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Geschichtsunterricht ohne Verlierer!? Inklusion als Herausforderung für die Geschichtsdidaktik

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Von Frederik Schetter

Durch die Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention im Jahre 2009 verpflichtete sich die Bundesrepublik Deutschland, den gemeinsamen Unterricht von Schüler_innen mit und ohne Behinderung als Regelfall zu etablieren. Für den Geschichtsunterricht ist dies eine Herausforderung und so gilt es, geschichtsdidaktische Theorien zu hinterfragen und Konzepte für eine inklusive Geschichtsvermittlung zu entwickeln. Ein von Bettina Alavi und Martin Lücke herausgegebener Sammelband leistet dazu einen Beitrag und verschriftlicht die auf dem Historikertag 2014 zu diesem Thema geführten Debatten und Beiträge. Den Inhalten zugrunde liegt ein Verständnis von Inklusion, welches nicht allein körperliche und geistige „Behinderung“ als Exklusionskriterien versteht, sondern darüber hinaus auch Ethnie, Geschlecht und soziale Herkunft mit einbezieht. Auf dieser Basis arbeiten die Autor_innen in – neben der Einleitung – insgesamt sieben inhaltlichen Beiträgen „zentrale Merkmale eines inklusiven Geschichtsunterrichts aus geschichtsdidaktischer Perspektive“(S.13) heraus und verdeutlichen sie mit Beispielen.

Der Sammelband ist in die drei thematischen Abschnitte Theorie, Empirie und Pragmatik gegliedert. Den Anfang im ersten Abschnitt macht Oliver Musenberg. Er beleuchtet theoretische Grundlagen und fokussiert „Vermittlungs- und Aneignungsprozesse im inklusiven Geschichtsunterricht [...] unter besonderer Berücksichtigung der Heterogenitätsdimension“(S.20). Musenberg konzentriert sich dabei auf die Begriffe Eigensinn und Aneignung und arbeitet deren Potentiale für die Geschichtsdidaktik und den Geschichtsunterricht heraus. Bärbel Völkel plädiert in ihrem Beitrag für einen Paradigmenwechsel und wirbt dafür, „den Menschen in seiner Leiblichkeit (und Zeitlichkeit) in den Mittelpunkt des Interesses der Geschichtsdidaktik zu stellen und nicht mehr das Geschichtsbewusstsein“(S.34).

Inklusion und conflicted memories statt hegemonialer Erinnerungskultur

Der Beitrag von Martin Lücke ist der einzige, der sich nicht explizit dem Geschichtsunterricht widmet. Er entwirft vielmehr Perspektiven einer inklusiven Erinnerungskultur, die „den Umgang mit Geschichte in unserer heterogenen Gegenwartsgesellschaft“(S.59) zu beschreiben vermag. Dabei wendet er sich gegen eine hegemoniale Erinnerungskultur, welche beispielsweise von zentralen politischen Repräsentanten wie dem ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck vertreten werde und sowohl von Stolz auf die Art und Weise des Erinnerns als auch durch ein positivistisches Geschichtsverständnis geprägt sei. Lücke zeigt stattdessen anhand von zwei Beispielen Möglichkeiten auf, wie eine Erinnerungskultur, die dem Inklusionsgedanken Rechnung trägt und in der „conflicted memories“ ausgehandelt werden, zur Herrschaftskritik und zum Empowerment von scheinbar Machtlosen beitragen kann.

Das erste Beispiel betrifft die öffentliche Debatte um den Genozid an den Armeniern. Hier bemängelt Lücke, dass zur gleichen Zeit, als das Reden über diesen Völkermord „zu einer konsensfähigen Formulierung in der bundesdeutschen Erinnerungskultur“(S.64) wurde, die deutschen Verbrechen an den Herero und Nama bis auf wenige Ausnahmen in der öffentlichen Debatte keine Rolle spielten. Eine den Völkermord an den Herero berücksichtigende, inklusive Erinnerungspolitik würde den Nachfahren der Opfer nicht nur den Anspruch auf Entschädigungsleistungen gewährleisten, diese könnten darüber hinaus auch von „Geschichte als kultureller Ressource profitieren“(S.65). Das zweite Beispiel befasst sich mit der Geschichte der Homosexualitäten. Hier plädiert Lücke im Sinne einer inklusiven Erinnerungskultur dafür, nicht nur an Verfolgung und Leid zur Zeit des Nationalsozialismus zu denken, die Bundesrepublik solle vielmehr auch jene Homosexuellen erinnern, „die sie selbst bis zum Jahr 1994 verfolgt, diskriminiert und marginalisiert“(S.66) habe.

Rahmenlehrpläne nur die erste Etappe

Der zweite Abschnitt widmet sich empirischen Überlegungen zum Thema Inklusion. In einem ersten Beitrag gibt Sebastian Barsch einen Einblick sowohl über die bisher vorhandene – in einigen Fällen englischsprachige – empirische Forschung als über eigene Forschungsprojekte zum inklusiven historischen Lernen von Hauptschüler_innen und Schüler_innen mit dem Förderschwerpunkt Lernen. Barsch sieht hier keinen Bedarf für neue methodische und theoretische Ansätze, da „,Geschichtsbewusstsein‘ und ,Historisches Lernen‘ hinreichend offene Konzepte“(S.83) seien. Der Beitrag von Bettina Alavi widmet sich ebenfalls der Analyse eines eigenen Forschungsprojekts, bei dem eine Hauptschulkasse zusammen mit Schüler_innen aus einer Schule mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung zum Thema Kolumbus arbeitete.

Auf pragmatische Aspekte und die konkrete Umsetzung beispielsweise in Lehrplänen gehen im letzten Abschnitt des Sammelbandes Birgit Wenzel und Christoph Hamann sowie Heike Wolter ein. Wenzel und Hamann beleuchten in ihrem Werkstattbericht die Entwicklung inklusiver Rahmenlehrpläne in Berlin und Brandenburg seit 2012. Sie sehen die „Ausgestaltung der Rahmenlehrpläne […] als nur eine erste Entwicklungsetappe auf dem Weg zu einem inklusiven Curriculum“(S.116). Zentral für das Gelingen eines inklusiven Geschichtsunterrichts sei vor allem, dass dieser „in der Schulgemeinschaft, in den Lerngruppen und durch die beteiligten Menschen ausgehandelt, erprobt und umgesetzt“(S.117) werde. Heike Wolter widmet sich der Disability History, arbeitet Perspektiven und Potentiale für den Geschichtsunterricht heraus und liefert didaktische Umsetzungshinweise für die Sekundarstufe I. Besonders interessant ist hier die inhaltlich breite Themenliste, in der Wolter von der Vor- und Frühgeschichte bis in die Gegenwart mögliche Anknüpfungspunkte für einen inklusiven Geschichtsunterricht aufführt.

Zusammenfassung

Der Sammelband „Geschichtsunterricht ohne Verlierer!? Inklusion als Herausforderung für die Geschichtsdidaktik“ arbeitet Perspektiven und Potentiale eines inklusiven Geschichtsunterrichts und einer inklusiven Erinnerungskultur heraus. Die Beiträge sind schlüssig strukturiert und bieten Einblicke in Theorie, Empirie und Praxis von Geschichtsdidaktik und Geschichtsvermittlung. Eine der vielen Stärken des Bandes ist, dass es den Autor_innen gelingt, auch komplexe theoretische Zusammenhänge immer wieder durch konkrete Beispiele zu verdeutlichen. In einer noch am Anfang stehenden geschichtsdidaktischen Debatte um inklusive Geschichtsvermittlung kommt dem Sammelband so eine besondere Bedeutung zu.

Literatur

Bettina Alavi; Martin Lücke (Hrsg.): Geschichtsunterricht ohne Verlierer!? Inklusion als Herausforderung für die Geschichtsdidaktik, Wochenschau Verlag, Schwalbach/Ts. 2016, 136 Seiten, 14,80 Euro.

Der Sammelband ist auf der Website des Verlags auch als PDF für 11,99 Euro erhältlich.

 

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