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Berichte aus dem Lager - der Gulag im Film

Von Anne Lepper

Anders als das nationalsozialistische System, dessen Verfolgungsmaßnahmen einen Bestandteil des brutalen Ausbeutungs- und Vernichtungskrieges nach außen darstellten, dienten die sowjetischen Repressionen in erster Linie als Verunsicherungs- und Unterdrückungsinstrument nach innen. Dementsprechend handelte es sich bei einem Großteil der Gefangenen, die im „Archipel Gulag“ zur Zwangsarbeit verpflichtet waren, um Sowjetbürger_innen. Dennoch gelangten auf verschiedenen Wegen auch Menschen anderer Herkunft in die Fänge des sowjetischen Lagersystems. Ab dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 zählten zu den ausländischen Gulag-Häftlingen zahlreiche Soldaten der Wehrmacht und der SS, die als Kriegsgefangene in die entlegenen Sowjetregionen verschleppt worden waren.

Doch sie waren nicht die einzigen Deutschen, die sich während dem Zweiten Weltkrieg in den zahlreichen Arbeitslagern und Siedlungen aufhielten. Auch viele ehemalige deutsche Emigranten, die den zahllosen und recht wahllosen Verhaftungen zum Opfer gefallen waren, befanden sich unter den Gulag-Insass_innen. Viele von ihnen waren bereits in der Zwischenkriegszeit in die Sowjetunion ausgewandert, um bei dem Aufbau eines kommunistischen Staates Unterstützung zu leisten, oder waren nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten aufgrund ihrer politischen Einstellung aus ihrer Heimat geflohen. Während des Krieges, als Misstrauen und Paranoia dazu führten, dass sich in der sowjetischen Führung unter Stalin zunehmend eine kollektive Schuldvermutung festsetzte, galten viele der ehemaligen Deutschen Unterstützer des Regimes nun als Verräter und Volksfeinde.

Im Schatten des Gulag. Als Deutsche unter Stalin geboren

Die Regisseurin Loretta Walz hat in einem 2011 von MDR und RBB produzierten Dokumentarfilm einige Kinder porträtiert, deren Eltern als deutsche Kommunist_innen in die Sowjetunion emigriert waren und später im Gulag Zwangsarbeit leisten mussten. In dem Film berichten die Kinder nicht nur vom Überlebenskampf ihrer Eltern in unwirtlichsten Regionen und unter zermürbenden Lebens- und Arbeitsbedingungen, sondern sie erzählen auch, was die Erfahrung des Gulags, des Vertrauensbruchs durch die sowjetische Führung und der Trennung von Familie und Freunden mit den den Familien machte. Viele der Kinder lebten während der Jahre, die ihre Eltern im Gulag verbrachten, in sowjetischen Kinderheimen, in denen sie – ebenso wie ihre Eltern – als Volksfeinde angesehen wurden und dadurch ständigen Repressionen ausgesetzt waren. Einige der Eltern überlebten die Zeit im Arbeitslager nicht, jene, die überlebten, mussten sich danach – resigniert und politisch desillusioniert – ein neues Leben aufbauen. Viele gingen zurück nach Deutschland in die neu gegründete DDR, wo sie jedoch von Staatsseite aus dazu angehalten wurden, nicht über das Erlebte zu sprechen.

Haya-Lea Ditinko – Wie ich Stalins Gulag überlebte

Neben den deutschen Emigrant_innen, die aus politischen Motiven oder aufgrund von Verfolgung durch die Nationalsozialisten freiwillig in die Sowjetunion gekommen und dort verhaften worden waren, gab es in den Arbeitslagern auch Häftlinge, die von außerhalb der Sowjetunion in den Gulag verschleppt worden waren, darunter zahlreiche Juden und Jüdinnen. Zu ihnen zählte auch Haya-Lea Ditinko aus Galizien, das damals noch zu Polen gehörte. Nach dem deutschen Angriff auf Polen am 1. September 1939, fiel der östliche Teil des Landes entsprechend dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt der Sowjetunion zu. Haya-Lea Ditinko, die in den vorangegangenen Jahren der zionistisch-sozialistischen Jugendbewegung Hashomer Hatzair angehört und vorgehabt hatte, nach Palästina auszuwandern, wurde aufgrund ihrer politischen Einstellung und ihres nachgewiesenen Engagements von den Sowjets festgenommen und nach Sibirien verschleppt, wo sie mehr als zehn Jahre Zwangsarbeit leisten musste. Im Lager lernte sie ihren späteren Mann, einen Leningrader Universitäts-Rektor kennen, und ging mit ihm nach ihrer Entlassung Anfang der 1960er-Jahre nach Leningrad. Das jüdisch historische Institut Centropa hat einen dokumentarischen Kurzfilm produziert, in dem Haya-Lea Ditinko ihre persönliche Geschichte erzählt.

Implementierung in den Unterricht

Die beiden Filme bieten insbesondere in Verbindung miteinander die Möglichkeit, neben der Geschichte des Gulags auch eine historische, gesellschaftliche und politische Kontextualisierung des sowjetischen Lagersystems vorzunehmen. Anhand der individuellen Geschichten, die in den Filmen erzählt werden, wird die Verflechtungsgeschichte deutlich, die Jugendliche erst die übergeordneten Zusammenhänge, Verknüpfungen und Querverbindungen verstehen lässt. Wieso wollte Haya-Lea Ditinko eigentlich nach Palästina und welche Umstände führten dazu, dass sie stattdessen im sibirischen Gulag landete? Weshalb hatte die sowjetische Führung solche Angst vor Spionen und warum konnten deutsche Kommunist_innen, die aus ideologischen Gründen und ebenso freiwillig wie enthusiastisch in die Sowjetunion gekommen waren, schließlich als „Konterrevolutionäre“ und Staatsfeinde in einem Lager enden? Diese und andere Fragen lassen sich anhand des Filmmaterials anschaulich und multiperspektivisch diskutieren. Die Filme eignen sich daher besonders, um sie mit Schüler_innen nacheinander im Unterricht anzusehen und die unterschiedlichen Lebenswege und verschiedenen Formen von Verfolgung und Repression im Anschluss daran gemeinsam herauszuarbeiten und zu besprechen. Es bietet sich jedoch an, den Jugendlichen im Vorfeld bereits das notwendige Kontextwissen zu unterbreiten, damit sie dazu in der Lage sind, die Geschehnisse und Entwicklungen, die in den Filmen dargestellt sind, historisch und geographisch einzuordnen.

 

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