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Jüdische Geschichte(n) in Prenzlauer Berg. Ein Audiorundgang

Von Anne Lepper 

Smartphone-gestützte Stadtrundgänge, die sich mit einer spezifischen Epoche und/oder einem bestimmten Stadtviertel beschäftigen, haben sich in den letzten Jahren in der historisch-politischen Bildung zu einem Trend entwickelt. In Berlin bieten sich daher inzwischen verschiedene Möglichkeiten, sich die Geschichte des Nationalsozialismus auf eigenem Fuß und mit unterschiedlichem Fokus zu erschließen. Neben einer audio-geführten Tour über die Einkaufsmeile am Kurfürsten Damm, bei der die Geschichte eines Pogroms aus dem Jahr 1931 erzählt wird, einem Spaziergang entlang der Wilmersdorfer Hardenbergstraße, bei dem verschiedene Geschichten von Flucht, Exil und Verfolgung miteinander verflochten werden, und einer Hörführung zu jüdischen Unternehmen im Kreuzberg der 1930er Jahre, bietet ein 2015 erarbeiteter Audio-Rundgang die Möglichkeit, sich mit jüdischer Alltagsgeschichte im Prenzlauer Berg der 1920er und 1930er Jahre auseinanderzusetzen. 

Jüdische Geschichte(n) in Prenzlauer Berg

Der vom Museum Pankow in Kooperation mit dem AK Historisch-Politische Bildung (Hipobil) des Unabhängigen Jugendzentrums Pankow (JUP e.V.) erarbeitete Stadtrundgang ist für alle Android-basierten Endgeräte als Audio-App verfügbar und kann im google Google-Play-Store kostenlos heruntergeladen werden. Interessierte, die nicht über ein eigenes Smartphone verfügen, können die Audiodateien sowie eine Übersichtskarte zu den einzelnen Stationen auch auf einen MP3-Player laden und vor Ort manuell abspielen.

Grundlage des Stadtrundgangs bilden die Lebensgeschichten von fünf Berliner Jüdinnen und Juden, die als Kinder und Jugendliche im Prenzlauer Berg der 1920er und 1930er-Jahre aufwuchsen. Ihre Erinnerungen sind geprägt von alltäglichen Begebenheiten und unbeschwerten Tagen, aber auch von zunehmendem Antisemitismus in der Bevölkerung, von beginnender Ausgrenzung und schließlich von Verfolgung und Deportation.

An neunzehn verschiedenen Stationen erfahren die Teilnehmer_innen während des Stadtrundgangs, wie das jüdische Leben im Prenzlauer Berg zwischen den Kriegen organisiert war, welche Institutionen, Orte und Themen für die Kinder und Jugendlichen von Bedeutung waren und wie sich ihr Leben durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten sukzessive veränderte. Während sich ein einleitender Text als inhaltliche Klammer und als Startpunkt des Rundgangs auf dem Gelände des Museums Pankow anbietet, können die anderen Stationen in individueller Abfolge und in eigenem Tempo angelaufen werden. Dadurch kann der Stadtrundgang sowohl in der Gruppe als auch individuell bzw. in Kleingruppen durchgeführt werden. Im Bildungskontext bietet es sich an, die tatsächliche Tour durch das Stadtviertel mit einer einführenden und einer nachbereitenden Einheit zu verbinden. Der AK Hipobil bietet auf seiner Seite neben zusätzlichen Informationen zu den fünf Erzähler_innen auch einige Ideen und Hinweise für die Implementierung des Stadtrundgangs in Konzepte der außerschulischen historisch-politischen Bildungsarbeit. Nicht nur aufgrund der vielfältigen Möglichkeiten zur individuellen Handhabung der Audiodateien und Stationen, sondern auch durch die Perspektive der selbst damals noch jungen Erzählerinnen und Erzähler, ist der Stadtrundgang gut für die Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen geeignet. Die angesprochenen Themen handeln zwar durchaus von konkreten Verfolgungserfahrungen, Massenmorde und Vernichtungslager werden jedoch nur sekundär behandelt. Im Zentrum stehen die sukzessive Ausgrenzung, Entrechtung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung an ihrem Heimatort selbst. Dadurch bietet sich der Stadtrundgang an, um auch schon mit jüngeren Klassen die Themen Ausgrenzung, Diskriminierung und Antisemitismus zu behandeln. Um in Bezug darauf inhaltlich noch weiter in die Tiefe gehen zu können, würde sich außerdem ein ergänzender Besuch der Ausstellung 7xjung anbieten.

 

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