Empfehlung Fachbuch

Der lange Schatten der Täter. Nachkommen stellen sich ihrer NS-Familiengeschichte

Die Historikerin Carmen Ludwig leitet den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten bei der Körber-Stiftung und ist freie Mitarbeiterin bei der KZ-Gedenkstätte Neuengamme.

Von Carmen Ludwig

„Die in diesem Buch Porträtierten sind nicht die Kinder und Enkel ranghoher Nationalsozialisten, sondern Menschen wie du und ich. Ihre Angehörigen waren auf unterschiedlichste Weise in das NS-System involviert, meist kleine Rädchen im mörderischen Getriebe“ (S. 10), schreibt die Autorin und Islamwissenschaftlerin Alexandra Senfft im Vorwort ihres neuen Buches „Der lange Schatten der Täter. Nachkommen stellen sich ihrer NS-Familiengeschichte“, das im Frühjahr 2016 bei Piper erschienen ist. Auch wenn seit mehreren Jahren vermehrt über Täterschaften und die Verstrickung einzelner Personen im NS-System gesprochen und geforscht wird, wurde eine biografische Aufarbeitung bislang weniger in den Blick genommen. Senfft unternimmt in ihrem neuen Buch den Versuch, das Schweigen zu brechen und einen offenen Dialog anzuregen. 

Aber von vorne: In „Der lange Schatten der Täter“ porträtiert Senfft Frauen und Männer, die sich mit ihrer Familiengeschichte auseinandergesetzt haben und über Tatbeteiligungen Familienangehöriger im NS-System sprechen. Männer und Frauen, die auf verschiedene Weise sich ihrer Familiengeschichte gestellt haben und sich bis heute mit ihr beschäftigen. Einige von den Protagonisten in Senffts Buch haben sich erst durch das Gespräch mit der Autorin überhaupt ermutigt gefühlt, öffentlich über die Familiengeschichte zu sprechen. Acht persönliche Gespräche und Begegnungen zeichnet Senfft nach und schildert diese ausführlich und einfühlsam. Dem Buch liegen neben den Biografien auch zahlreiche Gespräche mit Psychologen und Historikern zugrunde, deren Erkenntnisse sie zum Teil in die Porträts einflechtet. Jede Biografie, jeder Lebensweg, jeder persönlicher Umgang mit der eigenen NS-Familiengeschichte steht für sich – Senfft hat jeder Geschichte ein eigenes Kapitel gewidmet. 

„Ich kann doch meinen Vater nicht in die Täterecke einreihen!“

Es sind Geschichten, wie die von Paula Albrecht (Jg. 1950), Tochter von Günter Albrecht, Obergefreiter der Wehrmacht. Im Frühjahr 1942 war Albrecht an der Belagerung Leningrads beteiligt, die heute zu den schwersten Verbrechen der Wehrmacht zählt. Paula Albrecht berichtet davon, wie ihr Vater ihren Kindern von seinen Kriegserlebnissen erzählte, eingeleitet mit den Worten: „Jetzt hört mal genau zu!“ – doch die Täter waren in seinen Erzählungen immer die anderen. Paula Albrecht weiß nicht viel über die Vergangenheit ihrer Angehörigen und  gesteht, dass Schweigen, Unsicherheit und Angst eine große Rolle im Umgang mit der eigenen Familiengeschichte spielten und bis heute spielen. „Ich kann doch meinen Vater nicht in die Täterecke einreihen!“ (S. 82), war ihre erste Reaktion auf einen Umschlagentwurf des Buches von Senfft. Paula Albrecht steht mit ihrer Biografie für viele Deutsche Familiengeschichten, in denen Unwissenheit und Scham über die Verflechtungen der eigenen Verwandten in das NS-System vorherrschen – in denen die Täter immer die anderen waren. 

Es sind auch Geschichten wie die von Stefan Ochaba (Jg. 1972), Enkel von Erich Ochaba, Direktor (später Vorstandsmitglied) der Webstuhl- und Webereimaschinen-Fabriks-AG. Die Fabrik im tschechischen Krnov, nach dem Münchener Abkommen 1938 von den Deutschen besetzt und in Jägerndorf umbenannt, gehörte dem jüdischen Ehepaar Eibuschitz. Das Ehepaar sowie etwa 600 weitere Jägerndorfer Juden wurden aus der Stadt vertrieben, 1942 wurden das Ehepaar Eibuschitz in Sobibor ermordet. Erich Ochaba wandelte die Fabrik in einen Rüstungsbetrieb um, in dem Zwangsarbeiter tätig waren. Im Entnazifizierungsverfahren wurde Ochaba 1948 als Mitläufer eingestuft. Er starb früh, sodass sein Enkelkind ihn nicht selbst mit seinen Fragen konfrontieren konnte. Stefan Ochaba ging den Spuren nach, manchmal hatte er das Gefühl „fast besessen etwas aufspüren zu wollen“ (S. 296). Seitdem er sich mit seiner Familiengeschichte auseinandersetzt, ist das Verhältnis zu einigen Verwandten nahezu zerstört. Er selbst, Angehöriger der sogenannten Enkelgeneration, lehnt die Bezeichnung „Kriegsenkel“ vehement ab und nennt sich „Nazi-Enkel“ (S. 290). 

Nachkommen stellen sich ihrer NS-Familiengeschichte, so heißt es im Untertitel des Buches. Eben dies tat auch die Autorin selbst, als sie 2007 das Buch „Schweigen tut weh. Eine deutsche Familiengeschichte“ veröffentlichte. Darin arbeitete sie unermüdlich ihre eigene NS-Familiengeschichte auf. Eine Familiengeschichte, in der ihr Großvater Hanns Ludin, SA-Gesandter in der Slowakei, über Jahrzehnte einen langen Schatten warf. Ludin wurde 1947 als Kriegsverbrecher in Bratislava hingerichtet. Rund zehn Jahre nach „Schweigen tut weh“ nun „Der lange Schatten der Täter“, in dem die Autorin anderen Menschen Mut verleiht, sich der eigenen Geschichte zu stellen und öffentlich darüber zu sprechen. 

Schuld, Scham, Schande

Die Biografien bilden den Hauptteil des Buches. Daneben befasst sich die Autorin auch generell mit Fragen zur Aufarbeitung nationalsozialistischer Täterschaften heute. Insbesondere die justizielle Aufarbeitung von NS-Täterschaft stellt sie in den Fokus, denn auch bei heute stattfindenden Prozessen spielen Fragen nach dem gegenwärtigen Umgang mit Tätern eine zentrale Rolle. Im ersten Kapitel berichtet Senfft von ihrem Beisein an einem Prozesstag von Oskar Gröning im Sommer 2015 in Lüneburg. Schweigen, Lügen oder Leugnen verbindet man wohl mit vielen Prozessen von NS-Tätern – doch Gröning sprach, er äußerte sich vor Gericht zu seinen Taten und bekannte eine moralische Mitschuld. Doch reicht das? Senfft stellt fest, dass die meisten anderen Täter bis heute schweigen und das Schweigen an ihre Nachkommen vererben würden. Auch ihr Großvater Hanns Ludin hätte an der Stelle Grönings vor Gericht sitzen können, stellt sie sich vor. Senfft konnte ihn nicht befragen, sie weiß nicht, ob er sich seinen Taten und seiner Schuld gestellt hätte und die Wahrheit gesprochen hätte. Reflektionen und Verbindungen zu ihrer Familiengeschichte durchziehen das gesamte Buch wie einen roten Faden, die Leser_innen erfahren ein detailliertes Bild von der Autorin, von ihrer eigenen Auseinandersetzung mit der NS-Familiengeschichte und den Folgen für ihr Leben heute. 

Der Verdacht liegt nahe, dass Senfft mit „Der lange Schatten der Täter“, knapp zehn Jahre nach der Veröffentlichung von „Schweigen tut weh“, eine Fortsetzung schreibt. Senfft hat persönlich das Verdrängen und Verschweigen in der eigenen Familie durchlebt und schließlich durchbrochen, sie möchte nun verstehen und beschreibt in ihrem Buch den Versuch einer Verständigung. Verständigung sowohl mit Personen, die an ähnlicher Stelle stehen wie Senfft vor zehn Jahren, aber auch Verständigung mit Nachkommen von Verfolgten im NS. So schließt sich am Ende der Kreis in ihrem Buch, wenn sie im abschließenden Kapitel über eine Reise nach Auschwitz berichtet, die die Autorin mit einer Gruppe Mitgliedern des Arbeitskreises für intergenerationelle Folgen des Holocaust ehem. PAKH e.V. unternommen hat, die für sie „Abschluss und Neubeginn zugleich markieren soll“ (S. 313). Auch an die Taten Oskar Grönings denkt Senfft an diesem Ort zurück, ebenso an den Prozess. Senfft hält fest, dass es wichtig sei, dass der Prozessbeginn gegen Mitverantwortliche und Beteiligte des Holocaust überhaupt stattfand und die Angeklagten endlich mit ihren Taten konfrontiert werden. 

Das letzte Kapitel ist in besonderer Weise ein persönliches Kapitel der Autorin, in dem sie plötzlich wieder selbst in der Situation wie viele ihrer Gesprächspartner steht, als sie in einem Teil des Museums der Gedenkstätte Auschwitz mit ihrem Großvater konfrontiert wurde: „Meine Gefühle sind ambivalent, Befremdung aber dominiert: Mein fremder Großvater; der Vater meiner Mutter, die an diesem Erbe zerbrach und sich schleichend umbrachte; der Mann, über dessen Schuld oder Unschuld die Familie meiner Mutter und ich seit Jahren in Clinch liegen […]. Ich schwanke zwischen Triumph (schaut her, ihr Verwandten, selbst in Auschwitz ist er zu sehen, und ihr beharrt noch immer auf seiner Unschuld!) und Trauer (Warum ist das alles so gekommen, was hat das mit uns allen angerichtet, bis ins dritte Glied! Welche Schuld, Scham und Schande, welche seelischen Schrammen!)“ (S. 332f.). Auch wenn Senfft mit dieser Reise nach Auschwitz einen Abschluss suchte, zeigt sie deutlich, dass die Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte ein unabgeschlossener Prozess ist und bleibt. Ob sie selbst oder ihre Gesprächspartner es am Ende schafften, aus dem Schatten ihrer eigenen Vergangenheit herauszutreten, bleibt offen. 

Zusammenfassung

Alexandra Senfft gelingt es auf sensible Weise, persönliche Gedanken und Erfahrungen der Porträtierten nachzuerzählen und bettet das Gesagte durch klug gewählte Verbindungen und Verweise auf Einschätzungen von Psychologen und Historikern in den aktuellen Forschungsstand zum Thema transgenerationelle Weitergabe ein. „Der lange Schatten der Täter“ ist zugleich ein sehr persönliches Buch, in dem die Autorin auch ihre eigene Biografie reflektiert und in die Erzählungen einbezieht. Insgesamt ein Buch, das sich aktuell in eine (neue) Debatte um den Umgang mit Täter_innen des Nationalsozialismus einfügt – bei der danach gefragt wird, wie wir heute mit Täterschaften im Familienkreis umgehen können und wie öffentlich und juristisch mit Täter_innen umgegangen werden soll. Zugleich ist das Buch ein Plädoyer dafür, dem Schweigen zukünftig keinen Raum zu geben, sondern mit den eigenen Kindern und Enkelkindern zu sprechen und Fragen zu beantworten. 

Literatur

Alexandra Senfft: Der lange Schatten der Täter. Nachkommen stellen sich ihrer NS-Familiengeschichte, Piper Verlag, München/Berlin 2016, 352 Seiten, 22 Euro. 

 

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