Von Frederik Schetter

Organisationen, welche sich für Menschenrechte und Meinungsfreiheit einsetzen, geraten in den letzten Jahren in Russland verstärkt unter staatlichen Druck. Das gilt nicht zuletzt für Gruppen, die an die Opfer der stalinistischen Gewaltherrschaft erinnern. Ein neues Phänomen ist dies nicht, stellte doch schon zu Zeiten der UdSSR die Erinnerung an die Opfer des „Großen Terrors“ lange Zeit weitestgehend ein Tabu dar. Im Rahmen von aus der Perestroika entstehenden Massenbewegungen bildeten sich schließlich zunehmend Menschenrechtsorganisationen heraus, die sich bis heute aktiv für eine Aufarbeitung des stalinistischen Massenterrors einsetzen.

Internationale, dezentral organisierte Menschenrechtsorganisation

Eine der bekanntesten und für die Erforschung und das Gedenken an die Opfer zentralen Organisationen ist die 1988 gegründete Gesellschaft Memorial. Sie ist mittlerweile zu einer internationalen, über 80 nationale und regionale Organisationen umfassenden sowie dezentral organisierten Konföderation geworden. Neben Sektionen in acht weiteren Ländern gründete sich 1993 auch ein deutscher Verband, der seit 2001 als eingetragener Verein agiert und – oft in Kooperation mit der Ursprungsorganisation – eine Reihe von unterschiedlichen Projekten und Publikationen sowohl zu aktuellen politischen Fragen als auch zu Themen der stalinistischen Gewaltherrschaft durchführt bzw. fördert. Einen Überblick darüber bietet die übersichtlich strukturierte und – im Gegensatz zur internationalen Webpräsenz von Memorial – vollständig auf Deutsch lesbare Homepage.

Vernetzung und Projektarbeit als Kernpunkte der Menschenrechtsarbeit

Hier lassen sich u.a. Literaturempfehlungen, Nachrichten über aktuelle politische Geschehnisse in Russland und Hinweise auf aktuelle Veranstaltungen zur russischen Erinnerungskultur finden. So macht Memorial Deutschland beispielsweise auf den Veranstaltungsmitschnitt einer Filmpräsentation der Bundesstiftung Aufarbeitung zum Thema der sowjetischen Arbeitslager aufmerksam.

Besondere Beachtung verdienen die aktuellen und abgeschlossenen Projekte zur historischen Aufarbeitung von Menschenrechtsverbrechen. So ist Memorial Deutschland u.a. Initiator eines bis August 2017 laufenden Projektes zur Digitalisierung von zunächst 800 Fotografien, welche politische Repression und Bürgerrechtsbewegungen in der UdSSR seit 1918 abbilden – und somit auch den „Großen Terror“ umfassen. Speziell für den Schulunterricht interessant ist das als Internetportal betriebene Projekt zum Gulag-System der Sowjetunion. Umfassendes Karten- und Bildmaterial, zahlreiche Dokumente und mehr als 250 detaillierte Biographien liefern hier eine breite Basis von Informationen. Ist das Projekt zwar nicht allein auf den Zeitraum des „Großen Terrors“ begrenzt, liefert es auf diese Weise dennoch einen anschaulichen Beitrag zum Verständnis der stalinistischen Gewaltherrschaft.

Über die inhaltlichen Aspekte hinaus liefert Memorial Deutschland einen transparenten Einblick in die Arbeitsweise und Finanzierung des Vereines. So lassen sich beispielsweise unter dem Reiter „Netzwerke“ eine Reihe von Förderern des Vereins finden. Besonders hervorzuheben ist unter dem gleichen Reiter auch eine Zusammenstellung von zentralen Gedenkstätten und Organisationen zum Thema des „Großen Terrors“.

Zusammenfassung 

Der deutsche Zweig der Menschenrechtsorganisation Memorial widmet sich zahlreichen Aspekten von aktuellen politischen und erinnerungskulturellen Prozessen Russlands. Geht das Angebotsspektrum weit über das Thema des stalinistischen Massenterrors hinaus, liefert Memorial Deutschland anhand von unterschiedlichen Projekten und Publikationen eine ausgesprochen detaillierte und anschaulich präsentierte Informationsbasis für all jene, die sich für den „Großen Terror“ interessieren. Darüber hinaus bietet eine nähere Beschäftigung mit Memorial einen Einblick, wie Aufarbeitungsprozesse funktionieren und welchen Hindernissen sie bis heute ausgesetzt sein können.

Weitere Informationen erhalten Sie auf https://www.memorial.de/. Das von Memorial Deutschland betriebene Internetportal zum Gulag-System ist hier zu finden.

 

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