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NS-Geschichte in brandenburgischen Museen

Der brandenburgische Museumsverband forscht nach den Ursachen eines Defizits

Dr. Susanne Köstering hat in Kassel und Berlin Sozialpädagogik und Geschichte studiert und in zahlreichen Forschungs- und Ausstellungsprojekten gearbeitet. Seit 2002 ist sie Geschäftsführerin des brandenburgischen Museumsverbandes. 

Von Susanne Köstering

Im Land Brandenburg gibt es fast 400 Museen: Stadt- und Regionalmuseen, Technik- und Industriemuseen, Museen für Kunst, Kultur und Literatur, Schlösser, Burgen, Museen für Zeitgeschichte und Gedenkstätten. Die Entwicklung der brandenburgischen Museen gibt im Großen und Ganzen Anlass zur Freude: In den letzten 25 Jahren haben fast alle Museen ihre Dauerausstellungen erneuert. Sie präsentieren sich in neuem Glanz. Die Museen entdecken neue Themen und finden neue Formen, die jeweilige Lokalgeschichte zu erforschen und zu zeigen. Insbesondere die Zeitgeschichte der DDR bekommt mehr Raum als vorher.

Im Vergleich mit der Darstellung der Geschichte der DDR kommt jedoch die des Nationalsozialismus häufig zu kurz. Die entsprechenden Ausstellungsbereiche sind oftmals klein oder fehlen sogar ganz. Manchmal fällt es gar nicht auf, dass die NS-Geschichte fehlt, zum Beispiel, wenn eine Ausstellung nicht nach Zeitabschnitten, sondern nach Themen gegliedert ist. Die Darstellungen selbst erscheinen vielfach formelhaft, geradezu schematisch.

Ursachenforschung 

Der Museumsverband will sich mit dieser Lücke nicht abfinden, sondern fragt nach den Ursachen dafür. 

Reichten in der Vorbereitungsphase der neuen Dauerausstellungen die Zeit und das Geld nicht, um die NS-Zeit zu erforschen und Quellen und Objekte zu finden? Lag es auch daran, dass die Generation, die diese Zeit noch erlebt hat, inzwischen zu alt ist, um Auskunft zu geben? 

Lag es daran, dass die Träger der meist kommunalen Museen und deren Vertreter_innen in Politik und Verwaltung befürchten, dass eine ausführliche Darstellung der NS-Zeit im städtischen Museum dem positiven, touristisch nutzbaren Image der Stadt schaden würde? 

Zögerten Museumsleiter_innen manchmal, sich im eigenen Haus mit der NS-Diktatur zu beschäftigen, weil dies ihrer Meinung nach in den Gedenkstätten besser aufgehoben sei? 

Nachwirkungen des verordneten Antifaschismus? 

Schließlich stellten wir uns die Frage: Hat das Defizit in der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus auch etwas mit einem nachwirkenden 'verordneten Antifaschismus' der DDR zu tun? Stehen Museumsleiter_innen vielleicht vor der Schwierigkeit, eine eigene, neue Haltung zu der Zeit des Nationalsozialismus zu finden? Könnte es sein, dass sie Berührungsängste haben, weil man sich in der DDR zwar mit den Helden des antifaschistischen Widerstands, aber nicht mit den überzeugten Nazis und Mitläufern beschäftigen durfte oder sollte? Hatte man die Befürchtung, missverstanden zu werden, wenn man beispielsweise Objekte mit Nazi-Symbolen im Museum zeigte? Hatte man überhaupt aussagekräftige Dinge im Depot? Hatte man in den letzten Jahren und Jahrzehnten gezielt gesammelt?

Der Museumsverband entschied sich, diese Fragen systematisch anhand von ausgewählten Fallbeispielen zu untersuchen. Gegenwärtige und DDR-zeitliche Ausstellungsbereiche, die die Zeit des Nationalsozialismus am betreffenden Ort zeigen, sollten auf ihre Kernaussagen hin analysiert und verglichen werden. Das war bisher in dieser Form noch nie gemacht worden.

Erste Schritte 

Als erstes haben wir versucht, eine Übersicht darüber zu gewinnen, in wie vielen ostdeutschen Stadtmuseen die NS-Geschichte heute in Dauerausstellungen behandelt wird und in wie vielen dies vor 1989 der Fall war. Wir befragten Museen in Brandenburg, in Sachsen-Anhalt, Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und in Thüringen. 266 von 2.250 ostdeutschen Stadt- und Regionalmuseen haben sich an dieser Umfrage beteiligt. Aus der hohen Quote derjenigen, die nicht geantwortet haben, lässt sich nicht schließen, dass diese Museen keine NS-Geschichte in ihren Dauerausstellungen zeigen würden, aber natürlich entsteht die Vermutung, dass sie geantwortet hätten, wenn sie es täten. Der Eindruck eines Defizits blieb bestehen.

Daraufhin haben wir im Herbst 2013 zu einer Tagung eingeladen, auf der Museumsleiter_innen ihre Erfahrungen austauschen konnten, wie sie die NS-Zeit in verschiedenen Stadtmuseen verhandeln. 

Projektpartner 

Wir entschieden uns, drei ehemalige Bezirksmuseen in Potsdam, Cottbus und Frankfurt (Oder) zu untersuchen und zum Vergleich drei Kreis- bzw. Stadtmuseen: in Brandenburg an der Havel, in Fürstenwalde und in Luckenwalde. Diese sechs Museen waren unsere wichtigsten Projektpartner. Sie hatten oder haben teilweise umfangreichere Ausstellungsbereiche zum Nationalsozialismus, besaßen alte und neue Drehbücher, Fotos, persönliche Erinnerungen, und vor allem: Die Museumsmitarbeiter_innen wollten mitmachen. 

Zwei Forschende, ein Ethnologe und eine Literaturwissenschaftlerin machten sich auf den Weg durch die Museen, studierten Ausstellungskonzeptionen, -themen und Fragestellungen, widmeten sich der Objektauswahl und -kontextualisierung, analysierten Ausstellungstexte und suchten nach Hinweisen auf Besucherreaktionen. Der Ethnologe befragte ehemalige Museumsmitarbeiter_innen, die die DDR-zeitlichen Ausstellungen erarbeitet hatten, nach ihren Zielen und Handlungsspielräumen. Die Literaturwissenschaftlerin fotografierte die Ausstellungen und entlockte ihnen ihre Kernaussagen. Im Frühjahr 2016 waren beide so weit, ihre vorläufigen Ergebnisse vorzustellen. An zwei Auswertungsworkshops nahmen alle Projektbeteiligten teil, also Leiter_innen bzw. Mitarbeiter_innen der untersuchten Museen, Ausstellungskurator_innen und -gestalter_innen. Die teilweise sehr lebhaften Diskussionen ermöglichten spannende Einblicke in die Entstehung der Ausstellungen. Zum Abschluss präsentierten wir die Ergebnisse auf einer öffentlichen Tagung im September 2016 in Potsdam. 

Ergebnisse

Die DDR-zeitlichen Antifa-Ausstellungen, die wir untersuchen konnten, stammten aus den 1970er und 1980er Jahren. Sie ähnelten sich in Hinsicht auf die Kernaussage: Der Faschismus bildet die Extremform des Kapitalismus, aber der Kommunismus besiegt ihn am Ende. Die Haupttexte der Ausstellungen transportierten diese Botschaft. Die Darstellungen der örtlichen Verhältnisse und Geschehnisse unterschieden sich aber sehr stark voneinander. Die Museen in Brandenburg an der Havel, Frankfurt an der Oder und Potsdam hatten sich intensiv mit vielfältigen Aspekten der NS-Geschichte auseinandergesetzt. Sie zeigten nicht nur kommunistische Widerstandskämpfer, sondern auch Sozialdemokraten, Christ_innen oder andere. Euthanasie und Judenverfolgung nahmen breiten Raum ein. Dafür hatten sie viele Objekte gesucht und Zeitzeugen befragt. Das Potsdam Museum stach in Hinsicht auf eine aufwändige Ausstellungsgestaltung deutlich hervor, gefolgt vom Stadtmuseum in Brandenburg an der Havel, das mit deutlich weniger Geld ebenfalls eine anspruchsvolle Ausstellung verwirklichte.

Unter den gegenwärtigen Ausstellungen fallen zwei besonders intensiv bearbeitete Ausstellungen auf: die des Heimatmuseums Luckenwalde und die des Stadtmuseums in Fürstenberg an der Oder. Ihre Museumsleiter_innen und Kurator_innen haben keine Mühen gescheut, Geschichten aus der Zeit 1933 bis 1945 auszugraben.

Die Vermutung, dass sich die Geschichte des Nationalsozialismus nicht mit neuen Geschichten und Objekten zeigen lassen würde, hat sich also als nicht richtig erwiesen.

Sowohl das Heimatmuseum Luckenwalde als auch das Stadtmuseum in Fürstenberg, in geringerem Umfang auch Fürstenwalde, zeigen in ihren Ausstellungen die Geschichten von Zwangsarbeiterlagern und KZ-Außenlagern. Sie delegieren diesen Teil der NS-Geschichte also nicht an Gedenkstätten. Damit bekommen sie Kontakte zu einstigen Häftlingen und deren Familien, verfügen über Dokumente und Objekte. Wir schließen daraus, dass es auch Stadtmuseen möglich ist, solche Aspekte selbst zu zeigen. 

Die These, dass der „verordnete Antifaschismus“ der DDR heute als Hemmnis nachwirkt, sich intensiv mit der Zeit des Nationalsozialismus zu befassen, erwies sich als zu pauschal.

Denn erstens: Die Ausstellungen der 1970er und 80er Jahre erschöpften sich nicht in ideologischen Aussagen. Es gab in den 1980er Jahren Museumsmitarbeiter_innen, die sich dem Druck beugten, die Geschichte der siegreichen antifaschistischen Arbeiterklasse im Museum zu präsentieren, und politisch gewollte Ausstellungen ohne Tiefe produzierten. Aber es gab andere, die sich intensiv auf dieses Thema einließen, die ihre Handlungsfreiheit bis an die Grenzen ausreizten und hochwertige Ausstellungen hinterließen. Entsprechend unterscheiden sich bis heute die in den Museen vorhandenen Objektsammlungen, Dokumente, Zeitzeug_innenbefragungen.

Zweitens: Inzwischen sind längst andere Museumsleiter_innen im Amt. 1989/90 wurden viele Museumsleiter_innen abgesetzt. Nicht immer rückten gute Mitarbeiter_innen, die sich bewarben, nach. Viele wissenschaftliche Mitarbeiter_innen verloren ihre Stellen. Sammlung und Forschung lagen brach. Die Voraussetzungen für neue Ausstellungen waren schwierig. Die Übergangsphase der 1990er Jahre muss erforscht werden, um heute wirkende Nachwirkungen aus der DDR zu fassen.

Drittens: Was in einem Museum gezeigt wird, bestimmen nicht allein die Museumsleiter_innen. Die Öffentlichkeit wirkt daran erheblich mit. Wenn man also die Nachwirkung eines ‚verordneten Antifaschismus‘, zum Beispiel die Nichtbetrachtung der örtlichen Nazis und Mitläufer_innen, in ihrer Wirksamkeit bis heute untersuchen und verändern will, dann muss man sich auch mit dem Umfeld des Museums auseinandersetzen. Dazu gehören dann auch Einstellungen von Kommunalvertretern, die ein geschöntes Bild ihrer Stadt im Museum sehen wollen.

Ausblick

Wir hoffen, dass das Projekt allen Projektbeteiligten nicht nur für das Nachdenken über das eigene Tun, sondern auch für die zukünftige Weiterentwicklung ihrer Dauerausstellungen Anregungen gegeben hat. Möge es darüber hinaus Museen – ob in West- oder Ostdeutschland – motivieren, ihre eigenen Ausstellungen und Vermittlungsangebote immer wieder selbstkritisch zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Denn letztlich bleibt jede Betrachtung ostdeutscher Museen einseitig, solange nicht der Vergleich mit westdeutschen Museen gezogen wird.

Anmerkungen

Der brandenburgische Museumsverband hat die Aufgabe, Museen, deren Träger und Förderer fachlich zu beraten und die Museumsarbeit konzeptionell zu unterstützen. Neben anderen Formen der Qualifizierung wie Weiterbildungsangeboten oder Netzwerken initiiert er gemeinsame Projekte, an denen sich Museen beteiligen. Einen Schwerpunkt bilden Projekte zur Erforschung und Vermittlung der Zeitgeschichte. 

Die Bundesstiftung Aufarbeitung und die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft unterstützten das Projekt des brandenburgischen Museumsverbandes „Entnazifizierte Zone? Darstellung der NS-Geschichte in ostdeutschen Stadtmuseen vor und nach 1989/90“  finanziell, und das  Zentrum für Zeithistorische Forschung steuerte Wissen über die Geschichte der DDR bei. 

Literatur 

Museumsverband Brandenburg (Hg.), „Entnazifizierte Zone? Zum Umgang mit der Zeit des Nationalsozialismus in ostdeutschen Stadt- und Regionalmuseen“, Transcript, Bielefeld 2014. [Tagungspublikation 2013] 

Museumsverband Brandenburg (Hg.), NS-Geschichte im Museum – jenseits und diesseits der Wende, Museumsblätter. Mitteilungen des brandenburgischen Museumsverbandes, Heft 29 (2016). [Tagungspublikation 2016]

 

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