Zur Diskussion

»Gott und die Welt. Religion macht Geschichte«

Carmen Ludwig ist Historikerin und leitet den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten bei der Körber-Stiftung.

Von Carmen Ludwig

Was hat Glaube und Religion mit Geschichte zu tun? – das könnte eine erste Reaktion auf das neue Thema des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten »Gott und die Welt. Religion macht Geschichte« sein. Im Geschichtsunterricht ist die historische Dimension von Religion und Glaubensfragen allenfalls für das Mittelalter und die frühe Neuzeit von Relevanz, gerät dann aber in den Hintergrund. Religionsgeschichte galt lange Zeit vor allem als Hilfsdisziplin der Religionswissenschaften und war weniger Bestandteil der Geschichtswissenschaft. Bis heute wird Religionsgeschichte in erster Linie als eine konfessionelle Kirchengeschichte betrachtet. Sozial-, alltags- und mentalitätsgeschichtliche Fragen an Religionen zu stellen, war lange Zeit ein Novum  (Ziemann 2009 : 9). Aus sozialgeschichtlicher Perspektive lässt sich Religion nicht nur als konfessionelle und institutionelle Kirchengeschichte verstehen, sondern als ein soziales Phänomen, das den Blick auf das (inter)religiöse Zusammenleben der Menschen lenkt (Ziemann 2009 : 8).

Religion und Geschichte

Mit dem neuen Thema greift der Geschichtswettbewerb ein Themenfeld auf, das Geschichte geschrieben hat und bis heute politische und gesellschaftliche Debatten bestimmt. Religion hatte oft eine friedensstiftende Wirkung und galt für Menschen als wichtiger Schutzraum, hat aber auch Gewalt und Konflikte hervorgerufen. Von den Kreuzzügen, über die sogenannte Hexenverfolgung, von der Ausschließung religiöser Minderheiten hin zu neuen Formen religiösen Fanatismus wurden Feindbilder religiös begründet und Menschen mit anderen Moralvorstellungen und Werten ausgegrenzt und verfolgt. Eben dieses Spannungsverhältnis soll Anreiz für junge Menschen sein, sich kritisch mit Glaubensfragen zu beschäftigen und nach Kontinuitäten und Diskontinuitäten zu fragen. Die Erforschung der eigenen Lokal- oder Familiengeschichte zum Thema Glaube und Religion kann Kindern und Jugendlichen neue Blickwinkel auf die Geschichte der Religionen öffnen und zugleich eine Möglichkeit bieten, sich anhand eigener Fragen mit der historischen Entwicklung und Veränderung religiöser Lebenspraxis auseinanderzusetzen.

Historisches Lernen ist eine wichtige Voraussetzung, um gegenwärtige Diskussionen zu verstehen und einzuordnen. Das neue Wettbewerbsthema soll anregen danach zu fragen, wie Glaube und Religion das Zusammenleben der Menschen bis heute verändert haben, wo Religion Konflikte hervorrief und wo sie den sozialen Zusammenhalt förderte, welchen Einfluss Religion auf die Wertebildung hatte und wie sich das Verhältnis von Kirche und Staat gestaltete. Durch die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Religion können die Teilnehmenden Zusammenhänge zwischen dem Verhältnis von Religion im öffentlichen und im privaten Raum sichtbar machen, das Verständnis für unterschiedliche Lebensentwürfe, die sich an einer Religion oder Glauben orientieren, fördern und den Zusammenhang zwischen zunehmender Säkularisierung der Gesellschaft und ansteigenden Debatten zu religiösen Themen erkennen und verorten. Das Spannungsverhältnis von Glaube, Religion und Gesellschaft bietet viele Anknüpfungspunkte für historische Recherchen. 

Glaube und Unglaube

Egal ob wir uns selbst als religiös beschreiben oder nicht – Glaube und Religion begegnen uns im alltäglichen Leben in ihren verschiedenen Facetten an vielen Stellen. Religiöse Gotteshäuser zieren die Dörfer und Städte, religiöse Feiertage weisen durch den Kalender und Feste und Traditionen religiösen Hintergrunds werden ausgiebig gefeiert. Für viele Menschen ist der persönliche Glaube oder die Religionszugehörigkeit ein wichtiger Bezugspunkt in ihrem Leben, soll Orientierung und Zuversicht geben – in guten wie in schlechten Zeiten. 

Die verschiedenen Religionen und Glaubensgemeinschaften haben in den vergangenen Jahrzehnten einen deutlichen Wandel durchlebt. Viele Menschen wandten sich von religiösen Verhaltensvorgaben ab, neue (alternative) Glaubensgemeinschaften entstanden und religiöse Traditionen verloren an Bedeutung – vor allem unter jungen Menschen in Deutschland. Laut der aktuellen Shell-Jugendstudie hat der Glaube an Gott unter katholischen und evangelischen Jugendlichen in den vergangenen Jahren zunehmend an Bedeutung verloren. Lediglich 37 Prozent der evangelischen Jugendlichen würden Gott als wichtige Orientierung in ihrem Leben beschreiben. Anders verteilt sich die Bedeutung des Glaubens unter muslimischen Jugendlichen: Für 76 Prozent der Muslime ist der Glaube für das alltägliche Leben wichtig (Shell 2015 : 30). Diese Zahlen zeigen, dass es große Unterschiede in der Bedeutung von Glaube und Religion zwischen Christen und Muslimen gibt.

Auch wenn sich viele Jugendliche von der Kirche abwenden, sind konfessionslose Jugendliche eine Minderheit in Deutschland. Eine Vielzahl an jungen Menschen in Deutschland wächst in religiösen Traditionen auf und orientiert sich an Ritualen, doch werden auf der anderen Seite insbesondere christliche Rituale wie Taufe, Konfirmation und kirchliche Trauung zunehmend kommerzialisiert und aufgeweicht. Dagegen gehören vor allem in den ostdeutschen Bundesländern deutlich weniger Jugendliche einer Kirchengemeinschaft an. Die Jugendweihe steht hier als nichtreligiöses Pendant zur Konfirmation und verleiht den jungen Menschen die oftmals gewünschte Ritualisierung des Erwachsenwerdens. Auch die Nachfrage an freien Trauungen und Taufen nehmen zu und spiegeln das Bedürfnis nach Tradition und Orientierung im Leben wider – ob gläubig oder ungläubig. Die Suche nach einem Sinn im Leben, nach der eigenen Transzendenz oder einer spirituellen Bewegung – die Ausgestaltung des eigenen Glaubens hat sich in der Vergangenheit stark verändert, die Angebote sind zahlreich. Nicht nur Rituale haben an Bedeutung verloren, der Gottesbegriff wird oftmals unbewusst als floskelartig im Sprachgebrauch verwendet und dient häufig lediglich als symbolisches Mittel. Redewendungen wie „Oh mein Gott“, „Ach du lieber Gott“ oder „Herr Gott noch mal“ werden immer wieder als Ausdruck der Verwunderung oder des Entsetzens verwendet. Wer auf Instagram oder Twitter nach Beiträgen zu #OMG (Abkürzung für „Oh mein Gott“ oder „Oh my God“) sucht, wird sehr viele Fotos und Kommentare finden – jedoch die wenigsten mit einem Bezug zum Glauben an (einen) Gott.

Toleranz und Vielfalt

Der Geschichtswettbewerb richtet sich an Kinder und Jugendliche bis zum Alter von 21 Jahren, die meisten Teilnehmer_innen sind Schüler_innen. Auch in den Schulen zeigt sich ein Wandel im Umgang mit Religionen. Immer wieder wird über die Ausrichtung des Faches diskutiert und Für und Wider abgewogen. Während in einigen Bundesländern nach wie vor Religion konfessionell unterrichtet wird, weitet sich das Angebot in anderen Bundesländern zu einem interreligiösen und überkonfessionellen Ethikunterricht aus. Schüler_innen lernen heute in multireligiösen Klassenzimmern, in denen Rituale, Feiertage und Traditionen verschiedener Religionen den Schulalltag mitbestimmen. Eine intensive Auseinandersetzung mit der Geschichte und Entwicklung dieser Werte und Moralvorstellungen findet jedoch oftmals nicht statt. Stattdessen werden immer wieder Pauschalisierungen und Vorurteile gegenüber anderen Religionen und Glaubensgemeinschaften unhinterfragt verwendet. Unwissenheit bleibt.

Das neue Wettbewerbsthema zeichnet sich durch seine Vielfalt in der Themenwahl aus und greift aktuelle Debatten zum Umgang mit Religionsvielfalt auf und soll das Miteinander und die Toleranz gegenüber anderen Religionen stärken. Die Teilnahme am Geschichtswettbewerb ermöglicht jungen Menschen, Fragen nachzugehen, die beispielsweise lange als Tabuthema galten oder in Vergessenheit geraten sind. Nicht zuletzt regt die Teilnahme an, über die eigenen Grenzen hinwegzudenken und bislang eher unbekannten Themen und Fragestellungen nachzuspüren – „oh mein Gott“ wird das spannend! 

Literatur

Shell-Jugendstudie 2015, URL: http://www.shell.de/ueber-uns/die-shell-jugendstudie-2015.html (abgerufen am: 21.07.2016). 

Ziemann, Benjamin: Sozialgeschichte der Religion, Frankfurt/Main 2009. 

 

Kommentar hinzufügen