Heinz A. Richter: Griechenland 1940-1950. Die Zeit der Bürgerkriege (PELEUS Studien zur Archäologie und Geschichte Griechenlands und Zyperns, Bd. 59), (2012) Verlag Franz Phillip Rutzen Mainz Ruhpolding, 484 S., 144 Abb., 49,00 €

Von Gerit-Jan Stecker

Blutige innere Machtkämpfe zwischen rechtsgerichteten und republikanischen Gruppen erschütterten Griechenland noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg. Diese Bürgerkriege resultierten zu großen Teilen auch aus der deutschen Besatzung von 1941 bis 1944. Gezielt spalteten und destabilisierten die Okkupanten den griechischen Widerstand - mit langen Nachwirkungen für das Land. Davon ist in der Bundesrepublik wenig bekannt. Die einzige deutschsprachige Gesamtdarstellung dieser Ereignisse stammt vom Historiker Heinz A. Richter. Aus seiner 2012 erschienene Publikation mit dem Titel „Griechenland 1940-1950. Die Zeit der Bürgerkriege“ aus der Reihe „PELEUS Studien zur Archäologie und Geschichte Griechenlands und Zyperns“ geht hervor, welche schwerwiegenden politischen Folgen – zusätzlich zu den dem Hunderttausenden Opfern, den Zerstörungen und der wirtschaftlichen Ausbeutung – die deutsche Besatzung für das Land hatte.

Noch während seiner Nachforschungen, die er 1967 begann, bekam Richter diese Folgen zu spüren. Im Vorwort beschreibt er seine Begegnungen mit verschiedenen Protagonisten der Bürgerkriegszeit. Bis auf die wenigen nicht-stalinistischen, nicht inhaftierten Kommunisten berichteten diese ihm nicht nur ihre jeweilige parteipolitische Version der Ereignisse (z. B. vom „Antibanditenkrieg“ gegen linke Kräfte oder davon, dass es keinen Abkommen zwischen Churchill und Stalin gegeben habe), sondern sie behinderten auch die Nachforschungen.

Drei Bürgerkriege

Richter beschreibt drei griechische Bürgerkriege in den 1940er-Jahren: 1943-44 zwischen der royalistischen Widerstandsarmee EDES und der republikanischen Résistance EAM/ELAS, die liberale bis kommunistische Kräfte einschloss; die Schlacht um Athen („Dekemvriana“) 1944, in der britische Truppen intervenierten, um die republikanischen Verbände zu entwaffnen und den großen Bürgerkrieg 1946-49, in dem wieder an die Macht gelangte rechte Kräfte und Marodeure das Land von der vermeintlichen kommunistischen Bedrohung zu säubern versuchten. Die involvierten politischen Gruppen waren sehr heterogen; insbesondere spielte Churchills Antikommunismus eine große Rolle und sein Bestreben, eine langfristige probritische Herrschaft in Griechenland zu erhalten. Doch diese konnte der britische Premier sich nur mit antidemokratischen, royalistischen Kräften vorstellen. Den gesamten ereignis-, diplomatie- und militärgeschichtlichen Verlauf bis zur deutschen Besetzung schildert Richter sehr ausführlich. Er benennt zahlreiche Akteure, ihre Verwicklungen und Interessen.

Vorgeschichte: Mussolinis Überfall und deutscher Einmarsch

Ende Oktober 1940 überfiel Italien das seit 1936 faschistische Griechenland unter Metaxas von Albanien aus, dass es zuvor schon unterworfen hatte. Es gab keine koordinierte Aktion der Achsenmächte Italien und Deutschland, jedoch scheiterte der italienische Überfall, Griechenland konnte sogar zum Gegenangriff übergehen. Deutschland marschierte vorrangig deswegen in den Balkanstaat ein, so Richter, um die besetzten Erdölfelder in Rumänien zu schützen. Mit falschen Vermittlungsangeboten ermöglichte es zunächst die Regeneration von Mussolinis Truppen. Vor dem Hintergrund komplexer diplomatisch-militärischer Manöver Großbritanniens und der Vereinigten Staaten im Mittelmeerraum marschierten NS-Deutschland in Jugoslawien und dem verbündeten Bulgarien ein; am 5. April 1941 erklärten es Griechenland den Krieg. Am 27. April fiel Athen in deutsche Hände, Großbritannien evakuierte sein Truppen. Schließlich brachen deutsche Luftlandetruppen die britische Verteidigung Kretas. Die Besatzung wurde unter Italien, Bulgarien und Deutschland aufgeteilt.

Besatzung und erste Folgen

Während der Besatzung gewannen progressive – linke bis liberale – Kräfte an Einfluss gegenüber den traditionellen, klientelistischen Oligarchien, die die Kollaborationsregierung stellten und den nationalsozialistischen Besatzungsmacht eher wohlwollend gegenüberstanden. Deutsche Spezialeinheiten, u.a. unter Leitung von Unternehmen wie Krupp, der Deutschen und der Dresdner Bank, beeilten sich beim Aufspüren und Abtransport kriegswirtschaftlich wichtiger Güter den italienischen Besatzern zuvor zu kommen.

Mit dem Beginn der Besatzung verschlechterte sich sofort die Nahrungsversorgung. Griechenland war schon länger von Getreideimporten abhängig. Nachdem Großbritannien eine Seeblockade verhängte und weder italienische, noch bulgarische, noch deutsche Okkupanten gegen die Nahrungsmittelknappheit vorgehen wollten, fielen im Winter 1941 etwa 90.000 Tote einer Hungerkatastrophe zu Opfer. Es dauerte lange, bis Hilfslieferungen zugelassen wurden.

Résistance und das „freie Griechenland“

Es folgt eine detaillierte Darstellung der einzelnen Strömungen, Aktionen und Konfliktlinien innerhalb des Widerstands. Liberale und linke Kräften bestimmten anfänglich die sich schnell formierenden Widerstandsbewegung. Ihre Ziele – Demokratie und soziale Gerechtigkeit – gingen über den Kampf gegen die Besatzungsmächte hinaus. Weil die Besatzungsaktivitäten sich zuerst auf die Städte konzentrierten, entfaltete die Résistance ihre politischen und militärischen Strukturen, die sogenannten Andarten, in den Bergen. Dort erhielt sie viel Unterstützung von der Bevölkerung. In den Städten beschränkte sie sich zunächst auf Streiks, dann Spionage und Sabotage.

Schon bis Herbst 1942 brachten die Andarten große Teile der italienisch besetzten Bergregionen unter ihre Kontrolle. Angriffe auf deutsche Stellungen vermieden sie. Sie errichteten einen, so Richter, basisdemokratischen Staat in den Dörfern, führten moderne Kommunikationsmittel ein, schufen Dorfgerichte, Selbstverwaltung und kulturelle Einrichtungen wie z.B. Theater.

Terror und „Spaltung der griechischen Welt“ 1941

Wie die deutsche Besatzung organisiert, personell und behördlich verwaltet wurde, zeichnet Richter ebenfalls mit größter Genauigkeit nach: die Schritte, die bis zur Vernichtung des griechischen Judentums führten, von der Versklavung für Baumaßnahmen der Wehrmacht im Frühsommer 1942, die zusätzliche „Besatzungskosten“ kompensieren sollte, über die Erpressung einer Ablösesumme von zwei Milliarden Drachmen (etwa 10.000 Goldpfund) für die Überlebenden der Zwangsarbeit von der jüdischen Gemeinde Thessalonikis, bis zur fast restlosen Zerstörung des griechischen Judentums. Zwar verteilte das italienische Konsulat großzügig italienische Staatsbürgerschaften an die griechischen Juden und versuchte, sie in ihren Zonen zu schützen. Nach dem Sturz Mussolinis im Juli 1943 marschierte jedoch die Wehrmacht in diese Gebiete ein. Zudem wollten sich nicht wenige italienische Truppen dem republikanischen Widerstand anschließen, wie etwa auf der Insel Kefalonia. Deutsche Divisionen schlugen diese Aufstände blutig nieder, die italienischen Überlebenden kamen meist zur Zwangsarbeit an die Ostfront oder in spezielle Lager.

Gleichzeitig förderten die deutschen Besatzungsbehörden die Entstehung der royalistischen Kampfverbände EDES. Diese sahen ihren Hauptfeind im vermeintlichen Kommunismus, den sie in den republikanischen Andarten der EAM/ELAS ausmachten – mit dem Resultat einer „Spaltung der griechischen Welt“ (S. 75).

Hitler befahl trotzdem die Vernichtung der Partisanenverbände, nachdem griechische Andarten im Rahmen der britischen „Operation Animals“ deutsche Einheiten angegriffen hatten. Zwar erkannte die Haager Landkriegsordnung (HNO) Partisanen nicht als Kombattanten an. Die deutschen Besatzer exekutierten jedoch auch „Verdächtige“ und angebliche „Helfer“, brannten „partisanenverdächtige“ Dörfer nieder und nahmen Geiseln. Für einen getöteten Wehrmachtssoldaten wurden zehn Geiseln erschossen. Die Angst vor dem Terror sollte jegliche Unterstützung für die Résistance ersticken. Die Bevölkerung von Dörfern wie Distomon wurden von Wehrmacht und SS niedergemetzelt, allein weil in der Nähe dieser Orte Partisanen aktiv waren. Doch führten solche „Vergeltungsaktionen“ gerade dazu, dass sich immer mehr Dorfbewohner_innen den Partisanen anschlossen.

Abzug deutschen Besatzung und Beginn der Bürgerkriege

Die deutsche Führung reagierte im Herbst 1943 mit „Partisanenjagdverbänden“, die gezielt auf wichtige Figuren der Résistance angesetzt wurden. Und ein Geheimdienst – unter der Leitung des späteren österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim – infiltrierte die Widerstandsgruppen. Dieser trug massiv dazu bei, den Bürgerkrieg zwischen der republikanischen EAM/ELAS und der royalistischen EDES zu entfesseln. Dazu gehörte die Kooperation mit rechten Kampfverbänden wie PAS und Chi und die Aufstellung von griechischen „Sicherheitsbataillonen“ zur Partisanenbekämpfung. Diese standen zwar England nahe, konnten jedoch die Partisan_innen in den Städten persönlich identifizieren. Langfristig wirkte sich jedoch die deutsche antikommunistische Spaltpropaganda aus. Unter anderem lancierte Waldheims Geheimdienst ein gefälschten „Abkommens von Petritsi“ über die Gründung einer Balkan-Sowjetunion, das später immer wieder von rechten Kräften genutzt und um weitere Fälschungen ergänzt wurde. Als die Rote Armee Rumänien befreite und daraufhin die britischen Verbände ihre bisherige Zurückhaltung beendeten, bereitete im August 1944 die deutsche Besatzungsmacht den Abzug vor. Nun schien sich die Propaganda von der „kommunistischen Gefahr“ zu bestätigen: Aus Angst um die demokratischen Errungenschaften im griechischen Bergland, griff im Dezember 1944 die republikanische EAM/ELAS die antidemokratische EDES an – der erste Bürgerkrieg begann.

In der Folge intervenierte Großbritannien und bekämpfte mit royalistischen Milizen die EAM/ELAS, obwohl diese sich in diesen Jahren kompromissbereit zeigte wie keine andere Gruppierung. Schließlich resultierte aus der Schwächung der demokratischen Kräfte, die maßgeblich auch auf schwerwiegende politische Fehler des Generalsekretärs der Kommunistischen Partei, Nicos Zachariadis, zurück zu führen war, der brutale, „einseitige“ Bürgerkrieg und „Weiße Terror“ (S. 462) der faschistischen Kräfte gegen alle als kommunistisch Denunzierten in den Jahren 1946 bis 1949.

Fazit

Umfangreich und detailliert schildert Heinz A. Richter die Machtkämpfe in Griechenland von der Ko-Diktatur Metaxas und König Georg II. 1936 über die Besatzung durch die Achsenmächte bis zu den demokratischen Wahlen 1950 vorm Hintergrund des Kalten Krieges. Der Band „Griechenland 1940-1950. Die Zeit der Bürgerkriege“ zeigt, dass die deutsche Besatzung nicht nur unzählige Opfer kostete, ganze Welten auslöschte, sondern auch langfristige politische Folgen hatte. Er eröffnet damit Einblicke und Deutungslinien, die etwa von der verbreiteten Wahrnehmung der Blockkonfrontation zwischen demokratischem Westen und undemokratischen Bolschewismus abweichen. Richter weist nach, wie wenig die westlichen Bündnispartner an einer griechischen Demokratie interessiert waren, während die linken griechischen Kräfte keine Diktatur nach sowjetischem Vorbild anstrebten und daher wenig mit ihr kooperierten. Eine ausklappbare Karte und viele Abbildungen ergänzen einen aktuellen Quellenapparat.

Richters Anspruch, durch eine „differenzierte nüchterne Faktenanalyse“ (S. 132) zur historischen Deutung zu gelangen, führt zu interessanten Aspekten: So zeigt er, wie oft es möglich war, dass deutsche Offiziere und Befehlshaber sich über Führerbefehle hinwegsetzten. Etwa sollten beim Abzug Städte wie Athen zerstört werden – was nicht umgesetzt wurde. Auf der anderen Seite mutet es jedoch etwas merkwürdig an, wenn Richter das „Fazit“ zieht: Es sei trotz der vielen Massaker und „Vergeltungsaktionen“ nicht angemessen, die aus deutsche Okkupation aus Gründen der „Political Correctness“ „verallgemeinernd … zu eine(r) omnipräsenten täglichen deutschen Schreckensherrschaft“ umzudeuten (S. 131). Denn der griechische Widerstand habe auch gegen Kriegsrecht verstoßen, etwa durch Morde an Kriegsgefangenen. Da mag die Faktenfülle die analytischen Relationen ein wenig verzerren, wenn Richter argumentiert, dass die deutschen Fehler zuerst darin bestanden, die Besatzung den griechischen „Erbfeinden“ Bulgarien und Italien zu überlassen. Und im allgemeinen seien die Repressalien Folgen von „Terror der Partisanen“ (S. 132) gewesen. Dennoch ein gut lesbares, erhellendes Buch für alle, die mehr erfahren wollen über Griechenlands Geschichte und seiner Rolle in Europa.

 

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