Empfehlung Film

Nikita Michalkow: „Die Sonne, die uns täuscht“ / „Burnt by the Sun“ (1994)

Von Christian Schmitt

Stalins Gewaltherrschaft ist – in unterschiedlicher Qualität – auch im Kino mehrfach rezipiert worden. 1995 mit einem Oscar ausgezeichnet, thematisiert einer der erfolgreichsten russischen Filme aller Zeiten die Sowjetunion am Vorabend des „Großen Terrors“. „Die Sonne, die uns täuscht“ (Englisch: „Burnt by the Sun“) von Regisseur Nikita Michalkow erzählt die Geschichte einer glücklichen, aus Überzeugung sozialistischen Familie, die kurz vor Beginn der Schauprozesse im Sommer 1936 ins Visier des sowjetischen Geheimdienstes gerät.

Dunkle Wolken über der ländlichen Idylle

Sergej Petrowitsch Kotow führt ein Leben, von dem viele Menschen träumen: Mit seiner liebevollen Frau Marija und der hinreißenden Tochter Nadia wohnt der hochrangige Militär in Marijas idyllischem Elternhaus auf dem Land. Die ebenfalls dort lebende Verwandtschaft bildet eine innige Gemeinschaft, in der es nie langweilig zu werden scheint. Und nicht zuletzt ist Sergej ein landesweit verehrter Revolutionsheld, dessen Porträt jedem_r Sowjetbürger_in wohlvertraut ist. Der gutmütige Charismatiker verbringt seine freien Tage am Fluss, fußballspielend im Wald oder im geselligen Wohnzimmer des Hauses, immer im Kreise der Familie. In ihrer herzlichen Art heißt diese auch den Neuankömmling willkommen, der eines Tages an der Tür erscheint: Der frühere Musikant und Kabarettist Dimitrij Mitja ist ein alter Freund der Familie und zieht mit seiner fröhlichen und einehmenden Art schnell alle in seinen Bann, insbesondere die kleine Nadia. Sergej und Marija sind von seiner Ankunft weniger begeistert. Wie die Zuschauer_innen nach und nach erfahren, waren Marija und Dimitrij einst ein Paar. Das war, bevor Sergej seinen Einfluss nutzte, um den Konkurrenten für Spionagetätigkeiten des NKWD ins Ausland zu schicken.

Und so stürzt der Gast seine ehemalige Geliebte in ein Gefühlschaos, während ihrem Ehemann seine unterschwelligen Provokationen nicht verborgen bleiben. Um des allgemeinen Friedens willen macht Sergej dennoch gute Miene zum bösen Spiel. Als er Dimitrij nach wenigen Tagen trotzdem bittet, abzureisen, erfährt er den wahren Grund für dessen Besuch: Ein Auto des Geheimdienstes ist bereits auf dem Weg, um den Nationalhelden nach Moskau zu bringen…

Bedrohlich wie Robert de Niro in „Kap der Angst“

Mit ihrer beherzten Darbietung ziehen die Schauspieler_innen das Publikum ab der ersten Minute in ihren Bann. Früh stellt sich Sympathie für die Familie Kotow ein, insbesondere der von Nikita Michalkow selbst verkörperte Sergej und die aufgeweckte Nadia – gespielt von Michalkows Tochter Nadeshda – dürfen sich der Gunst der Zuschauer_innen sicher sein. Auch die liebenswert verrückte Verwandtschaft vermag einem immer wieder ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, wenngleich der Film hier mitunter ins Klamaukige abzudriften droht.

Auch Oleg Menschikow überzeugt in der Rolle des Dimitrij, der stets freundlich auftritt und dennoch etwas Unangenehmes verkörpert. Exemplarisch steht hierfür die Szene, in der Dimitrij am Klavier sitzt und die ganze Familie ausgelassen zu seinem Spiel tanzt. Als Sergej in der Tür erscheint, wirft der Musikant ihm einen Blick zu, der, von allen anderen unbemerkt, nur eines zu signalisieren scheint: „Ich nehm´ dir alles weg!“. Damit ist er eine Art „Anti-Max-Cady“: Während der von Robert de Niro legendär gespielte Cady in „Kap der Angst“ als aggressiver Stalker in das Leben einer Familie eindringt, tut Dimitrij Mitja dies auf wesentlich subtilere, aber – zumindest für Sergej – kaum weniger bedrohliche Weise. Spätestens, als er Sergej im Wald einzuschüchtern versucht, ist klar, dass er stellvertretend für die bevorstehenden Exzesse von Verrat, Verleumdung und Gewalt steht – im Namen Stalins, der im Film allgegenwärtig ist.

Paradiesische Sowjetunion vor dem „Großen Terror“: Verklärung oder Kontrast?

„Die Sonne, die uns täuscht“ ist über weite Strecken heiteres Familienkino. Erst nach und nach merkt der_die Zuschauer_in, dass Unheil im Verzug ist und die ländliche Sommeridylle bald ein Ende haben wird. In dieser Idylle liegt übrigens die einzige Schwäche des Films: Nikita Michalkow zeichnet die Sowjetunion am Vorabend des „Großen Terrors“ in fast schon paradiesischen Verhältnissen. Ausschließlich stößt man hier auf glückliche Menschen, denen Mangel ein Fremdwort zu sein scheint. Selbst die umliegenden Bäuerinnen und Bauern präsentieren sich als gutmütige Trottel mit nahezu nichtigen Problemen. Möglicherweise – dies legt zumindest der Titel des Films nah – hat sich Michalkow bewusst für eine solch kontrastreiche Darstellung entschieden, um die dunklen Schatten, die Stalins Diktatur im Sommer 1936 wirft, deutlicher hervorzuheben.

Von dieser Unklarheit abgesehen ist der stark gespielte Film mehr als sehenswert und transportiert eindrucksvoll das Gefühl aufkommenden Misstrauens, das in den Jahren 1937 und 1938 einen zentralen Platz in der Lebensrealität der sowjetischen Bürger_innen einnehmen sollte.

 „Die Sonne, die uns täuscht“ ist auf DVD bei Trigon-Film in russischer Sprache mit deutschen Untertiteln erhältlich (21 Euro). Bedauerlicherweise gibt es eine synchronisierte Fassung weder in deutscher, noch in englischer Sprache. Der Film ist außerdem der erste Teil einer Trilogie; die Fortsetzungen „Die Sonne, die uns täuscht – Der Exodus“ und „Die Sonne, die uns täuscht – Die Zitadelle“ gibt es in deutscher Sprache.

 

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