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Deutsche Besatzung Griechenlands - verdrängt und vergessen?

Christoph U. Schminck-Gustavus ist Professor für Rechts- und Sozialgeschichte an der Universität Bremen. Von ihm liegen zahlreiche Veröffentlichungen und Bücher zu Kriegsschicksalen im Zweiten Weltkrieg vor, die auch in Griechenland, Italien und Polen erschienen sind.

Von Christoph U.Schminck-Gustavus

Als die deutsche Wehrmacht am 27.April 1940 in Athen einmarschierte, begann für das Land eine Schreckensherrschaft, die erst im Oktober 1944 endete. Unzählige Ortschaften wurden zerstört, zahllose Zivilist_innen im Rahmen von sogenannten "Sühnemaßnahmen" umgebracht. Dazu kam die gnadenlose Ausbeutung sämtlicher Ressourcen des Landes. Allein im Hungerwinter des ersten Besatzungsjahres sind nach vorsichtigen Schätzungen mehr als 100.000 Menschen verhungert. Damals wurden jeden Morgen die nachts auf der Straße Gestorbenen eingesammelt und auf den Friedhöfen von Athen und Saloniki notdürftig beigesetzt. Bei ihrem Abzug hinterließ die Wehrmacht eine völlig zerstörte Infrastruktur. Das Land lag am Boden.

Die Schrecken jener Jahre sind in Griechenland bis heute unvergessen – anders als in der Bundesrepublik und im wiedervereinigten Deutschland. Erst im Februar 2014 hat der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck anlässlich eines Staatsbesuchs bei einer Gedenkfeier in Lyngiádes, einem der vielen Märtyrerorte Griechenlands, öffentlich um Vergebung für die deutschen Kriegsverbrechen gebeten. Gauck zitierte in seiner Rede ein Zeugnis des Dorflehrers von Lyngiádes, Chrístos Pappás, der das Massaker nur um Haaresbreite überlebt, aber seine vier Kinder verloren hatte. Der Lehrer berichtete, sein 9 Jahre altes Töchterchen Paraskeví habe ihn an jenem Sonntag aufgeregt geweckt: "Die Soldaten kommen den Berg hoch!" Er sei daraufhin sofort aus dem Dorf gerannt, habe seinem alten Vater noch zugerufen, er solle den Gebirgsjägern alles ausliefern, was sie von ihm verlangten. Er habe gemeint, nur die erwachsenen Männer sollten zum "Arbeitseinsatz" verhaftet werden, alte Leute, Frauen und Kinder, glaubte er, seien nicht in Gefahr. Tatsächlich wurden aber sämtliche Dorfbewohner an diesem Tag in die Keller ihrer Häuser getrieben und erschossen. Die ausgeplünderten Häuser steckten die Soldaten anschließend in Brand: Wer noch lebte, kam in den Flammen um – mit den Worten des Lehrers: "als Menschenkinder geboren – vom Feuer verschlungen" (zit. in: C.U.Schminck-Gustavus, "Feuerrauch. Die Vernichtung des griechischen Dorfes Lyngiádes am 3.Oktober 1943" 2013).

Über solche und ähnliche Untaten blieb in Deutschland lange ein Mantel des Schweigens gebreitet. Nur wenige Historiker waren es, die sich mit der deutschen Besatzungsgeschichte Griechenlands beschäftigten. Eine Ausnahme waren die Arbeiten von Hagen Fleischer. Mit diesem Thema in Berlin promoviert ("Im Kreuzschatten der Mächte. Griechenland 1941-1944". 1986) war Fleischer viele Jahre lang Professor für neuere Geschichte an der Universität Athen.

Auch in Griechenland ist die Besatzungszeit lange Zeit wissenschaftlich unbearbeitet geblieben: Die Erinnerung an die Schrecken des blutigen Bürgerkriegs, der auf die deutsche Besatzung folgte, hatte das Thema im öffentlichen Bewusstsein überlagert. Nach dem Ende der Obristendiktatur waren zumeist nur Heldenerinnerungen zum Widerstand gegen die deutsche Besatzung veröffentlicht worden.

Dies hat sich seit einigen Jahren jedoch geändert: die Arbeiten von Mark Mazower, Heinz A. Richter, Eberhard Rondholz und Herrmann Frank Meyer haben ein neues Licht auf die dunklen Jahre Griechenlands geworfen. Frank Meyer, dessen Vater von griechischen Partisanen umgebracht worden war, hat sich in jahrelangen Recherchen zuerst mit der Aufklärung des Schicksals seines Vaters ("Vermisst in Griechenland", 1992) und anschließend mit den Kriegsverbrechen der deutschen Gebirgsjäger in Griechenland ("Von Wien nach Kalávryta. Die blutige Spur der 117 Jäger-Division durch Serbien und Griechenland" 2002 und "Blutiges Edelweiß. Die 1. Gebirgs-Division im Zweiten Weltkrieg", 2008) beschäftigt.

Alle diese Schreckenstaten der deutschen Besatzung sind in der Bundesrepublik niemals bestraft worden. Sämtliche Ermittlungen wurden von den Staatsanwaltschaften ergebnislos eingestellt und die Beschuldigten außer Verfolgung gesetzt. Eberhard Rondholz hat diese verschütteten Verbrechen aus dem Morast des historischen Bewusstseins wieder ans Licht befördert ("Blutspur in Hellas. Die lange verdrängten deutschen Kriegsverbrechen im besetzten Griechenland, in: Choregia 2012). Zwar ist der Tatbestand des Mordes seit einiger Zeit ein Delikt, das niemals der Verjährung unterliegt, aber von den Tätern lebt heute praktisch keiner mehr.

Auch in Griechenland haben jüngere Historiker wie Strátos Dordánas neuerdings größere Arbeiten vorgelegt, die sich auf die Auswertung von Archivmaterialien stützen, was nicht einfach war, weil in der Zeit der Junta-Diktatur viel Archivmaterial unwiederbringlich im Reißwolf gelandet ist; die neueren Arbeiten griechischer Historiker_innen stützen sich daher vor allem auf Wehrmachtsdokumente aus dem Militärarchiv in Freiburg. In Italien, das bis zur Waffenstillstandserklärung  der Badoglio-Regierung (8.September 1943) ebenfalls in Griechenland als Besatzungsmacht von deutschen Gnaden tätig war, lässt eine kritische historische Aufarbeitung des Themas noch immer auf sich warten.

Nun hat die griechische Schuldenkrise im Januar 2015 eine Linksregierung an die Macht gebracht, die mit dem spektakulären Versprechen einer radikalen Kehrtwende angetreten war. So ist jetzt auch das Thema der griechischen Reparationsforderungen gegenüber Deutschland erneut auf die politische Tagesordnung gekommen. Zwar hat keine einzige der griechischen Nachkriegsregierungen das Thema jemals für erledigt erklärt; gleichwohl war der Zeitpunkt für seine Neuauflage angesichts der astronomischen Staatsverschuldung des Landes und der abenteuerlichen Misswirtschaft der Vorgänger-Regierungen denkbar ungünstig.

Zwar hatte bereits die Pariser Reparationskonferenz von 1946 die deutschen Kriegsschulden gegenüber Griechenland in Milliardenhöhe beziffert. Auf der Londoner Schuldenkonferenz von 1953 war es dann aber Hermann Josef Abs, dem Beauftragten der Adenauer-Regierung  und späteren Chef der Deutschen Bank, gelungen, bei den Alliierten die Vertagung der deutschen Kriegsschulden gegenüber Griechenland auf die Zeit nach Abschluss eines Friedensvertrages durchzusetzen. Dies hat man damals damit begründet, dass die Reparationsfrage nicht allein Angelegenheit des westdeutschen Teilstaates sein könne. Gleichzeitig wurde der Bundesrepublik ein Schuldenschnitt in Milliardenhöhe gewährt, um den Wiederaufbau des Landes und seiner Wirtschaft zu ermöglichen. Dies war der Beginn des anschließenden Wirtschaftswunders, mit dem die Bundesrepublik im Klima des kalten Krieges als Bollwerk gegen die Bedrohung aus dem Osten aufgebaut werden sollte.

Aber die niemals geleisteten Reparationen sind noch nicht einmal die einzige offene deutsche Kriegsschuld gegenüber Griechenland; als Rechtsnachfolgerin des "Dritten Reichs" schuldet die Bundesrepublik Griechenland auch die Rückzahlung eines dem Land während der Besatzungszeit zwangsweise auferlegten Kredits in Milliardenhöhe. Die Rückzahlung dieses Zwangskredits für die Besatzungskosten hatte seinerzeit selbst die NS-Verwaltung anerkannt, und die ersten Tilgungsraten sind vom "Dritten Reich" sogar noch vor Abzug der Wehrmacht an Griechenland geleistet worden.

Wenn mithin die Frage der Reparationen und deutschen Kriegsschulden gegenüber Griechenland offen war, so konnte es auch nicht verwundern, dass nach der Wiedervereinigung Deutschlands nach Lösungen gesucht werden musste. Durch das Londoner Schuldenabkommen war das Thema ja nicht auf den Sankt-Nimmerleins-Tag, sondern auf die Zeit nach dem Abschluss eines Friedensvertrages vertagt worden. Völkerrechtlich betrachtet stellt der sogenannte "Zwei-Plus-Vier-Vertrag" einen solchen Friedensvertrag dar. Warum er jedoch nicht als solcher bezeichnet worden ist, kann man in den Memoiren von Hans Dietrich Genscher nachlesen, der als einer der damals maßgeblichen Architekten des Vertrages sich der Tatsache rühmt, dass der Vertrag nicht "Friedens-", sondern "Zwei-Plus-Vier-Vertrag" genannt wurde, weil sonst die Vertagungsabrede aus dem Londoner Schuldenabkommen wieder wirksam geworden wäre, die das wiedervereinigte Land mit unübersehbaren Reparationsforderungen konfrontiert hätte. Die Angst vor dem "F-Wort" war also der eigentliche Grund für die sonderbare Namensgebung dieses Vertrages. Konsequenterweise haben sich von da an auch alle deutschen Regierungen auf den Standpunkt gestellt, die Frage der deutschen Kriegsschulden sei jetzt "erledigt".

Dies hat freilich Argýris Sfountoúris, einen Überlebenden des Massakers von Dístomo, nicht davon abhalten können, in jahrelangen Prozessen durch alle Instanzen die Bundesrepublik auf Wiedergutmachung zu verklagen. Er hatte sich als Vierjähriger mit seinen Schwestern im Garten seines Elternhauses versteckt und so überlebt. Einer der deutschen Soldaten, der keine Kinder erschießen wollte, hatte ihnen einen Wink gegeben sich zu verstecken. Als Kriegswaise in der Schweiz aufgewachsen, war Sfountoúris als Astrophysiker, Mathematik-Lehrer, Übersetzer und Entwicklungshelfer tätig. Obwohl der Areopag als oberstes  griechisches Gericht der Sammelklage von 290 Dístomo-Überlebenden stattgegeben hatte, ist es de facto nie zu einer Entschädigung gekommen; auch das parallel in der Bundesrepublik geführte Verfahren der Geschwister Sfountoúris ist bis zum Bundesgerichtshof, dem Bundesverfassungsgericht, dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg und dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag geführt worden, aber erfolglos geblieben: Reparationen können nicht von Individuen gegenüber Staaten eingeklagt werden, sondern müssen zwischenstaatlich verhandelt werden (völkerrechtliches Prinzip der Staatenimmunität). Dass dies noch jemals geschehen wird, erscheint unwahrscheinlich, aber Argýris Sfountoúris hat seine Erfahrungen in dem Dokumentarfilm von Stefan Haupt "Ein Lied für Argýris" (2006) und in seinem Buch "Trauer um Deutschland" (2015) dargestellt.

 

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