Bildungsträger

Ministerien und die Aufarbeitung von NS-Vergangenheit – ein Werkstattbericht

Von Frederik Schetter

Die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Herrschaft und der ihr folgenden Nachkriegszeit erlebt derzeit in den Bundesministerien einen regelrechten Boom. Den Anfang machte das Auswärtige Amt und berief im Jahr 2005 eine Unabhängige Historikerkommission zur Untersuchung der eigenen NS-Vergangenheit und des Umgangs mit derselben. In den darauf folgenden Jahren gaben zahlreiche weitere Bundesministerien und -behörden ähnliche Studien in Auftrag.

Seit Ende des Jahres 2014 geht auch das Bundesministerium des Innern (BMI) diesen Weg und initiierte ein von den Direktoren des Institutes für Zeitgeschichte (IfZ) und des Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF) geleitetes, unabhängiges Forschungsprojekt. Die Forscher_innen stellten im November 2015 die Vorstudie „Die Nachkriegsgeschichte des Bundesministeriums des Innern (BMI) und des Ministeriums des Innern der DDR (MdI) hinsichtlich möglicher personeller und sachlicher Kontinuitäten zur Zeit des Nationalsozialismus“ vor. Sie bildet die Basis für eine Hauptstudie, deren Veröffentlichung für den Sommer 2018 geplant ist. Darüber hinaus fördert das BMI die Präsentation der Forschungsergebnisse im Rahmen einer virtuellen Ausstellung, welche im Sommer 2017 eröffnet wird.

Virtuelle Ausstellung

Verantwortlich für die virtuelle Ausstellung sind Studierende des achten Masterstudienganges Public History der Freien Universität Berlin. Die konzeptionelle Entwicklung der virtuellen Ausstellung wurde im Rahmen eines Seminars des Lehrstuhls Didaktik der Geschichte des Friedrich-Meinecke Instituts im Sommersemester 2016 von den Seminarteilnehmer_innen gemeinsam durchgeführt und abgeschlossen. Eine Kerngruppe von insgesamt sechs Studierenden ist seit September 2016 für die konkrete Umsetzung der virtuellen Ausstellung verantwortlich. Die folgenden Ausführungen basieren auf meinen Kenntnissen als Teil dieser Gruppe und spiegeln den aktuellen Stand bei der Umsetzung wieder.

Zentraler Aspekt ist dabei die im Vergleich zur der für 2018 geplanten Hauptstudie veränderte Zielgruppe. Für den Besuch der virtuellen Ausstellung setzen wir explizit kein historisches Expertenwissen voraus. Vielmehr richtet sie sich an eine breite, historisch interessierte Öffentlichkeit. Dies sind beispielsweise Studierende, Schüler_innen höherer Jahrgangsstufen oder Pädagog_innen, im Besonderen aber die interessierte Öffentlichkeit jenseits der Schule oder anderer formaler Lernorte. Unser Ziel ist es, Geschichte auf der Basis der wissenschaftlichen Forschungsergebnisse nicht nur verständlich, sondern auch anschaulich zu erzählen. 

„Geschichte mit Geschichten erzählen“ 

Der Nutzung von  Biographien kommt daher eine zentrale Rolle zu. Sie werden eng mit thematischen Schwerpunkten verknüpft und ermöglichen es so, „Geschichte mit Geschichten“ multiperspektivisch und personifizierend zu erzählen. Die Einbindung einer Chronik sowie weiterer Hintergrundinformationen ermöglichen eine Einordnung von zentralen historischen Personen oder Geschehnissen. Multimediale Elemente wie beispielsweise Videointerviews mit den Forscher_innen von IfZ und ZZF ergänzen die Inhalte und ermöglichen einen audiovisuellen Zugang. 

Die virtuelle Ausstellung soll den jeweiligen Besucher_innen möglichst subjektiv erfahrbar gemacht werden und so die Möglichkeit bieten, sich selbst eine eigene Meinung zu komplexen Sachverhalten zu bilden. Ein solcher ist beispielsweise die in der virtuellen Ausstellung immer wiederkehrende Thematisierung des Belastungsbegriffes. Die Besucher_innen der virtuellen Ausstellung sollen dabei unter anderem zur Reflexion angeregt und für die Frage nach der Messbarkeit von nationalsozialistischer Belastung sensibilisiert werden. 

Um sowohl eine ansprechende Visualisierung als auch eine professionelle und qualitativ hochwertige Programmierung der virtuellen Ausstellung zu gewährleisten, arbeiten wir Studierenden mit einer in diesen Bereichen erfahrenen Agentur zusammen. Im Zuge dessen kam und kommt es in regelmäßigen Abständen zu persönlichen Treffen, um Fragen der Visualisierung untereinander abzustimmen und redaktionelle Entscheidungen zu treffen. 

Neben der Zusammenarbeit mit der Agentur ist vor allem der regelmäßige Austausch mit den Forscher_innen des IfZ und des ZZF von zentraler Bedeutung. Denn wir Studierenden erarbeiten in diesem Fall keine neuen Forschungsergebnisse, sondern bereiten die vorhandenen Ergebnisse unserer Zielgruppe entsprechend auf. 

Anknüpfung an Forschungsprozesse

Im Kontext der Auseinandersetzung der Bundesministerien mit der Vergangenheit soll durch die virtuelle Ausstellung eine Lernumgebung geschaffen werden, die einer breiteren Öffentlichkeit einen Einblick in einen aktuellen Forschungsprozess verschafft. Ein Besuch der virtuellen Ausstellung verursacht keine Kosten und ist zudem – sofern ein Internetanschluss vorhanden ist – jederzeit möglich. Im bildungspolitischen Kontext eröffnet die virtuelle Ausstellung die Möglichkeit, der interessierten Öffentlichkeit einen Anknüpfungspunkt oder Einstieg in jene Forschungsprozesse  und –diskussionen zu bieten, die in den meisten Fällen allein in wissenschaftlichen Publikationen zu finden sind.

 

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