigentliche Thema ist mit diesen Worten treffend beschrieben. Zuvor waren es vor allem Pädagog_innen, die die Eigenart und die Botschaft des Projektes erkannten– im Gegensatz zu vielen anderen, die das Projekt schnell in eine der Schubladen für Zeitzeugenprojekte, NS-Geschichte, Holocaust-Erinnerung und Opfergeschichten steckten. Und diese Schublade schnell wieder zumachten. 

Eine einmalige Chance, zwischen Generationen zu vermitteln 

Anders die Theaterpädagogin Lisbeth Wutte. Im September 2005 initiierte sie in Überlingen ein schulübergreifendes Brundibár-Projekt. Sie holte nicht allein unsere Ausstellung nach Überlingen, sie lud auch acht der Zeitzeuginnen für eine Woche an den Bodensee ein. Sie habe das Gefühl gehabt, sagte sie damals, dass es dringend nötig sei, die Frauen in einen lebendigen Strom einzubetten. „Unsere Generation hat ja alles verdrängt und vergessen. Hier war eine einmalige Chance, zwischen den Generationen zu vermitteln.“ 

Aber was vermittelt sich da außer eine Geschichte, die, wie das Magazin Die Zeit 2004 in einer Rezension des Buches "Die Mädchen von Zimmer 28" schrieb, „an eine Grenze des Erträglichen führt, dorthin wo Mitleid, Furcht, Beschämung auf uns lauern und der Reiz, sich abzuwenden“?

Eben auch dies: eine positive Kraft, ein Signal. Die Aufforderung, die existentielle Bedeutung kultureller Leistungen und Begriffe wie Menschlichkeit, Solidarität, Freundschaft, Kunst und geistiger Widerstand zu reflektieren und mit Leben zu füllen. Und ganz nebenbei wirft das Projekt auch ein Licht auf ein Kapitel unserer Zeitgeschichte, das im Schatten deutscher Geschichtsschreibung und Lehrpläne steht: das Schicksal jüdischer Kinder in unseren Nachbarländern Österreich und Tschechien während nationalsozialistischer Herrschaft und die Ereignisse im sogenannten ‚Protektorat Böhmen und Mähren’ 1939-1945. 

The importance of education, friendship, respect, culture 

Im Januar 2014 kam die Ausstellung auf Empfehlung der Europäischen Kommission zu den Vereinten Nationen nach Genf – für uns gewiss ein weiterer Höhepunkt des Projektes. Zur Eröffnung der Ausstellung sang ein Chor der Deutschen Schule in Genf die „Hymne von Zimmer 28“. Helga Pollak-Kinsky, die Autorin des Theresienstädter Tagebuchs, ohne das die Geschichte niemals bekannt geworden wäre,  war keynote-speaker bei der offiziellen Gedenkstunde an die Opfer des Holocaust. [v] 

Doch dies war nicht der letzte Höhepunkt unseres Projektes. Ein paar Monate später, im Mai 2014, eröffnete erstmals die Ausstellung „As Meninas do Quarto 28“ in Săo Paulo, Brasilien. Dies war das Werk von Karen Zolko. Die von ihr initiierte und neu gestaltete Ausstellung fand bald weitere Ausstellungsorte in Brasilia, Porto Alegre und Rio de Janeiro. Im August 2017 wird sie in Recife eröffnet. 

Weshalb Karen Zolko die Geschichte der „Mädchen von Zimmer 28“ auch in Brasilien erzählen wollte, hat eine besondere Bewandtnis, nachzulesen im Kompendium. Dass sie damit auf so große Resonanz stoßen würde, überraschte auch sie: "The success of the exhibition is beyond anything all of us could ever imagine My dream to tell the stories of these girls and to present it to young people and future generations has come true. This story has already made a difference in the lifes of students that live today under vulnnable situations in Brazil. They experience the importance of education, friendship, respect for each other and the role of culture, and that these are the basics for a better future."[vi] 

In seiner Rede anlässlich der Präsentation des Room 28 Bildungsprojekts in der Botschaft der Tschechischen Republik in Berlin im Mai 2012 sagte Detlef Pech, Professor für Grundschulpädagogik an der Humboldt Universität zu Berlin und Professor der  Professional School of Education: 

"Das, was wir Kultur nennen und auch gar das Spezifische, was da Kunst genannt wird, ist auch das, was der Barbarei entzogen werden konnte. Es ist jenes, was die Mädchen von Zimmer 28 erlebten, jenes was zur Hoffnung in der Barbarei wurde. Es ist der Funke, der aufrechterhalten wurde, der überhaupt Hoffnung möglich machte, der darauf verwies, dass Barbarei nicht total sein kann und weiterhin – nun mit Benjamin gesprochen – jedem Moment ein Splitter der messianischen Zeit innewohnt, jede Sekunde auf die Pforte verweist, in der die Veränderung eintreten könnte."

Die Rede von Detlef Pech, Beiratsmitglied des Room 28 Bildungsprojektes, ist in dem Kompendium abgedruckt. Sie endet mit zwei Sätzen, in denen all das, was dieses Projekt im Innersten zusammenhält, zum Ausdruck kommt: 

"Die Entwicklung von Persönlichkeit, die Humanisierung des Menschen braucht ein Gegenüber. Und welche Kraft dies haben kann, dafür steht die Geschichte aus dem Zimmer 28." 

Vier Websites gehören zu dem Projekt mit den „Mädchen von Zimmer 28“: 

Room 28 Education www.room28education.net

Room 28 e.V. www.verein-room28.de

Room 28 Projects www.room28projects.com

Edition Room 28 www.edition-room28.de   


[i] Peter Gstettner, Erinnern an das Vergessen. Gedenkstättenpädagogikund Bildungspolitik. Kitab-Verlag Klagenfurt-Wien, 2012 

[ii] Hannelore Brenner-Wonschick, Die Mädchen von Zimmer 28. Droemer Verlag München,2004. Neuausgabe 2008 im Aufbau Verlag. Das Buch ist vergriffen. Die Rechte liegen bei der Autorin. Eine überarbeitete Neuausgabe ist im Rahmen des Bildungsprojektes, das im Wesentlichen auf diesem Buch beruht, geplant. 

[iii] Bertram Noback, Die „Erziehung nach Auschwitz“ und das kulturelle Gedächtnis in der Schule. Eine qualitative Studie zur Rekonstruktion von Geschichtsbildern und didaktisch-methodischen Konzepten exemplarischer Gymnasialgeschichtslehrer der zweiten und dritten Generation in Baden-Württemberg. Heidelberg 2015 (online). 

[iv] Das Room 28 Schulpaket (limitiertes Angebot) enthält die Bücher: Helga Pollak-Kinsky, Mein Theresienstädter Tagebuch 1943-1944 (Edition Room 28); Hannelore Brenner-Wonschick, Die Mädchen von Zimmer 28 (Aufbau Verlag. Das Buch ist vergriffen. Restexemplare bei der Autorin und im Rahmen des Schulpakets erhältlich); Evelina Merova, Lebenslauf auf einer Seite (Edition Room 28); die DVD Ich wandre durch Theresienstadt“ (Projektdokumentation); das Kompendium 2016 sowie Postkarten mit Kinderzeichnungen der „Mädchen von Zimmer 28“ entstanden im Zeichenunterricht mit Friedl Dicker-Brandeis. 

[v] Helga Pollak-Kinsky, Mein Theresienstädter Tagebuch 1943-1944 und die Aufzeichnungen meines Vaters Otto Pollak. Edition Room 28, Berlin 2014. 

[vi] Aus dem Beitrag von Karen Zolko für das englischsprachige Kompendium. Es ist in Vorbereitung und wird im Rahmen der Ausstellung „As Meninas do Quarto 28“ im August 2017 in Recife vorgestellt.

 

 

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