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Werkstattbericht: Führungen für Willkommensklassen am Holocaust-Denkmal

Dr. Barbara Köster leitet den Besucherservice und die Museumspädagogik der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas.

Von Barbara Köster

Seit Januar 2017 bietet die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas eine niederschwellige und dialogorientierte Übersichtsführung für Willkommensklassen der Sekundarstufe I an. Sie reagiert damit auf zahlreiche Anfragen. Das Denkmal im Zentrum Berlins ist die zentrale Gedenkstätte Deutschlands für die Opfer des Holocaust. Jährlich besuchen mehrere Millionen Menschen das Stelenfeld und etwa 500.000 die Ausstellung im unterirdisch gelegenen Ort der Information. In Willkommensklassen werden Flüchtlinge, aber auch Kinder, deren Eltern als Arbeitsmigrant_innen nach Deutschland gekommen sind, unterrichtet. Der Spracherwerb hat in diesen heterogen zusammengesetzten Lerngruppen Priorität.

Die Führung wurde von zwei Referentinnen der Stiftung, Grit Gierth und Lena Steenbuck, konzipiert, die zu Beginn ihrer Arbeit in Willkommensklassen und bei den wenigen bereits bestehenden pädagogischen Angeboten anderer Einrichtungen hospitierten. Im Austausch mit den Jugendlichen und den Experten_innen kristallisierte sich schnell ein Ansatzpunkt heraus: Das große Interesse der Jugendlichen an der neuen Umgebung sowie ihr Bedürfnis, sich den Stadtraum anzueignen und sich darin orientieren zu können. So hatten einige Jugendliche das Stelenfeld als wichtige Sehenswürdigkeit bereits besucht. Ihrer Offenheit und Neugierde stand die im Zusammenhang mit der Gefahr einer Retraumatisierung verbundenen Frage, ob Flüchtlingen der Besuch einer Gedenkstätte überhaupt zuzumuten sei, gegenüber. Auch begegnete man Positionen, die die Bedeutung der historisch-politischen Bildung mit Flüchtlingen aufgrund der ihnen vielfach zugeschriebenen antisemitischen Grundhaltung hervorhoben.

"Alles Kann – nichts muss" – Leitgedanken und Aufbau des Angebots

Das auf drei Leitgedanken basierende Konzept trägt den heterogen zusammengesetzten Gruppen, der Spannbreite an zu erwartenden historischen Kenntnissen und methodischen Kompetenzen sowie den Sprachhürden durch kleine Gruppen Rechnung:

1.     Wertschätzende Arbeitsatmosphäre schaffen, in der die Bedürfnisse der Teilnehmer_innen wahrgenommen und die Belastbarkeitsgrenzen geachtet werden. Ausführliche Beratung im Vorfeld und Freiwilligkeit der Teilnahme.

2.     Schwerpunkte setzen und Inhalte reduzieren.

3.     Konkret vor Abstrakt! Einfache Sprache verwenden und verschiedene Zugangs- und Erfahrungsebenen schaffen.

Regulär beginnen die Führungen im Stelenfeld, wo sich die Teilnehmer_innen über ihre Erfahrung und Interpretation und damit verbundene erinnerungskulturelle Fragen austauschen. Hier endet die Führung mit einer Einführung in die vier Themenräume der Ausstellung, die der Opfer gedenkt und die europäische Dimension des Mordens dokumentiert.

Die Arbeit mit Willkommensklassen erfordert maßgebliche, vom regulären Konzept abweichende Grundsatzentscheidungen: Die Führungen beginnen im Ort der Information, die Schüler_innen werden durch die Ausstellung begleitet, Täter und Mitläufer benannt. In die Konzeption flossen zudem die bisher gewonnen Erfahrungen mit Gruppen, die in Leichter Sprache geführt wurden, ein.

Das erste Modul findet in den Seminarräumen statt. Die Teilnehmenden werden auf den Ausstellungsrundgang vorbereitet. Sie werden in wichtige Begriffe und Aspekte des Nationalsozialismus eingeführt.

Während eines dialogisch geführten Rundgangs durch die Ausstellung lernen sie über Einzel- und Familienschicksale zentrale Aspekte des Holocaust und die europäische Dimension der Verfolgung und Vernichtung kennen.

Im dritten Modul erkunden die Teilnehmenden das Stelenfeld. Sie erfahren und deuten das Kunstwerk und bringen es mit Namen, Gesichtern und Geschichten aus der Ausstellung in Verbindung.

Die Fragen: „Wem ist das Denkmal gewidmet? Was war das Verbrechen? Wer waren die Opfer? Warum ist das Denkmal für Deutschland wichtig?“ ziehen sich dabei leitmotivisch durch die gesamte Führung, die sich als Möglichkeit einer Erstbegegnung mit dem Thema und dem Ort versteht.

Ausgewählte Stationen und Erfahrungen

Einführend erhalten die Jugendlichen eine aus verschiedenen Übersetzungen der Begrüßung „Herzlich Willkommen“ zusammengesetzte Textwolke. Über die Aufforderung, ihre Muttersprache zu suchen, wird spielerisch ein Kontakt zur Gruppe aufgebaut und eine erste vorläufige Einschätzung über deren Sprachkenntnisse und Hintergründe möglich. Die Teilnehmenden erhalten weiterhin eine Vokabelliste mit Übersetzungen wichtiger Begriffe in 19 Sprachen. Viele freuen sich darüber, Vertrautes vorzufinden. Vielfach ist damit in dieser wichtigen Einstiegsphase bereits das Eis gebrochen und eine positive Atmosphäre geschaffen.

Die Schüler_innen wählen aus einer historischen Fotosammlung Motive aus, die sie kennen, kommentieren wollen oder zu denen sie Fragen haben. Über die Bildauswahl werden zentrale Themen wie Rassenideologie, „Volksgemeinschaft“, die Rolle Deutschlands im Zweiten Weltkrieg sowie die Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung der jüdischen Kinder, Frauen und Männer im besetzten Europa veranschaulicht. In der Zusammenschau und im Austausch entsteht ein Spannungsbogen: „So hat es 1933 angefangen und so hat es 1945 geendet.“ Er macht nachvollziehbar, warum diese Epoche heute in Deutschland mehrheitlich negativ bewertet wird.

Die Deutschlandbilder der Jugendlichen sind durch das 21. Jahrhundert geprägt. Die Jugendlichen reagieren irritiert auf Fotos, die zerstörte deutsche Städte zeigen. Sie äußern die Hoffnung, dass auch ihre Heimat wiederaufgebaut wird. Die negative Rolle Deutschlands in beiden Weltkriegen können sie nur schwer mit ihrer positiven Wahrnehmung verbinden. Adolf Hitler ist allen als wichtiger deutscher Politiker bekannt. Mit ihm werden Macht und Stärke verbunden. Seine Bewertung als Verbrecher ist vielfach neu.

In der Tendenz äußern Jugendliche, die aus Krisen- und Kriegsgebieten kommen, schneller Zustimmung zu einer negativen Bewertung des Nationalsozialismus. Einige stellen einen Zusammenhang zu Neonazis und der AfD her, von denen sie wissen, dass sie die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung ablehnen. Abhängig davon, in welchen Berliner Bezirken die Jugendlichen wohnen, sprechen sie eigene negative Erfahrungen an.

Während des Ausstellungsrundgangs lernen die Jugendlichen Gesichter, Namen, Geschichten und Selbstzeugnisse Ermordeter kennen.

Den Auftakt zur Ausstellung bilden sechs Großportraits: Robert, Malka, Etty, Zdenek, Shimon und Claire, die stellvertretend für die ermordeten Jüdinnen und Juden stehen. Die Schüler_Innen beschreiben Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Portraitierten. Sie erfahren, dass die sechs Personen in jeweils anderen Ländern lebten, verschiedene Sprachen und unterschiedliche soziale und religiöse Hintergründe hatten. Im Gespräch wird vermittelt, dass die Portraitierten – genau wie alle weiteren Menschen, die sie in der Ausstellung kennenlernen werden  –  von den Nationalsozialisten als Juden verfolgt und ermordet wurden.

Der „Raum der Familien“ dokumentiert exemplarisch 15 Familiengeschichten aus ganz Europa – darunter die der niederländischen Familie Peereboom. Zentral ist dabei ein Hochzeitsfoto, das 1940 in Amsterdam aufgenommen wurde und eine fröhliche, festlich gekleidete Hochzeitsgesellschaft zeigt. Neben dem Foto sind die Verfolgungsstationen und die Todesorte der Portraitierten verzeichnet: Nur zwei der Peerebooms überlebten. Eine weitere Familienstele ist der rumänischen Familie Berkovitz gewidmet. Eine Bilderserie hält 1944 die Ankunft eines Deportationszuges in Ausschwitz fest – unter den Abgebildeten finden sich Ellys Mutter und ihr Bruder Adalbert sowie Elly selbst, die als arbeitsfähig eingestuft wurde. Diskutiert wird unter anderem die Frage, was es für Elly Berkovitz hieß, als einzige zu überleben.

Die Schüler_innen reagieren mehrheitlich empathisch auf diese Begegnung mit Opfern. Sie bringen die Aufnahmen aus dem Familienleben manchmal mit eigenen Erfahrungen in Verbindung, sprechen gemeinsame Feste und andere Aktivitäten an. Eigene Verfolgungs- und Fluchterfahrungen wurden bisher nur indirekt über die zurückgelassenen Verwandte und Freunde benannt. Wie andere Besucher auch bewegt sie häufig die Frage: „Warum wurden ausgerechnet die Juden verfolgt? Was war das Besondere an ihnen?“ 

Im „Raum der Dimensionen“ und im „Raum der Orte“ konzentriert sich die Führung auf die geographische Dimension des Mordens. Die Schüler_innen sind über die Vielzahl jüdischer Gemeinden in Europa überrascht. Für außereuropäische und arabische Jugendliche ist diese Information oft sogar neu. Das Ausmaß des Mordens und die Zahl der Opfer sind kaum zu begreifen – diese Reaktion teilen Willkommensklassen mit anderen Besuchern der Ausstellung. 

Beim abschließenden Gang durch das Stelenfeld werden die Jugendlichen ermutigt, sich dem Kunstwerk zu öffnen, es zu deuten und mit den in der Ausstellung kennengelernten Menschen in Verbindung zu bringen. Ob ein Gespräch über die Architektur und über Deutungsansätze möglich ist, hängt wesentlich von den noch vorhandenen Energien ab. 

Die Schüler_innen aus Willkommensklassen werden überwiegend als offener und unvoreingenommener als reguläre Gruppen erlebt. Widerstände gegen das Thema sind seltener. Wenn der Nahostkonflikt angesprochen wird, wurden bisher keine grundsätzlichen Unterschiede zwischen Willkommensklassen und Gruppen mit vielen Teilnehmer_innen, die einen biographischen Bezug zum Nahostkonflikt haben, festgestellt. Beobachtet wurde, dass die Jugendlichen bereit sind, sich auf den Referenzrahmen der Führung – nämlich auf die Erfahrungen von Jüdinnen und Juden während des Holocaust – einzulassen, wenn ihnen signalisiert wird, dass man ihre gegenwärtigen persönlichen Erfahrungen ebenso ernst nimmt.

Aus der Arbeit ergaben sich neue Kontakte und Impulse für den gesamten Bildungsbereich. So wurde der Kreis der am Denkmal arbeitenden Referent­­_innen um Kolleg_innen erweitert, die neue Fachrichtungen und Sprachen, Nationalitäten sowie kulturelle und religiöse Wurzeln in das Team einbringen. Langfristig wird dies sicher auch die reguläre Vermittlungsarbeit mit den jährlich etwa 2100 Gruppen beeinflussen. Zudem wird die Stiftung in Sommermonaten nun kostenlose öffentliche Führungen in türkischer, arabischer und persischer Sprache anbieten, die auch regulär gebucht werden können. 

Kontakt und Information

www.stiftung-denkmal.de/besuch/angebote-fuer-schulen/willkommensklassen.html

www.stiftung-denkmal.de/besuch/angebote-fuer-besucher/oeffentliche-fuehrungen-weitere-sprachen.html

E-Mail: besucherservice [at] stiftung-denkmal [dot] de  

 

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