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Aus Politik und Zeitgeschichte: Nach dem Ende der Sowjetunion

Von Frederik Schetter

Der aktuelle politische Diskurs um das russische Vorgehen im Osten der Ukraine und auf der Krim zeigt immer wieder deutlich verschiedene Sichtweisen der westlich geprägten Staaten und Russlands auf. Dass dies nicht nur für den Blick in die Gegenwart, sondern auch bei der Bewertung der Vergangenheit gilt, zeigt das Beispiel Michail Gorbatschows. In westlichen Medien als Held gefeiert, gilt er bis heute in Russland als Unperson und steht als Symbolfigur für eine Zeit, die von vielen Russ_innen als extrem negativ bewertet wird. Der Verknüpfung von russischer Gegenwart und Vergangenheit widmet sich eine Ausgabe von „Aus Politik und Zeitgeschichte“ (APuZ) aus dem Jahr 2011. Insgesamt acht Beiträge befassen sich mit unterschiedlichen Aspekten sowohl der russischen Politik als auch der Gesellschaft und werfen ein Licht auf den jeweiligen Einfluss der sowjetischen Vergangenheit.

Perestroika und Glasnost als Katalysatoren der Aufarbeitung von Stalinismus

So stellt Stefan Creuzberger in seinem Beitrag die Frage, wie „es in Russlands Staat und Gesellschaft um die historische Aufarbeitung des Stalinismus steht“ (S. 42). Er richtet dabei den Blick sowohl auf die offizielle staatliche Geschichtspolitik seit dem Ende der Sowjetunion als auch auf die Arbeit russischer Nichtregierungsorganisationen und stellt der Analyse eine Statistik aus dem Jahr 2008 voran, nach der Stalin bei der Wahl zur populärsten Figur der russischen Geschichte von insgesamt 4,5 Millionen Russ_innen auf den dritten Platz gewählt wurde.

Creuzberger zeichnet die Entwicklung der Aufarbeitung von stalinistischer Gewaltherrschaft und Terror seit dem Tod Stalins bis in das heutige Russland nach. Misst er der kurzzeitigen, klar begrenzten Auseinandersetzung mit der stalinistischen Vergangenheit während der Präsidentschaft Nikita Chruschtschows keine zentrale Bedeutung zu, sieht Creuzberger vor allem die letzten Jahre der Sowjetunion und die von Gorbatschow angestoßenen innersowjetischen Reformprozesse als Katalysatoren einer zunehmenden Aufarbeitung der stalinistischen Verbrechen. Sollte eine öffentliche Debatte über die stalinistische Vergangenheit den Absichten Gorbatschows zufolge zur „Stabilisierung des Reformprozesses“ (S. 44) beitragen, sorgten die zahlreichen neuen Berichte über die verbrecherische Vergangenheit im Gegenteil zunehmend für die „politisch-ideologische Delegitimierung der KPdSU und des Sowjetsystems“ (Ebd.).

Geschichtsbilder als Legitimation des russischen Machtanspruchs

Die Nichtregierungsorganisation Memorial (Verlinkung einfügen: Text über Memorial) hebt Creuzberger als wichtigen Impulsgeber und zentralen Akteur eines Geschichtsdiskurses „von unten“ hervor, welcher vor allem während der Präsidentschaft Boris Jelzins viele Freiräume und gute Rahmenbedingungen – beispielsweise einen „restriktionsfreieren Zugang zu Russlands staatlichen Archiven“(S. 45) – besaß. Den Zustand der russischen Erinnerungskultur unter Jelzin nimmt Creuzberger zum Anlass, einen Bogen in das Jahr 2011 zu schlagen und kommt zu dem Schluss, dass von der Meinungsvielfalt der 1990er Jahre nicht mehr viel übrig geblieben sei. Vielmehr förderten die Machthaber seit dem Beginn der Präsidentschaft von Wladimir Putin zunehmend Geschichtsbilder, welche den Machtanspruch Russlands in der Welt untermauern und eine autoritäre Herrschaftsform legitimieren sollen. Stalin erscheine so als „großrussischer Patriot und Modernisierer“ (S. 46), während seine Verbrechen weitgehend als historisch notwendiges Übel präsentiert werden.

Ambivalenz der Erinnerungen

Peter Jahn untersucht in seinem Beitrag schwerpunktartig die deutsche und russische Erinnerung an den deutschen Überfall auf die Sowjetunion auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Er geht dabei nicht nur auf den unterschiedlichen Stellenwert ein, den der Angriff in beiden Ländern innehat, sondern im Fall Russlands darüber hinaus auch auf den „Zusammenhang zwischen dem opferreichen und moralisch gerechtfertigten Sieg und der mörderischen Diktatur Stalins“ (S. 54). Jahn hebt dieses Nebeneinander ambivalenter Erinnerungen als prägende Konstante hervor und kommt zu dem Schluss, dass die russische Kriegserinnerung zukünftig nicht zuletzt davon abhänge, „ob die Gesellschaft […] nach Umbruch und Krise neue Identität und Selbstwertgefühl aus Leistungen der Gegenwart schöpfen“ (Ebd.) könne.

Darüber hinaus behandeln weitere Autor_innen verschiedene politische oder gesellschaftliche Prozesse Russlands. Während sich beispielsweise Caroline von Gall dem sowjetischen Erbe im russischen Justizapparat widmet, analysiert Susanne Schattenberg den Blick der Historiographie auf das Ende der Sowjetunion. Beiträge zur wirtschaftlichen Krise, zur politischen Entwicklung seit Gorbatschow, zu den russischen Medien oder zur Unabhängigkeit ehemaliger Staaten der Sowjetunion komplettieren das breit gefächerte Themenspektrum der Ausgabe. 

Zusammenfassung

Die APuZ-Ausgabe „Nach dem Ende der Sowjetunion“ bietet einen informativen und inhaltlich differenzierten Blick auf politische und gesellschaftliche Prozesse Russlands sowie den Einfluss der sowjetischen Vergangenheit. Das Thema der stalinistischen Gewaltherrschaft ist hierbei ein – wenn auch zentraler – Aspekt unter vielen und wird in einem breiten politischen Kontext behandelt. Die Ausgabe ist daher vor allem Leser_innen zu empfehlen, welche über den „Großen Terror“ hinaus einen Überblick über erinnerungskulturelle Aspekte und den Einfluss von Geschichte in Russland bekommen wollen.

APuZ 49-50/2011 steht kostenfrei im Onlineshop der Bundeszentrale für politische Bildung zum Download zur Verfügung. 

 

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