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Erinnern woran? Postsowjetische Erinnerungskultur in der Ukraine

Juliane Niklas ist Slawistin und arbeitet als Referentin für Internationale Jugendarbeit und Schüleraustausch in Mittel- und Osteuropa und Israel beim Bayerischen Jugendring.

Von Juliane Niklas

Die Ukraine ist gespalten – das haben zuletzt die Anti-Regierungs-Proteste auf dem Maidan gezeigt, davor aber bereits die „Ukraine ohne Kučma“-Bewegung und die Orangene Revolution. Geografisch-ideologisch verläuft diese Spaltung zwischen Ost und West, die beiden Pole werden entsprechend vereinfachend als pro-russisch und pro-ukrainisch (oder pro-europäisch beziehungsweise pro-westlich) beschrieben, wobei hiermit unter anderem Unterschiede in der Religionszugehörigkeit (katholisch versus orthodox), die hauptsächlich verwendete Sprache (Ukrainisch versus Russisch), unterschiedliche Einkommensverhältnisse (mit Ausnahme von Kiew ist das Einkommen im Osten höher als in der West- und Zentralukraine) und unterschiedliche Parteivorlieben zusammengefasst sind. Am deutlichsten zeigt sich die Spaltung aber in der Erinnerungskultur: Die Präferenz, ob an die Rote Armee und den Sieg über Nazi-Deutschland gedacht wird oder ob die Sowjetisierung mit ihren fatalen Folgen im Mittelpunkt der Erinnerung steht, unterscheidet sich zwischen Ost und West.

Die Westukraine hatte zur k.u.k. Monarchie und bis 1939 zu Polen gehört, sie gehörte also nicht zur sowjetischen Einflusssphäre. Im Westen war die Organisation Ukrainischer Nationalisten aktiv, dort kollaborierte man ab 1941 mit Nazideutschland in der Hoffnung auf Befreiung vom „bolschewistischen Terror“. Die Erzählung vom „Großen Vaterländischen Krieg“, der eigentliche Gründungsmythos der Sowjetunion, in dem sich Ukrainer_innen, Russ_innen, Jüdinnen und Juden als Mitglieder einer Gemeinschaft von Siegern fühlen konnten, gilt weniger in der Westukraine, wo der Holodomor ab 1991 ein Gründungsmythos der Ukraine wurde. Dort wurde die Nation demzufolge als Vereinigung von Opfern, nicht von Siegern gesehen. Die Erinnerungen an die Holodomor genannte Hungersnot der Jahre 1932/33 überlagert das Gedenken an die Opfer des Zweiten Weltkriegs. Die semantische Ähnlichkeit zwischen Holocaust und Holodomor (Holod-omor, Hungerssterben) ist zwar zufällig, die Verwendung des Wortes sicher nicht.

Gleichzeitig hat die Ukraine neue Opfer zu betrauern: die gefallenen ukrainischen Soldatenin der Ostukraine.

Staatlicherseits befindet sich die Ukraine gerade auch erinnerungskulturell in der Phase einer Abkehr von Russland / der Sowjetunion. Das betrifft Gesetze wie das Lustrationsgesetz und die Dekommunisierung ebenso, wie in Stein zu meißeln, was bislang nur Usus war: 2014 wurde das einstige „Nationalmuseum der Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges der Jahre 1941-1945“ in Kiew umbenannt in „Nationalmuseum der Geschichte der Ukraine im Zweiten Weltkrieg“. Damit ging auch eine durchaus umstrittene Verschiebung des Erinnerungszeitraumes von 1941-1945 auf 1939-1945 einher. Dies bedeutet vor allem die Einbeziehung des Molotov-Ribbentrops-Paktes inklusive des geheimen Zusatzprotokolls, womit erinnerungskulturell der Ukraine eine doppelte Opferrolle zuteilwurde. Solange die Ukraine zur UdSSR gehörte, fungierte der „Große Vaterländische Krieg“ mit seinen exemplarischen Helden- sowie Opfertaten als Ausgangspunkt für die Schaffung patriotischer Symbole und kollektiver Gedenkmuster. Auch in anderen Ländern Osteuropas herrscht eine homogene Darstellung des Krieges vor, während nach den politischen Umbrüchen von 1990 zugleich eine Nationalisierung des Geschichtsbildes zu beobachten ist. In der Regel äußert sich dies in der Entglorifizierung des sowjetischen Sieges und dem Verweis auf nationale Unabhängigkeitsbewegungen, in der Ukraine zusätzlich in einer (vermeintlichen) Europäisierung der Erinnerung. 

Lustration und Dekommunisierung

Präsident Petro Poroschenko erfüllte als eine zentrale Forderung der Demonstrierenden auf dem Maidan die Lustration, also die Entfernung von „politisch belasteten“ Mitarbeiter_innen aus dem öffentlichen Dienst. Ein entsprechendes Gesetz unterzeichnete er noch 2014. Das Gesetz betrifft Beamte, die in der Regierungszeit unter Präsident Viktor Janukovič hohe Ämter innehatten, ebenso ehemalige Kommunist_innen – also alles, was russisch oder gar noch sowjetisch anmutet.   Das „Gesetz über die Verurteilung der kommunistischen und nationalsozialistischen totalitären Regime in der Ukraine und das Verbot der Propagierung ihrer Symbole, No. 317-VІІІ“ vom 9.  April 2015 leitete dann die staatliche Dekommunisierung ein. Kommunistische Denkmäler (außer Denkmäler mit Bezug auf den Zweiten Weltkrieg) mussten entfernt, Plätze, Straßen und Orte mit kommunistischen Namen umbenannt werden. 

Hinzu kommt, dass es auf den gleichen Tag datierende neue rechtliche Grundlagen des Erinnerns gibt, die beispielsweise in Bezug auf die Einschätzung der OUN-UPA keine Kontroversen zulassen, das „Gesetz über die rechtliche Stellung und die ehrende Erinnerung an die Kämpfer für die Unabhängigkeit der Ukraine im zwanzigsten Jahrhundert, No. 314-VІІІ“, ebenfalls vom 9. April 2015.

Die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN-b) unter Stepan Bandera war eine faschistische Terrororganisation, die einen ukrainischen faschistischen Staat nach Vorbild Mussolini-Italiens gründen wollte. Die Selbstbezeichnung war „Natiokraten“, aber „im Prinzip nannten sich die ukrainischen Nationalisten nur deshalb nicht Faschisten, weil sie die ‚Originalität‘ des ukrainischen Nationalismus betonen wollten“ (Bruder S. 35). Die OUN bzw. deren 1943 gegründeter Arm Ukrainische Aufständische Armee (Ukrajins‘ka Povstans‘ka Armija, UPA) waren seit Einmarsch der Wehrmacht in die Sowjetunion bis 1944 an der Ermordung zehntausender Juden, Polen und Russen beteiligt. Im Juni 1941 proklamierte Bandera nach dem Einmarsch der Wehrmacht die ukrainische Unabhängigkeit. Wegen dieser Unabhängigkeitserklärung deportierten die Deutschen Bandera ins KZ Sachsenhausen, entließen ihn aber 1944 wieder. Seine Zeit als Ehrenhäftling in Sachsenhausen scheint ihn wie die gesamte OUN-UPA vom Vorwurf des Faschismus freizusprechen. Genau auf diese „Kämpfer der Unabhängigkeit der Ukraine“ bezieht sich das Gesetz.

Holodomor

Dürre, Missernten und stalinistische Kollektivierung mit Zwangsabgaben von Getreide führten in der UdSSR gerade in den Jahren 1932/33 zu Hungersnöten. Die Ukraine war dabei in besonderem Maße betroffen, da die Regierung die ukrainischen Grenzen für die Ausreise geschlossen hatte. Die genaue Zahl der Opfer ist bis heute unbekannt, Schätzungen gehen bis zu sieben Mio., wobei hier der Geburtenverlust einberechnet sein dürfte. Eine realistische Zahl dürfte die von 2,5 bis 3,5 Mio. Opfern sein, immer noch eine außerordentlich hohe Zahl. Im sowjetischen Sprachgebrauch handelte es sich bei der Kollektivierung unter anderem um eine Maßnahme zur „Liquidierung der Kulaken“. Die genauen Umstände und Deutungen sind bis heute Gegenstand von Debatten: War die Hungerkatastrophe Absicht oder Konsequenz der skrupellosen Politik? Wenn die Kollektivierung gegen eine Klasse oder soziale Schicht gerichtet war, war es die Hungerpolitik dann ebenfalls? Dann könnte die Hungerkatastrophe als Soziozid per Definition der UNO kein Genozid sein, auch wenn das ukrainische Parlament (aber auch einige andere Länder) den Holodomor als Genozid ansehen. Die Frage, ob der Holodomor ein Genozid war, ist ein zentraler Punkt im inoffiziellen russisch-ukrainischen Historikerstreit.

Im öffentlichen Raum überlagert das Holodomor-Gedenken andere Gedenkkomplexe. Seit 2008 befindet sich das Nationalmuseum für die Erinnerung an die Opfer des Holodomor in Kiew im Park des Ewigen Ruhmes, einem Park in sowjetischem Stil mit Ehrenobelisk und Ewiger Flamme für den Unbekannten Soldaten.

In Bezug auf den Lyčakivs’kyj Friedhof in L’viv lässt sich gar von einem Gedenksammelsurium sprechen. Auf dem zentralen Platz des Waldfriedhofes stehen meterhohe weiße Kreuze, die, durch Jahreszahlen kenntlich gemacht, an die Opfer des Holodomor erinnern, neben einem Gedenkstein für die ukrainische Armee (inklusive der 14. Waffen-Grenadier-Division, also der SS-Division Galizien), daneben Gräber von nach dem Krieg verstorbenen Mitgliedern der OUN-UPA. Aber auch frisch angelegte und reich mit Plastikblumen geschmückte Gräber sind zu sehen – hier sind diejenigen bestattet, die im Osten des Landes gefallen sind, in einem Krieg, der kein Krieg ist, sondern eine „Anti-Terror-Operation“.

Symbolischer Erinnerungskrieg

Die Maidan-Revolution war unter anderem Ausdruck einer nationalen antirussischen Identität – der ukrainische Dreizack, Blumenkränze im Haar, reich bestickte Blusen und Hemden waren Symbole, die auch die Fernsehaufnahmen prägten. Dass sich Teile des Maidan positiv auf den je nach Sichtweise Freiheitskämpfer oder NS-Kollaborateur zu bezeichnenden Bandera beriefen, dass der OUN-Schlachtruf „Ruhm der Ukraine – den Helden Ruhm!“ und die Beteiligung von organisierten Neonazis auf dem Maidan gängig waren, war Wasser auf die Mühlen Russlands, dessen Propaganda auf dem Maidan eine neue faschistische Junta sah oder eine direkte Parallele ziehen konnte zur historischen, mit Nazis kollaborierenden OUN. Auch die schwarz-rote Fahne der OUN war gehäuft auf dem Maidan zu sehen, neben den blau-gelben Fahnen der Ukraine und dem europäischen Sternenbanner. Doch auch ein anti-ukrainisches Symbol war schnell gefunden: Diese Funktion erfüllte das orange-schwarze St.-Georgs-Band, einst sowjetisches Symbol für den Sieg über den Faschismus, nun pro-russisches Symbol für den Kampf gegen ein vermeintlich faschistisch regiertes Land. Dass der Maidan komplett faschistisch gewesen sein soll, ist selbstverständlich nicht haltbar. Der Vorwurf an den Maidan, sich zu keinem Zeitpunkt von den Nazis zu distanziert zu haben, hat dennoch Bestand.

Was tun?

Die Frage, wie unterschiedliche Narrative berücksichtigt werden und unterschiedliche Erinnerungskulturen nebeneinanderstehen können, ist nicht leicht zu beantworten. Dass Geschichtserzählungen Konstruktionen sind und als solche dargestellt werden müssen, dass Berichte über die Vergangenheit auf Interpretation und (Um-)Deutung beruhen, mag in einer westlichen Geschichtsdidaktik Usus sein.

In der Ukraine dagegen scheinen Kontroversität und Multiperspektivität keine pädagogischen Ziele zu sein. Dies legt zumindest ein Blick in die Broschüre „Gedenkkomplex Nationalmuseum der Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges der Jahre 1941-1945“ von 2004 (eine aktuellere Ausgabe war im November 2016 nicht in der Museumsbuchhandlung erhältlich) nahe. Das Museum solle „die geschichtliche Wahrheit über Opfer und Heldentaten des Volkes im Kampf gegen den Nazismus offenbaren“ und „die patriotische Erziehung der Bürger […] fördern“.

Literatur

Bruder, Franziska (2007): „Den ukrainischen Staat erkämpfen oder sterben!“. Die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) 1929-1948. Berlin.  

 

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