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Glaube und Religion im Geschichtsunterricht. Von der Notwendigkeit einer perspektivischen Erweiterung des historischen Lernens

Der Historiker Prof. Dr. Frank-Michael Kuhlemann hat an der Tecnischen Universität Dresden eine Professur für Neuere und Neueste Geschichte und für Didaktik der Geschichte inne.

Von Frank-Michael Kuhlemann

Der Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten nimmt mit der Frage nach „Glaube und Religion“ eine Thematik auf, die im Geschichtsunterricht lange Zeit vernachlässigt worden ist. Blickt man auf Lehrpläne und Schulbücher der letzten Jahrzehnte, so kam Religion darin kaum noch vor. Es entstand und entsteht bis heute der Eindruck, als hätten sich Glaube und Religion nach der Französischen Revolution weitestgehend verflüchtigt. Und es dominiert ein Erzählmuster, das von der Säkularisierungstheorie maßgeblich geprägt ist. Religion erscheint, sofern sie in Form farbtupferartiger, zuweilen geradezu folkloristisch anmutender Einsprengsel in der Geschichtsdarstellung der Moderne überhaupt noch eine Rolle spielt, als ein rückständiges Phänomen, das allenfalls dazu dienen kann, die als zentral eingestuften Strukturprozesse in Politik und Wirtschaft, säkularer Kultur und Sozialem kontrastiv zu beleuchten. Selbst in neuesten Schulbüchern und Lehrplänen, in denen man den Mangel angesichts der Herausforderungen durch den Islam zu spüren scheint, sind ernstzunehmende Bemühungen nicht erkennbar, zentrale religionsgeschichtliche Entwicklungen der Moderne gebührend zu berücksichtigen. 

Die Notwendigkeit, Religion im Geschichtsunterricht aufzugreifen

Deren Notwendigkeit ergibt sich jedoch in mehrfacher Hinsicht: Die Geschichtswissenschaft hat sich in den letzten drei Jahrzehnten im Zuge ihrer kulturwissenschaftlichen Neuausrichtung ausgiebig mit dem Faktor Religion beschäftigt. Im Zuge dieser Neuorientierung ist vor allem die Säkularisierungsthese deutlich ins Wanken geraten. Mit Blick auf das 19. Jahrhundert ist von einem „Zweiten Konfessionellen Zeitalter“ gesprochen worden“ (Olaf Blaschke). Oder Jürgen Osterhammel hat in seinem großen Buch über die „Verwandlung der Welt“ erklärt, dass sehr vieles dafürspreche, die Religion ins Zentrum einer Weltgeschichte des 19. Jahrhunderts zu stellen.

Didaktisch ebenso wichtig, erweist sich, dass Religion in unserer unmittelbaren Gegenwart eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zukommt. Selbst wenn es auf dem Feld der Religionsentwicklung in einer längerfristigen Perspektive einen Sonderweg Europas geben sollte, wie das hier und da betont worden ist, lässt sich im globalen Maßstab eine Renaissance des Religiösen nicht ignorieren. Die eindrücklichsten Belege hierfür sind der wachsende Einfluss eines politischen Islam. Aber auch die Einflussvermehrung christlicher Kirchen und anderer religiöser Bewegungen, sei es in Nord- oder Lateinamerika, in China oder Südkorea sowie in vielen anderen Ländern lässt sich nicht bestreiten.

Bezogen auf Deutschland ist es die Realität der Einwanderergesellschaft mit einer Vielzahl von Menschen aus anderen Kulturen, deren religiöse Identitäten als bildungs- und schulpolitische Herausforderung zu begreifen sind. Kinder und Jugendliche aus religiös gebundenen Einwandererfamilien lernen zusammen mit ihren Altersgenossen aus religionslosen Elternhäusern. Auch sind unter deutschen Jugendlichen durchaus neue religiöse Selbstverständnisse, etwa im Sinne zusammengebastelter („bricolage“-) Konzepte des Religiösen, festzustellen. Insgesamt stellen sich schwierige Aufgaben nicht nur der gesellschaftlichen und politischen Integration, sondern auch der pädagogischen „Bearbeitung“ kultureller Diversität, besonders in den kultur- und sozialwissenschaftlichen Fächern.   

Aufgaben des Geschichtsunterrichts

       Welche Aufgaben ergeben sich daraus für den Geschichtsunterricht? Anders als im Religionsunterricht kann es nicht um die Vermittlung einer konfessionellen Identität gehen. Auch kommt es im Geschichtsunterricht darauf an, die vielfältigen Dimensionen des Historischen: Politik und Wirtschaft, soziale Ordnung und Kultur, aber eben auch Religion in ihren wechselseitigen Verschränkungen zu betrachten. Während diese letztere Einsicht für die Behandlung des Mittelalters selbstverständlich erscheint, fehlt sie für die Moderne völlig. Die zentrale Forderung an einen religionsgeschichtlich informierten Unterricht ist es daher, die religiösen Dimensionen in ihrer ganzen Bedeutung für Kultur und Gesellschaft, Politik und Alltag angemessen zur Sprache zu bringen. Das bedeutet, Konzepte wie das Säkularisierungstheorem, das dem Geschichtsunterricht bis heute – als feste „Glaubensüberzeugung“ gewissermaßen – zugrunde liegt, nicht länger unkritisch zu übernehmen. Die darin angelegte Perspektive widerspricht zunehmend nicht nur empirischer, sondern auch normativer und narrativer Triftigkeit. Sie entbehrt zudem jedes Anspruchs, Multiperspektivität und Kontroversität als zentrale didaktische Prinzipien für die historische [Re]Konstruktion von Glauben und Religion zur Geltung zu bringen. 

Die angemessene Berücksichtigung des religiösen Faktors in der Moderne muss vor allem bedeuten, eine Reihe von bekannten Themen des Geschichtsunterrichts neu zu durchdenken. Ob es Themen wie Nationalismus oder Liberalismus, Diktatur und Demokratie, Kolonialismus und Imperialismus, Revolutionen und Menschenrechte, Krieg und Gewalt, Frieden und Widerstand, Sozialstaat und Marktwirtschaft, Frauenemanzipation und Umweltbewegung sind – überall finden sich bei den historischen Akteuren und den von ihnen vertretenen Ideenwelten in hohem Maße religiöse Dispositionen und Einflüsse. Um nur einige wenige Beispiele zu nennen: So lassen sich Nationalismus und Nationalsozialismus heute kaum losgelöst vom Konzept „politischer Religionen“ diskutieren. Auch das Problem politischer Milieubildungen und Parteien, Konservativismus, Liberalismus und Sozialismus, lassen sich nicht ohne ihren jeweils konfessions- und religionspolitischen Hintergrund verstehen. Denkbar sind darüber hinaus vielfältige neue Inhalte und Problemstellungen: Ich verweise hier nur auf das weite Feld von Themen im Kontext religionsbedingter Kulturkonflikte in Europa, Asien oder Afrika bis hin zu Völkermorden, aber auch die friedliche Kohabitation der Religionen und ihre Bedeutung für die Entschärfung von Konflikten. Ein Beispiel für das friedliche Zusammenleben von „Religionen“ oder auch „Konfessionsnationen“ bietet die Geschichte des Osmanischen Reiches, dessen Entwicklung aber im Geschichtsunterricht bis heute so gut wie nicht vorkommt.

Im Interesse von Projektarbeiten, die im Rahmen des Geschichtswettbewerbs eine Rolle spielen, könnte es darum gehen, religiöse Identitäten und Handlungsmuster in der Alltagswelt von Individuen und Gruppen herauszuarbeiten. Das Problem des christlichen Widerstands ist seit jeher ein tragendes Thema im Geschichtsunterricht. Denkbar wären darüber hinaus viele andere mentalitäts- und alltagsgeschichtliche Untersuchungen, etwa zu Abgrenzungs- und Akkulturationsprozessen von Minderheiten, sei es im Kontext der Zuwanderung von katholischen Polen ins Ruhrgebiet im 19. Jahrhundert, evangelischen und katholischen Vertriebenen aus Pommern, Ostpreußen und Schlesien nach Westdeutschland nach 1945. Auch die Geschichte der Integration oder Desintegration von Italienern und Jugoslawen, Türken und Griechen nach 1945 hat eine religionskulturelle Seite, die von den Kirchen sehr früh schon thematisiert worden ist. Die Geschichte von Kirchengemeinden im „Kirchenkampf“ in der Zeit des Nationalsozialismus, Konflikte um Jugendweihe und Konfirmation, „Junge Gemeinden“ und den Zugang von Christen zur Erweiterten Oberschule in der DDR; die vielen „kleinen Kulturkämpfe“ vor Ort in der Zeit des Kaiserreichs, etwa der Streit um die Durchführung von Prozessionen, die Nutzung von Simultankirchen und –friedhöfen oder gemischtkonfessionelle Eheschließungen; seit dem Ende des 19. Jahrhunderts schulpolitische Kämpfe um den Religions- und Biologieunterricht, ob in Europa oder in den USA – dies alles sind Themenstellungen, die ein reiches Anschauungsmaterial nicht für das Verschwinden, sondern geradezu umgekehrt die Geltungsmacht des Religiösen auch in der Moderne bieten.

Insgesamt geht es um die Herausbildung einer sowohl bei Schülern als auch Lehrern angemessenen religionskulturellen Kompetenz. Ebenso wie  politische, ökonomische und soziale Dimensionen bisher zur Ausbildung eines reflektierten und selbstreflexiven Geschichtsbewusstseins zählten, sollte das in Zukunft auch für Kultur und Religion selbstverständlich sein. In welchem Umfang und mit welchen Schwerpunkten das geschehen kann, bedarf einer grundlegenden geschichtsdidaktischen oder auch curricularen Debatte. Dabei wird in Zukunft von Schlüsselproblemen unserer Gegenwart stärker als bisher auszugehen sein. Die Ernstnahme der religionsgeschichtlichen Perspektive bedeutet jedenfalls, dass sich Lehrplanmacher, Schulbuchautoren und Lehrkräfte mit den dadurch aufgeworfenen empirischen und theoretischen, systematischen und historiographischen Problemstellungen beschäftigen müssen, und das heißt konkret: auch mit Religionswissenschaft und Theologie, Kirchen- und Frömmigkeitsgeschichte. Anders wird historisches Verstehen nicht möglich sein. Gut, dass mit dem Wettbewerbsthema des Bundespräsidenten ein neuer Anlauf auf diesem Weg genommen ist.

 

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