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Von den Genossinnen und Genossen verfolgt

Mitglieder der KPD als Opfer des Großen Terrors in der Sowjetunion

Dr. Marcel Bois ist Historiker aus Hamburg und Autor von „Kommunisten gegen Hitler und Stalin. Die linke Opposition der KPD in der Weimarer Republik“ (Klartext 2014). Derzeit bearbeitet er als Stipendiat der Gerda-Henkel-Stiftung die Biografie der österreichischen Architektin Margarete Schütte-Lihotzky.

Von Marcel Bois

Sie flohen vor Hitler und wurden von Stalin ermordet: Für Kommunistinnen und Kommunisten aus Deutschland stellte der „Große Terror“ in der Sowjetunion eine besondere Tragik dar. Mehr als tausend von ihnen kamen ums Leben. 

Ein beliebtes Exilland

Die Sowjetunion war das „gelobte Land“ deutscher Kommunistinnen und Kommunisten. Schon früh übte der 1917 entstandene Staat als Gegenentwurf zur Weimarer Republik eine beachtliche Anziehungskraft auf linke Arbeiter_innen und Intellektuelle aus. Seit 1925 organisierte die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) Reisen von Arbeiterdelegationen in die Sowjetunion. Nach ihrer Rückkehr berichteten die Teilnehmenden dann oftmals in KPD-Gliederungen, vor SPD-Ortsvereinen oder bei Ortskartellen des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbunds. Auch linke Intellektuelle wie Lion Feuchtwanger, Oskar Maria Graf und Egon Erwin Kisch besuchten das Land, um sich ein Bild von dem sozialistischen Experiment zu machen.

Insofern ist es wenig verwunderlich, dass die Sowjetunion zum beliebten Exilland deutscher Linker wurde. Mit Beginn der Weltwirtschaftskrise von 1929 zog es vermehrt Fachkräfte an. Während in Deutschland die Arbeitslosenzahlen stiegen, begann hier die Zeit der Industrialisierung. Moskau warb aktiv um ausländische Expertinnen und Experten. Im Jahr 1930 siedelte beispielsweise der bisherige Frankfurter Stadtbaudirektor Ernst May gemeinsam mit einer Gruppe von vierzig deutschsprachigen Architektin_innen in die Sowjetunion über, um Hunderttausende Wohnungen in neu entstehenden Industriestädten zu bauen. Für viele Arbeitsmigrant_innen spielten nicht nur materielle Anreize eine Rolle, sondern sie waren begeistert von der Idee, am „Aufbau des Sozialismus“ teilzuhaben.

Ab dem Jahr 1933 änderten sich dann die Gründe für ein Exil in der Sowjetunion. Keine andere politische Gruppierung verfolgte das NS-Regime so gnadenlos wie die KPD. Der Terror setzte unmittelbar nach dem Reichstagsbrand vom Februar 1933 ein. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs sollten schließlich 150.000 Kommunistinnen und Kommunisten verhaftet, 20.000 ermordet werden. Zahlreiche KPD-Mitglieder versuchten, sich dem zu entziehen, indem sie ins Ausland flohen, darunter auch in die Sowjetunion. Anfang des Jahres 1936 lebten 2.600 KPD-Mitglieder dort.

Situation Deutscher in Sowjetunion

Viele der deutschen Migrant_innen hatten zunächst Schwierigkeiten, sich in ihrem neuen Heimatland zurechtzufinden. Der Lebensstandard in der Sowjetunion war geringer als in Deutschland, die Infrastruktur oftmals schlechter. „In Moskau und Leningrad lebte man in Emigrantenhäusern oder städtischen Kommunalkas, wo jeder Familie (das konnten drei, vier oder mehr Personen sein) ein Zimmer zustand“, berichtet die Kulturwissenschaftlerin Inge Münz-Koenen, die als Kind deutscher KPD-Mitglieder in der Sowjetunion geboren wurde. „Die Einrichtung war spartanisch, als Kochgelegenheiten diente meist ein Petroleumkocher oder auch ein umgedrehtes Bügeleisen. Lebensmittel waren noch rationalisiert, die Kleidung nähte man sich meist selber“ (Münz-Koenen 2013: 9). Vor allem auf den Großbaustellen, auf denen deutsche Fachkräfte tätig waren, gestaltete sich die Situation schwierig: Die Arbeitsorte waren oft noch unerschlossen und unbewohnt, das Warenangebot gering.

Trotzdem genossen die Exilant_innen aus Deutschland einige Privilegien gegenüber der einheimischen Bevölkerung. Sie erhielten höhere Gehälter, Sonderzuteilungen von Lebensmitteln und Unterstützung durch die Internationale Rote Hilfe (IRH). Dementsprechend finden sich in Briefen an Freunde und Verwandte in der Heimat nur selten Klagen über die Lebensbedingungen. Im Gegenteil: „Du würdest schauen, wie fröhlich hier das Leben geworden ist, so viel mehr, für alle, auf Freude u. Genuß abgestellt im Vergleich zu 1932“, schrieb die Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky im Januar 1935 an ihre Schwester.[1] 

Die größte Kommunistenverfolgung aller Zeiten

Im Jahr 1936 sollte sich das Blatt jedoch wenden. Der „Große Terror“ erfasste das Land. Dieser stellte den Abschluss eines Prozesses dar, der mehr als ein Jahrzehnt zuvor eingesetzt hatte. Nach und nach hatte die Stalin-Fraktion ihre Widersacher aus der Partei gedrängt, die Macht im Land übernommen und dabei sämtliche Errungenschaften aus der Revolutionszeit zurückgenommen. Am Ende stand die physische Vernichtung der „alten Garde“ der Partei.

Im August 1936 fand der erste von mehreren Schauprozessen statt. Er endete mit dem Todesurteil für ehemals führende Kader wie Grigori Sinowjew, der lange die Kommunistische Internationale geleitet hatte, und Lew Kamenew, dem einstigen Direktor des Lenin-Instituts. Ihnen und anderen, darunter drei KPD-Mitgliedern, wurde vorgeworfen, Teil eines gegen die Sowjetunion gerichteten „trotzkistisch-sinowjewistischen terroristischen Zentrum“ zu sein. Unter Folter hatten die Angeklagten absurde Geständnisse abgelegt.

Doch der Terror beschränkte sich keineswegs auf die Eliten, sondern traf die gesamte Gesellschaft. Am 30. Juli 1937 erteilte das Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten (NKWD) den streng geheimen Befehl Nr. 00447. Auf dessen Grundlage wurden in den folgenden fünfzehn Monaten mehr als 800.000 Personen verhaftet, fast die Hälfte von ihnen erschossen, die übrigen in Lager eingewiesen. Insgesamt nahm die politische Polizei zwischen 1936 und 1938 allein eine Million Mitglieder der KPdSU fest, fast alle kamen ums Leben. Nicht von ungefähr bezeichnet der Historiker Hermann Weber die Stalinistische Säuberung als „größte Kommunistenverfolgung aller Zeiten“ (Weber 1989: 13). 

„Feigheit vor dem Feind“

Auch die im Land lebenden Ausländer_innen gerieten ins Visier der politischen Polizei. Bereits am 1. Dezember 1935 hatte das Politbüro entschieden, die Westgrenze zu schließen. Schon bald folgte die Weisung, den Zustrom der Emigranten insgesamt einzudämmen. Das Misstrauen gegenüber Migrant_innen nahm zu.

KPD-Mitgliedern wurde nun sogar vorgeworfen, vor dem NS-Regime geflohen zu sein. Plötzlich galt die Flucht nicht mehr als mutige Tat, sondern als „Feigheit vor dem Feind“ und wurde mit Parteiausschluss bestraft. Im schlechtesten Fall äußerten die Behörden den Verdacht, die nationalsozialistische Polizei habe die Flucht nur inszeniert, um die entsprechende Person als Agenten ins Land schleusen zu können.

Einher gingen die Beschuldigungen mit zunehmenden Repressionen. Die Verfolgungsbehörden suchten zunächst ehemalige Oppositionelle aus den 1920er Jahren, um sie aus dem Verkehr zu ziehen. Schon bald jedoch kannte der Terror keine Fraktionsgrenzen mehr. Kaum ein KPD-Mitglied war mehr sicher. „Es gibt fast keine deutsche Familie, die nicht irgendwie von Verhaftungen betroffen ist. Sei es der Mann, Vater, Bruder, Sohn, die Mutter, Frau, Schwester oder vielleicht ein sehr guter Freund oder Kollege“, berichtete Ella Henrion im Oktober 1938 von der Angst, die unter den KPD-Mitgliedern in Moskau um sich griff (Schlögel 2011: 501). Sie selbst war mit einem linientreuen Parteifunktionär verheiratet, der ebenfalls verhaftet wurde. „Man kann sagen, daß über 70 % der Mitglieder der KPD verhaftet sind“, hieß es derweil in einem Bericht eines KPD-Funktionärs vom April 1938. Wenn es so weitergehe, „so bleibt in drei Monaten kein einziges deutsches Parteimitglied mehr übrig“ (Weber 2014: 122). 

Allumfassender Terror

Mittlerweile ist bekannt, dass auch Familienangehörige der Opfer Verfolgungen ausgesetzt waren. Für Frauen wurden Speziallager eingerichtet und die Kinder der vermeintlichen „Volksfeinde“ als sozial gefährliche Elemente eingestuft. Sie kamen in Heime, wurden mitunter zur Adoption freigegeben und oftmals absichtlich von ihren Geschwistern getrennt.

Besonders perfide war die Praxis, „verdächtige“ deutsche Kommunistinnen und Kommunisten an ihr Heimatland auszuliefern, aus dem sie zuvor unter Lebensgefahr geflohen waren. Dort erwartete sie in den meisten Fällen Zuchthaus oder Konzentrationslager. Vor allem nach Abschluss des Hitler-Stalin-Pakts von 1939 nahm diese Praxis zu.

Bis heute lässt sich die Gesamtzahl der deutschen Kommunistinnen und Kommunisten, die in der Sowjetunion verfolgt wurden, nur schätzen. Die Arbeitsgruppe „Deutsche Antifaschisten im sowjetischen Exil“ bei der Berliner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten hat bisher die Namen von 8.011 Deutschen ermitteln können, die sich zwischen 1936 und 1945 in der Sowjetunion aufgehalten haben. Von ihnen wurden 1.019 erschossen.

Sehr genau rekonstruieren lassen sich dagegen die Zahlen zum Führungskorps der KPD. Von 1675 Spitzenfunktionären der Partei kam fast jeder Dritte gewaltsam ums Leben: 256 waren Opfer des NS-Terrors, doch 208 wurden in der Sowjetunion ermordet. Von den 59 Mitgliedern, die zwischen 1919 und 1939 dem Politbüro der KPD angehörten, starben sieben während des „Großen Terrors“ in der Sowjetunion: Hugo Eberlein, Leopold Flieg, Heinz Neumann, Hermann Remmele, Hermann Schubert, Fritz Schulte und Heinrich Süßkind. Ein Achtes, Arkadi Maslow, wurde mit großer Wahrscheinlichkeit von stalinistischen Agenten ermordet. Das bedeutet, dass unter den Mitgliedern dieses höchsten Parteigremiums mehr Opfer Stalins als Opfer Hitlers zu beklagen sind (Weber/Herbst 2008: 10 u. 39).

Fazit

Die besondere Tragik der deutschen Opfer liegt darin, dass sie ausgerechnet von ihren „eigenen“ Leuten verhaftet, gefoltert und ermordet wurden. „Alles, was den verhafteten Genossen angetan wurde, geschah im Namen der Sache, für die sie glaubten gekämpft zu haben. Und es wurde ihnen angetan von Leuten, denen gegenüber sie niemals Illoyalität oder Widerstand an den Tag gelegt hatten“ (Schlögel 2011: 505). Dies war, darauf haben Hermann Weber und Andreas Herbst hingewiesen, für die verhafteten Kommunist_innen schwerer zu ertragen als die Brutalität in den nationalsozialistischen KZs: „Von ihrem Feind hatten sie nichts anderes zu erwarten. Aber in der Sowjetunion unschuldig (…) verfolgt zu werden, dies war unfaßbar“ (Weber/Herbst 2008: 21).

Auch nach Stalins Tod blieb der „Große Terror“ weitgehend ein Tabu. Diejenigen deutschen Kommunistinnen und Kommunisten, die überlebten und in den 1950er Jahren in die DDR gingen, mussten über ihre Schreckenszeit schweigen. Die historische Aufarbeitung hat erst in den 1990er Jahren begonnen. 

Literatur

Inge Münz-Koenen: Zerrissene Lebenslinien. Familienschicksale in den Jahren des Exils, in: Wladislaw Hedeler, Inge Münz-Koenen (Hg.): „Ich kam als Gast in euer Land gereist…“. Deutsche Hitlergegner als Opfer des Stalinterrors. Familienschicksale 1933–1956, Berlin 2013, S. 7–13. 

Karl Schlögel: Terror und Traum. Moskau 1937, 2. Aufl., Frankfurt am Main 2011. 

Hermann Weber: „Weiße Flecken“ in der Geschichte. Die KPD-Opfer der Stalinschen Säuberungen und ihre Rehabilitierung, Frankfurt am Main 1989. 

Hermann Weber: Zum Verhältnis von Komintern, Sowjetstaat und KPD. Eine historische Einführung, in: Ders. u. a.: Deutschland, Russland, Komintern, Bd. 1: Überblicke, Analysen, Diskussionen. Neue Perspektiven auf die Geschichte der KPD und die Deutsch-Russischen Beziehungen (1918–1943), Berlin/Boston 2014, S. 9–139.

Hermann Weber/Andreas Herbst: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, 2., überarbeitete und stark erweiterte Auflage, Berlin 2008.

 


[1] Margarete Schütte-Lihotzky an Adele Hanakam, 31.1.1935, Archiv der Universität für Angewandte Kunst, Wien, Nachlass Schütte-Lihotzky, Korrespondenz von MSL (1930er-Jahre), Briefe 1935 Moskau. 

 

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