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Täter und Gehilfen – zwischen Freiwilligkeit und Zwang

Dr. Angelika Benz ist Historikerin. Ihre Dissertation ist unter dem Titel „Handlanger der SS. Die Trawniki-Männer im Holocaust“ erschienen.

Von Angelika Benz

Noch im Juli 1941 in einer internen Besprechung formulierte Hitler: „Nie darf erlaubt werden, daß ein Anderer Waffen trägt, als der Deutsche! Dies ist besonders wichtig; selbst wenn es zunächst leichter erscheint, irgendwelche fremden unterworfenen Völker zur Waffenhilfe heranzuziehen, ist es falsch! Es schlägt unbedingt und unweigerlich eines Tages gegen uns aus. Nur der Deutsche darf Waffen tragen, nicht der Slawe, nicht der Tscheche, nicht der Kossak oder der Ukrainer!“ Ebenso klar äußerte er sich, die Kriegsführung gegen die Sowjetunion betreffend. Im März 1941 hielt er vor rund 250 hohen Offizieren eine Rede und schwor sie darin auf seine Kriegsziele ein: „Es handelt sich um einen Vernichtungskampf. […] Wir führen nicht Krieg, um den Feind zu konservieren. […] Das ist keine Frage der Kriegsgerichte. […] Der Kampf wird sich sehr unterscheiden vom Kampf im Westen. Im Osten ist Härte mild für die Zukunft. Die Führer müssen von sich das Opfer verlangen, ihre Bedenken zu überwinden.“  (Halder, KTB II, S. 336 (30.3.1941))

Angesichts dieser Worte, und der Tatsache, dass 2,6 bis 3,3 Millionen der 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen in deutscher Kriegsgefangenschaft umkamen, stellen die Trawniki-Männer, bei denen es sich größtenteils um sowjetische Kriegsgefangene handelt, eine der außergewöhnlichsten Hilfstruppen der Deutschen dar. Im SS-Ausbildungslager Trawniki, etwa 35 km südwestlich von Lublin ausgebildet, wurden sie als verlängerter Arm der SS eingesetzt, um die eroberten Ostgebiete zu verwalten. Sie wurden unter anderem zur Erntearbeit, zu diversen Objektschutzaufgaben und anderen personalintensiven Tätigkeiten herangezogen. Vor allem aber nutzte die SS sie als Handlanger bei den Ghettoräumungen, der Begleitung von Deportationszügen und der Bewachung der drei Vernichtungslager der „Aktion Reinhardt“ Belzec, Sobibor und Treblinka.

Etwa 5.000 Mann durchliefen das System Trawniki. Neben gefangenen Rotarmisten waren auch freiwillige und zwangsrekrutierte Bewohner des Generalgouvernements, insbesondere Ukrainer aus Galizien unter ihnen. Ihre rechtliche Stellung war nicht eindeutig. Zunächst bildeten sie eine Mischung aus Schutzmannschaft – so von Himmlers Persönlichem Stab bezeichnet –, Waffen-SS-Gefolge, Hilfspolizei und mehr oder weniger rechtlosen Hilfstruppen. Bis Ende März 1942 hießen sie offiziell „Wachmannschaften des Beauftragten des Reichsführers SS und Chefs der Deutschen Polizei für die Errichtung der SS- und Polizeistützpunkte im neuen Ostraum“, ab März 1942 „Wachmannschaften des SS- und Polizeiführers Lublin“.

Zusammenarbeit oder Unterdrückung

Die Zusammenarbeit zwischen Trawniki-Männern und deutscher SS war von Misstrauen, Angst und Willkür geprägt. Insgesamt floh über ein Drittel der Trawniki-Männer, ein Teil von ihnen schloss sich den Partisanen ein, andere tauchten unter oder suchten den Weg zurück in die Heimat. Den Akten nach beschwerten sich ihre Vorgesetzten hauptsächlich über Trunkenheit, Schlafen während des Wachdienstes, unerlaubtem Verlassen der Lager und Disziplinlosigkeit. Die Trawniki-Männer unterstanden einer harten Disziplinarordnung und selbst für kleinere Vergehen drohten ihnen schwere Strafen. Für sie galt auch die Prügelstrafe, auch wenn sie, im Gegensatz zu den jüdischen Häftlingen, ihre Hosen dabei anbehalten durften.

Je nach Herkunft, Sprachkenntnissen und Situation konnten die Trawniki-Männer Privilegien wie Urlaub, Zugang zu gemeinsamen Saufgelagen mit ihren Vorgesetzten oder ein Begräbnis in allen Ehren (sowie Hinterbliebenenrente für ihre Familien) erhalten und sich mit Reichsdeutschen „anfreunden“. Gleichberechtigt waren sie dabei jedoch nie. Überlieferungen von jüdischen Häftlingen berichten von grausamen Spielen auf Kosten der Häftlinge, bei denen Trawniki-Männer und SS sie quälten. Es gibt jedoch auch zahlreiche Fälle, in denen die Trawniki-Männer ihrerseits von der SS misshandelt, gequält oder umgebracht wurden. Eine Szene in Treblinka macht dies deutlich: Der Kommandant Christian Wirth versetzte dem Ukrainer, der dem zuständigen SS-Mann half, den Motor, dessen Abgase in die Gaskammer geleitet wurden, zu reparieren, ein Dutzend Peitschenhiebe ins Gesicht, weil er über die Verzögerung verärgert war. In Belzec ließ der Kommandant Gottlieb Hering zwei Trawniki-Männer die sich nicht am Judenmord beteiligen wollten, zunächst in einen Bunker sperren. Dann mussten sie Häftlingskleidung anziehen und wurden erschossen. 

Handlungsoptionen und Motive

Das Motiv der Trawniki-Männer in deutsche Dienste zu treten war, im Falle der Kriegsgefangenen, den dramatischen Verhältnissen in den Kriegsgefangenenlagern zu entgegen. In den katastrophal überbelegten Lagern ohne sanitäre Einrichtungen, ausreichende Verpflegung oder ein Dach über dem Kopf erwartete sie der Tod – sodass eine Kooperation mit den Deutschen eine Chance zu überleben darstellte. Die jungen Rotarmisten waren sich darüber bewusst, dass sie mit ihrer Gefangennahme zu Vaterlandsverrätern geworden waren und ihnen eine Rückkehr in die Heimat verwehrt war. Dies ist für das Selbstverständnis und die Situation der Trawniki-Männer eine nicht unerhebliche Tatsache.

Die Handlungsoptionen der Trawniki-Männer hing von ihrer Stellung, ihrem Einsatzort und weiteren Faktoren wie ihren Sprachkenntnissen ab. In den Vernichtungslagern der Aktion Reinhardt reicht die Bandbreite von brutalem Vorgehen gegen Juden und einer Adaption des deutschen Verhaltens bis hin zu Hilfestellungen für Juden und deren Mitnahme bei der Flucht aus dem Lager.

Festzuhalten bleibt, dass die Deutschen ein System des Misstrauens und der Angst schufen, bei dem die Einbindung der Opfer in ihre eigene Ausbeutung und letztlich Vernichtung zentral war. In diesem perversen System verschwimmen die Grenzen von Opfer und Täter bisweilen, wie die Diskussionen um die Kapos zeigen. 

Nachkriegsgeschichte – Nachkriegsidentitäten 

Bezeichnend ist, dass nichts bekannt ist über Kontakte zwischen ehemaligen Trawniki-Männern nach Kriegsende (von einer kurzen Nachkriegsphase abgesehen) und dass es auch keine Memoiren oder Lebenszeugnisse gibt. Vermutlich aus Scham und aus Nichtzugehörigkeit zur Opfer- bzw. Täterseite fehlen Aufzeichnungen und Einblicke in diese Welt. Ein Vergleich mit den SS-Fallschirmjägern, die sich bis heute treffen und selbstbewusst in die Kamera spucken, wenn sie von Journalisten gefilmt werden, verdeutlicht den Unterschied.

Der Prozess gegen John (Iwan) Demjanjuk hat das öffentliche Interesse, wenn auch nur kurz und nicht besonders tiefgehend, auf diese Gruppe von Gehilfen am Judenmord gelenkt. Auch wenn der Prozess das Gefühl der Unzulänglichkeit der Justiz angesichts der komplexen Probleme des Holocaust hinterlässt, so hat er doch einmal mehr gezeigt, wie schwer der Umgang mit den NS-Verbrechen und wie heikel die Frage nach der Schuld von Individuen wie von Kollektiven bis heute ist. Der Prozess hat aber auch – und das ist juristisch gesehen ein großer Schritt – die Möglichkeit geschaffen, Menschen wegen der Beteiligung an einem Mord zu verurteilen, auch wenn ein individueller Tatnachweis nicht möglich ist. Das bedeutet, dass jemand aufgrund seiner Zugehörigkeit zu einem Kollektiv – in diesem Fall der Wachmannschaft im Vernichtungslager – angeklagt und des Mordes oder der Beihilfe verurteilt werden kann. Dieser wichtige Schritt kommt wahrscheinlich zu spät für weitere Verfahren, doch er zeigt die Bereitschaft der Justiz, sich dem Thema Völkermord von einer anderen Seite zu nähern und dem komplexen und arbeitsteiligen Massenmorden in den Vernichtungslagern damit gerechter zu werden.

Der Fall deckte aber auch auf, welches Identitätsproblem für die (Mit-)Täter nichtdeutscher Nationalität an den Untaten der SS besteht, denn sie haben durch ihre Beteiligung an den deutschen Verbrechen jegliche Identität und jegliche Zugehörigkeit verloren. Das macht die Frage der Schuld noch komplexer. Unter den Trawniki-Männern befanden sich Nutznießer und Mitläufer des deutschen Systems, die Mehrheit jedoch waren tragische Figuren, die, um zu überleben, von Opfern zu Tätern wurden. Sie haben sich schuldig gemacht an furchtbaren Verbrechen, die nicht ihre waren.

 

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