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Den Entrechteten eine Stimme geben. Das Gulag-Archiv in der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

Dr. Matthias Buchholz, Archivar und Historiker, arbeitet seit 2000 bei der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Dort ist er u.a. für das Archiv zuständig.

Von Matthias Buchholz

Das Gulag-System

Wer "Gulag" (Glavnoe Upravlenie Lagerej = Hauptverwaltung der Arbeitslager) hört, denkt an unmenschliche Lebensbedingungen, schwere körperliche Arbeit, drakonische Strafen, Mangelernährung, Erschöpfung, Krankheit, Tod. Der Begriff Gulag ist zum Synonym für das sowjetische Repressionssystem geworden, dem Millionen Menschen zum Opfer fielen. Von 1930 bis zur Mitte der 1950er Jahre durchliefen schätzungsweise 20 Millionen Menschen das Lagersystem, welches zu diesem Zeitpunkt weit mehr als 200 Standorte umfasste. Diese waren zumeist in den unwirtlichen Gegenden Sibiriens und des Hohen Nordens der Sowjetunion beheimatet. Die genaue Zahl der Todesopfer ist unbekannt. Man schätzt, dass es zwischen 2,5 und 4,5 Millionen gewesen sind. Die sowjetische Führung nahm den Tod der Insassen infolge der katastrophalen Lebens- und Arbeitsbedingungen billigend in Kauf. Erst mit Stalins Tod wurden viele Lager geschlossen und der Rest reorganisiert.

Nicht nur vermeintliche und tatsächliche politische Gegner, echte oder nur als solche diffamierte Kriminelle oder aufgrund ihres Glaubens Inhaftierte aus der Sowjetunion kamen in die Lager des Gulags oder der Verbannung. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurden hunderttausende Menschen aus allen sowjetisch besetzten Gebieten sowie Kriegsgefangene zur Zwangsarbeit in den Gulag verschleppt. Darunter befanden sich auch deutsche Staatsangehörige. Allein im Lagerkomplex Workuta am nördlichen Polarkreis waren zeitweilig bis zu 50.000 Deutsche inhaftiert. Nach Kriegsende brachten neue Repressionswellen weitere hunderttausende Menschen erneut in die Lager.

Unter unmenschlichen Bedingungen wurde die Arbeitskraft der Lagerinsass_innen für die infrastrukturelle und industrielle Erschließung erbarmungslos ausgebeutet. Die Häftlinge arbeiteten in Bergwerken, bauten Straßen, verlegten Schienen und rodeten Wälder. Das Gulag-System entwickelte sich damit zu einem wichtigen Wirtschaftsunternehmen in der Sowjetunion.

Dieser Teil der Geschichte wird in der heutigen Russischen Föderation von staatlicher Seite wenig thematisiert. Gedenkstätten an historischen Orten sind die absolute Ausnahme und selbst Gedenktafeln existieren nur, wenn zivilgesellschaftliches Engagement dies ermöglicht hat. Der Zugang zu den Akten des sowjetischen Straflagersystems unterliegt in der Russischen Föderation Beschränkungen bis hin zu völligen Zugangsverboten. Daher kommt lebensgeschichtlichen Quellen, das heißt Interviews mit ehemaligen Gulag-Häftlingen und anderen persönlichen Überlieferungen, eine immer größere Bedeutung zu. Sie stellen nicht nur einen Ersatz schriftlicher Dokumente dar, sondern sind eine eigene authentische Quellengattung, die wie sonst keine schriftliche Überlieferung der Lageradministration die Perspektive der Verfolgten widerspiegelt.

Das Gulag-Archiv in der Bundesstiftung Aufarbeitung

Im Verlauf der vergangenen zweieinhalb Jahrzehnte hat der Historiker Dr. Meinhard Stark (Universität Bonn) mehr als 250 ehemalige Lagerhäftlinge bzw. deren Kinder in Russland, Polen, Kasachstan, Litauen und Deutschland interviewt. Annähernd 1.200 Stunden erzählter Lebens- und Hafterfahrungen liegen nun in digitalisierter Form vor und bilden den Basisbestand des neu begründeten Gulag-Archivs in der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Die Interviews, die in russischer, polnischer, litauischer bzw. deutscher Sprache vorliegen, sind für die Nutzung im Lesesaal der Stiftung zugänglich. Über eine Datenbank mit zahlreichen persönlichen Angaben können mehr als 270 biographische Datensätze und die dazugehörigen Interviews, davon einige audiovisuell, abgerufen werden.

Zur Vervollständigung der Datenbank wurde in einem weiteren Schritt die Digitalisierung aller schriftlichen, bildlichen und anderen Überlieferungen der ehemaligen Gulag-Häftlinge sowie ihrer Kinder vorgenommen. Damit leistete die Bundesstiftung Aufarbeitung gemeinsam mit der Abteilung für Osteuropäische Geschichte der Universität Bonn nicht nur einen Beitrag zur dauerhaften Bewahrung der biographischen Überlieferungen ehemaliger Gulag-Häftlingen bzw. ihrer Kinder, sondern legt auch einen Grundstein zur künftigen Bildungs- und Forschungsarbeit zum Gulag.

Lebendige Stimmen

Alle Interviews folgen immer demselben Fragenschema, wie bspw. zu den Umständen der Verhaftung und der Verurteilung, dem Transport ins Gulag, dem Lageralltag, der zu verrichtenden Arbeit und der Freilassung. So schildert Werner H., dass er im Mai verhaftet worden ist und auch im Oktober noch diese sommerliche Kleidung trug. Diesbezüglich sagt er mit immer stärker brechender Stimme zum Transport: „Es waren ja vorher schon verschiedene Teilnehmer im Waggon gestorben und da hatte man mir da auch schon angeraten von den Älteren: Junge, zieh doch was über! Aber ich hatte – ja, was war es – eine innere Sperre, den Toten das Letzte noch zu nehmen.“

Die Beschreibung des Lageralltags nimmt breiten Raum in den Interviews ein. Bei aller Individualität der Aussagen gleichen sie sich dennoch in den wesentlichen Punkten: Hunger, (mehr oder weniger) schwere Arbeit, Willkür. Allein schon die hygienischen Verhältnisse waren als unwürdig zu bezeichnen. So sagt Werner H. zum Thema Zahnpflege: „Gerade Zahnpasta oder Zahnbürste, das waren während der gesamten Zeit Fremdworte!“

Die Hörerin und der Hörer erfahren in den Interviews etwas über die Essensrationen, die hygienischen Verhältnisse, die Ausstattung der Baracken. So ist der Hunger ein sich durch viele Interviews ziehendes Thema. Manch ein Häftling glich eher einem wandelnden Skelett als einem lebendigen Menschen. Auch nach der Haft, nachdem im günstigsten Fall die physischen Folgen überwunden waren, blieben die psychischen Nachwirkungen und Albträume. Frieda S. z.B. berichtet in einem mehrtägigen, insgesamt 15-stündigen Interview 1989/90: „Ich träume immer denselben Traum. Ich wache auf, ich brülle los. Dann überlege ich, ich war doch wieder im Lager gewesen. Ich weiß nur, daß wir auf den Brettern gesessen haben, und immer geht’s ums Essen, um irgendein Stück Brot. Ich wache auf und habe Hunger. Ich muß dann aufstehen und etwas essen, und wenn’s ein paar Bonbons sind.“

„Lebendig“ wird die Erinnerung an die ehemaligen Häftlinge aber auch z.B. durch persönliche Erinnerungsstücke, wie z.B. ein Schachspiel, einen Gürtel, durch Zeichnungen oder aber auch ein sehr eindrückliches Schreiben, das die völlige Rechtlosigkeit der Inhaftierten erfahrbar macht. In diesem Schreiben von Erna K. an die Lagerleitung (?), das sie am 25. Juli 1940 in Lagerhaft verfasste heißt es:

„Ich wurde am 9.IX.1937 verhaftet und nach 2 Verhören von der OSO zu 10 Jahren Arbeitslager verurteilt wegen konterrevolutionärer Tätigkeit.

Während meiner fast 2jährigen Arbeit im System des Sib-Lag und Lokschin-Lag habe ich 4 Eingaben an verschiedene Sowjetinstitutionen mit der Bitte um Wiederaufnahme des Verfahrens gerichtet. Dezember 1939 wurde ich auf spezielle Anweisung Ihrer Abteilung nach Moskau gebracht zwecks Neuuntersuchung. Im Verlaufe von fast 7 Monaten wurde ich jedoch nur einmal einige Minuten zum Verhör gerufen und mir einige persönliche Fragen gestellt.

Ich ersuche nochmals eindringlich um Ueberprüfung meiner Sache, die 1937 vollkommen ungesetzlich geführt wurde, und zwar deshalb, weil ich

  1. keinen Uebersetzer erhielt, trotzdem ich die russische Sprache ganz ungenügend kannte;
  2. trotz der Anklage auf Spionage 58/6 § keinem Verhör über meine angebliche Spionagetätigkeit unterzogen wurde;
  3. von Seiten des Untersuchungsrichters keiner konkreten Schuld bezichtigt wurde und
  4. weder den Abschluss des Verfahrens unterschrieben – noch irgend eine Anklageschrift oder Anklagematerial gesehen habe.

Ich habe keine Verbrechen weder gegen die Sowjetunion noch gegen die Partei begangen. Ich habe die Ueberzeugung, daß bei gründlicher Ueberprüfung meiner Sache meine Freisprechung erfolgen wird.

Da ich seit dem Tage meiner Verhaftung ohne Mitteilung über den Verbleib meiner Tochter Elli (jetzt 4 1/2 Jahre alt) bin, bitte ich inständig mir bekanntzugeben, wo sie sich befindet.“

Erna K. war überzeugte Kommunistin. Sie wurde 1947 aus dem Gulag entlassen, also nach den in der Verurteilung festgelegten zehn Jahren. Zu diesem Zeitpunkt war ihre Tochter bereits elf Jahre alt. 1955, zwei Jahre nach Stalins Tod, den sie beweinte, erfolgte ihre Rehabilitierung durch das Militärtribunal des Moskauer Bezirks. Die mit ihr in den 1990er Jahren geführten Interviews umfassen etwa 20 Stunden und lassen besser verstehen, was aus heutiger Sicht kaum zu verstehen scheint. Wie kam es dazu, dass überzeugte Kommunistinnen und Kommunisten als Feinde des Kommunismus bezichtigt, angeklagt und inhaftiert wurden? Warum hielt so manche(r) von ihnen trotz des bitteren Unrechts ein Leben lang an den kommunistischen Überzeugungen fest?

Dieser Archivbestand an Interviews, Dokumenten und persönlichen Erinnerungsgegenständen eignet sich in besonderer Weise dazu, gerade auch jungen Menschen anhand von ganz persönlichen Schicksalen zu verdeutlichen, was Repression in einer Diktatur bedeutet und das man bspw. auch ohne jegliche Rechtsgrundlage verhaftet und verschleppt werden konnte. Deshalb sieht es die Bundesstiftung Aufarbeitung als ihre Aufgabe an, die Arbeit mit diesem Bestand zu fördern. So ist bspw. geplant, die Erarbeitung von Podcasts aus Gulag-Zeitzeugeninterviews für die Verwendung im Schulunterricht zu fördern.

 

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