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Der Gulag

Julia Landau arbeitet als Kustodin für die Geschichte des sowjetischen Speziallagers Nr. 2 bei der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora.

Von Julia Landau

Ursprünglich bezeichnete die Abkürzung „GULag“  in der sowjetischen Behördensprache die „Hauptverwaltung der Besserungsarbeitslager und -kolonien“ im Innenministerium der Sowjetunion (bis 1946: Volkskommissariat für Inneres, NKWD). Dieser 1930 gegründeten großen Behörde unterstand das nach Wirtschaftszweigen geordnete System der Zwangsarbeitslager sowie der „Sondersiedlungen“ in der gesamten Sowjetunion.

Bekannt wurde der Begriff durch Solschenizyns Buch „Archipel Gulag“ (1973): Mit dieser Metapher versuchte er zu beschreiben, wie sich das Netz der Lager und „Sondersiedlungen“ ähnlich wie eine Inselgruppe abgeschottet von der restlichen Welt überall in der Sowjetunion ausbreitete.

Voraussetzungen (1917-1929)

Unmittelbar nach der Oktoberrevolution 1917 begann ein blutiger Bürgerkrieg in der Sowjetunion. Die Bolschewiki kämpften nicht nur gegen die alten Eliten des Zarenreiches und die Vertreter bürgerlicher Parteien, sondern auch gegen Konkurrenten im sozialistischen Lager wie die Sozialrevolutionäre und Menschewiki. Die 1917 gegründete Geheimpolizei („Tscheka“) vollstreckte Todesurteile und isolierte politische Gegner in Gefängnissen und Lagern.

Die Nachfolgeorganisation der „Tscheka“, die politische Polizei (ab 1922 OGPU – „Staatliche Politische Verwaltung“), errichtete 1923 einen Komplex von Lagern in einer geräumten Klosteranlage auf den Solowezker Inseln im Weißen Meer. Anfangs besaßen die sozialistischen Häftlinge dort noch einige Privilegien, konnten lesen und gaben eine eigene Zeitung heraus. Die Häftlinge wurden auch zur Zwangsarbeit eingesetzt, diese galt jedoch vorwiegend dem Unterhalt des Lagers selbst. Die Lagerleitung versuchte, die Arbeitsleistung der Inhaftierten zu steigern, indem sie die Essensrationen an die Arbeitsleistungen koppelte – ein System, das abgestuft auch für „freie Arbeiter“ in Industriebetrieben der gesamten Sowjetunion galt.

Ab dem Ende der 1920er Jahre griff die politische Führung unter Stalin planmäßig auf Gefangene zurück, um die ehrgeizigen Ziele der „Fünfjahrpläne“ zu erreichen, mit denen das Land im Eiltempo industrialisiert werden sollte. 1929 legte die Regierung fest, dass Verurteilte mit einem Strafmaß von über drei Jahren in „Besserungsarbeitslager“ der OGPU eingeliefert werden sollten. Die „Besserungsarbeitslager“ unterstanden nun der 1930 neu geschaffenen Hauptverwaltung der Besserungsarbeitslager und -kolonien (GULag) und dienten wirtschaftspolitischen Zielen: Mit ihrer Hilfe sollten unerschlossene Gebiete kolonisiert und Bodenschätze abgebaut werden. In allen größeren Verwaltungszentren der Sowjetunion wurden Dreiergremien (Troiki) aus Vertretern der OGPU, der Partei und der Staatsanwaltschaft eingerichtet, die in Schnellverfahren Urteile von bis zu 5 Jahren Haft sprachen. Die Gefängnisse und Lager füllten sich, allein in den beiden Jahren 1928-30 stieg die Zahl der Lagerinsassen von 30.000 auf 300.000 (Applebaum 2005: 92).

Gleichzeitig schickte die politische Führung unter Stalin Menschen auch ohne Gerichtsurteil per Dekret an weit entfernte Orte („Sondersiedlungen“) und verpflichtete sie dort zur Arbeit: Diese Deportation von Bauern, die sich der zwangsweisen Zusammenlegung der Wirtschaften in Kollektivbetrieben widersetzten, wurde „Entkulakisierung“ genannt.

Verfolgung der Bauern und Hungersnot (1930-1933)

Als „Kulak“ bezeichnete das sowjetische Politbüro 1930 Bauern, die eine Mühle oder Handel betrieben und daher als wohlhabend galten. Sie sollten enteignet, die Familienoberhäupter erschossen oder in Lager eingewiesen, die restlichen Familienmitglieder umgesiedelt werden. In der Realität waren die sowjetischen Bauern allerdings nach den Verheerungen des Ersten Weltkriegs und des Bürgerkriegs, der darauffolgenden Hungersnot 1920/21 und den staatlichen Getreiderequisitionen meist völlig verarmt. Häufig wurden daher lokale Rechnungen auf dem Rücken der als „Kulaken“ verfemten Bauern ausgetragen. Die Familienoberhäupter von 60.000 Familien wurden zum Tode oder zu Lagerhaft verurteilt. Innerhalb sehr kurzer Zeit verschickte die Geheimpolizei Millionen Menschen: Bis Ende 1931 wurden 1,8 Millionen Menschen nach Sibirien, in den hohen Norden, den Ural oder nach Mittelasien deportiert; etwa die gleiche Anzahl wurde in ihrer Heimatregion in schlechter erschlossene und nutzbare Regionen umgesiedelt (Bonwetsch 2014: 33). In den Ansiedlungsgebieten sollten die als „Sondersiedler“ bezeichneten Menschen nach der Vorstellung der OGPU selbst für ihre Unterkunft sorgen. Ohne Baumaterial gruben sie sich einfachste Erdhütten; viele überlebten die schweren Lebensbedingungen nicht.

Obwohl auf dem Land die Arbeitskräfte fehlten und die Ernte zurückging, trieb der Staat weiterhin Getreide ein, um die Arbeiter in den Städten zu versorgen und durch Exporte Devisen zu erhalten. Millionen Menschen starben in den Jahren 1932/33 an Hunger, vor allem in den Getreidegebieten in der Ukraine und in Kasachstan. Paradoxerweise waren für viele Menschen aus den betroffenen Regionen selbst die elenden Bedingungen in der Lagerhaft noch verhältnismäßig besser (Weikersthal  2011:98).

Das Lagersystem und die Industrialisierung der Sowjetunion

Bereits 1931 waren über 212.000 Häftlinge als Zwangsarbeiter_innen in den großen Baustellen der Fünfjahrpläne eingesetzt, die Hälfte von ihnen baute den großen Weißmeer-Ostseekanal (Belomorkanal). Mit einfachsten Mitteln, unzureichenden Schaufeln und Schubkarren, bewegten sie große Erdmassen und transportierten Gesteinsbrocken. Die unmenschlichen Arbeitsbedingungen führten zu einer hohen Todesrate; Schätzungen zu Folge betrug sie bis 15 Prozent der Häftlinge (Applebaum 2005: 104). Zwar konnte der Kanal  wie geplant 1933 eröffnet werden, die Fahrrinne war jedoch niedriger als vorgesehen und daher nur eingeschränkt nutzbar. Dennoch war Stalin, der sich die Produktionspläne zuschicken ließ, von dem Erfolg des Projektes überzeugt. Gleichzeitig konnte sich die OGPU als Wirtschaftsunternehmen profilieren, das über menschliche Arbeitskraft verfügte und diese den Industriebetrieben zu günstigen Konditionen anbot.

Bei vielen weiteren großen Bauprojekten der 1930er Jahre wurde Häftlingsarbeit systematisch eingesetzt, um Kosten zu senken und die Bauzeit zu verkürzen: Häftlinge errichteten und betrieben Kanäle und Kraftwerke, Eisenbahnlinien, Stahlwerke, Kohle-, Erz- und Buntmetallgruben, Holzverarbeitungsbetriebe und Straßen. Ihre Zahl verdreifachte sich in den Jahren 1932-35. In der Mehrzahl waren es Bauern, verurteilt als vermeintliche Kulaken oder auf Grundlage des drakonischen „Ährengesetzes“ von 1932, das den Diebstahl geringster Mengen von Getreide unter hohe Strafen stellte. Der Gulag entwickelte sich zunehmend zu einem „Sonderwirtschaftsunternehmen“, das sich für verschiedenste Industriezweige zuständig sah.

Die Lager waren über die gesamte Sowjetunion verteilt: Einige Lager, wie die Swirsker und Temnirkowsker Lager, lagen am Rande der Großstädte. Dort fällten Häftlinge Holz, das als Bau und Brennstoff in Leningrad und Moskau gebraucht wurde. Andere, wie der nordöstliche Lagerkomplex „Sewwostlag“ an der Kolyma, lagen nördlich des Polarkreises (Sprau 2014). Dieses abgeschiedene Gebiet war nur wenige Wochen im Jahr über den Wasserweg, von Chabarowsk oder Wladiwostok nach Magadan, erreichbar. Von Magadan aus führte eine von Häftlingen erbaute „Trasse“ zu den Goldlagerstätten. Unter unmenschlichen Bedingungen, bei Temperaturen von minus 50 Grad über Monate lang, förderten die unzureichend ernährten, geschwächten und häufig kranken Häftlinge ohne Schutzvorrichtungen und nur mit einfachsten Hilfsmitteln Gold und Uran. Eine Flucht war in dem weit entfernten Lagerkomplex unmöglich. Die oftmals provisorisch eingerichteten Lager wanderten von Lagerstätte zu Lagerstätte. Die Förderstätten blieben chemisch verseucht, gerodet und verwüstet zurück. In Zahlen schien die extensive Förderung, die auf Menschenleben keine Rücksicht nahm, erfolgreich: so konnte von 1934 bis 1937 über 100 Tonnen reines Gold gewonnen werden (Chlevnjuk 2004: 28).

Neben den Lagerinsassen nahm auch die Zahl der „Sondersiedler“ zu: Die OGPU, später der NKWD, siedelte Millionen Menschen auf administrative Weisung um. Nach den „Kulaken“ betraf dies Gruppen, die einer als verdächtig geltenden nationalen Gruppe – Koreaner, Balten, Polen, Ukrainer, Deutsche, Karatschaier, Kalmücken, Tschetschenen, Inguschen, Balkaren, Krimtataren, Mescheten und Kurden – angehörten.

Der Große Terror und die Lager (1936-38)

Während die schieren Zahlen wirtschaftliche Erfolge der Lagerökonomie suggerierten, wurde das politische Primat der Repression besonders in den Verfolgungen Mitte der 1930er Jahre deutlich. In den Jahren des „Großen Terrors“ gab das Politbüro unter Stalin offizielle Quoten aus, wer zu erschießen und wer in Lagerhaft zu bringen sei. Vernehmungen und Verurteilungen wurden im Schnellverfahren durchgeführt. Ohne Unschuldsvermutung oder Verteidigungsmöglichkeit des Angeklagten kam es vor allem auf dessen Geständnis an, das die Grundlage des Urteils bildete und häufig mit Folter erzwungen wurde.

In den Jahren 1937/38 stieg die Zahl der Lagerinsassen von 1,2 auf 1,7 Millionen Menschen an, ohne dass das Lagersystem darauf vorbereitet gewesen wäre. Trotz des Zuwachses an Arbeitskräften konnten die ambitionierten Produktionspläne nicht eingehalten werden. Auch vor den Lagern machte der Terror nicht halt: 1938 fielen 6 Prozent der Häftlinge (über 90.000) der Verfolgung wie auch den schlechten Lebensbedingungen zum Opfer (Kokurin/Petrov 2000: 112; Weikersthal: 83).

Das Lagersystem im Zweiten Weltkrieg

Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion wurden zunächst zahlreiche Häftlinge entlassen, viele von ihnen kämpften in der Roten Armee. Die Gesamtzahl der Häftlinge sank von 2,3 Millionen auf 1,4 Millionen. (Chlevnjuk 2004: 30), unter ihnen waren fast ein Viertel Frauen (Werth 2012:117). Nach dem deutschen Vormarsch wurden die Lager ohne Transportmittel nach Osten evakuiert. Die katastrophale Hungerpolitik der deutschen Besatzungsmacht wirkte sich auch auf die Versorgung in den Lagern aus, in denen jede_r Vierte starb. Selbst in offiziellen Dokumenten galt nur noch etwas mehr als die Hälfte der Häftlinge als arbeitsfähig. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg

27 Millionen sowjetischer Bürger waren im Zweiten Weltkrieg umgekommen, unter ihnen fast 9 Millionen Armeeangehörige, die für den Wiederaufbau fehlten. Mit der Inhaftierung von vermeintlichen Saboteuren und Spionen sowie zahlreichen antisowjetischen Kämpfern aus der Ukraine oder dem Baltikum, aber auch von Menschen, die wegen Bagatellverbrechen zu hohen Haftstrafen verurteilt wurden, erreichte der Gulag nach dem Krieg seine größten Ausmaße: Zu Beginn der 1950er Jahre waren mehr als 2,5 Mio. Menschen in Lagern inhaftiert. Hinzu kamen 2,7 Mio. Zwangsumgesiedelte, die in „Sondersiedlungen“ des NKWD leben mussten sowie 4,4 Mio. Kriegsgefangene in Lagern der Hauptabteilung für Kriegsgefangene und Internierte (GUPWI). Die Inhaftierten, Internierten und Umgesiedelten arbeiteten beim Wiederaufbau der zerstörten Infrastruktur, im Kanalbau, im Bergbau oder auch in der Atomindustrie. Die Todesrate ging zurück, variierte allerdings stark zwischen den einzelnen Lagern.

Auflösung der Lager

Mit der Einweisung von großen Gruppen antisowjetischer Kämpfer wurden die Lager immer unkontrollierbarer. Aufgrund der hohen Bewachungskosten, der veralteten Infrastruktur, den versiegenden Ressourcen und der allgegenwärtigen Korruption galten sie auch der sowjetischen Lagerinspektion als zunehmend „unrentabel“. Unmittelbar nach Stalins Tod wurde die Hälfte der Lagerinsassen  - mit Ausnahme der politischen Häftlinge – amnestiert; viele konnten allerdings nicht in ihre Herkunftsorte zurückkehren und blieben in unmittelbarer Nähe der Lager. Die zurückbleibenden Häftlinge, insbesondere in den nach 1948 isolierten „Sonderlagern“, organisierten Aufstände, die blutig niedergeschlagen wurden. Nach Stalins Tod führten der zunehmende Widerstand und die Unwirtschaftlichkeit der Lager schließlich zu deren Auflösung: In den Jahren 1954-56 wurde auch der Großteil der politischen Häftlinge amnestiert, die Gesamtzahl der Häftlinge fiel auf unter eine Million. Das Lagersystem wurde grundlegend umstrukturiert, die Gulag-Behörde aufgelöst. Noch bestehende Lager wurden Teil des regulären Strafvollzugs, der seine wirtschaftliche Funktion verloren hatte. Unter den Bedingungen eines Unrechtsstaates fielen ihm jedoch neben gewöhnlichen Verbrechern immer wieder auch politische Gegner_innen oder sozial Stigmatisierte zum Opfer.

Literatur

Werth, Nicolas (2012): Ein kurzer historischer Abriss über den Gulag, in: Volkhard Knigge und Irina Scherbakowa (Hrsg.): Gulag. Spuren und Zeugnisse 1929-1956, Weimar, S. 102-123.

Applebaum, Anne (2005): Der Gulag, München.

Chlevnjuk, Oleg (2004): Vvedenie, in: Afanas´ev u.a. (Hrsg.): Istorija Stalinskogo Gulaga, T. 3, Ekonomika Gulaga, Moskau.

Weikersthal, Felicitas Fischer von (2011): Die „inhaftierte“ Presse. Das Pressewesen sowjetischer Zwangsarbeitslager 1923-1937, Wiesbaden.

Kokurin, Aleksandr I./ Petrov, Nikita V. (2000): GULAG (Glavnoe Upravlenie Lagerej) 1918-1960, Moskau.

Bonwetsch, Bernd (2014): Gulag. Willkür und Massenverbrechen in der Sowjetunion 1917-1953. Einführung und Dokumente, in: Julia Landau und Irina Scherbakowa (Hrsg.): Gulag. Texte und Dokumente 1929-1956, Weimar, S. 30-48.

Sprau, Mirjam (2014): Kolyma und Magadan. Ökonomie und Lager im Nordosten der Sowjetunion, in: Julia Landau und Irina Scherbakowa (Hrsg.): Gulag. Texte und Dokumente 1929-1956, Weimar, S. 80-89.

Internet-Ressource mit weiterführenden Literaturhinweisen: www.ausstellung-gulag.org

 

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