Im Gespräch

Geschichten von Wut, Verzweiflung und Hoffnung – Im Gespräch mit Michael Ruf von der „Bühne für Menschenrechte“

Von Anne Lepper

Die Bühne für Menschenrechte macht seit fünf Jahren dokumentarisches Theater mit dem Ziel, die Geschichten von Geflüchteten unverfälscht zu erzählen, und ihnen dadurch eine Stimme zu geben. Die Asyl Monologe und Dialoge wurden seither mehr als 350 Mal in ganz Deutschland aufgeführt – mit großem Erfolg! Anne Lepper von „Lernen aus der Geschichte“ sprach mit Initiator und Regisseur Michael Ruf über Konzept, Arbeitsweise und Ziele des Projektes sowie über die didaktischen Möglichkeiten, die sich aus dem Ansatz für die Bildungsarbeit ergeben.

Könnt ihr kurz beschreiben, was die Bühne für Menschenrechte ist, wie sie entstanden ist?

Als ich vor einigen Jahren in England war, hatte ich von der Organisation „Actors for Human Rights“ gehört. Ich fuhr zu einer Darbietung des Stücks „Asylum Monologues“ in einem Gemeindezentrum in einer kleinen Kommune im Londoner Umland. Ich war zunächst etwas überrascht: drei Schauspielerinnen und Schauspieler, eine Musikerin, bei der Darbietung dann auch keine wilden Regieeinfälle. Stattdessen wurden in Monolog-Form die Lebensgeschichten von drei Menschen erzählt. Ganz geradlinig.

Mit diesem Minimalismus, mit dieser Direktheit haben es die Künstlerinnen und Künstler geschafft, in meiner Vorstellung eine klare und eindringliche Welt zu entwerfen - mit all ihrer Hässlichkeit und Schönheit.

Ich hatte mich zuvor durchaus schon mit Flucht, Asyl und Rassismus beschäftigt. Aber dem Schauspiel-Ensemble gelang es, mich zu berühren und unter die Haut zu gehen.

Auf der Zugfahrt nach London saß ich dann Christine Bacon gegenüber. Sie ist die Gründerin der „Actors for Human Rights“. Sie hat mir vom Konzept ihrer Arbeit erzählt: Es sind die jeweils vor Ort lebenden Künstler und Künstlerinnen, welche die Theaterstücke darbieten. Mittlerweile ist in England ein Netzwerk aus 800 Künstlerinnen und Künstlern entstanden. Somit kann man die Theaterstücke an jedem Ort und zu jedem Zeitpunkt aufführen!

Es ist also möglich, mit vergleichsweise geringem Aufwand nachhaltig Bildungsarbeit zu realisieren. Und das Projekt wächst stetig weiter: Geschichte für Geschichte, Schauspieler für Schauspieler, Darbietung für Darbietung. Ich war beeindruckt und dachte mir: Warum sollte das Gleiche nicht auch hierzulande funktionieren? Somit habe ich die Bühne für Menschenrechte gegründet.

Welche Ziele verfolgt die Bühne für Menschenrechte?

Es ist unser Ziel, Geschichten zu erzählen, die wütend machen und nachdenklich, die traurig machen, aber auch Hoffnung geben, die bewegen, und die vor allem auch ermutigen. Durch unsere Darbietungen wollen wir Menschen motivieren, vor Ort aktiv zu werden.

Viele Geflüchtete haben vor, während und nach ihrer Flucht traumatische Erfahrungen gemacht. In den Asyl-Monologen und -Dialogen erzählt ihr ihre Geschichten und gebt ihnen dadurch eine Stimme. Wie gestaltet sich der Prozess der Entwicklung der Stücke?

Wir führen Interviews, die mehrere Stunden, teils einige Tage dauern. Dann verdichten wir die Interviews zu Monologen bzw. Dialogen und bringen sie in eine dramaturgische Form.

Die entstandenen Texte fanden wir so überzeugend, dass eine szenische Umsetzung schlicht nicht notwendig war, vielleicht sogar von der Stärke der Charaktere abgelenkt hätte. Und wir haben kein Wort hinzu erfunden! Unsere Inszenierung ist somit sehr reduziert und gerade deshalb stark. Durch diesen Verzicht auf spielerische Elemente möchten wir betonen, dass es sich um authentische Geschichten handelt. Wir nennen das „wortgetreues Theater“. Das Ergebnis ist pures, essenzielles Geschichtenerzählen.

Ich hab gesagt, ‚Hier ist es genauso wie im Gefängnis. Und ich hab Angst vor diesem Zaun, vor diesem eisernen Zaun. Und ihr macht mir psychischen Druck.’ Ich hab eine Übersetzerin organisiert und sie hat das gesagt. Sie haben gesagt ‚Das interessiert uns nicht.’

Auszug aus den Asyl-Monologen – Safiyes Monolog

Und der Erfolg gibt uns Recht: Die Asyl-Monologe und die Asyl-Dialoge wurden bisher bereits rund 350 Mal in etwa 200 deutsche Städte eingeladen.

Wie unterscheidet sich dokumentarisches Theater beispielsweise von einem Dokumentarfilm?

Unser wortgetreues Theater ist unmittelbarer als ein Dokumentarfilm: Da ist kein Fernseher oder keine Leinwand, die das dargestellte Geschehen in einem anderen, fernen Raum festhalten, da ist kein Bildschirm, der das Publikum von den erzählten Ereignissen abgrenzt, und es gibt keine Lautsprecher, die einen Klang von dem eigentlichen Ort des Geschehens in den Publikumsraum übersetzen. Bei einer Aufführung des wortgetreuen Theaters befindet sich das Publikum in einem Raum mit den Schauspielerinnen und Schauspielern: so wird es für das Publikum nahezu unmöglich, sich dem erzählten Geschehen zu entziehen.

Als sich die Bühne für Menschenrechte gründete, war der gesellschaftliche Diskurs über Flucht in Deutschland noch ein anderer. Wie hat sich dieser Diskurs um den Umgang mit Geflüchteten verändert und schlägt sich diese Entwicklung auch in der Rezeption eurer Arbeit nieder?

Natürlich hat sich die Art und Weise, auch die Quantität, wie über Flucht und Asyl gesprochen wird, in den letzten 5 Jahren immer wieder verändert, nicht zuletzt durch den gestiegenen Protest der Selbstorganisation der Geflüchteten. Somit kommen teilweise Menschen mit anderem Vorwissen oder anderen Erwartungen zu unseren Veranstaltungen. Aber wir betrachten es als wichtig, nicht nur auf aktuelle Diskurse zu reagieren, sondern proaktiv bestimmte Themen auf die Agenda zu setzen. Dass über Geflüchtete gesprochen wird, ohne, dass deren Perspektive tatsächlich zum Tragen kommt, ist nach wie vor ein großes Problem. 

Deshalb geben wir mit unserer Arbeit den Themen ein menschliches Gesicht! Wir erzählen nicht nur von Geflüchteten, sondern von Menschen – zum Beispiel von Ali, Safiye und Felleke:  

Man hat mich mitgenommen, um meine Abdrücke zu nehmen. Der Füße, der Hände. Man hat Fotos gemacht. Du fliehst aus deinem Land und du kommst in einem anderen Land an, und dann passiert sowas.

Auszug aus den Asyl-Monologen – Alis Monolog

Die Asyl-Monologe erzählen von Ali aus Togo, von Freunden liebevoll „Präsident“ genannt, Felleke aus Äthiopien, der erst willensstark Abschiebeversuche verhindern muss, um dann einen Menschenrechtspreis überreicht zu bekommen, und Safiye, die sich nach Jahren der Haft in der Türkei und einer absurden Asylablehnung für das Lebensbejahenste überhaupt entschied: Sie schenkte einem Sohn und einer Tochter das Leben. 

Viele deutsche Bürger_innen wissen sehr wenig über die Lebensrealität der Geflüchteten. Eure Arbeit trägt unter anderem dazu bei, Wissen zu vermitteln und Verständnis zu entwickeln. Eignen sich die Stücke, um mit Kindern und Jugendlichen das Thema Flucht zu behandeln?

Ob man junge Menschen mit Theater erreicht, hängt wohl auch davon ab, wie man die Geschichten auf der Bühne erzählt.

Bei den Asyl-Monologen und den Asyl-Dialogen ist es so, als ob das Ensemble das Publikum direkt anspricht, ihm die Hand reicht und es reinzieht in eine Welt, die es von nun an nicht mehr kalt lassen wird: verwickelt, verschlungen, verbunden und vernetzt mit den Heldinnen und Helden der Geschichten folgt das Publikum gespannt den erzählten Biografien. 

Wenn die Schauspielerinnen und Schauspieler flüstern, schweigen, behutsam ein Wort in den Raum werfen, dann und wann lauter werden, fordernd oder wütend die Stimme anheben, einmal sogar beinah schreien, dann dringen die Töne nicht abstrakt zum Publikum, sondern dann wird es ganz direkt und in all ihrer Körperlichkeit von dem Gesagten getroffen und berührt. Wenn die Künstlerinnen und Künstler das Publikum anschauen, dann wird dieses in das Geschehen einbezogen, von dem es weiß, dass es so in Wirklichkeit stattgefunden hat. 

Unsere Theaterstücke eignen sich für Menschen ab 15 Jahren. Schon oft haben wir von Lehrerinnen und Lehrern die Rückmeldung bekommen, dass sie ihre Schülerschaft selten so ruhig erlebt haben wie bei unserer Aufführung. 

Könnt ihr euch vorstellen, mit Schulen oder freien Trägern der Jugendbildung enger – beispielsweise in Form von Projekttagen – zusammenzuarbeiten? Und wenn ja, wie könnte eine solche Zusammenarbeit aussehen? 

Wir finden es besonders wichtig, mit unserer Arbeit junge Menschen zu erreichen. Somit haben wir immer wieder Veranstaltungen mit Jugendlichen und Schulen. Die Aufgaben der einladenden Gastgeber sind: eine geeignete Location finden und die notwendige Technik organisieren. Generell gilt aber: Unser Theater ist sehr mobil, wir benötigen keine Kostüme, kein Bühnenbild. Wir arbeiten mit regionalen Künstlerinnen und Künstlern. Somit ist der Aufwand im Vergleich zu anderen Theaterstücken vergleichsweise gering. 

Wir sind für die Darbietung als solche verantwortlich. Es ist also unsere Aufgabe, dass das eintritt, was z. B. der Hessische Rundfunk über die Asyl-Dialoge gesagt hat: „Viele leise, unverhoffte Begegnungen, die tief bewegen. Ein intensiver Abend, ein bewegender Stoff. Man fragt sich automatisch 'was würde ich in dieser Situation tun.'"  

Und gemeinsam mit den Gastgeber_innen überlegen wir, wie die Aufführung eingebettet werden kann in ein größeres didaktisches Konzept, oder ergänzt werden kann, z.B. mit einem Publikumsgespräch mit zusätzlichen Aktivistinnen und Aktivisten, wobei immer mindestens eine Person eine eigene Fluchterfahrung hat.

Welche weiteren Möglichkeiten haben Lehrer_innen und andere Multiplikator_innen, ein Theaterstück der „Bühne für Menschenrechte“ vor- und nachzubereiten?

Generell gilt: Die Veranstaltungen, die wir durchführen, sind immer eine Bildungsveranstaltung, die eine emotionale Ansprache und kognitive Auseinandersetzung miteinander verbindet. Und das Theaterstück kann mit verschiedensten Formen der didaktischen Auseinandersetzung verknüpft werden.

Die Jugendlichen sollen sich dabei als Akteurinnen und Akteure in einer globalen Welt begreifen. Globales Lernen soll die Verflechtungen zwischen lokaler, regionaler und globaler Ebene aufspüren. Zu oft thematisiert Globales Lernen globale Risiken anstatt auch faszinierende, Freude und Neugier weckende Zugänge zur kulturellen und politischen Kreativität der Menschen in anderen Regionen der Welt zu erschließen.

Somit haben wir bei den Asyl-Dialogen v.a. nach Geschichten von Begegnungen gesucht.

Ein besonders inspirierendes Beispiel einer Begegnung spielt in Osnabrück. Dort gibt es ein breites zivilgesellschaftliches Bündnis von Bürgerinnen und Bürgern, die seit März 2014 bereits 37 Abschiebungen durch spontane Versammlungen verhindern konnten. Im Stück hören wir diese Geschichte aus erster Hand, aus der Perspektive von Linda und Wazir, die sich im Laufe der Aktivitäten kennenlernen. Die Geschichte ist nicht nur höchst spannend und zeigt kreative Formen des Engagements und der Solidarität, sie konfrontiert uns auch mit der Frage, wie viel Aktivität wir entwickeln können, wenn aus einem anonymen Geflüchteten ein guter Freund wird. Das wachsende Bewusstsein von der Verknüpfung globaler und lokaler Verhältnisse, aber auch der unerfüllte Wunsch, in dieser Schnittstelle als Akteur_in in Erscheinung zu treten, drücken sich in unseren bisherigen Erfahrungen mit den Asyl-Monologen und Asyl-Dialogen deutlich aus. 

So fragen Teilnehmende bei den Veranstaltungen oft: Was genau hab ich mit dem Thema zu tun? Welche Faktoren kommen zusammen, dass Menschen ihre Heimat verlassen müssen? Was kann meine Rolle sein? Wie kann ich aktiv werden? In welchen Gruppen und Initiativen kann ich vor Ort mitwirken? Wie kann ich mich auch langfristig und nachhaltig wirkungsvoll engagieren?

 

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