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Angebote der Jugendbegegnungs- und Bildungsstätte Lommel (Belgien)

Myriam Koonings ist Leiterin der Jugendbegegnungs- und Bildungsstätte Lommel.

Von Myriam Koonings

Völkerrechtlich betrachtet sind Kriegsgräberstätten als Mahnstätten für den Frieden anerkannt. Gräber von Kriegstoten sind dauerhaft zu erhalten. In mehrfacher Hinsicht sind sie auch aus pädagogischer Sicht interessant. Durch die Vielzahl und die Vielfalt der auf ihnen bestatteten Kriegstoten bieten Kriegsgräberstätten einen multiperspektivischen Zugang zur Geschichte der Weltkriege. Zudem handelt es sich um authentische Orte, an denen die Dimensionen der Weltkriege quasi „erlebbar“ werden. Nicht zuletzt ermöglicht ihre Lage im Ausland einen Blick auf das Kriegsgeschehen jenseits der deutschen Grenzen. Ausgehend von Kriegsgräbern leistet der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. seit Jahrzehnten einen Beitrag zur historisch-politischen Bildungsarbeit. An vier großen Kriegsgräberstätten im In- und Ausland betreibt er eigene Jugendbegegnungs- und Bildungsstätten (JBS). Hier finden regelmäßig sowohl internationale Jugendbegegnungen als auch schulische Projekte statt. Mit Hilfe von Informationstafeln, Ausstellungen, Einzelbiografien von Kriegstoten und mit vielfältigen medialen und künstlerisch-kreativen Ansätzen bringt der Volksbund Kriegsgräberstätten Orte historischen Lernens gewissermaßen zum „Sprechen“. Ein Beispiel hierfür ist die Jugendbegegnungs- und Bildungsstätte „Huis over Grenzen" im belgischen Lommel (www.volksbund.de/jbs).

Die Jugendbegegnungs- und Bildungsstätte „Huis over Grenzen“ und die Kriegsgräberstätte

Das „Huis over Grenzen“ (zu Deutsch: „Haus über Grenzen“) befindet sich im Osten Flanderns, nur 70 Kilometer entfernt von der belgisch-deutschen Grenze. Das Haus ist nicht nur eine Gruppenunterkunft, die den Gästen 67 Betten, eine Küche mit Speisesaal, sowie einen Tagungs-und einen Freizeitraum bietet, sondern auch ein pädagogisches Zentrum. Seit 1993 betreut hier ein internationales Team von pädagogischen Mitarbeiter_innen in- und ausländische Jugend- und Schulgruppen während ihres Aufenthaltes und unterstützt diese im Vorfeld bei der Planung eines individuellen Programmes.

Direkt nebenan befindet sich eine der größten deutschen Kriegsgräberstätten des Zweiten Weltkrieges in Westeuropa. Auf einer Fläche von 16 Hektar haben 39.108 Kriegstote (darunter auch 483 aus dem Ersten Weltkrieg) ihre letzte Ruhestätte gefunden. Zwei Kriegstote „teilen“ sich hier jeweils ein steinernes Grabkreuz. Der Anmutung, die fast 20.000 Kreuze hervorrufen, kann sich kaum ein Besucher entziehen.

Dennoch soll hier nicht „überwältigt“ werden. Die nähere Betrachtung dieses Ortes fordert auch die kognitive Ebene. So lassen die Todesdaten Rückschlüsse über den Verlauf des Zweiten Weltkrieges in Belgien zu.

Es gibt ein spezielles Bildungspaket-Angebot von drei oder fünf Tagen, innerhalb dessen sich eine Schulklasse oder Projektgruppe intensiv mit dem Thema Menschenrechte befassen kann. Das Programmangebot wird adaptiert nach den Wünschen und dem Lernniveau der Gastgruppen. Als pädagogische Angebote zum Thema Menschenrechte können in der JBS Lommel genutzt werden:

Biographien Workshop

In diesem Workshop wird mit ausgewählten Biographien Kriegstoter gearbeitet, die auf dem Weltkriegsfriedhof Lommel bestattet sind. Dabei werden Gegenwartsbezüge aufgegriffen und an die heutige Lebenswelt angeknüpft. Motive des einzelnen Soldaten im Krieg werden erörtert und diskutiert. Was macht Menschen kriegsbereit? Wie verhalten sich Menschen im Krieg? Wie organisiert man die Nachkriegszeit so, dass neue Kriege verhindert werden? Welche Bilder und Meinungen werden in den Familien und im Bildungssystem tradiert? Die heutige Verletzung der Menschenrechte und der Kinderrechte werden analysiert. Ziel ist u.a. Methoden der Propaganda und Indoktrination zu beschreiben und für die Gefahren extremistischer Weltanschauungen zu sensibilisieren. 

Zeitzeugengespräche

Während eines Gesprächs mit Augen- und Zeitzeug_innen werden deren Erfahrungen in Bezug auf einen Konflikt aus der Vergangenheit oder aktuelle Ereignisse in den Mittelpunkt gerückt. Ein Zeitzeuge erzählt über die Deportation seiner Eltern nach Auschwitz. Andere Zeitzeug_innen schildern ihre eigenen Fluchtgründe und Fluchterfahrungen. Ein Beispiel ist Shurla. Sie erzählt von ihrem Leben in Afghanistan und Pakistan. Ihre Erfahrungen werden diskutiert, wobei zum Beispiel klar wird, dass sie gerne nach Afghanistan zurückkehren will. Leider ist es noch nicht sicher für sie, zurückzukehren, aber sie hat Hoffnung, dass dies in Zukunft möglich sein wird. Diese Gespräche mit den Zeitzeug_innen belegen Verletzungen der grundlegenden Menschenrechte. Junge Menschen debattieren die aktuelle Situation der Menschenrechte und überlegen, wie man sich aktiv für die Wahrung der Menschenrechte einsetzen kann.

Unterrichtsmaterialien in Vorbereitung für einen Besuch in Lommel

Die JBS Lommel bietet Unterrichtsmaterialien bzgl. der Diktatur in Nordkorea sowie dem Film „Die Welle“ an[1]. Beide Programme konzentrieren sich auf Gruppendynamik. Es werden Themen wie Propaganda, Manipulation und Gruppendruck diskutiert. Vertiefend werden die Ursachen von Menschenrechtsverletzungen erörtert sowie die Entstehung von autoritären Gesellschaften und Kriegsursachen analysiert.

Als Vorbereitung auf eine Klassenfahrt, Projektwoche oder internationale Jugendbegegnung entwickelte das „Haus über Grenzen“ eine ergänzende Arbeitsmappe zum Besuch der deutschen Kriegsgräberstätte in Lommel. Die Mappe behandelt die Themen Diktatur und Menschenrechte. Sie wurde speziell für Lehrer_innen und Schüler_innen der Sekundarstufen 1 und 2 entwickelt. Nicht nur als Geschichtslehrer_in, sondern auch als Ethik- oder Religionslehrer_in kann man diese Mappe nutzen. 

Collage Workshop "Vergangenheit in der Gegenwart"

Arbeiten mit Collagen sind vielseitig, ermöglichen raschen Zugang und sind außerdem eine schöne Beschäftigung. Bei der Anfertigung einer Collage können Teilnehmer_innen ihrer Kreativität freien Lauf lassen! Außerdem arbeiten Sie als Lehrer_in dabei mit Ihren Schüler_innen aktiv im Rahmen der Erinnerungspädagogik zusammen.

Bei diesem Workshop arbeiten Schüler_innen rund um Bewusstwerdung und Selbstreflexion im Hinblick auf eigene Identität und Lebensumfeld. Dabei kommen Themen wie Krieg, Terrorismus, Flüchtlinge, Frieden und Friedfertigkeit zur Sprache. Und zweitens wird das Lebensumfeld der Schüler_innen vor dem Hintergrund von Ereignissen aus der (aktuellen) Vergangenheit gespiegelt. Schüler_innen verarbeiten ihre eigenen Erlebnisse im Zusammenhang mit bestimmten Themen zu einem kreativen Produkt.

Anhand von Reflexion stellen Schüler_innen Form, Farbe und Inhalt in einen anderen Kontext. Das ist genau das, was bei Collagen geschieht! Anhand verschiedener Collagetechniken werden die Schüler_innen ermutigt, außerhalb der üblichen Farbe zu denken und zu arbeiten. Schritt für Schritt entsteht bei diesem multidisziplinären Workshop ein eigenes Kunstwerk, ein Moodboard der eigenen kritischen Sichtweise auf Gegenwart und Vergangenheit.

Workshop „Kreativ schreiben mit Loesje“

Die internationale Jugendbegegnungsstätte Lommel bietet zusammen mit der Organisation „Loesje“ einen Workshop rund um das Thema „Zensur und Meinungsfreiheit“ an.

Exkursionen

Besuche benachbarter Gedenkstätten und Museen, wie der KZ-Gedenkstätte Breendonk bei Antwerpen oder der Kazerne Dossin, einem ehemaligen SS-Sammellager in Mechelen, tragen dazu bei, die deutsche Kriegsgräberstätte Lommel in den Kontext der Auswirkungen des NS und des Zweiten Weltkrieges auf unser Nachbarland Belgien zu stellen. Ein Besuch des „Parlamentariums“, des Erlebnismuseums des EU-Parlamentes in Brüssel, eröffnet schließlich den Blick auf die europäische Gegenwart und in die Zukunft.


 [1] http://www.jbs-lommel.de/fileadmin/redaktion/JBS_Lommel/333_Angebot/Downloads/Projektmappe_Die_Welle_deutsch_final.pdf 

 

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