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Zur Arbeit mit geflüchteten Menschen – und zum Thema Flucht – in der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz

Dr. Elke Gryglewski leitet die pädagogische Abteilung und ist stellvertretende Direktorin der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz. Sie ist Mitglied im unabhängigen Expertenkreis Antisemitismus der Bundesregierung.

Von Elke Gryglewski

In der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz wird das Thema Flucht zwangsläufig schon sehr lange bearbeitet und im Rahmen unterschiedlicher pädagogischer Formate angeboten. Diese Thematisierung ergibt sich aufgrund des engen Zusammenhangs mit der Geschichte der Verfolgung und Ermordung der deutschen und europäischen Jüdinnen und Juden (aber auch anderer Opfergruppen). Dabei kann es um die Fragen gehen, wer sich durch Flucht vor dieser Verfolgung retten konnte, was die Voraussetzungen für eine Flucht waren, wer zum Beispiel über die nötigen Mittel verfügte, welche Einwanderungsrestriktionen es in unterschiedlichen Ländern gab oder auch welche manchmal über Jahre andauernden Odysseen manche Betroffenen auf sich nehmen mussten, bevor sie irgendwann tatsächlich in Sicherheit waren. Seitdem die sogenannten Integrationskurse in der Bundesrepublik eingeführt wurden, fanden regelmäßig Studientage zum Thema Flucht und Exil mit Sprachklassen von Volkshochschulen statt. Aber es gab auch immer Angebote für die „Mehrheitsgesellschaft“, weil beispielsweise in der Oberstufe Exilliteratur behandelt wurde und sich die Deutschkurse in Studientagen Hintergrundwissen aneigneten. 

Auch Besucherinnen und Besucher mit eigener Fluchterfahrung und damit einhergehenden starken emotionalen Reaktionen auf die ständige Ausstellung erleben wir nicht erst seit zwei Jahren. In den ersten Jahren nach Eröffnung der Gedenk- und Bildungsstätte 1992 waren regelmäßig Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien in den Schul- oder Erwachsenengruppen. So kam es vor, dass bei den Seminaren mit sechsten Klassen Schülerinnen und Schüler zur Seite genommen und getröstet werden mussten, weil sie angesichts der besprochenen Inhalte – die sich bei dieser jungen Besuchergruppe wohlgemerkt auf die frühe Phase des Nationalsozialismus konzentriert und die Nutzung drastischer Fotos vermeidet – zu weinen anfingen. Bei Führungen mit Studierenden gab es immer wieder starke emotionale Reaktionen angesichts der Fotos von Massenerschießungen. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen beschloss die Bildungsabteilung im Jahr 2015, zunächst keine gesonderten Angebote für Geflüchtete zu machen, sondern angesichts des in Teilen problematischen Diskurses um Flucht und Geflüchtete in der sogenannten Aufnahmegesellschaft einen Beitrag zur Entskandalisierung der Diskussionen zu leisten. 

Dafür ergab sich sehr schnell auch ein konkreter Anlass: Als das nur wenige Meter von der Gedenk- und Bildungsstätte entfernt gelegene Flüchtlingsheim von 300 Bewohnerinnen und Bewohner auf etwa 1.000 aufgestockt werden sollte, organisierte sich in der wohlsituierten Wohnlage eine Bürgerinitiative dagegen. Sie begründete ihre Ablehnung damit, dass einer international renommierten Gedenkstätte nicht der Antisemitismus der Geflüchteten zugemutet werden dürfe. Als Reaktion auf diese problematische Instrumentalisierung unserer Einrichtung wurden vier Plakate auf Englisch, Farsi, Urdu und Arabisch hergestellt, auf denen sich die Gedenk- und Bildungsstätte als historischer Ort und mit der aktuellen Arbeit vorstellte und deutlich gemacht wurde, dass jede und jeder hier herzlich willkommen ist. Ob und inwiefern sich die Nachbarn aus dem Flüchtlingsheim dadurch angesprochen gefühlt haben, können wir bislang nicht wirklich sagen. 

Im vergangenen Jahr haben wir trotz der abwartenden Haltung viele Erfahrungen mit geflüchteten Menschen gemacht. Sie reichten von einer mehrteiligen Workshopreihe zu „Frauen im Nationalsozialismus“ mit syrischen geflüchteten Frauen palästinensischer Herkunft über Führungen und Studientage mit sogenannten Willkommensklassen bis hin zu Diskussionen im Rahmen von Veranstaltungen. Gerade die Workshops waren hilfreich, um konkrete Aspekte zu identifizieren, die für die Arbeit mit Geflüchteten von Bedeutung sind. Die Neugier, Offenheit und das große Interesse an historischer Bildung allgemein und an der Zeit des Nationalsozialismus im Besonderen waren sehr bemerkenswert. Und es bestand eine große Bereitschaft, bestehende Irrtümer, die teilweise auf „typischen“ antisemitischen Bildern von Jüdinnen und Juden basierten, im Verlauf des Lernprozesses zu korrigieren. Eingängigstes Beispiel ist hier sicher die Situation, in der es um die Frage ging, warum etwa die Hälfte der deutschen Juden Deutschland nicht verlassen hatte, um sich der zunehmenden Verfolgung zu entziehen. Wie die Mehrheit der Gäste in der Gedenk- und Bildungsstätte waren die Frauen davon überzeugt, dass alle deutschen Jüdinnen und Juden reich gewesen seien und deswegen den Neid der nichtjüdischen Bevölkerung auf sich gezogen hätten. Als anhand einer von der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland 1940 erstellten Karte, die zeigt, in welche Länder deutsche Juden emigriert waren, die Begründung für den Verbleib in Deutschland diskutiert wurde, korrigierten die Frauen von sich aus explizit ihren Irrtum. 

Extreme Positionen kamen auch zur Sprache, wenn auch von einer Minderheit: Eine Frau hing der Verschwörungstheorie an, dass die Gründung des Staates Israel stimmungsmäßig vorbereitet hätte werden müssen und dass dafür der systematische Massenmord nötig gewesen sei. Mit anderen Worten unterstellte sie, Jüdinnen und Juden hätten die Shoah selber inszeniert, um später Israel gründen zu können. Die Einstellung dieser Frau konnte im Verlauf der Workshops nicht gänzlich verändert werden – dazu war die Zeit zu kurz. Jedoch konnte eine Grundlage geschaffen werden, um potentiell langfristig eine Meinungsveränderung herbeiführen zu können. 

Die mit den Frauen gemachten Erfahrungen decken sich mit den Befunden einer vom Unabhängigen Expertenkreis Antisemitismus in Auftrag gegebenen kleinen Studie zu Antisemitismus bei Geflüchteten. Auch hier wurde festgestellt, dass es einerseits in den Herkunftsländern geprägte antisemitische Vorurteile gibt, andererseits aber auch ein großes Interesse an historischer Bildung anzutreffen ist. Eine Schwierigkeit bei der Aufklärung sind sprachliche Barrieren. Um im Beispiel zu bleiben: Vor dem Hintergrund der eigenen Erfahrungen entwickelten die Frauen neben der Empathie für die verfolgten Frauen angesichts der Bilder der zerbombten Städte auch sehr großes Mitgefühl für die nichtjüdischen deutschen Frauen. Das ist an sich nicht falsch, im Kontext des Versuchs einer Diskussion um Ursache und Wirkung beziehungsweise in Anbetracht der Erinnerungskonkurrenzen zwischen dem Leid der jüdischen Opfer und dem Bedürfnis nach Anerkennung des Schicksals der palästinensischen Gesellschaft war es jedoch ein schwieriger Aspekt. Dass permanent übersetzt werden musste, erschwerte den Diskussionsverlauf zusätzlich. Insgesamt war diese Zusammenarbeit mit den Frauen jedoch von großer Bedeutung. Es zeigte sich auch, dass die Bereitschaft, eigene Meinungen und Positionen in Frage zu stellen, sehr stark von der Dynamik zwischen Teilnehmenden und pädagogischen Fachkräften abhängt. Eindeutigkeit und gleichzeitige Freundlichkeit im Umgang sind dabei von zentraler Bedeutung. Eindeutigkeit in Bezug auf die Inhalte – so ist es falsch verstandene Freundlichkeit, problematische oder antisemitische Aussagen von Geflüchteten wegen deren traumatischen Erfahrungen stehen zu lassen. Je sicherer man sich seiner eigenen Position ist, desto besser kann man (ohne abweisend, überheblich und unfreundlich zu werden) Stellung beziehen oder auf Irrtümer hinweisen. 

Gleichzeitig ist deutlich: Wer freundlich behandelt wird, ist selber auch bereit, „freundlicher“ mit anderen (und mit Inhalten) umzugehen. Diese Erfahrung macht auch die Kollegin, die regelmäßig sogenannte Willkommensklassen im Haus betreut. Angesichts der offensichtlich häufigen Ablehnung, die geflüchtete Menschen im Alltag erfahren, nehmen sie den freundlichen Umgang in der Gedenk- und Bildungsstätte sehr wahr. 

Die Bilder, die geflüchtete Besucherinnen und Besuchern von Deutschland und seiner Geschichte mitbringen, sind sehr unterschiedlich. Im Rahmen einer Diskussionsveranstaltung wies mich ein Flüchtling pakistanischer Herkunft darauf hin, dass es in seinem Herkunftsland eine große Anerkennung für Hitler gibt, weil er gegen die Kolonialmacht Großbritannien gekämpft habe. Syrische Geflüchtete kommen aus einem Land, dessen Bildungspolitik erheblich vom syrisch-israelischen Konflikt geprägt ist und dabei auf zahlreiche Bilder des klassischen und des israelbezogenen Antisemitismus zurückgreift. Welche Bilder bringen afghanische Menschen mit? Wir wissen es nicht. Und angesichts der jüngsten Äußerungen deutscher Politikerinnen und Politiker zur Erinnerungskultur und der angeblich übertriebenen politischen Korrektheit unserer Gesellschaft inklusive der positiven Reaktionen auf diese Äußerungen in den sozialen Netzwerken sollten wir uns davor hüten, in den Geflüchteten die zentrale neue Zielgruppe unserer Bildungsbemühungen zu sehen. Wir haben es, wie gesagt, nicht mit einem neuen Phänomen zu tun. Auch im Kontext von Flucht kann es nur darum gehen, die Geschichte in einer Form anzubieten, die Besucherinnen und Besucher in die Lage versetzt, eine Relevanz für sich zu erkennen und dadurch die Bereitschaft zu entwickeln, eine staatsbürgerliche Verantwortung für die Folgen dieser Geschichte zu übernehmen.

 

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